Vor siebenhundert Jahren starb Dante Alighieri in Ravenna
Ende April dieses Jahres begann die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mit einer Serie über Dante Alighieri, der vor sieben Jahrhunderten am 14. September 1321 in Ravenna im Alter von 56 Jahren gestorben ist. Kurz vor seinem Tod hatte der Dichter sein Epos „Commedia“ mit seiner Reise durch die Hölle, das Fegefeuer bis in den Himmel vollendet. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das Werk werbewirksam mit dem Zusatz „divina“ („göttlich“) versehen.
Zu Beginn ihrer Artikelreihe fragte die FAZ ihre Leserschaft, was sie über Dante und sein Werk überhaupt noch wisse. Denn, so Jürgen Kaube, einer der Her-ausgeber der Zeitung, gehört der italienische Nationaldichter, der auf einer Ebene mit Homer, Ovid und Shakespeare steht, zu „den großen Ungelesenen der Weltliteratur”. Da hilft auch nicht viel, dass er auf der italienischen „Zwei Euro Münze” erscheint.
Das, was bisher in diesem Jahr in Deutschland über den Dichter geschrieben worden ist, steht in keinerlei Verhältnis zu den vielen Zeitungsartikeln, Vorträgen und Gedächtnisfeiern zum 600. Todestag Dantes 1921. Nicht nur Romanisten, Literaturwissenschaftler, Historiker, Philosophen und Theologen beschäftigten sich mit Dante, sondern auch Literaten, Juristen und Politiker, ja selbst das erste deutsche Massenblatt „Die Gartenlaube“ gedachten des großen Dichters und veröffentlichte eine von dem österreichischen Juristen und Dante-Übersetzer und -Biografen Karl Federn (1868-1943) verfasste Würdigung.
Selbst unser Verband war in das Gedenken an den Dichter miteinbezogen, weil bei der akademischen Gedächtnisfeier in Ravenna, Kb Martin Luible (1890-1963), damals Philister der Ottonia-München, der Saxonia-München und Teutonia-Leipzig, an Dantes Grab im Namen der deutschen Delegation einen Kranz niederlegte. Ein besonderes Ereignis war obendrein die Veröffentlichung des päpstlichen Rundschreibens „In praeclara summorum“.
1921: Die Dante-Enzyklika
Die Dante-Enzyklika Papst Benedikts XV. war schon deshalb eine Besonderheit, weil sie das erste päpstliche Rundschreiben darstellt, dessen Mittelpunkt eine nicht heiliggesprochene Persönlichkeit bildet. Bereits Papst Leo XIII., der große Teile der „Göttlichen Komödie“ Dantes aus dem Gedächtnis zitieren konnte, hatte sich zwar nachdrücklich bemüht, das Werk seines berühmten Landsmannes bekannt zu machen, aber zu der hochgewichteten Verlautbarungsform einer Enzyklika, die sich an die ganze Weltkirche wandte, hatte er nicht gegriffen. Mit seiner Empfehlung der Lektüre Dantes nahm er eher die europäische Welt in den Blick.
Das im typischen kurialen Sprachstil abgefasste Rundschreiben Benedikts XV. wandte sich hingegen ausdrücklich an die Professoren und Studenten der Literatur und der schönen Künste „auf dem (ganzen) katholischen Erdkreis“. Den Dichter rechnete es zu der „herrlichen Zahl großer Männer, welche durch ihren Glanz und Ruhm den katholischen Glauben zieren“ und sich „durch unsterbliche Früchte ihrer Geistesgaben… um die bürgerliche Gesellschaft ebenso wie um die Kirche verdient gemacht haben.“
Der Dichter als Glaubenszeuge
Beim Studium habe Dante „hauptsächlich Thomas von Aquin, den Fürsten der Scholastik, zum Führer genommen“, aber sich zusätzlich durch die Heilige Schrift und die Bücher der Kirchenväter hindurchgearbeitet und „aus dem Gebiet der Religion den fast unermesslichen und ganz überwältigenden Stoff seiner dichterischen Arbeit“ geschöpft. „Man muss dabei die unglaubliche Kraft seines Genies bewundern“, heißt es weiter. Außerdem könne man nicht übersehen, dass Dante „große Kräfte aus der Eingebung des göttlichen Glaubens zugeströmt“ seien. Nicht umsonst spräche man von der „Göttlichen Komödie.“
Zieht man ein Fazit aus der Enzyklika, so begegnet uns hier der Dichter als Glaubenszeuge. Interessant ist obendrein die Verwendung zahlreicher Zitate aus Dantes „De Monarchia“, einer theologisch-politischen Programmschrift, die 1585 auf den Index der verbotenen Bücher geraten war. Darauf geht die Enzyklika erst gar nicht ein. Dante hatte besagte Abhandlung vermutlich nach dem Tod des aus dem Haus Luxemburg stammenden Heinrich VII. (†1313 in Pisa) verfasst und auf den Kaiser große Hoffnung gesetzt, er würde die heftigen Streitigkeiten in seiner Heimatstadt Florenz beenden, in die er selbst verwickelt gewesen war.
