Als Historiker neige ich zu Gelassenheit bei Auseinandersetzungen im Verband

Lieber Wolfgang, wann und wie bist Du Mitglied der Redaktion der AM geworden?

Wolfgang Löhr: Seit 1992. Damals habe ich als KV-Ratsvorsitzender dieses Gremium angeregt und den damaligen Leitenden Redakteur Wilhelm Schreckenberg unterstützt. Nach seinem Ausscheiden bin ich ihm nachgefolgt. Von ihm und seiner über vierzigjährigen Erfahrung konnte ich profitieren. Ihm bin ich zu vielem Dank verpflichtet.

Was hat sich in dieser Zeit verändert? Was waren bemerkenswerte Schritte, an denen du beteiligt warst?

Wolfgang Löhr: Unser Verbandsorgan hat sich von Anfang an nicht nur als Mitteilungsblatt verstanden, sondern wollte auch am Gespräch über Kirche, Staat, Gesellschaft und Wissenschaft teilnehmen. Als ich Mitverantwortung für die AM übernahm, war noch nicht absehbar, welche neuen Herausforderungen das „digitale Zeitalter” stellen würde. Damit waren viele Veränderungen verbunden, denen wir uns als Redaktionsteam stellen mussten. Wir waren uns bewusst, dass eine gedruckte Zeitschrift an Schnelligkeit der digitalen Informationsübertragung immer unterlegen ist. Wir mussten dafür werben, dass sie allerdings gründlicher recherchieren und somit besser abwägen kann, was mitteilenswert ist oder nicht. Außerdem kam uns die Erkenntnis einiger KVer zugute, dass eine Papierausgabe nicht nur anders gelesen wird, sondern auch eine längere „Überlebensdauer” hat. Selbst die Haptik spielt beim Leseverhalten eine gewisse Rolle. Besonderen Wert habe ich immer daraufgelegt, dass unsere AM auch ein wenig Unerwartetes bieten. Dafür „erfand” ich die Rubrik „Lebensart”, die ich zurzeit wieder aktivieren will. Ebenfalls wurde zu meiner Zeit das „Geistliche Wort” eingeführt, das ich in der heutigen Zeit des religiösen Umbruchs für essentiell halte.

Ist die AM im Jahr 2021 angekommen oder braucht es noch mehr Veränderung?

Wolfgang Löhr: Eine Zeitschrift braucht immer wieder eine Veränderung mindestens im äußeren Erscheinungsbild. Ich könnte mir ein überarbeitetes Layout gut vorstellen und „spritzigere” Titelbilder. Außerdem sollten wieder mehr Interviews erscheinen und dabei zusätzlich zu den Kartellbrüdern bekannte außenstehende Nicht-KVer befragt werden, selbst wenn sie den Korporationen kritisch gegenüber stehen. Dieses Wagnis müssen wir eingehen.

Du bist nicht nur Mitglied der AM-Redaktion, sondern auch seit vielen Jahren Vorsitzender der Historischen Kommission des KV. Beeinflussen sich diese beiden Bereiche, und wenn ja, wie?

Wolfgang Löhr: Schon in meiner Aktivenzeit habe ich begonnen, für die „Arminenblätter” über die Vereinsgeschichte zu schreiben. Ab den 1970er Jahren veröffentlichte ich dann Beiträge zur KV-Geschichte in den „AM”, in denen ich auf die Vergangenheit unseres Verbandes aufmerksam machen konnte, einschließlich der problematischen Aspekte. Als Beispiel nenne ich nur die kurze Geschichte des KV und seiner Vereine während der NS-Zeit bis zum Verbot 1938 in den AM 1997. Wenn man überhaupt etwas aus der Geschichte lernen kann, dann die Vorsicht im Umgang mit Ideologien, von denen eine verführerische Kraft ausgeht. Möglicherweise verhängnisvolle Kontinuitäten sollten kenntlich gemacht und damit vor ihnen gewarnt werden.

Ergibt sich aus der „historischen Perspektive” manchmal eine andere Sicht auf Fragen oder Diskussionen im Kartellverband? Wenn ja, kannst du ein Beispiel geben?

