„Gaudeamus igitur“ oder Der KV singt die “studentische Internationale” etwas anders
Majestätisch, umrankt von Bläsern und Streichern, bildet es das strahlende Finale der Akademischen Festouvertüre c-moll op. 80 von Johannes Brahms, deren Uraufführung 1881 in Breslau sich im Januar diesen Jahres zum hundertvierzigsten Male gejährt hat. So mancher, der das Lied mitsingt, ist sich angesichts schwindender Lateinkenntnisse, schwerlich über den Inhalt der Strophen sicher. Und wenn man seine Entstehung zurückverfolgt, ist nicht ganz klar, warum ausgerechnet „Gaudeamus igitur” zum beliebtesten Studentenlied der Welt, zur „Studentischen Internationale” wurde. Selbstverständlich steht „Gaudeamus igitur” auch in unserem KV-Liederbuch von 1965. Nur singen wir die letzten Verse der zweiten Strophe anders als sonst üblich. Das hat eine längere Vorgeschichte und geht auf den Herausgeber des „Deutschen Kommersbuchs“, den Würzburger Walhallanen Karl Reisert (1857-1939) zurück.
Schon in Würzburg (1864), wo die Farbentragenden und Nichtfarbentragenden zum letzten Mal friedlich“ zusammensaßen, so schreibt der Armine und Ottone Hermann Cardauns in seiner Verbandsgeschichte von 1913, wurde „ein gemeinsames Liederbuch angeregt und die Germania mit der Redaktion beauftragt.“ Doch dabei blieb es, weil sich der „Würzburger Bund“ ein Jahr später auflöste.
Das KV-Kommersbuch
Auf der Generalversammlung des KV in Berlin 1867 beantragte dann kein Geringerer als der damalige Aktive Hermann Cardauns, „die Ausgabe eines Kommersbuchs für die katholischen Studentenvereine…. baldmöglichst zu veranstalten.“ Mit Erstaunen musste er allerdings feststellen, dabei „auf wenig Gegenliebe“ zu stoßen, woraufhin er enttäuscht seinen Antrag zurückzog. Neun Jahre später, 1876, erschien nun doch ein Verbandskommersbuch, das Angehörige der Aktivitas der Arminia-Bonn, und zwar August Körfgen (†1901), dem späteren Chefredakteur der „Trierischen Landeszeitung“, Arnold Lützenkirchen (†1883), einem späteren Orientalisten, und Otto Thelen (1853-1913), einem späteren Chirurgen in Kleve, herausgebracht hatten.
Die drei waren keine Fachleute, sondern „Praktiker“. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Das im Verlag Herder in Freiburg herausgegebene Kompendium ging ab „wie die warmen Semmeln,“ so Hermann Cardauns „und in zehn Jahren konnten fünf starke Ausgaben gedruckt werden.“ Wie im KV nicht anders zu erwarten, wurde nach einiger Zeit „fleißig kritisiert, gestrichen“ und „neu aufgenommen.“
1894 erhielt der damalige Würzburger Gymnasiallehrer Dr. Karl Reisert den Auftrag das „Deutsche Kommersbuch“, wie das Liederbuch des KV offiziell hieß und DK abgekürzt wurde, von Grund auf zu überarbeiten und weiterhin zu betreuen. Das tat er bis 1927, als die 15./16. Neuauflage herauskam. Eine weitere geplante Neuauflage erlebte wegen der NS-Herrschaft den Druck nicht mehr. Insgesamt brachte es das Kommersbuch auf eine Auflage von 64.000 Exemplaren. Das eingangs erwähnte Liederbuch stellt weitgehend eine Auswahl aus dem alten DK dar.
Auflage für Auflage nahm Kb Reisert Veränderungen im DK vor, die sich aus seinen eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen ergaben. Darüber berichtete er regelmäßig in dieser Zeitschrift und an anderer Stelle. 1929 erschienen diese Beiträge gesammelt bei Herder in Freiburg unter dem Titel „Aus dem Leben und der Geschichte deutscher Lieder“. Darin befindet sich auch das Ergebnis seiner Recherchen über „das Rätsel in der 2. Strophe des Gaudeamus“ unter der Überschrift „Ubi iam fuere“ (= „Wo sie schon gewesen sind“). Das sind die drei lateinischen Wörter, die wir KVer anders singen. Was steckt dahinter?