Da Dante das gegen ihn verhängte Urteil von zwei Jahren Verbannung und Zahlung einer Geldstrafe nicht akzeptierte, drohte ihm der Tod durch Verbrennung, wenn er heimkehren sollte. Somit war Dantes Schicksal als Exilant besiegelt.
Die Enzyklika kam nicht umhin einzugestehen, dass Dante „gegen Päpste seiner Zeit überaus herb und beleidigend aufgetreten“ sei und führt dies auf persönliche Gründe zurück: Er wechselte in Florenz von der papsttreuen zu der kaisertreuen Partei.
Ein Freund der Kirche, nicht des Klerus
Damit nahm das Rundschreiben Bezug auf die Verbannung mehrerer Päpste in die Hölle in Dantes Epos, darunter sein Zeitgenosse Papst Bonifaz VIII. (†1303). Aber selbst den 1313 heiliggesprochenen Coelestin V. (†1296) schickte Dante wegen seiner Abdankung als Papst – das hielt er für „feiges Versagen“ – in die Vorhölle. Ob lediglich persönliche Motive bei Dantes Kritik am Papsttum von Belang waren, wie die Enzyklika meint, darf gefragt werden.
Der bedeutende Mediävist Herbert Grundmann (1902-1970) war davon überzeugt, dass dahinter zusätzlich die Kritik an der von den Päpsten beanspruchten politischen Rolle durchscheint.
Die Enzyklika sieht Dante seine Aburteilung einiger Päpste nach, „wenn er aus verbittertem Gemüte etwas aussprach, was über das Maß hinausging.“ Außerdem hätte er auf „Gerüchte“ von böswilligen Leuten gehört. Man dürfe zudem nicht leugnen, „dass damals bei Männern priesterlichen Ranges manches vorgekommen“ sei, „was man nicht billigen“ könne und was Dante „bei seiner großen Ergebenheit gegen die Kirche mit Unwillen und Betrübnis“ erfüllt habe. Damit wird er exkulpiert. Die Enzyklika weist dann noch darauf hin, „dass die Ergebenheit des Geistes und des Herzens gegen Gott“ nicht der „Entwicklung der Talente“ im Wege stehe. Ausdrücklich wird Dantes Werk als Unterrichtsstoff für die Schulen empfohlen, denn er sei einer der „eloquentesten Lobredner und Herold der christlichen Weisheit.“
2021: Papst Franziskus würdigt Dante in einem Apostolischen Schreiben
Hundert Jahre nach dieser Enzyklika schreibt Papst Franziskus ebenfalls über Dante und verfasst ein „Apostolisches Schreiben“ mit dem Titel „Candor lucis aeterna“. Es ist im Rang nicht mit einer Enzyklika zu vergleichen und bedient sich eines weniger abgehobenen Stils. Die „Göttliche Komödie“, so erfahren wir, könne uns in unserer gegenwärtigen außergewöhnlichen Situation, womit die Zeit der Corona-Pandemie gemeint ist, wieder Vertrauen, Hoffnung und neuen Schwung geben. Man solle das Werk in diesem Sinne lesen.
Franziskus dankt denen, die dies schon tun und fordert die christlichen Gemeinden, akademische und kulturelle Einrichtungen sowie Vereine auf, das nachzuholen. Das Werk führe die Leser zu den christlichen Wurzeln Europas und erinnere an Ideale und Werte, welche die Kirche auch noch heute empfehle.
