Die italienische Stadt Assisi ist ihrem Retter bis heute dankbar
„Eine Frau kam auf mich zu, glücklich und sehr bewegt. Sie erzählte von ihrer großen Angst während des Krieges”, schrieb Valentin Müllers Tochter Irmgard bei einem Besuch in Assisi 1950 in ihr Tagebuch. „Doch als der Oberst ,il colonello (damit war Valentin Müller gemeint) die Stadt betreten hatte, verließ sie die Angst. Die Einwohner Assisis verehren Dr. Valentin Müller als den Retter der Stadt, ihm sei es zu verdanken, dass die heiligen Stätten, die mittelalterlichen Mauern, die Kunstschätze ebenso wie die Menschen, unbeschadet blieben. Während des Krieges sagten die Menschen: Wir haben drei Beschützer: Gott, den Heiligen Franziskus und Oberst Müller.”
Valentin Müller, dessen Todestag sich Ende Juli zum siebzigsten Male gejährt hat, wurde 1891 als Sohn eines Zimmermanns im unterfränkischen Zeilitzheim geboren. Als er dreizehn Jahre alt wurde ermunterte ihn ein Onkel, der selbst Priester war, das bischöfliche Knabenseminar Kilianeum in Würzburg zu besuchen. Ostern 1911 absolvierte Valentin Müller das Neue Gymnasium in Würzburg und trat noch im gleichen Jahr in die Würzburger Normannia ein. Er studierte von 1911 bis 1920, unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, zehn Semester Medizin in Würzburg und ein Semester in Erlangen. Als fast fertiger Arzt wurde er eingezogen und rettete viele Verwundete an der Front. Für seinen Einsatz erhielt er später die silberne Tapferkeitsmedaille. Am Kriegsende nahmen ihn die Briten gefangen, jedoch gelang es ihm, mit Hilfe eines Tricks freizukommen.
Als Medizinalpraktikant schloss er am 16. Dezember 1920 in Würzburg das Studium mit dem Rigorosum und der Annahme einer 28-seitigen Dissertation ab. Referent im Promotionsverfahren war der Gynäkologe Max Hofmeier. 1925 war Müller niedergelassen als Praktischer Arzt in Titting bei Eichstätt.
Im Jahr 1922 heiratete er Maria Hofer, die Tochter eines Kaufmanns. Zusammen hatten sie zwei Kinder, Sohn Robert und Tochter Irmgard, die ebenfalls Ärzte wurden. 1933 zog Familie Müller nach Eichstätt, weil es Schwierigkeiten mit den örtlichen Nationalsozialisten gegeben hatte. Valentin Müller war niemals Parteimitglied gewesen und der einzige Arzt, der in dieser Zeit kranke jüdische Patienten noch zu Hause besuchte. Er eröffnete in Eichstätt eine Praxis für die ganze Region. Von frühmorgens bis spätabends arbeitete er. Im Jahr 1937 kauften sie von einer jüdischen Familie ein Haus in der Eichstätter Luitpoldstraße.
Ärztliche Hilfe für die Besetzten
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Valentin Müller einberufen. Er diente als Oberarzt in der Wehrmacht im Rang eines Oberst. Er war an den Feldzügen gegen Polen, Frankreich und Russland beteiligt. Seiner Frau schrieb er beinahe jeden zweiten Tag einen Brief. Unter anderem berichtete er, dass er auch zu den gegnerischen Zivilisten gerufen wurde, um sie als Arzt zu versorgen.
