Hans-Joachim Schoeps war einer der profiliertesten Gelehrten der deutsch-jüdischen Wissenschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert - In der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geriet der Konservative in ein Dilemma.

Als Professor Matthias Stickler in der Mai-Ausgabe dieser Zeitschrift (AM 4) an jüdische und paritätische Studentenverbindungen erinnerte, rückte er auch die deutsch-vaterländisch eingestellten jüdischen Akademiker in den Blick. Dieser Gruppe lässt sich der Historiker und Religionswissenschaftler Hans-Joachim Schoeps zuordnen, auch wenn er nur zeitweilig korporiert war. Schoeps wurde in der Nachkriegszeit als Inhaber eines neuartigen Lehrstuhls für Religions- und Geistesgeschichte in Erlangen, als Preußen-Historiker und als Verfasser vieler Publikationen zu Geistesgeschichte und Religionsphilosophie, zu Urchristentum, Judentum, zu konservativem Denken und aktuellen politischen Problemen bekannt. Auch machte er sich als Begründer der neuen Disziplin „Zeitgeistforschung” einen Namen. Er bildet den Sonderfall eines deutsch-national eingestellten Juden, der wegen seiner nationalen Einstellung vorübergehend in ein Dilemma gegenüber dem Nationalsozialismus geriet.

Der Entschluss zur Rückkehr nach Deutschland war gewiss für mich eine schwere Sache, aber er war keinen Augenblick zweifelhaft. Ich habe vom ersten Tage an den Nationalsozialismus bekämpft - und das nicht nur als Jude, sondern auch als Deutscher. Ich sah in den Nationalsozialisten eine braune Besatzungsarmee und als ich Ende 1938 dem Druck der Gewalt wich, um mein Leben zu retten, geschah es mit dem festen Entschluss, am ersten Tage, wo es wieder möglich sei, nach Deutschland zurückzukehren und daran habe ich mich ja nach meinen Kräften auch gehalten.”

So dezidiert umriss Hans-Joachim Schoeps Anfang 1968 gegenüber dem Fernseh-Magazin „Panorama” seine Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus und sein Selbstverständnis als Deutscher jüdischen Glaubens. Doch Schoeps, als junger Intellektueller konservativ und kritisch gegenüber der Weimarer Republik eingestellt, hatte sich in den 1930er Jahren in seiner Kritik am Nationalsozialismus in Widersprüche verwickelt. An Schoeps zeigt sich das Dilemma, in das nationalbewusste deutsche Juden in ihrer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus vorübergehend geraten konnten, auch wenn sie den Nationalsozialismus grundsätzlich ablehnten.

Ende der 1920er Jahre begann der 1909 in Berlin geborene Arztsohn Schoeps, dessen Eltern später im KZ Theresienstadt umkamen, in Berlin ein Studium der Religionsphilosophie, Geschichts- und Literaturwissenschaft. 1928 wurde er im Corps Rhenania Strassburg an der Philipps-Universität Marburg rezipiert. 1930 legte er das Rhenanenband aus unbekannten Gründen nieder. Er wechselte nach Heidelberg und Leipzig, wo er 1932 zum Dr. phil. promovierte.

In der Jugendbewegung war er 1929 bis 1932 als Bundesführer der Freideutschen Kameradschaft aktiv, zudem hatte er Kontakte zu konservativen Vereinigungen wie der Volkskonservativen Vereinigung. Ende Februar 1933 gründete Schoeps in Kassel den „Deutschen Vortrupp, Gefolgschaft deutscher Juden”, mit dem Ziel, für das Ausharren der deutschen Juden in Deutschland auch unter dem nationalsozialistischen Regime zu kämpfen. Schoeps wollte die alten liberalen Führer des Judentums durch „bündisch-soldatische Kräfte” ablösen.

Nachdem am 30. Juni 1934, dem so genannten „Röhm-Putsch”, enge  Freunde von Schoeps ermordet worden waren und er von der Gestapo überwacht wurde, flüchtete er im Dezember 1938 nach Schweden, wo er bis 1945 an der Bibliothek in Uppsala forschte.

1947 übernahm er den neuen Lehrstuhl für Religions- und Geistesgeschichte in Erlangen. Dass Schoeps als konservativer Gegner der 1968er Studentenbewegung im Mittelpunkt von Angriffen radikaler Studenten, vor allem des SDS, stand, verwundert nicht. 2019 jährte sich sein 110. Geburtstag, 2020 sein vierzigster Todestag.

