Woran wir kaum denken, wenn wir Schillers Lied „An die Freude“ singen

Das Lied „An die Freude“ darf auf keinem Kommers fehlen. Doch singen wir eine andere Version, als sie Ludwig van Beethovens für den letzten Satz seiner „Neunten Sinfonie“ komponiert hat. Warum benutzen wir eine andere Vertonung? Das hängt damit zusammen, dass Beethovens Meisterwerk erst fast vierzig Jahre nach der Veröffentlichung des Gedichts Schillers seine Uraufführung erlebte und bis dahin schon eine große Menge anderer Vertonungen vorlag, darunter eine, die schon mindestens seit zwei Jahrzehnten bei den Studenten erklang.

Aber nicht nur die Vertonung unterscheidet sich von der Beethovens, sondern auch der Text. Ihn hat er rigoros zusammengestrichen, weil er damit eine ganz andere Botschaft als die von Schiller intendierte aussenden wollte.

Schillers Ode entstand vor weit mehr als zweihundert Jahren

Das feierliche Gedicht „An die Freude“, gelegentlich auch als Ode bezeichnet, schrieb Friedrich Schiller 1785 kurz vor seinem 26. Geburtstag. Drei Jahre zuvor hatte die Aufführung seines Theaterstücks „Die Räuber“ in Mannheim für Furore im deutschsprachigen Raum gesorgt.     

Als sein dortiges Engagement als „Theaterstückeschreiber“ ausgelaufen war und er mittellos dastand, fand er Unterschlupf bei dem Juristen, Schriftsteller und Kunstfreund Christian Gottfried Körner (1756-1831) in Leipzig. Der ist heute im Gegensatz zu seinem Sohn Theodor (1791-1813) vergessen. Letzterer fiel als Husar während der napoleonischen Befreiungskriege. Er verfasste das Gedicht „Lützows wilde, verwegene Jagd“, welches in der Vertonung durch Carl Maria von Weber bekannt wurde und wie Schillers Ode Eingang in die Kommersliederbücher fand.

Schiller hielt sein Gedicht „An die Freude“ selbst nicht für sein bestes, ja einmal in einem Brief sogar für ein „schlechtes“. Er hat es bearbeitet und dabei nicht unbedeutende Änderungen vorgenommen und schließlich die letzte, die neunte Strophe gestrichen.     

Um das Gedicht richtig zu verstehen, braucht man Vorkenntnisse. Viele Sänger wissen zwar noch, dass sich hinter Elysium die „Insel der Seligen“ und der Aufenthaltsort der Helden aus der griechischen Mythologie verbirgt. Bei dem in der dritten Strophe erwähnten „Cherub“ hingegen wird der eine oder andere schon überlegen müssen, wer das genau war. Der ganze, durch seine W-Alliteration an Wagner erinnernde Satz „Wollust ward dem Wurm gegeben, und der Cherub steht vor Gott“ gab von Anfang an Rätsel auf.     

Nehmen wir das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm zu Hilfe: „Wollust“ bedeutet in diesem Fall ohne sexuellen Nebensinn einfach „angenehmes Wohlgefühl“. „Wurm“ meint den Menschen, der sich demutsvoll als „winzigstes… Glied der Schöpfungswelt“ bezeichnet. Er sieht einen Engel (Cherub), der vor Gott als seinem Diener und Begleiter steht. Damit wird indirekt auf die Freude der Anschauung Gottes verwiesen. Interessanterweise steht der Cherub vor und nicht neben Gott, wie man es erwarten sollte. Er versperrt den Blick!

Welchen Gott meint Schiller in seiner Ode?

Gott wird von Schiller unterschiedlich verstanden: als liebender Vater, als Schöpfer, aber auch als Richter, dann als unbestimmter guter Geist, höchstes Wesen und schließlich noch zurückhaltender als Unbekannter, der über dem Sternenzelt wohnen soll. Den Freimaurern, zu denen Körner in Leipzig zählte, wird das gefallen haben. Gott war für sie undifferenziert der „Allmächtige Baumeister aller Welten“. Auf ein verbindliches Gottesbild verzichteten sie. So konnten sie sich ihren Gott folglich in dem Gedicht selbst auswählen.     