Im Brief vom 2. Juni 1940 wird seine Haltung den Menschen gegenüber, ob Freund oder Feind, sehr deutlich: „Es ist immer, wenn ich ein Haus betrete, in den Gesichtern die Angst und die Abneigung zu lesen. Spreche ich dann einige Worte mit warmer Stimme, streiche dem Kranken mit der Hand durchs Haar und nehme dann seine Hand fest, so werden sie ruhig und langsam sieht man das Vertrauen in den Augen wachsen, die Not, der Schmerz, die Krankheit kommt zum Vorschein, auf einmal sind sie leidender Mensch, nicht mehr Feind. Sie sind dann von einer rührenden Hingabe, haben großes Vertrauen und glauben alle, dass sie wieder gesund werden, wenn ich länger da bleibe. Gestern wollte mir eine Frau drei Eier schenken, eine andere Speck, eine dritte wollte bezahlen. Und wenn ich dann ablehne, so weinen sie, fassen nach der Hand, wollen sie küssen und danken, danken. Genug davon.“
In einem anderen Brief schrieb er: „Heute habe ich ein Mädel, vier Jahre alt, das sich schwer verletzt hatte, versorgt; anfangs schrie und jammerte es, aber binnen kurzer Zeit, war sie meine Freundin und scherzte und lachte mit mir.“- „Inzwischen sind wir schon wieder woanders, aber ich versuche jeden zweiten Tag zurückzukommen an meinen früheren Platz, wo ich ein Mädel mit zehn Jahren mit einer schweren Lungenentzündung zurückließ und eine schwer verletzte Frau. Du glaubst nicht, wie die ganzen Familien weinten, als ich fortzog. Als ich das erste Mal zurückkam, waren Freudentränen das erste. Gott sei Dank geht´s beiden besser.“
Es war durchaus gefährlich für ihn, in dieser Weise zu helfen: „Dadurch, dass ich einem kranken Zivilisten etwas Gutes tun wollte, habe ich jetzt derartige Scherereien. Aber ich bin im festen Vertrauen, dass sich wie jede, auch diese gute Tat lohnt. Ich habe es so gut gemeint … hat mich schon manche schlaflose Nacht beinahe gekostet, zumal ich mich mit niemandem aussprechen kann.“ Er deutet an, dass er innerhalb der Wehrmacht unter Beobachtung stand, ja wegen seiner religiösen Haltung bedroht wurde. Er soll es nicht geduldet haben, dass in seinem Beisein ein Soldat fluchte.
1942 wurde er angewiesen, das erste Lazarett in Stalingrad einzurichten. Nur wenige Tage bevor die Rote Armee die Stadt einschloss, wurde er aber nach Lourdes abberufen, um dort eine Abteilung für den Transport von Verletzten aufzubauen. Als Chef dieser Abteilung kam er 1943 in Italien an. Hier erfuhr er vom Vorhaben, in Assisi ein Lazarett zu errichten. Er interessierte sich dafür, diese Aktion zu leiten.
Stadtkommandant von Assisi
„Als Italien am 8. September 1943 vor den Alliierten kapitulierte und die Deutschen eine Front südlich von Neapel errichteten”, so Siegfried Koß im 3. Band des KV-Lexikons, „wurde Müller Stadtkommandant von Assisi (September 1943). Nach Müllers Vorstellungen erklärte Generalfeldmarschall Albert Kesselring Assisi zur offenen, d.h. unverteidigten Stadt, besonders in ihrer Funktion als Rekonvaleszenten- und Lazarettzentrum. Nach der Haager Landkriegsordnung durfte die Stadt demzufolge nicht mehr angegriffen werden, weshalb Valentin Müller als Retter von Assisi gilt. Alexander Ramati beschreibt in seinem Buch „Der Assisi Untergrund” wie in Müllers Zeit als Stadtkommandant Italiener Juden vor dem Tod retteten und Müller „es stillschweigend geschehen ließ”.
Als Spitze der Militärverwaltung in der Stadt und als Leiter der Lazarette und Krankenhäuser „machte er keinen Unterschied zwischen Italienern, Juden, Deutschen, keinen zwischen Zivilisten und Soldaten, keinen zwischen Gesunden, Kranken, Verwundeten”, wie A. Calzodari in seinem in dieser Zeitschrift 1988 erschienen Gedenkaufsatz für Valentin Müller schrieb.
Als in der zweiten Junihälfte 1944 die Wehrmacht ihre Stellungen am Trasimenischen See und bei Perugia aufgab, löste Müller die Lazarette in Assisi auf und verlegte auch die Verwundeten nach Norden, übergab aber einen Großteil der medizinischen Geräte, Medikamente und Lebensmittel dem Bischof von Assisi, Placido Nicolini.
Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft konnte Valentin Müller noch 1945 nach Eichstätt zurückkehren, wo er seine ärztliche Praxis fortsetzte. Wie in Assisi besuchte er jeden Morgen um 6 Uhr die Frühmesse. Seine Frau erzählte einmal, dass sie ihn nach einem nächtlichen Noteinsatz nicht aufweckte. Sie hatte gedacht, er bräuchte dringend seinen Schlaf. Doch er tadelte sie: „Warum hast Du mich nicht geweckt? Du weißt doch, wie ich es brauche!“
Ehrung für einen Helden
Im Jahr 1950 war er zusammen mit seiner Familie nach Assisi eingeladen. Die ganze Stadt empfing ihn wie einen Helden. Bereits im Frühjahr 1951 erkrankte er schwer. Nur sechs Wochen, nachdem er seine Arbeit einstellen musste, starb er in einem Münchner Krankenhaus. Einer seiner letzten Besucher war ein enger Freund, Pater Antonio Cairoli, der Generalpostulator der Franziskaner-Minoriten in Rom. „Mein Assisi kommt zu mir zurück!”, waren seine letzten Worte, als er den Pater in sein Krankenzimmer kommen sah.
Dr. Valentin Müller ist in Eichstätt begraben. Auf seinem Grabstein ist die Silhouette der Basilika San Francesco und des Sacro Convento in Assisi zu sehen.
1982 brachten Bürger aus Assisi einen „Friedensstein” ins Würzburger Minoritenkloster, auf dem auch an Valentin Müller gedacht wird. Sein Wirken wurde Stoff eines Kino-Films mit James Mason in der Rolle des Bischofs Nicolini und mit Maximilian Schell als Valentin Müller. Am 7. September 1987 enthüllte Normannia-Würzburg in Assisi eine 80 x 82 große Bronzetafel zu Ehren Müllers.
Bernadette und Josef Raischl, Siegfried Koß

Dr. Valentin Müller
Valentin Müllers Geburtsort Zeilitzheim, heute ein Ortsteil der Gemeinde Kolitzheim im Landkreis Schweinfurt, hat eine Straße nach ihm benannt. An ihrem Ende, umrahmt von drei Linden, steht ein Gedenkstein mit der Inschrift:
„In Erinnerung an Oberstarzt Dr. Valentin Müller * 15.08.1891 in Zeilitzheim, (gest.) 31.07.1951 in München. Retter der Stadt Assisi.“
Das Grab des gebürtigen Zeilitzheimers befindet sich in Eichstätt, wo Valentin Müller siebzehn Jahre als praktischer Arzt wirkte. Als Oberstarzt der Wehrmacht und Stadtkommandant von Assisi konnte Müller während des Zweiten Weltkriegs viele Menschen, darunter italienische Juden, die versteckt im Untergrund lebten, vor Leid und Tod bewahren.
Mit Mut und kluger Taktik gelang es ihm, bewaffnete deutsche Einheiten aus der Stadt herauszuhalten und diese zur Lazarettstadt erklären zu lassen. Damit schützte er die Menschen, die Stadt sowie die historischen Gebäude, Kirchen und Kunstschätze vor den anrückenden amerikanischen und englischen Truppen und verhinderte Angriffe mit Bombardement, Granatenhagel und Häuserkampf.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Dr. Valentin Müller vom italienischen und israelischen Staat geehrt und ausgezeichnet. Die Stadt Assisi ernannte ihn zum Ehrenbürger, 2005 ehrte ihn posthum die Franziskanische Universität Sankt Bonaventura in New York. 1984 wurde sein Leben verfilmt mit Maximilian Schell in der Hauptrolle. Würzburg, wo sich das älteste Franziskanerkloster diesseits der Alpen befindet, erhielt von Bürgern aus Assisi zum „Zeichen der Verbundenheit“ einen Gedenkstein, der im Kreuzgang des Klosters eingebaut wurde und die Namen der Männer trägt, die 1944 die Stadt vor der Zerstörung bewahrten. 1987 übergab eine Abordnung der KStV Normannia Würzburg der Stadt Assisi eine Gedenkplatte mit dem Bildnis von Dr. Valentin Müller.
Zum hundertsten Geburtstag von Dr. Valentin Müller am 15. August 1991, ehrte die Gemeinde Zeilitzheim den engagierten Arzt mit der Aufstellung des Gedenksteins. An der Enthüllung nahm auch sein damals fast hundertjähriger Bundesbruder Dr. Hermann Hahn von dem KStV Normannia-Würzburg teil.