Die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt, die Fuggerei, feiert Geburtstag

Rheinischer Gulden, umgerechnet 88 Cent, beträgt die Jahreskaltmiete für eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem Reihenhaus in der so genannten Fuggerei in Augsburg - und dies unverändert seit fünfhundert Jahren.

Vor fünfhundert Jahren, am 23. August 1521, stiftete Jakob Fugger diese älteste Sozialsiedlung der Welt. Sie bestand aus 67 Reihenhäusern, einer Kirche, einem Gasthaus sowie einer Krankenstation mit dem Schneidhaus, einer chirurgischen Klinik. Die ganze Siedlung umgab eine Mauer mit sieben Toren, die nachts geschlossen wurden. Und so ist es bis heute geblieben. Als Augsburg in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 bei einem alliierten Bombenangriff zerstört wurde, lag auch die Fuggerei in Trümmern. Bis 1956 dauerte der Wiederaufbau. Das Äußere der Gebäude blieb unverändert, die Wohnungen wurden modernisiert.

Wer wissen will, wie die Wohnungen ursprünglich aussahen, der kann sich davon in der historischen Schauwohnung in dem Haus mit den Hausnummern 13 und 14 ein Bild machen. Und seit Mitte Juni zeigt ein neues, multimediales Museum, wie sich die Fuggerei im Laufe der Zeit verändert hat.

Eine „Stadt in der Stadt”

Die Fuggerei war eine Stadt in der Stadt, bestimmt für bedürftige katholischeAugsburger Bürger, die unverschuldet in Not geraten waren und einen guten Leumund hatten. Neben der Jahreskaltmiete von einem Rheinischen Gulden waren die Mieter verpflichtet, täglich drei Gebete für die Familien der Fugger zu verrichten: ein Vater unser, ein „Gegrüßet seist Du Maria” und ein Glaubensbekenntnis. Prominentester Bewohner war der Maurermeister Franz Mozart, der Urgroßvater des Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart.

Jakob Fugger, der Stifter der Fuggerei, war reich geworden durch die Silberbergwerke in Tirol, die ihm zufielen, als der dortige Landesherr seine Kredite nicht zurückbezahlen konnte. Er wurde beauftragt, die Silbermünzen des Papstes zu prägen für die Dauer von fünfzehn Jahren. Auch ist zweifelhaft, ob es die Schweizer Garde, diese vatikanische Attraktion, ohne die Fugger geben würde. Denn als der Papst Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in der Schweiz eine Söldnertruppe anwerben ließ, sollen die Fugger das Geld für die Soldzahlungen vorgestreckt haben.

Jakob Fugger erhielt den Beinamen „der Reiche”. Er war der reichste Mann der Welt, reicher als die Medici. 1511 wurden die Fugger geadelt, 1514 erhielt Jakob Fugger den Titel des Reichsgrafen. Als Bankier des Kaisers besaß Fugger großen Einfluss auf den Gang der Politik. Kein Krieg, keine Kaiserwahl der Habsburger fanden statt, ohne dass Fugger seine Hand dabei nicht im Spiel hatte.

Und als Albrecht von Brandenburg Bischof von Magdeburg werden wollte, ohne die Bestimmungen zur Einnahme eines Bischofssitzes zu erfüllen, und daher Zahlungen an die Kurie entrichten musste, lieh er sich das Geld dazu bei den Fuggern. Zur Tilgung überließ der Hohenzoller den Fuggern die ihm zustehende Hälfte der Gebühren für den von Papst Leo X. verkündeten neuen Ablass für den Bau des Petersdoms in Rom. Wirtschaftlich gesehen war der Ablasshandel für die Fugger unbedeutend. Doch nicht zuletzt wegen des Auftretens des Ablasspredigers Johann Tetzel („sobald das Geld im Kasten klingt...”) sorgte der Ablasshandel theologisch für Streit, regte Martin Luther zur Abfassung seiner 95 Thesen an und löste eine Entwicklung aus, die in Reformation und Glaubensspaltung mündete. In seinem Aufsatz „An den christlichen Adel deutscher Nation” griff Martin Luther auch Jakob Fugger an, schrieb er doch: „Man müsste wirklich dem Fugger und dergleichen Gesellschaft einen Zaum ins Maul legen“.

Eigentum verpflichtet

Jakob Fugger dagegen sagte von sich: „Ja ich bin reich von Gottes Gnaden - ohne jemandem zu schaden!” Als er am 30. Dezember 1525 verstarb, reichten die Niederlassungen des Hauses von Skandinavien bis Neapel und von der Iberischen Halbinsel bis nach Ungarn. Die Fuggerei jedoch zeigt, wie wichtig ihm die Gemeinwohlbindung des Eigentums war. Bis heute erfolgt der Unterhalt der Fuggerei aus den Erträgen der Fuggerischen Stiftungen, Immobilien und Forstwirtschaft, denen der fuggersche Familienseniorat vorsteht.

Horst Thumerer (Lu)