Eine Jugend in Würzburg

„Würzburg am Main, die Stadt des Weines und der Fische, der Kirchen, gotisch und barock, wo jedes zweite Haus ein unersetzliches Kunstdenkmal war, wurde nach dreizehnhundertjährigem Bestehen in fünfundzwanzig Minuten durch Brandbomben zerstört. Den folgenden Morgen floss der Main, in dem sich die schönste Stadt des Landes gespiegelt hatte, langsam und gelassen durch Schutt und Asche, hinaus in die Zeit.”

Das zerstörte Würzburg, das „Grab am Main”, das Leonhard Frank in den ersten Zeilen seines Buches „Die Jünger Jesu” beschreibt, hat Kb Dr. Anton Brimer (Nm-W) als vierzehnjähriger Bub erlebt. In seinem Buch „Wir haben es erlebt”, blickt der langjährige Philistersenior der KStV Normannia Würzburg und Ehrenphilister zurück auf seine Kindheit und Jugend und den Zwiespalt, der diese Zeit weithin bestimmt hat:

Da war der nationalsozialistische Staat, der die junge Generation mit seiner Hitlerjugend vereinnahmte. Wie die Aufzeichnungen andeuten, durchaus nicht unattraktiv mit dem Erlebnis von Kameradschaft, Abenteuern und Lagerfeuer-Romantik. Dem standen gelebter katholischer Glaube und katholische Kultur gegenüber: Der Vater gehört der in der Hitlerzeit verbotenen KStV Normannia-Würzburg an, der Onkel ist Pfarrer, der Bub ministriert am frühen Morgen in der Klosterkirche, hat Freude an Liturgie und Kirchenmusik und ist Mitglied in der Marianischen Schülerkongregation. Dieses lebendige Glaubensleben ist das Korrektiv zum Nationalsozialismus und seinen hohlen Phrasen.

All das korrigiert Antons Verhältnis zum Nationalsozialismus und seinen hohlen Phrasen. „Im Rückblick muss es als eine glückliche Fügung empfunden werden, dass es den Eltern mit Geschick und List gelang, die Aufnahme von Anton in eine nationalsozialistische Eliteschule zu verhindern, für die er schon ausgewählt war”, schreibt Dr. Winfried Stadtmüller (Nm-W) im Vorwort des Buches.

Hat dieser Zwiespalt bewirkt, dass Anton Brimer sich an Vorgänge erinnert, die mehr reflektieren als eine Zeit von Zerstörungen und Mangel, zu der sich die Kriegsjahre entwickelten? Als praktizierende Katholiken wahrt die Familie Distanz gegenüber dem Regime. Der Vater, Richter am Landgericht Würzburg, unterstützt Halbjuden aus dem Bekanntenkreis. Als Hitler 1937 Würzburg besucht, sieht sich auch der Vater genötigt, Spalier zu stehen. „Papa fiel nicht in das HeilGeschrei ein. Er erzählte später, Hitlers und seine Blicke hätten sich getroffen. Hitler habe ihn nicht aus den Augen gelassen. Er habe schon gefürchtet, Hitler lasse anhalten und ihn verhaften, weil er ihm nicht zujubele”.

Denn das Regime lauert den Menschen regelrecht auf, wie ein Bekannter der Familie erlebt, der sich im Zugabteil anhören muss, wie zwei Mitreisende lauthals über Hitler schimpfen. Als er sich solche Reden mit dem Hinweis, er sei in Uniform, verbittet, entgegnet ihm einer der Beiden, es sei ja hohe Zeit, dass er eingreife - und entpuppt sich als Gestapomann.

Aus dem Dienst am Gericht erzählt der Vater, „dass sein Kollege Ö. ganz verzweifelt zu ihm gekommen sei: Er habe einen vernehmen müssen, der sich weigere, den Fahneneid auf Hitler zu leisten. Er sei nicht umzustimmen gewesen, obwohl er wisse, dass auf der Weigerung die Todesstrafe stehe und er mit seiner Hinrichtung rechnen müsse.”

„So rasch verhungern wir nicht. Erst werden die verhungern, die wir besetzt halten”, verbreitet sich der Musiklehrer gegenüber seinen Schülern im Jahr 1944, als sich die Kriegslage kaum noch schön reden lässt.

Da ahnt er noch nicht, wie rasch sich der Krieg gegen Deutschland wenden wird: Lange wiegt sich Würzburg in Sicherheit: Churchill habe hier studiert und lasse deshalb keinen Angriff auf die Stadt zu, lautet ein Gerücht. Erste Bombenangriffe im Juni 1944 zeigen, dass dem nicht so ist: „Oft dachte ich”, schreibt Anton Brimer, „wenn ich kurz nach sechs Uhr durch die noch ruhige Stadt zum Ministrieren zu den Reuerern marschierte: Kommt heute der Angriff? Ist heute Abend schon alles kaputt?”

Den Angriff am 16. März 1945, bei dem neunzig Prozent der Innenstadt zerstört wurden und etwa fünftausend Menschen ums Leben kamen, erlebt er zwar nicht hautnah mit, da seine Familie und er evakuiert wurden, aber er muss wenig später in den Ruinen des Hauses stehen, das seine Familie zuvor bewohnte. Im Herbst kommt die Familie in Bad Brückenau unter. Hausrat bekommen sie geschenkt oder geliehen. Was darüber hinaus benötigt wird, muss das Wirtschaftsamt genehmigen: sogar die Anschaffung eines Paars Hausschuhe für den Jungen muss eigens beantragt werden. Denn das Amt muss erst überprüfen, ob man tatsächlich ausgebombt sei.

Mittlerweile neunzig Jahre alt gehört Anton Brimer zu der immer schmaleren Schar von Zeitzeugen, die die Hitlerdiktatur in Deutschland am eigenen Leibe miterlebt haben: Ihnen wurden wichtige Lebenschancen genommen, standen sie dem Regime distanziert gegenüber, sahen sie sich gezwungen, zu verbergen, was sie wirklich dachten und ständig auf der Hut sein. Bei Kriegsende standen sie vor Trümmern, die Zukunft sah trübe aus. So lassen sich Anton Brimers Erinnerungen aus dem Mikrokosmos einer Jugend in Würzburg auch als Mahnung zu Anstand und Gemeinsinn lesen, als Impulse, als Demokratie wehrhaft zu bleiben und dafür zu sorgen, dass unser Gemeinwesen nicht wieder Beute aggressiver Hetzer wird.  

Reinhard Nixdorf (Nm-W)