Ja sogar den Ablehnern des Monotheismus wurde nicht vor den Kopf gestoßen, da ferner „die Götter“ erwähnt werden. Besonders wird den Freimaurern die achte Strophe zugesagt haben mit der Aufforderung an die „Brüder“, den „heilgen Zirkel“, also ihre Vereinigung, „dichter“ zu schließen und zu schwören, „dem Gelübde treu zu sein.“ Durch das Adjektiv „heilig“ wird dieser Zirkel für „unverbrüchlich“ erklärt und zudem geradezu sakralisiert.

Freimaurer-Ode oder Studentenlied?

Jan Caeyers hält in seiner großen Beethovenbiografie Schillers Gedicht für eine Freimaurer-Ode. Sie sei zum ersten Mal in einer Vertonung von Christian Gottfried Körner auf einem sogenannten Brudermahl der Freimaurer, das nach einem festen Ritus ablief, erklungen. Körner gehörte sicher der Loge „Minerva zu den drei Palmen“ an – bei Caeyers steht fälschlich „Schwertern“ – und eine Vertonung von Schillers Förderer Körner liegt ebenfalls vor. Aber von einer Veranstaltung, bei welcher der „Meister vom Stuhl“ der Freimaurer die Strophen und „der Chor der Brüder die Trinksprüche dazwischen“ gesungen haben soll, ist nichts überliefert. Dass „An die Freude“ schnell zu „einem Volltreffer“ wurde, so Caeyers, und „sich schnell im deutschen Freimaurertum und darüber hinaus“, verbreitete, trifft wohl zu. Kam es über die Freimaurer auch zu den Studenten? Zweifellos bestanden enge Kontakte der Freimaurer zu den studentischen Korporationen, die viel von ihrem Brauchtum übernahmen, und so könnten sie die Ode über die Freimaurer kennengelernt haben.

Wahrscheinlicher scheint jedoch, dass die Übernahme des Gedichts einen anderen Weg nahm. Wenn man Schillers Freundin, der Schauspielerin und Schriftstellerin Sophie Albrecht (1756-1840) Glauben schenken darf, so erlebten einige Studenten an der Linde zu Gohlis bei Leipzig, wo Schiller in einem Körner gehörenden Haus wohnte, 1785 eine „Deklamation“ des Gedichts durch seinen Verfasser. Sophie Albrecht erzählte, sie sei selbst dabei gewesen. Warum soll sie das erfunden haben. Mit Sicherheit hatte sie zu der Zeit in Leipzig ein Engagement. Folglich hörten die Studenten das Gedicht, fanden es hervorragend und machten es in ihren Kreisen bekannt. Die Freimaurer brauchten sie nicht dafür. Bei denen wurde es vermutlich über Körner, bei dessen Hochzeit es vorgetragen worden sein soll, populär. Schiller selbst hat seine Ode 1803 ganz neutral ein „Gesellschaftslied“ genannt.

Schillers „Weinlied“ als Kommersgesang

Wann Schillers Gedicht vertont und ab wann es auf Kommersen gesungen worden ist, kann man nicht mit Sicherheit sagen, vermutlich aber schon Ende des 18. Jahrhunderts. Die heute bei uns erklingende Vertonung liegt 1801 erstmals gedruckt in einem Liederbuch vor. Wer der Komponist war, lässt sich nicht mehr beantworten. Deshalb sprechen die Kommersbücher von „Volkslied“ und klammern damit die Schöpferfrage aus. Genau genommen muss man bei der Ode von einem „Weinlied“ sprechen, was bei den heutigen Kommersen, bei denen das Bier fließt, in den Hintergrund getreten ist.     