„Gaudeamus“ oder „die studentische Internationale“
Es erscheint nicht einmal übertrieben, wenn man bei diesem Lied von der „studentischen Internationale” spricht (K. Fritsch, Acta Studentica 2007), doch müssen hier „die Völker“ keine „Signale hören“, und es wird nicht zum „letzten Kampf“ aufgerufen, sondern zur Lebensfreude, heißt doch die erste Zeile der ersten Strophe ins Deutsche übersetzt: „Also lasst uns fröhlich sein, solange wir noch jung sind.“
Schon seit fast genau hundertfünfzig Jahren ist dank einer Untersuchung des Frankfurter Literaturhistorikers Theodor Creizenach (1818-1877) bekannt, dass „die älteste Spur des Gaudeamus“ nach Frankreich „hinweist“, denn einige der Verse stammen aus einem Hymnus, der im Wechselgesang bei den Kanonikern an der Kathedrale Notre Dame zu Paris im 13. Jahrhundert (1267) erklang. Sie lauten:
Vita brevis, brevitas in brevi finietur;
Das Leben ist kurz, die Kürze wird bald beendet sein.
Mors venit velociter et neminem veretur.
Der Tod kommt schnell und scheut sich vor niemandem.
Ubi sunt qui ante nos in hoc mundo fuere?
Wo sind die, welche vor uns in dieser Welt gewesen sind?
Venies ad tumulos, si hos vis videre.
Du solltest zu den Grabhügeln kommen, wenn Du sie sehen willst.
Wichtig für die Einordnung dieses Hymnus ist sein Beginn, der lautet:
Scribere proposui de contemptu mundano,
Ich habe mir vorgenommen, über die Verachtung der Welt zu schreiben,
jam est hora surgere de somno mortis vano.
schon ist die Zeit da, sich vom nutzlosen Todesschlaf zu erheben.
Damit gehört der Hymnus eindeutig in die sogenannte mittelalterliche Contemptus-Literatur, in der zur Askese und Verachtung des Erdenlebens aufgerufen wird. Durch Umberto Eco wurde in unseren Tagen die Aufmerksamkeit auf diese literarische Gattung gelenkt, als er seinen erfolgreichen Mittelalterroman „Der Name der Rose“ nannte, nach einem abgewandelten Zitat Bernhards von Cluny, der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ein Buch über die Geringschätzung der Welt geschrieben hat.
Die Umkehrung des Bußgesanges in ein Freudenlied
Nach Lektüre der eben zitierten, nachdenklich stimmenden lateinischen Zeilen könnte man eigentlich erwarten, dass erst daraufhin die Aufforderung folgt, in der Jugend fröhlich zu sein, bis der Tod uns holt. Eine solche Anweisung wird tatsächlich in der mittelalterlichen Bußliteratur nicht selten mit „Igitur“ eingeleitet, so Theodor Creizenach, der ein Beispiel aus dem zwölften Jahrhundert nennt. Es beginnt mit einer Erinnerung an „die Höllenplagen“, ehe sich ein Hinweis auf „das ewige Glück des Herzens“ anschließt („Igitur sit vobis cordi aeterna felicitas“).
Das „Gaudeamus“ stellt stattdessen die Reihenfolge auf den Kopf: Erst dieFreude, dann die Erinnerung an den baldigen Tod. Wer die Umkehrung vorgenommen hat und wann dies geschah, bleibt im Dunkeln. Vielleicht geht sie auf Vaganten zurück, die das Lied in ihr Repertoire aufnahmen und es zu einem „fidelen Trinklied“ umdichteten (T. u. S. Mang, Liederquell 2007). Somit wurde aus dem „Bußgesang“, so Karl Reisert, „ein Lied der Jugendlust und Freude."
Auch der Aufruf „Gaudeamus“ („Lasst uns fröhlich sein“) geht bis ins Mittelalter zurück und lässt sich in der mittellateinischen Literatur schnell nachweisen. So steht er in einem Weihnachtslied, das sich in der 1582 angefertigten Sammlung („Piae cantiones ecclesiasticae“) des finnischen Studenten in Rostock Theodor Petri befindet. Sie enthält ebenfalls leicht verändert den Pariser Hymnus des dreizehnten Jahrhunderts. Allerdings werden obendrein weltliche Lieder mit „Gaudeamus“ eingeleitet, so ein um 1500 entstandenes Frühlingslied, das mit den Worten beginnt: „Gaudeamus igitur, tempore iucundo“ („Also lasst uns in dieser heiteren Zeit fröhlich sein“). Außerdem gibt es ein Weinlied, das um 1515 auftaucht und mit „Gaudeamus, io io“ anfängt und im Übrigen zu einer Parodie auf Martin Luthers Eheschließung 1525 diente.
Das „Gaudeamus“ als „Mixtum Compositum“
Das „Gaudeamus“, wie wir es heute singen, ist nicht aus einem Guss, sondern besteht aus drei Bausteinen: Teilen des Pariser Hymnus (2. bis 4. Strophe) aus dem dreizehnten Jahrhundert, einer Version mit fünf Strophen aus dem 18. Jahrhundert, nachgewiesen in dem um 1745 entstandenen handschriftlichen Liederbuch des Jurastudenten Friedrich Reyer aus Kiel, sowie der Fassung mit sieben Strophen ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert. Sie erscheint in dem 1781 in Halle gedruckten Studentenliederbuch von Christian Wilhelm Kindleben (1748-1785), dessen Name bis heute mit dem Lied verbunden wird, obgleich er mit seiner Entstehung nur wenig zu tun hat. Er war eine schillernde Persönlichkeit, hatte einmal in Halle evangelische Theologie studiert, einige Zeit als Pfarrer gewirkt, „bis er seine Stelle infolge sittlicher Verfehlungen aufgeben musste“ (K. Reisert). Schließlich erwarb er in Wittenberg einen Doktorgrad und versuchte, sich in Halle zu habilitieren, wurde jedoch aufgrund seines Lebenswandels 1781 aus der Stadt ausgewiesen.
Zuvor war dort im gleichen Jahr ein Buch erschienen mit dem bezeichnenden Titel: „Studentenlieder aus den nachgelassenen Papieren eines unglücklichen Philosophen, Florido genannt, gesammelt und verbessert von C. W. K. 1781.“ Wie er zu dem Pseudonym Florido – das bedeutet im Spanischen „blühend“ – kam, wissen wir nicht. Sein Liederbuch hatte er selbst zusammengestellt. Im Vorwort behauptete er, die meisten Lieder seien „neu, nach bekannten, singbaren Melodien eingerichtet“ worden. „Von den alten Kommersliedern habe“ er „die besten ausgesucht und sie zum Teil abgekürzt, zum Teil verbessert, weil hin und wieder gute Gedanken darinnen“ gewesen seien. Was „die guten Sitten“ beleidige, habe er entfernt.
Neu war beim „Gaudeamus“ die sechste Strophe („Vivat et res publica“, wohl nichtsahnend, dass „Es lebe die Republik“ wenige Jahre später zu einem Schlachtruf der Französischen Revolution wurde) und fast gänzlich die siebte („Pereat tristitia“ = „Nieder mit der Traurigkeit“). Bei der fünften („Vivant omnes virgines faciles“) hatte Kindleben „accessu“ durch „formosae“ ersetzt, dadurch wurde aus „Jungfrauen, an die man mühelos herankommen“ kann, solche, die „zuvorkommend und schön“ sind. Bei der zweiten Strophe nahm er mehrere Veränderungen vor und machte dabei einen entscheidenden Fehler. Um das zu erläutern, müssen wir zunächst ein wenig ausholen.
Christian Wilhelm Kindleben macht einen entscheidenden Fehler
In einer weiteren handschriftlichen Quelle, in dem um 1749 angefertigten Studentenliederbuch des Freiherrn Albrecht Ernst Friedrich von Crailsheim (1728-1798), der um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Altdorf bei Nürnberg studiert hat, steht eine leicht abgeänderte Fassung der zweiten Strophe des Bußlieds von 1267. Sie lautet nun:
Ubi sunt qui ante nos in mundo vixere?
Abeas ad tumulos, si vis hos videre!
In Crailsheims Studentenliedersammlung gibt es dazu eine ziemlich freie Übersetzung ins Deutsche mit folgendem Wortlaut:
Wo sind diese, sagt mir an, die vor uns gewesen?
Sie sind zu der Sternen Plan, wo sie längst genesen.
Der zweite Vers ist vom Urtext recht entfernt. Karl Reisert nennt ihn eine Umdichtung und hebt „die tiefe christlich-fromme Auffassung des Todes als Genesung“ hervor, räumt aber ein, es könne auch einfach ein Druckfehler für „gewesen“ sein. Dafür spricht, dass ein um 1776 in Jena entstandenes Einzelblatt des Liedes in der Tat diese Übersetzung bringt. Sie hat wahrscheinlich Christian Wilhelm Kindleben gekannt und ins Lateinische „ubi iam fuere“ („wo sie schon gewesen“) zurückübersetzt.
Was er dabei „gedacht haben mag und ob er sich überhaupt etwas dabei gedacht hat“, fragt Karl Reisert und erinnert gestreng an Kindlebens Lebenswandel, „wissen wir nicht.“ Er weist außerdem darauf hin, dass Kindleben „inferos“ und „superos“ im dritten und vierten Vers umgestellt, „abeas“ und „transeas“ in „vadite“ und „transite“ umgewandelt hat. Dass letzteres Wort nicht wie nun wegen der Melodie auf der ersten und nicht wie lateinisch richtig auf der zweiten Silbe betont wird („transi¯te“), störte unseren Kartellbruder weniger. Aber den unsinnigen Halbsatz „ubi iam fuere“ konnte er nicht stehen lassen und kehrte mit einer kleinen Umstellung zur ursprünglichen Fassung von 1267 zurück („hos si vis videre“), die ebenfalls das Leipziger Commersbuch von 1816 hatte. Deshalb also antworten wir auf die im Lied gestellte Frage, wo die Verstorbenen geblieben sind, man müsse in die Oberwelt oder Unterwelt gehen, wenn man „sie sehen wolle“ („hos si vis videre“). Darauf zu erwidern, dort seien sie schon gewesen, ist und bleibt Unfug. Übrigens hat ebenfalls das 1853 in New Haven erschienene Liederbuch „Songs of Yale“ eine ähnliche Lösung wie Karl Reisert gefunden. Dort steht: „Quos si vis videre“, so auch im Deutschen Liederlexikon (Leipzig 1865).
Die gescheiterten Erklärungsversuche, was Kindleben gemeint haben könnte und warum man immer noch seine Version singt, darf man übergehen. Ergänzt sei noch, dass sich einer der führenden Köpfe der deutschen Jugendmusikbewegung Walther Hensel (1887-1956) in seinem Liederbuch „Das aufrecht Fähnlein“ von 1926 Karl Reisert angeschlossen hat.
Das in vielem richtungsweisende „Allgemeine Deutsche Commersbuch“ von 1859 hat hingegen die Fassung des „Gaudeamus“ von Kindleben übernommen. Doch erscheint es dort unter dem Titel „De Brevitate vitae“ („Von der Kürze des Lebens“) und mit dem Untertitel „Carmen amoebaeum“ (Wechselgesang“). Das zeugt davon, dass die Herausgeber sich des Ursprungs des Lieds als Bußgesang, den einst ein Sänger vorgetragen und dessen Refrain anschließend die Chorgemeinschaft gesungen hatte, noch bewusst waren. Sie bezogen sich dabei auf die 1791 in Halle erschienene „Auswahl guter Trinklieder“, die diese Überschrift zum ersten Mal brachte.
Die Melodie des „Gaudeamus“
Erste Spuren der heutigen Melodie lassen sich vor fast 300 Jahren (1736) finden. Auf die heutige Singweise weist das Studentenlied „Brüder lasst uns lustig sein, weil der Frühling währet“, das der Lyriker Johann Christian Günther (1695-1723), ein „exemplarischer Vertreter des verkommenen Genies“ (E. Fuhrmann, NDB), 1724 verfasst hat und sehr viel später (1788) im Druck erschien. Bemerkenswerterweise enthält es zudem eine erweiterte Übersetzung des heutigen „Gaudeamus“, die in die gleiche Richtung weist wie die Lösung Karl Reiserts:
Wo sind diese, sagt es mir, die vor wenig Jahren
Eben also gleich wie wir jung und fröhlich waren?
Ihre Leiber deckt der Sand, sie sind in ein ander Land
Aus dieser Welt gefahren.
Außerdem wird noch einmal hörbar, wie das Lied neben der fröhlichen Seite obendrein eine nachdenklich machende aufweist, die weitgehend verdrängt wurde. Dazu beigetragen hat sicher außerdem die zu Ende des 17./Anfang des18. Jahrhunderts entstandene muntere Melodie.
Eine Parodie aus der Zeit des Kulturkampfs
Wie viele andere Studentenlieder blieb das „Gaudeamus“ nicht von Parodien verschont. Eine sei herausgegriffen, die an den vor 150 Jahren entbrannten Kulturkampf erinnert und Pius IX. (Papst von 1846-1878) ins Visier nahm:
Gaudeamus igitur
Und pereat gesungen
Dem alten Fuchsen. Glaubt es mir,
Wir haben ihn bezwungen.
Er schickte seine Bullen aus,
Wir trieben sie zum Tempel naus,
Den Burschen ist‘s gelungen.
Wie der Herausgeber der „Allgemeinen Deutschen Musikzeitung“ Wilhelm Tappert (1830-1907) über diesen Text, den er 1878 veröffentlichte und in dem die Bullen genannten päpstlichen Rund-schreiben mit den gleichnamigen Tieren bewusst verwechselt wurden, gedacht hat, ist nicht ganz klar. Die Mehrheit der deutschen Katholiken konnte auf jeden Fall darüber nicht lachen. Sie hatte vielerorts schwere Behinderungen der Seelsorge zu ertragen.
Schon der Dichter Adalbert von Chamisso sang zu Anfang des 19. Jahrhunderts das „Gaudeamus“
Ein abschließender Wunsch: Erfreuen wir uns daran, dass „Gaudeamus“ bis heute beim Kommersgesang weiter klingt: sei es in dem herben Ernst, den ihm Johannes Brahms in seiner Akademischen Festouvertüre verlieh, sei es in fröhlicher Ausgelassenheit. Denn ältere Semester werden bei seinem Gesang und dem anderer Kommerslieder wieder „zu jungen Studenten“, so 1815 der aus Frankreich stammende deutsche Dichter und Naturforscher Adalbert von Chamisso (1781-1838), und es muss nicht unbedingt dazu führen, dass sie wie er „am Morgen lange lavieren, bevor sie seekrank in den Hafen der heimischen Haustüre einlaufen.“
Wolfgang Löhr




1. Brüder lasst uns lustig sein,
weil der Frühling währet
und der Jugend Sonnenschein
unser Laub verkläret;
Grab und Bahre warten nicht,
wer die Rosen jetzo bricht,
dem ist der Kranz bescheret.
2. Unsres Lebens schnelle Flucht
leidet keinen Zügel,
und des Schicksals Eifersucht
macht ihr stetig Flügel;
Zeit und Jahre fliehn davon,
und vielleicht schnitzt man schon an unsres Grabes Riegel.
3. Wo sind diese, sagt es mir,
die vor wenig Jahren
eben also, gleich wie wir,
jung und fröhlich waren?
Ihre Leiber deckt der Sand,
sie sind in ein ander Land
aus dieser Welt gefahren.
4. Wer nach unsern Vätern forscht
mag den Kirchhof fragen:
ihr Gebein, so längst vermorscht, wird ihm Antwort sagen;
kann uns doch der Himmel bald, eh‘ die Morgenglocke schallt, in unsre Gräber tragen!
5. Unterdessen seid vergnügt,
lasst den Himmel walten,
trinkt, bis euch das Bier besiegt nach Manier der Alten!
Fort, mir wässert schon das Maul,
und, ihr andern, seid nicht faul,
die Mode zu erhalten!
1. Gaudeamus igitur,
iuvenes dum sumus,
post iucundam iuventutem,
post molestam senectutem
nos habebit humus,
nos habebit humus.
2. Ubi sunt, qui ante nos
in mundo fuere?
Vadite ad superos,
abeas ad tumulos,
si vis hos videre!
3. Vita nostra brevis est,
brevi finietur,
venit mors velociter,
rapit nos atrociter,
nemini parcetur.
4. Vivant omnes virgines
faciles, formosae,
vivant et mulieres,
tenerae amabiles,
bonae laboriosae!
5. Pereat tristitia,
pereant osores,
pereat diabolus,
quivis antiburschius,
atque irrisores!
Melodie: Studentenlied, ursprünglich mittelalterliches Bußlied, 1788
Text: erste Textspuren im Mittelalter, heutige Fassung von Christian Wilhelm Kindleben (1748–1786), Halle 1781; Deutscher Text nach Johann Christian Günther (1695–1723), 1717