Bei Schoeps lassen sich deutlich unterscheidbare Etappen von Zustimmung oder Ablehnung gegenüber dem Nationalsozialismus ausmachen. Ausgehend von seinem gleichermaßen gegen Demokratie, Kapitalismus, Bürgertum und Sozialismus gerichteten politischen Antiliberalismus, wie er sich in den Tabarzer Gesprächsprotokollen des Jahres 1930 spiegelt und zu dem sich der liberale, orthodoxe und zionistische Juden bekämpfende theologische Antiliberalismus seines 1932 erschienenen Buches „Jüdischer Glaube in dieser Zeit” gesellt, sind Schoeps früheste Artikel zum Nationalsozialismus, die von 1930 bis 1932 reichen, klar negativ gestimmt.

In dieser Zeit lehnte er den Nationalsozialismus ab, weil dieser die „Wilhelminische Ära” fortsetzen wolle und keine Alternative zu „Kapitalismus, Amerikanismus und Bolschewismus” sowie Liberalismus biete. Seine Sympathie gehörte der autoritären Lösung Hindenburg-Papen, die er vom „totalen Staat” der Nationalsozialisten abgrenzte.

Seine Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus vom Oktober 1933 bis Ende 1934 fasst am besten seine Schrift „Wir Deutschen Juden” zusammen, die er als 25 Jahre alter Gründer des „Deutschen Vortrupps, Gefolgschaft Deutscher Juden” verfasste. Sie wurde vor dem 30. Juni 1934 in sechstausend Exemplaren ausgeliefert, im September neugedruckt und 1938 verboten.

Darin beklagte Schoeps nicht nur die Zurückweisung der konservativen, in diesem Fall der jüdischen Mitarbeit am Nationalsozialismus, sondern bemühte sich sogar um Verständnis für diese abweisende Haltung aus jüdischer Sicht. Denn für die Krise, die, wie er schrieb, „entscheidende Bedrohung und größte Gefährdung” des Judentums machte er dort weniger die Maßnahmen des Nationalsozialisten verantwortlich, als das liberale Judentum und den Zionismus, dessen politische Haltung er ablehnte: Zuerst gelte es, sich mit den Gegnern im eigenen Lager - gemeint war der Zionist J. Prinz - auseinanderzusetzen. Schoeps bemühte sich sogar um eine ausgesprochene Begründung des Antisemitismus der Nationalsozialisten, soweit dieser sich gegen die liberalen Juden richtete: Die „Nicht-ariergesetzgebung” sei, schrieb er, eine „Spontanreaktion vielleicht zu Recht beleidigter Gefühle”. Nicht das  Judentum insgesamt habe einen „zersetzenden und auflösenden Geist”, wie dies Antisemiten dem Judentum vorwarfen, sondern nur „entwurzelte”, näherhin liberale Juden. Dabei traf sogar die konservativen Juden der Schoepsschen Position noch ein Vorwurf: Sie hätten nicht genug gegen die liberalen Einflüsse im Judentum gekämpft.

Schoeps ging somit über die Haltung anderer Juden hinaus, die den Nationalsozialismus politisch bejahten, aber seinen Antisemitismus ablehnten. So kam es, dass er auch in den Punkten, die er am stärksten am Nationalsozialismus kritisierte, der Verabsolutierung des Biologischen - er setzte Nationalsozialismus und Zionismus als „Vitalaufstand für Blut und Seele” gleich - und der Dissimilationspolitik, nicht eindeutig war: Den Totalitätsanspruch hielt er zu-

mindest für eine Übergangszeit für „notwendig”, und in der „Chance der Dissimilation” glaubte er eine zwar irrige, aber doch „gute Absicht” des Nationalsozialismus zu erkennen: Das Judentum solle zuerst seine eigene Art ausprägen, um dann in der neuen Volksgemeinschaft um so besser Aufnahme zu finden.

Die politische Nähe von Schoeps zum Nationalsozialismus zeigte sich besonders, wo er den „nationalsozialistischen Umbruch als Ereignis der „schlechthinnigen Notwendigkeit” als „absolutes Novum” positiv beschrieb und wo er eine „Einstimmung” statt „Gleichschaltung” der jüdischen Jugend auf die nationalsozialistische Erziehung mit Hilfe eines „jüdischen Arbeitsdienstes” forderte, um der Gefahr der „unzureichenden Assimilation” zu entgehen.

Den Hinweis, dass der Nationalsozialismus sein erfolgreiches Werk der Gemeinschaftsformung „mit Mitteln preußischen Soldatentums” vorantreibe, strich Schoeps aus der Neuausgabe seiner Schrift 1970. Ab 1935 kehrte er sich endgültig vom Nationalsozialismus ab, wobei er auch noch im Exil vier Jahre später „unverändert” auf der alten Position beharrte. Den Antisemitismus der Nationalsozialisten, den er 1934 noch als „Chance” begriffen hatte, nannte er jetzt allerdings „Verbrechen” an den Juden.