Unbestreitbar wollte Schiller in seinem Gedicht „die Kraft des Weines besonders“ feiern und sagen, dass die Freude „durch den Wein angeregt“ wird. Dies stellte vor schon fast 150 Jahren der Bonner Altphilologe und spätere Kölner Bibliothekar Johann Heinrich Düntzer (1813-1901) fest und wies neben der achten besonders auf die siebte Strophe des Gedichts hin. In ihr ist von dem „Römer“, einem Weintrinkgefäß, die Rede und von den „Kannibalen“, also Menschenfressern, die beim Trinken des Weins, der hier „goldnes Blut“ (= Rotwein) genannt wird, besänftigt werden. Düntzer störte dabei nicht nur die Erwähnung der Kannibalen als „Bezeichnung wilder Naturen“, sondern auch die Behauptung, der Wein mache Wilde weniger aggressiv. Das sei „ganz absonderlich“, da der Wein doch eher zum Streit anrege, wie man schon bei dem römischen Dichter Horaz nachlesen könne. Die dann folgende Szene, bei welcher der „Römer“ umhergeht, „woraus nach und nach alle trinken“ und „der Becher so voll“ ist, dass „der Schaum übersprudelt“, tadelte Düntzer ebenfalls und meinte, dies sei „auf die übertriebenste Weise ausgedrückt“.

Zudem bedauerte er, dass Schiller die Verse „Menschlichkeit auf Königsthronen“ und „Harten Richtern warmes Blut“ durch „Männerstolz vor Königsthronen“ und „Untergang der Lügenbrut“ in seiner Überarbeitung ausge- tauscht habe. Damit sei die Forderung, dass „auf den Thronen nur menschliche Könige, bei Gericht nur menschlich fühlende Richter“ sitzen sollten, aufgegeben worden. Düntzer war zudem nicht entgangen, dass Schiller in der ersten Strophe den Satz „was der Mode Schwert geteilt“ in der neuen Version in „was die Mode streng geteilt“ verändert hatte. Er fand „Schwert“ viel entsprechender und meinte, Schiller habe vielleicht an König Alexander den Großen gedacht, der den gordischen Knoten mit dem Schwert durchschlug.     

Da scheint der Dichter, der etwa ab 1793 als Sympathisant der französischen Revolution und ihrer Ideen galt, eher eine in diesem Sinn zu verstehende Formulierung später dem eigenen „Rotstift“ geopfert zu haben. Dazu mag außerdem die Änderung des Satzes der Urfassung „Bettler werden Fürstenbrüder“ in „Alle Menschen werden Brüder“ gehören. Andererseits blieb damit immerhin ein Anklang an die „Brüderlichkeit“ („fraternité“), eine der drei Kampfparolen der französischen Revolution, übrig.     

Kritischen Anmerkungen, bei der außerdem noch der Patriarchalismus zu nennen ist, die Einladung zu satirischen Veränderungen des Textes, ja Schillers eigenes scharfes Urteil haben der Popularität seines Gedichts keinen Abbruch getan und schon gar nicht zu Bedenken bei seiner Verwendung bei Kommersen geführt.         

Beethovens „Neunte“ und der Resttext des Gedichts „An die Freude“

Wer sich intensiv mit der neunten Sinfonie Ludwig van Beethovens beschäftigen will, der kann seit kurzem auf ihre kritische Ausgabe (Notentext, Forschungsbericht) zurückgreifen, die pünktlich zum 150. Geburtstag des genialen Komponisten, 2020 erschien. Sie und eine Studien-Edition sowie eine Dirigierpartitur betreute die Musikwissenschaftlerin Beate Angelika Kraus, die sich darüber in der von Kb Lauer (Car) herausgegebenen Zeitschrift „Neue Chorszene im Düsseldorfer Musikleben“ (2/20) Ende vergangenen Jahres in mehreren Beiträgen geäußert hat. Durch dieses Heft wurde dieser Beitrag angeregt.