Der Papst nimmt außerdem Bezug auf seinen Namenspatron, der wie Dante, der seine „Göttliche Komödie“ nicht mehr im klassischen Latein schrieb, sondern in der Volkssprache (volgare) seiner Vaterstadt Florenz und sich damit wie der heilige Franz von Assisi direkt ans Volk wandte. Der heilige Franziskus, so heißt es, „ging unter die Menschen durch die Straßen der Dörfer und Städte, predigte den Menschen und kehrte in deren Häuser ein.“ Dante, lesen wir weiter, „traf die damals nicht zu erwartende Entscheidung, für das große Gedicht des Jenseits die Alltagssprache zu verwenden und seine Geschichte mit bekannten und weniger bekannten Charakteren zu bevölkern, die jedoch in ihrer Bedeutung den Mächtigen der Erde völlig gleichwertig sind.“
„Das ewig Weibliche zieht uns hinan” - auch bei Dante
Außerdem weist der Papst auf die drei Frauen hin, die im Werk eine Rolle spielen: die Muttergottes als Sinnbild für die Nächstenliebe, Beatrice, die Dante durch das Paradies führt, als Symbol für die Hoffnung und Lucia als Metapher für den Glauben. Letztere erscheint als von der Muttergottes entsandte Botin, um Beatrice zu veranlassen, den Dichter Vergil zu Dantes Hilfe in die Hölle zu senden.
Auf die kirchenkritischen Töne, die bei Dante unüberhörbar sind, geht das „Apostolische Schreiben“ nicht weiter ein. Der Dichter wird auch nicht mehr als Glaubenszeuge herausgestellt, sondern dessen „Göttliche Komödie“ als Wegweiser für die Menschen schlechthin empfohlen. Statt „auf dunklen Pfaden“ zu wandeln, kann sie helfen, den „rechten Weg“ zurückzufinden, um schließlich die „ewige Glückseligkeit in Gott“ zu finden.
1921: Nach dem Ersten Weltkrieg wird Dante in Deutschland vereinnahmt
Im deutschen Gedenken an Dante hundert Jahre zuvor klang es ähnlich wie im jetzigen „Apostolischen Schreiben“, allerdings häufig, ohne den religiösen Bezug hervorzuheben. Damals wurde der Dichter quasi eingedeutscht und erschien den nach dem Ersten Weltkrieg in ihrem Selbstbewusstsein tief verletzten deutschen Intellektuellen „als Projektionsfigur und geistiger Führer“, als ein Gewährsmann „für geistige Stabilität und Kontinuität in einer Zeit des Werteverfalls“ (Mirjam Mansen).
Etwa für den evangelischen Theologen Ernst Troeltsch (1865-1923), der die „Göttliche Komödie“ als „Erbauungsbuch“ der Bibel vorzog, galt Dante als „Aufbauhelfer“ in der „tiefsten Not,
Demütigung und Zerstückelung“ des deutschen Vaterlandes, so in einer Feierstunde in der Staatsoper Berlin am 3. Juli 1921.
Für den Komponisten, Schriftsteller, Arzt und Vorsitzenden der Dante-Gesellschaft Hugo Daffner (1882-1936 im KZ Dachau) wurde Dante zum Prototyp des „nordischen Geistes“. Nach 1933 sahen ihn die Nationalsozialisten schließlich als Germanen.
Thomas Mann und Stefan Zweig gedenken des Dichters und setzen andere Akzente
Auf zwei Beispiele aus dem Jahr 1921, die andere Akzente setzten, sei noch aufmerksam gemacht. Thomas Mann (1875-1955) etwa erkannte in Dante den „Prototyp des seherischen Dichtertums“ und empfahl ihn als „ein Symbol der Ehrfurcht und der Verachtung bübisch-gedächtnisloser Barbarei“. Damit meine er jene Brandstifter, die er nach den Kommunarden des Pariser Aufstands von 1871 „Petroleurs“ nannte, die „nichts Besseres zu tun“ wüssten, „als die Vergangenheit zu schänden.“
Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig machte Dante zu einem Helden und „zum großen Einzelnen, der mit seinem Werk zwar den ewigen Ruhm erwerben konnte, dafür aber einen hohen Preis zahlen musste, weil ihm die Liebe der Menschen versagt blieb“ (Arturo Larcati). Stefan Zweig vergleicht ihn mit einem querstehenden „erratischen Block“. „Vergebens“ hätten „die Gelehrten“ versucht, Dante „niederzuziehen zum Augenmaß des gemeinen Blicks“. Doch sei er „immer hoch und fern“ geblieben. Aber Stefan Zweig sieht nicht nur die „besondere Verbindung von Heldentum und Tragik“, sondern hält Dante ferner für einen „nationalen Dichter“, der „mit der Sprache die (italienische) Nation geschaffen habe.“ Er reiht ihn ein in die Schar der Großen der Weltliteratur wie Goethe und Shakespeare.
2021: Shakespeare moderner als Dante?
Am 26. März 2021 erschien in der „Frankfurter Rundschau“ ein Beitrag mit der etwas irritierenden Überschrift „Dante: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“ aus der Feder des Mitgründers der „taz“ und Italienkenners Arno Widmann. Am Tag zuvor hatte Italien den Dantetag gefeiert in Erinnerung an die Geburt ihres Nationaldichters, die am 25. März 1321 erfolgt sein soll. Sicher ist das nicht, da nur sein Tauftag, der 26. März, überliefert ist. Arno Widmanns Würdigung ist kritisch, aber nicht polemisch, wie ihm von italienischer Seite vorgehalten wurde. Er liebt es zuzuspitzen, wenn er etwa zur „Göttlichen Komödie“ schreibt: „Das ganze Riesenwerk ist ja nur dazu da, um dem Dichter zu erlauben, dem Jüngsten Gericht vorzugreifen, Gottes Werk zu tun und die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen zu schieben.“ Deshalb die eingangs erwähnte Überschrift.
Über Arno Widmanns Feststellung, Shakespeares „Amoralität, seine Schilderung dessen, was ist…, kommt uns doch Lichtjahre moderner vor als Dantes Bemühen, zu allem eine Meinung zu haben, alles vor den Richterstuhl seiner Moral zu ziehen“, kann man diskutieren. Allerdings stellt sich die Frage, wie weit man den Dichter aus seiner „Geschichtlichkeit“ herauslösen darf, ganz einmal davon abgesehen, dass man mit einer solchen Betrachtungsweise die sprachliche Kunst und die Imagination Dantes auf der Strecke bleiben. Erkannte nicht schon Ende des 18. Jahrhunderts der Literaturhistoriker August Wilhelm Schlegel (1767-1845) die „Göttliche Komödie“ als Gesamtkunstwerk, und sah nicht sein Bruder, der Kulturphilosoph Friedrich Schlegel (1772-1829), bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Dante die Gründungsgestalt der modernen Poesie?
1921: Martin Luible auf der akademischen Dantefeier in Ravenna
Im September 1921 fand in Ravenna, wo Dante sechshundert Jahre zuvor gestorben war und begraben liegt, ein Kongress statt, in dessen Verlauf am Grab des Dichters Kränze niedergelegt wurden. Das tat, ohne vom Verband einen offiziellen Auftrag dafür erhalten zu haben, der KVer Dr. Martin Luible. Darüber berichtete er in einem Brief vom 30. September 1921 an den Verbandsgeschäftsführer Johannes Henry (1876-1958) in Bonn, aus dem hervorgeht, dass unser Kartellbruder es als „Pflicht“ ansah, sich an der „Kranzniederlegung zu beteiligen. Wir mussten doch“, so schrieb er, „hier mittun (und) konnten nicht hinter den anderen Studenten der verschiedenen Länder zurückstehen. So fassten die Vertreter der verschiedenen deutschen katholischen Verbände den Beschluss, einen großen Lorbeerkranz mit Schleife niederzulegen, was ich dann für Deutschland besorgte.“ Die Kosten habe man sich geteilt. Die auf den KV fallenden 90 Mark habe er vorgestreckt.
Dann schließt er ein Monitum an: Der Vorortsvorsitzende aus dem Verein Ravensberg in Münster sei zu der Tagung zu spät gekommen. Er, Martin Luible, habe sich „trotz der damaligen Absage des Verbandes an der Sache beteiligt, nicht zum Schaden des Verbandes.“ Denn er habe als Einziger „mit den Herren italienisch verhandeln“ können, sei er doch „von vorneherein“ für den „Führer der deutschen Delegation“ gehalten worden. „Das rein zahlenmäßige Übergewicht des CV“ sei durch seine Übernahme der Führung der Delegation „leicht ausgeglichen“ gewesen, schließt er und macht deutlich, welche wichtige Aufgabe er wahrgenommen habe, um den KV nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen.
In den „Akademischen Monatsblättern“ hat er über seine „Mission“ in Italien nicht berichtet. Dante wurde in unserem Verbandsorgan, das ja mehr sein wollte und war als ein reines Mitteilungsblatt über Verbandsinterna, überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.
Drei Jahre nach seinem Ravenna-Aufenthalt, der eher eine Randepisode ist, übernahm Martin Luible die nicht unangefochtene Leitung der Redaktion der „AM“. Einen besonderen Namen im KV machte er sich ferner durch sein 1929 erschienenes Buch „Fuchs und Bursch“, das 1955 eine zweite überarbeitete Auflage erfuhr. Außerdem verfasste er eine Reihe von Festschriften von KV-Vereinen und schrieb eine kleine Biografie über Johannes Henry. Umfangreiche Schriftwechsel von Martin Luible über sein Wirken im KV haben sich im KV-Archiv erhalten, ein Schatz, der noch gehoben werden muss.
Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, E d. Un, E d. Gro-Lu, E d. Car, Urb)



Anmerkungen
Eine von H. Köhler übersetzte und von L. Scherer kommentierte italienisch-deutsche preisgünstige Studienausgabe der „Divina Commedia“ ist 2010 bis 2012 bei Reclam erschienen.
Die Zusammenfassung des „Apostolischen Schreibens“ von Papst Franziskus ist weitgehend vatican news sst entnommen. Ferner wurde ein Bericht von P. Jungblut in BR24 vom 25.3.21 benutzt mit dem Hinweis auf die Reaktion in Italien auf einen Artikel von A. Widmann in der „Frankfurter Rundschau“ vom 26.3.21.
Die Zitate zu Zweig sind entnommen: A. Larcati (Verona), Stefan Zweig und Dante Alighieri, Universitätsbibliothek Salzburg/25.05.18.
Zu Dante wurde ferner eingesehen: E. Hölter, „Der Dichter der Hölle und des Exils“, Würzburg 2002 u. K. Stierle, Dante Alighieri, München 2014. Das Schreiben M. Luibles, das hier in heutiger Rechtschreibung zitiert wird, befindet sich im KV-Archiv in Marl (KV 1/388).
Dante Alighieri (1265-1321)
Einer der bedeutendsten Repräsentanten der Literatur des Mittelalters ist Dante Alighieri. Sein Hauptwerk, die „Göttliche Komödie”, ist eine visionäre Reise aus den Tiefen der Hölle über das Fegefeuer ins ewige Heil. Noch heute befindet sich im Dom von Florenz dieses Bild von Domenico Michelino aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Es zeigt den Dichter mit der „Göttlichen Komödie” in der Hand. Der Hintergrund zeigt die Vision des Läuterungsberges, rechts ist die Kuppel des Doms von Florenz zu sehen, Dantes Heimatstadt, die er, 1302 aus politischen Gründen verbannt, bis zu seinem Tod nicht mehr betreten konnte.

Dr. phil. Wolfgang Löhr
Dr. phil. Wolfgang Löhr 1938 in Viersen geboren, studierte Gechichte, romanische Sprachen und Philosophie in Bonn und Fribourg. Er baute das Archiv der Stadt Mönchengladbach auf und leitete es bis zum Ruhestand. Im KV wirkte er als Vorsitzender des KV-Rats und langjähriger Chefredakteur dieser Zeitschrift. Aktuell leitet er die Historische Kommission des KV.
Dichter und ruheloser Wanderer
Wer sich seinen Abgründen stellt, kann zum Himmel aufsteigen
Versuche man sich einmal vorzustellen, die „Göttliche Komödie” sei nicht im vierzehnten Jahrhundert geschrieben worden, sondern heute. In diesem Falle könnte man in drastischen Worten lesen, wie viele Mächtige unserer Zeit in der Hölle und im Fegefeuer für ihre Untaten bestraft würden. Und der Autor würde im Einzelfall begründen, weshalb diese Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kirche dort sitzt. Philosophische und theologische, aber auch politische Betrachtungen lösten sich ab mit drastischen Schilderungen von Folterszenen und Grausamkeiten. Tatsächlich müssen gerade diese Szenen aus Hölle und Purgatorium auf Leser so anziehend wie abstoßend gewirkt haben. Noch Goethe sprach von Dantes „widerwärtiger, oft abscheulicher Großheit.”
Biographisch verwundert das nicht: Der Florentiner Dante Alighieri wurde aus politischen Gründen aus seiner Vaterstadt Florenz verbannt. Eine Rückkehr war unmöglich, in Florenz drohte ihm der Tod. Vogelfrei und mittellos musste er von Stadt zu Stadt ziehen. Macht, Geld, einflussreiche Freunde hatte er nicht. Ihm blieb nur die poetische Abrechnung mit seinen Gegnern. Und wirklich begegnet Dante als Ich-Erzähler der Göttlichen Komödie auf seiner Wanderung durch Hölle und Purgatorium nicht nur Figuren aus Altem und Neuem Testament, antiker Mythologie und Philosophie, sondern auch Widersachern, die für sein persönliches Schicksal verantwortlich sind. Und er beschreibt, wie sie in Hölle oder Fegefeuer ihre Untaten büßen müssen, weil sie Verrat, Völlerei, Blasphemie, Ehebruch oder Mord begangen haben, weil sie zu gierig, zu geizig, zu böse waren, also völlig zu Recht in jene missliche Lage geraten sind, in der Dante sie auf seiner Wanderung durch die jenseitige Welt antrifft.
Eine bloße Abrechnung ist das Werk indes nicht und erst recht kein mittelalterlicher Horror-Roman. Die Schreckensszenen in Dantes Göttlicher Komödie stehen auch für einen Prozess der Selbsterkenntnis, der Umkehr und einer neuen Selbstwerdung in Liebe.
Ein junger Mann mit vielen Gaben
Manches autobiographisches Element ließ Dante in sein Epos einfließen. Sein Geburtsdatum lag wahrscheinlich zwischen dem 14. Mai und dem 13. Juni 1265. Die Eltern stammten aus Florentiner Stadtadel, ein Vorfahre soll im Zweiten Kreuzzug (1146-1148) gefallen sein. Mit zwölf Jahren wurde Dante mit Gemma, der Tochter des Ritters Manetto dei Donati verlobt. Seine Braut soll damals noch in der Wiege gelegen haben, 1295 heiratete er sie. Ob es eine glückliche Ehe war, ob Gemma Dantes geistiges Schaffen beeinflusst hat, ist ungewiss. Es wird vermutet, dass Dante sieben Kinder hatte. In Venedig sollen Nachkommen seines Sohnes Pietro leben.
Dante war ein hoffnungsvoller junger Mann, der es in seiner Vaterstadt zu etwas bringen wollte. Aber Erschütterungen blieben nicht aus: 1290 starb seine Jugendliebe Beatrice. Ihr Tod muss den jungen Mann tief bewegt haben. Dante wandte sich nach innen, studierte mindestens zweieinhalb Jahre intensiv Philosophie. Manche vermuten, er habe sich an der Universität Bologna eingeschrieben. Schließlich schrieb er sich in die Zunft der Apotheker und Ärzte ein, um in die Stadtpolitik von Florenz gehen zu können. Rasch kam er voran, saß in Gremien, vertrat seine Stadt in Gesandtschaften und wurde 1300 zu einem der sechs „Bürgermeister“ (Prioren) gewählt. Doch genau dort setzte sein Unglück an.
Denn seine Partei, demokratisch gesinnt gegen die Magnaten und die mächtige Kirche unter Papst Bonifaz VIII., wurde 1301 gestürzt.
Gegen Dante wurde Anklage erhoben. Man warf ihm Betrug vor, ungerechtfertigten Gewinn, Erpressungen, Bestechlichkeit, zu hohe Einnahmen, Feindseligkeit gegenüber dem Papst. Nur der letzte Anklagepunkt entsprach der Wahrheit. Rechtzeitig gewarnt, war Dante mit anderen Angeklagten geflohen. In Abwesenheit zum Tode verurteilt, drohte ihm auf florentinischem Gebiet der Tod auf dem Scheiterhaufen. Das Urteil hielten die Florentiner noch neun Jahre trotz einer allgemeinen Amnestie aufrecht. Es wurde sogar dreizehn Jahre später noch einmal wiederholt.