In seinem theologisch orientierten Exilwerk von 1939 „Der moderne Mensch und die Verkündigung der Religionen” grenzte er ähnlich wie Eric Voegelin die „Offenbarungsreligionen” gegen die „Pseudoreligionen” seit der Aufklärung ab, wie sie der Nationalsozialismus und der Bolschewismus darstellten. Nach dem Krieg befasste sich Schoeps intensiv mit Preußen, trennte dessen Tradition strikt von Hitler und plädierte für eine konstitutionelle Monarchie.

Bis zuletzt blieb die Haltung von Hans-Joachim Schoeps gegenüber dem  Nationalsozialismus widersprüchlich. Einerseits erklärte er in der Einleitung der Neuausgabe seiner Aufsätze aus den frühen dreißiger Jahren selbstbewusst, dass er „1970 noch genau dasselbe denke wie 1930, dass es füglich bei mir keine Entwicklung gegeben hat”.

Weiter erschien es ihm, wie er schrieb, „wichtig, wie positiv und vorurteilsfrei” er Hitler schon 1932 eingeschätzt habe. Von der Hitlerjugend meinte er zwei Jahre später an anderer Stelle, sie habe „mit großem Erfolg” an die Bündischen angeknüpft. Etwa hieß es in der genannten Einleitung, „zeitweilig” habe auch er an Hitlers Parolen und an eine „positive Perspektive” des Nationalsozialismus geglaubt.

Auf der anderen Seite beanspruchte Schoeps für sich ein „Recht auf politischen Irrtum”, behauptete, die bündischen Kräfte seien vom Nationalsozialismus „missbraucht” worden, entschuldigte die positive Grundstimmung in seinen damaligen Schriften mit dem beschönigenden Begriff der „Sklavensprache”. Die Konservativen hätten nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun, es gebe nur „gewisse Parallelitäten”, wogegen in der Studentenrevolte eine „rote Spielart des Faschismus” zu sehen sei.

Seinen damaligen Appell an die Juden zum Aushalten bezeichnete Schoeps in seinen „Rückblicken” von 1956 als falsch, aber fast zwanzig Jahre später in seinem Rechtfertigungsbuch „Ja - Nein- und Trotzdem” galt ihm seine Schrift von 1934, in der dieser Appell am leidenschaftlichsten formuliert war, immer noch „als eine der schärfsten kritischen Analysen” des Nationalsozialismus.

Den Nationalsozialismus deutete er verallgemeinernd als eine „im Endergebnis” „dem Bolschewismus doch sehr benachbarte” auflösende und nihilistische Massenbewegung.

Seiner Behauptung, es sei ihm „zumindest” seit dem Röhmputsch vom 30. Juni 1934 „vollständig klar” geworden, dass die Reichsregierung ein „organisierter Verbrecherclub gewesen sei, widerspricht der Tatsache, dass er noch im September 1934 eine Neuauflage der genannten NS-freundlichen Schrift „Wir deutschen Juden” herausgab.

Dr. Wolfram Ender (Bsg)

Ohne Mitgefühl

Gab die Besucherin Hannah Arendt im Nachkriegsdeutschland zu erkennen, dass sie Jüdin und in Deutschland aufgewachsen sei, reagierten die Gesprächspartner mit einer Kunstpause, fragten jedoch nicht: „Wohin gingen Sie, als Sie Deutschland verließen? Was geschah mit Ihrer Familie?”

Die Angesprochenen zeigten kein Zeichen von Mitgefühl. Vielmehr begannen sie sofort, eine Flut von Geschichten über das eigene Leiden zu erzählen. „Womit sie stillschweigend zu verstehen gaben, dass „die Leidensbilanz ausgeglichen sei und man nun zu einem ergiebigeren Thema überwechseln könne.” Arends Erkundigungen nach den zerstörten, einst so prachtvollen deutschen Städten wichen ihre Gesprächspartner mit der rhetorischen Gegenfrage aus: „Warum muss die Menschheit immer nur Krieg führen?” Sie schoben die ursächliche deutsche Aggression beiseite. Statt vom Kollektiv Rasse sprachen sie plötzlich vom Kollektiv Menschheit.

Sie redeten sich ein, der Zweite Weltkrieg sei „ausgebrochen” und machten dafür einen der Menschheit angeblich eingeborenen Konstruktionsfehler verantwortlich - so alt, derart genetisch verankert, dass er schon „zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt” habe.

Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933, Bonn 2011, S. 291f.