Wolfgang Löhr: Ja! Als Historiker neige ich zur Gelassenheit, wenn ich über Auseinandersetzungen in den Vereinen oder im Verband höre. Dabei fällt mir oft der legendäre Johannes Henry ein, der von 1919 bis 1932 als Verbandsgeschäftsführer wirkte und der kurz vor der Niederlegung seines Amtes von der „Selbstmordstimmung” im Verband sprach.

Wir drehen die Zeit ein wenig zurück: Wie bist du Mitglied deines Kartellvereins geworden?

Wolfgang Löhr: Ich war quasi durch meinen älteren Bruder Franz Josef, der Mitglied der „Arminia” war, „vorgekeilt”. Da er gelegentlich auch die AM mit nach Hause brachte, habe ich schon als Pennäler in diese Zeitschrift geblickt. Ob sie mich beeindruckt hat, kann ich nicht mehr sagen.

Wie hat sich der Verein seitdem verändert?

Wolfgang Löhr: Der „Arminia” ist es rechtzeitig gelungen, dass Jüngere die Leitung übernommen haben. Die heutigen Studienbedingungen haben sich gegenüber denen zu meiner Studienzeit grundlegend geändert. Auf diese Herausforderungen können die Jungen viel besser antworten als wir Alten. Das veränderte Studentenleben bestimmt inzwischen die Programmgestaltung.

Wie drückt sich deine Mitgliedschaft in deinem Kartellverein in deinem Leben aus?

Wolfgang Löhr: Die Zugehörigkeit zu meinen Kartellvereinen, in denen ich Mitglied oder Ehrenphilister bin, hat meine Biografie mitbestimmt. Meine Frau und ich haben im KV viele Freundschaften knüpfen können, die ein Leben lang gehalten haben. Was die „Arminia” betrifft, so ist das Arminenhaus in Bonn auf der Kaiserstraße 85 für uns eine wichtige Adresse geblieben.

Die Fragen stellte Kb Marc Lenzke
 

Biographisches: Geboren wurde ich 1938 in Viersen am Niederrhein. Dort bin ich bis auf eine kurze Zeit in Bonn-Bad Godesberg zur Schule gegangen. Nach dem Abitur 1959 nahm ich das Studium der Geschichte, Romanistik und Philosophie in Bonn auf und wurde bei „Arminia” aktiv. Ein Studienjahr verbrachte ich in Fribourg in der Schweiz und schloss mich der dortigen „Carolingia” an. Nach meiner Rückkehr nach Bonn begann ich, mich ganz auf das Geschichtsstudium zu konzentrieren, da ich später nicht in den Schuldienst wollte. Auf Grund meiner Dissertation, die sich mit der Geschichte des im 9. Jahrhundert gegründeten rheinischen Kanonikerstifts Münstereifel befasste, wurde ich 1966 zum Dr. phil. promoviert. Von meinen akademischen Lehrern lernte ich, dass ein Historiker weder Staatsanwalt oder Richter und schon gar nicht Henker ist. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, die Quellen zu erschließen, die Fakten darzustellen und sie unvoreingenommen zu interpretieren. Nach meiner Promotion ging ich zur Ausbildung an das Bundesarchiv in Koblenz, besuchte die Archivschule in Marburg und schloss meine Ausbildung 1968 als Assessor ab. Ein Jahr später übernahm ich die Leitung des Stadtarchivs in Mönchengladbach bis zu meiner Pensionierung 2003. Ich beschäftigte mich mit der Geschichte dieser Stadt und gab eine vierbändige Stadtgeschichte heraus. Außerdem arbeite ich immer noch am „Rheinischen Städteatlas” mit und publiziere im Bereich rheinische Landeskunde, katholische Sozialbewegung, Adels- und Studentengeschichte. Ein besonderes Interesse gilt bis heute der gemeinsamen deutsch-niederländischen Vergangenheit. In einer Reihe wissenschaftlicher Vereinigungen wirkte ich im Vorstand oder Beirat mit. Einer Stiftung stehe ich heute noch vor.