Beethoven, der schon 1803 dem Verleger Simrock in Bonn eine Vertonung von Schillers Gedicht angeboten hatte, über die nichts Weiteres bekannt ist, benutzte nur Teile von Schillers Text in seiner letzten Fassung für seine neunte Sinfonie: Strophe 1, Strophe 2 ohne die letzten vier Zeilen, Strophe 3, Strophe 4 nur die letzten vier Zeilen.     Damit strich er „nicht nur,“ so Caeyers, „all die Elemente …, die noch an die Trinklied-Ursprünge erinnerten, sondern auch die Strophen mit rein politischer Tendenz“. Sein Ziel bestand darin, das Gedicht „zu einer gleichzeitig utopischen“ wie „prophetischen Hymne“ aufzuwerten. So verwandelte sich das eher heitere Weinlied in „eine bedeutungsschwere sinfonische Deklaration.“ Und um eine „möglichst weite Verbreitung“ seiner mit der Sinfonie verbundenen „Botschaft“ zu erreichen, widmete Beethoven sie schließlich Friedrich Wilhelm III. von Preußen.

Europahymne hat mit dem Trinklied nichts zu tun

Beethovens Vertonung des Gedichts von Schiller wurde 1972 zur Europahymne deklariert, allerdings bewusst ohne den Text zu übernehmen. Präsident Emanuel  Macron ließ sie vor vier Jahren nach seinem Wahlsieg statt der üblichen, von nationalem Pathos überfließenden „Marseillaise“ erklingen und betonte damit unüberhörbar seine europäische Gesinnung.     

Damit wurde die Hymne endgültig nicht nur zu einem Bekenntnis zur kulturellen Zusammengehörigkeit des Kontinents, sondern obendrein zu einer Aufforderung, seine politische Einheit zu vertiefen. Das spielt gewiss keine Rolle, wenn wir auf den Kommersen die Ode „An die Freude“ singen. Für uns ist sie einfach ein Trinklied geblieben, was sie von Anfang an war und die „Ungereimtheiten“ kümmern uns nicht weiter.

Dr. Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, Un, Gro-Lu, Car, Urb)
 

1785 schrieb Friedrich Schiller seine Ode an die Freude. Mit dem Satz

„Alle Menschen werden Brüder“ traf er genau den Zeitgeist des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts. Begeistert war auch Ludwig van Beethoven. Früh plante er eine Vertonung des Gedichts. Doch erst vierzig Jahre, nachdem Schiller seine Dichtung verfasst hatte und schon lange tot war, vollendete Beethoven seine Komposition „Ode an die Freude“- als Schlussteil seiner neunten Symphonie.

Eigentlich hatte Beethoven seine „Neunte“ Zar Alexander I. von Russland zueignen wollen. Doch der war einige Monate zuvor gestorben. Nun erhoffte sich Beethoven durch den König von Preußen eine Verbreitung seines Meisterwerks: „Euer Majestät sind nicht bloß Vater allerhöchst Ihrer Untertanen, sondern auch Beschützer der Künste und Wissenschaften. Ich bitte Euer Majestät, dieses Werk als ein geringes Zeichen der hohen Verehrung allergnädigst anzunehmen, die ich allerhöchst Ihren Tugenden zolle. Euer Majestät untertänigst gehorsamster Ludwig van Beethoven.“

Zeitgenossen haben König Friedrich Wilhelm III. als wortkarg und verschlossen beschrieben. Wie er das überschwängliche Schreiben aufnahm, ist nicht verbürgt. Aber er schickte einen kurzen Dankesbrief, den Beethoven zwei Monate später erhielt. Darin sagte ihm der preußische König einen wertvollen Brillantring als Belohnung zu.

Als Beethoven wenig später das Geschenk von der preußischen Gesandtschaft überbracht wurde, war er enttäuscht. Das Schmuckstück war nämlich viel weniger wert als erhofft - nur dreihundert Gulden, wie ein Juwelier schätzte. Oder hatten die Überbringer den Ring auf dem Weg vielleicht gegen einen anderen vertauscht?

Beethoven jedenfalls war so gekränkt, dass er das Schmuckstück am liebsten zurückgegeben hätte. Dann aber besann er sich eines Besseren, verkaufte den Ring und strich die dreihundert Gulden ein  – als Belohnung für die Komposition, die zwei Jahrhunderte später zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte.