Kirche in der Sackgasse, Mk 6, 1-6

1. Von dort brach Jesus auf und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger folgten ihm nach.
2. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen!
3. Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm.
4. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.
5. Und er konnte dort keine Machttat tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.
6. Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.

Es ist nicht leicht, sich heute zur katholischen Tradition und Kirche zu bekennen. Es sei denn, man lebt in einer anderen Welt.

Das liegt nicht nur daran, dass sich unsere Kirche in Deutschland und Europa disqualifiziert hat durch sexuellen Missbrauch und schwarze Pädagogik – sprich: Empathielose Gewalt gegenüber Kindern und ihrer Menschenwürde - und durch deren oft auch unbedachte, „gut“-gemeinte, aber deshalb nicht zu entschuldigende Vertuschung gerade seitens jener, die als erste Vorbildfunktion haben sollten. Man kann auch als Unbeteiligter sich nicht aus der Affäre ziehen mit dem Verweis auf die Erkenntnis bereits der alten Kirche, wie sehr die Kirche aus sündhaften Menschen bestehe.

Ebenso führt die Unbeweglichkeit der kirchlichen Entscheidungsträger gegenüber berechtigten und begründeten Trends in der Weiterentwicklung des inhaltlichen wie sichtbaren Glaubensformates dazu, dass man sich zunehmend von der Kirche abwendet. Immer mehr erweckt die Kirche hier in Deutschland bei mir jedenfalls den Eindruck einer Verwaltungsinstitution statt den einer solidarischen, aus dem Glauben genährten Gemeinschaft. Sie erscheint immer weniger als wirkliche Kirche, als kyriaké, das heißt als von ihrem Kyrios, ihrem Herrn und seinem Willen geprägt pder, um den legendären Dortmunder Borussen Adi Preißler zuzitieren: „Entscheidend is´ auf´m Platz.“ All diese Querelen verleiten viele, die bislang zur Kirche gehörten, zum Austritt oder zum Wegbleiben.

„Heimspiel verloren“ – so könnte man Fußball-gerecht eine Episode aus dem Markus-Evangelium (Mk 6,1-6b) überschreiben, in der Jesus in der Synagoge von Nazareth spricht und auf die geballte Ablehnung derer trifft, die ihn von Jugend auf kennen. Offenbar hat Jesus nicht mit dieser Reaktion seiner Dorfgenossen gerechnet. Er wundert sich über diese, es verlässt ihn sogar seine Kraft, ähnliche staunenswerte Dinge zu tun wie anderswo. Die Nazarener scheinen zwar zu ahnen, dass hinter diesem Jesus noch etwas anderes stecken muss: „Wer hat ihm diese Weisheit gegeben?” fragen sie. Der Auftritt Jesu in seinem Dorf kippt aber schnell. Die Einwohner von Nazareth nehmen Anstoß an ihm, weil er nicht bei seiner Familie geblieben, sondern weggezogen ist, weil er seinen Handwerksberuf aufgegeben hat und als Wanderprediger herumzieht. Sie nehmen ihm übel, dass er, aus ihrer Provinz kommend, die Grenzen der Provinz überschreitet.

Sie kriegen nicht auf die Reihe, dass der Junge von nebenan, der kein studierter Rabbi, kein ordinierter Schriftgelehrter ist, der nicht der Priesterkaste angehört, also nicht autorisiert ist, mit dem Anspruch eines Volkspropheten auftritt. Sie trauen mehr ihrem Wissen, welchem Milieu er entstammt, als ihrer gerade mal aufgeblitzten Ahnung, dass da mehr dahinter sein könnte. Sie können ja seine Verwandtschaft detailliert benennen. Wenn sie das Bonmot schon gekannt hätten, hätten sie ihm sicher zugerufen: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ Sie wollen (oder können?) nicht verstehen, dass Jesus den Anspruch eines Sprechers Gottes, des Protagonisten des Gottesreiches schlechthin erhebt. Sie trauen eher ihrer angestammten Einsicht.

Interessanterweise gab es bis ins 5. Jahrhundert hinein in Nazareth kaum Christen!

Jesus fühlt sich durch seine Dorfgenossen an die Erfahrung des Propheten Ezechiel mit seinen Landsleuten im babylonischen Exil erinnert: Kein Prophet gilt in seinem eigenen Land - was nochmals seinen prophetischen Anspruch unterstreicht.

Als Markus erzählt, dass sich Jesus in sein Dorf begibt, bemerkt er: Seine Jünger folgten ihm. Das ist keine Nebenbemerkung, sondern ein Impuls. Kardinal Marx hat „vom toten Punkt“ (A. Delp) gesprochen, an dem die Kirche angekommen sei. Aber das ist für ihn kein „point of no return”. „Ich glaube fest an eine neue Epoche des Christentums“, fügte Kardinal Marx hinzu. Denn wir können uns nicht damit begnügen, bei kirchlichen Veranstaltungen Fahnen schwingend aufzutreten und in den Reststrahlen eines christkatholischen Milieus sonnen. Eine geistliche Erneuerung der Kirche geht nur über jeden einzelnen: Wir müssen Verantwortung übernehmen, haben wir doch zu lange mit und von einem puren Klerikalismus gelebt, der im übrigen auch die sogenannten Laien befallen kann.

Ich denke, dass in unseren Korporationen wie im ganzen KV Menschen leben sollten, die es wagen, über ihre Provinz, über den Tag, über die momentane Lage hinauszublicken. Menschen, die in unserer Gesellschaft ins Spiel bringen, was diese braucht: Die Einbeziehung jener Dimension des Lebens, die die Grenzen unserer entdeckten oder auch noch nicht entdeckten Wirklichkeit zu überschreiten vermag. Menschen, die sich jener Botschaft innerlich verpflichtet wissen, die die Kirche durch die Zeiten transportiert. Bei Sartre habe ich dazu ein Wort gefunden: „Wenn Gott nicht existiert, gibt es kein Mittel mehr, den Menschen zu entrinnen.“

Prophet sein im Sinne Jesu heißt, für Gott und seine Wege aufmerksam werden im eigenen Leben und auf sie aufmerksam machen in unserer Welt. Das geht nur gemeinsam. Dazu braucht es Kirche. Auf einer Videokonferenz der KStV Normannia zum Synodalen Weg wurde mehrere Male geäußert: Die Kirche braucht ein besseres Marketing. Ich meine: Das Marketing sind wir.

Domkapitular em. Dr. Heinz Geist (Nm-W)