Ausgestoßen, vogelfrei
Zwanzig Jahre Exil sollten vor Dante liegen, seine Frau und die Kinder blieben in Florenz. Mittellos, war Dante auf fürstliche Gönner angewiesen. Von anderen Exilierten hielt er sich fern, machte „eine Partei aus sich allein”, wie er schrieb. Aber er kam viel im Land herum und verfasste mehrere Schriften.
1304 weilte der Dichter als Gast am Hofe des Bartolomeo di Scala in Verona. Dann setzte ein unstetes Wanderleben ein, stets von der Hoffnung begleitet, nach Florenz zurückkehren zu können. Vielversprechend schien da der Italienzug des Luxemburger Kaiser Heinrichs VII. zu sein, doch der frühe Tod des Kaisers machte alles wieder zunichte. Seine letzten Jahre verbrachte Dante in Ravenna als Gast des Herrschers Guido Novello da Polenta. Dort, in Ravenna, starb der Dichter am Kreuzerhöhungsfest des Jahres 1321 im Alter von 56 Jahren.
Das Leben in der Verbannung, das ruhelose Hin und Her, machte ihn fähig, seine Zeit besser zu erkennen, als es ihm in Florenz vielleicht möglich gewesen wäre. Unentwegt arbeitete Dante an seinem dichterischen Hauptwerk, der „Commedia“, die später „Divina Commedia” - Göttliche Komödie - genannt wurde. Das Werk schildert eine Wanderung Dantes durch Hölle, Fegefeuer und Himmel.
An der Schwelle zur Renaissance
Komödie nannte Dante sein Werk, weil es, wie er sagte, „furchtbar und hässlich beginnt und mit dem schönen und wünschenswerten endet.” Ähnliches hatte der antike Philosoph Aristoteles von der Komödie gesagt und „Komödie“ sollte das Werk auch deswegen heißen, weil es im angeblich anspruchslosen Stil, in italienischer Sprache, verfasst war.
Andere Werke hatte Dante im anspruchsvollen Latein, der Sprache der Gelehrten, verfasst. Wenn er seine Commedia in italienischer Sprache verfasste, wandte er sich an ein größeres Publikum: an das Volk Italiens. Und sein Umgang mit der Muttersprache war so meisterhaft, dass das Italienische durch Dantes Werk mit einem Schlag zur Literatursprache erhoben wurde. Volkstümlich war auch die poetische Form: Dante schrieb sein Werk in Terzinen, in Dreizeilern. So entstanden schon im Mittelalter Auftragswerke an Fahrende Sänger und Spielleute.
Und so wie Troubadoure sich Damen erwählten, die sie mit ihren Gesängen umwarben, verewigte Dante seine Jugendliebe Beatrice in seiner Commedia. Neun Jahre alt waren Dante und Beatrice bei ihrer ersten Begegnung, neun Jahre später sahen sie sich wieder. Die Zahl drei, die Wurzelzahl der neun, ist die Ordnungszahl der Commedia. Drei Stationen durchläuft die Handlung: Hölle, Purgatorium (Fegefeuer) und Paradies.
So gliedert sich Dantes Versepos in drei Bücher, jedes davon besteht aus 33 Gesängen. Ihnen wird noch ein Eingangsgesang vorausgestellt, denn auch die Zahl 100 (33 + 1) gilt als vollkommene Zahl.
Auch der Teufel gehört in Gottes Plan
Denn es geht um einen Kosmos, der auch eine numerische Entsprechung zwischen himmlischer Ordnung und irdischen Verhältnissen widerspiegelt. So ist das ganze Gedicht geformt wie ein großer architektonischer Entwurf: die Hölle, das Inferno, umfasst neun Höllenkreise, das Purgatorium ist ebenfalls in neun Räumen untergebracht, gleichfalls der Himmel: Klare Zahlen treffen klare Unterscheidungen. „In Gottes Schöpfung herrscht Ordnung und diese Ordnung hat auch eine mathematische Dimension,” sagte der Journalist Tilman Spengler dazu im Bildungskanal „Bayern Alpha”.
Der Held des Werkes verirrt sich in einem wilden, oder, wie er selbst schreibt, „harten und gedrängten Wald“ und begegnet in der Morgensonne des Karfreitags des Jahres drei gefährlichen Tieren: „dem Panther, dem Sinnbild der fleischlichen Begierde, dem Löwen, dem Symbol des Hochmuts, und der Wölfin, der Verkörperung der Habgier”, so Tilman. Die Bestien zwingen den Erzähler in ein finsteres Tal. Schon glaubt sich Dante verloren, da trifft er auf seinen Retter Vergil, den Dichter der Aeneis. Dieser verspricht, ihn sicher durch die Reiche des Jenseits zu führen. Den Himmel darf Vergil nicht betreten, wohl aber seinen Schützling durch Purgatorium und Hölle begleiten. An der Schwelle des Paradieses empfängt ihn dann seine Jugendliebe Beatrice.
Die ersten beiden Bücher beschreiben eine Wanderung durch den Kosmos menschlicher Verfehlungen, personifiziert durch historische Gestalten, die für alle Verbrechen und Irrtümer stehen, die jemals begangen wurden. Dabei spart der Dichter eigene Mitbürger nicht aus und bestraft sie gleich für alle Ewigkeit, indem er sie in die geeigneten Höllen verbannt.
Das Böse: Leiter zum Licht
Aber nicht Abrechnung oder subtile Rache sind Thema der Göttlichen Komödie, sondern die Beschreibungen einer Umkehr. „Tatsächlich sind all die Stationen der literarischen Reise Bilder für ein inneres Geschehen” schrieb der Theologe und Psychologe Lorenz Wachinger vor einiger Zeit in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart”. Die „verwirrende Fülle von Begegnungen und Gesprächen mit Verdammten, Auseinandersetzungen mit Teufeln, durchdrungen von Panik und Hast” in den Gesängen des „Inferno” meinten „immer das eine: Das Böse ist in dir, du musst nur genau hinschauen und nicht ausweichen, dich selbst täuschen. Aber du kommst aus dieser Hölle heraus, wenn du „den Wolf umarmst”. Dein Böses wird dir zur Leiter, an der du wieder ans Licht steigst.” Folgerichtig laute daher der letzte Vers des „Inferno“: „Dort kamen wir heraus und sah’n die Sterne.“
Dass damit erst ein Anfang gemacht ist, zeigt der Weg durch das Purgatorium, das Fegefeuer: „Seelenarbeit wird es brauchen”, schreibt Lorenz Wachinger, „wenn Fehlhaltungen wie falscher Stolz, Neid, Gier zu korrigieren sind, die gute Lebenseinstellung einzuüben ist.” Dante finde dafür das Bild der sieben Umkreisungen des Bergs. „Auf dem Weg nach oben sieht und hört er Beispiele der Sünden: Die härteste ist der Stolz, die leichteste, gleichwohl schmerzhafte, ist die ungeordnete Liebe. Es ist eine Meditation des inneren Lebens. Die Heilung kostet viel und tut weh; die Aufsprengung des zu engen Bewusstseins erleidet man. Das eben ist der Sinn des zweiten Teils der „Göttlichen Komödie“: die Erfahrung des Menschenlebens mit allen Sinnen, erschütternd, heilend und reinigend, dargestellt als Durcharbeiten der sieben Haupt- oder Wurzelsünden, falscher Haltungen dem Leben und seiner Tiefe gegenüber. Dante sagt vom „Läuterungsberg” einmal: „der, was die Welt krümmt, grade macht”.”
Der Dunkle
So wird die Wanderung durch die Welt des Jenseits zum Bild einer inneren Reise und Reifung: schmerzlich in der Hölle der Selbsterkenntnis, mühsam im Purgatorium der Umkehr, beglückend, im Eintritt ins Paradies, in der Schau Gottes und in der Erfahrung der Liebe.
„Sein Gesicht ist dunkel”. Wenn die Frauen von Verona an Dante vorübergingen, sollen sie sich zugeflüstert haben, er sei schon gebräunt von der Glut der Hölle. „Er steigt hinab, wann immer er will, aber er kann auch zurückkehren”. Denn wenn ein Mensch sich auf die Reise in die Tiefen seiner Seele begibt, können ihn Höhen und Tiefen, Ausweglosigkeiten und Sackgassen begegnen, die er nicht erwartet hat - auch heute. Dass es trotz aller Verzweiflung einen gnädigen Halt und Grund gibt, das hat Dante in seinem Werk bezeugt.
Reinhard Nixdorf

