„Vale universitas“ oder ein KVer, der als Komponist in der Versenkung verschwand
Kaum ein Kommers vergeht, bei dem nicht das Studentenlied „Vale universitas“ erklingt. Neben dem „Gaudeamus igitur“ gehört es wohl zu den beliebtesten Cantus der deutschsprachigen Korporationsstudenten. Wer den Text geschrieben hat und wie und wann es entstand, lässt sich leicht erkunden. Aber wer der Komponist ist, wird unterschiedlich beantwortet.
Das Volkliederarchiv im Internet nennt Ottokar Kernstock als Verfasser des Liedes „Vale universitas” und Hans Klöpfer als Komponisten, der es vor 1902 vertont haben soll. Als Quelle erscheint das „Allgemeine Deutsche Kommersbuch”. Das „MarkomannenWiki“ schreibt hingegen die Melodie dem Walhallanen Wilhelm Nieveling zu, der sie 1907 komponiert habe. Was ist richtig?
Im Österreich-Forum wird Ottokar Kernstock (1848-1928) als Priester, Forscher, als patriotischer, deutschnationaler und spätromantischer Dichter vorgestellt. Er stammte aus Marburg an der Drau in der damaligen Südsteiermark, einer Stadt, die heute Maribor heißt und zu Slowenien gehört, aber zu Zeiten der Geburt Kernstocks eine überwiegend deutschsprachige Bevölkerung hatte.
Der Textdichter Ottokar Kernstock
Den größten Teil seiner Jugend verbrachte Kernstock allerdings in Graz, wohin die Familie verzogen war. Dort besuchte er Volksschule und Gymnasium und bezog nach der Matura die Universität, um Jura zu studieren. Nach zwei Semestern entschied er sich anders und trat 1867 mit 19 Jahren in das Augustinerchorherrenstift Vorau in der nordöstlichen Steiermark ein, wo sein Taufname Otto durch Ottokar ersetzt wurde. 1871 erfolgte die Priesterweihe. Im Stift erhielt er zusätzlich eine fundierte Ausbildung zum Mediävisten und übernahm deshalb für einige Zeit die Betreuung des Stiftsarchivs.
Mit Begeisterung vertiefte er sich in die Erforschung des Mittelalters, das er freilich idealisierte und glorifizierte. Ab 1877 betätigte er sich als Seelsorger und wurde 1889 Pfarrvikar in Festenburg/Steiermark, wo er auf der gleichnamigen Burg, die dem Stift Vorau gehörte, bis zu seinem Tod 1928 wohnte. Früh begann er Gedichte zu verfassen. Viele erschienen in der Münchner Wochenschrift „Fliegende Blätter“, die eigentlich eher der Satire diente.
Während der Nationalitätenkämpfe in Österreich-Ungarn bekannte sich Kernstock dezidiert zum Deutschtum, blieb aber „kaiser- und kirchentreu“. Damit unterschied er sich von der völkischen, antisemitischen und antiklerikalen „Alldeutschen Vereinigung“ eines Georg von Schönerer (1842-1921), mit der er allerdings „manche Vokabel teilte“, wie es der Grazer Germanist Helmuth Himmel in der Neuen Deutschen Biographie festgehalten hat. Dort lesen wir auch, dass Ottokar Kernstock 1916 zum Leiter des Germanistischen Seminars an der Lehrerakademie in Wien berufen wurde, was der Satiriker Karl Kraus (1874-1936) zum Anlass nahm, in der „Fackel“ mit ihm hart ins Gericht zu gehen. Er wies in einer bitterbösen Satire darauf hin, dass einige Kriegsgedichte Kernstocks „mehr von streit-barem Blut als von priesterlichem Geist“ zeugten. Er nannte ihn „den blutigsten Dilettanten der Weltkriegslyrik“ und „verewigte“ ihn auch noch in seinen „Letzten Tagen der Menschheit“.
Ein schwerer Fehler unterlief Kernstock, als er 1923 für eine steirische Ortsgruppe der NSDAP ein deutschnationales „Hakenkreuzlied“ verfasste, in dem es etwa heißt: „Wer sich um
dieses Zeichen schart, ist deutsch mit Seele, Sinn und Art und nicht bloß mit dem Munde“ oder „Wir fürchten Tod und Teufel nicht! Mit uns ist Gott im Bunde“. Noch im gleichen Jahr hat Kernstock diesen Missgriff eingestanden, wie man dem Österreich-Forum entnehmen kann. Hier war er wohl zu naiv gewesen, als er der Bitte um eine Gedicht entsprach. Mit dem Nationalsozialismus wollte er sich nicht identifizieren. Von ihm war er nicht kontaminiert.
Inwieweit er sein „Wegbereiter“ gewesen ist, für den ihn der jetzige österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen hielt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Sein grobschlächtiger und radikaler Nationalismus und sein blutiges Kriegspathos scheinen zu seinen Lebzeiten außer von Karl Kraus nicht von vielen als anstößig empfunden worden zu sein. Immerhin wurde er doch „von frühen Sozialdemokraten noch als ,Friedensdichter‘ geachtet“, so nicht ohne Ironie der Kultursoziologe Roland Girtler. Es muss außerdem in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass Kernstock den Text der auf die Melodie von Joseph Haydns „Gott erhalte Franz den Kaiser“ gesungenen österreichischen Bundeshymne von 1929 mit dem Anfang „Sei gesegnet ohne Ende“ geschrieben hat.
Entstehung und Bedeutung des Liedes
„Vale universitas“ hat mit der nationalistischen Seite Kernstocks nicht das Geringste zu tun. Das Lied erschien 1897 in seiner Gedichtsammlung „Aus dem Zwinggärtlein“ und schildert in einer „romantisierend verklärenden Weise“ (Roland Girtler) das freie Leben der mittelalterlichen „fahrenden Gesellen“, die er einen lobenswerten Orden nennt („Sumus de vagantium ordine laudandum“). Dabei bringt er den damals längst unerfüllbaren Wunsch zum Ausdruck, es ihnen nachzutun, um eine Wegzehrung zu bitten und dann rasch weiterzuziehen („Petimus viaticum porro properare“).
Köstlich ist auch die im Lied erzählte Geschichte von der Pfarrhaushälterin Hilde, die als Drachen („Drack“) erscheint. Während der „Drack“ im Liedtext vom Dichter drei Zeilen später selbst mit „Drachen“ übersetzt wird, weiß man höchstens als Germanist, dass sich „säldereich“ von mittehochdeutsch „sælderîche“ ableitet und „glückselig“ bedeutet. Nicht ganz gelungen erscheint auch der Wechsel von „Vale universitas, bursa“ in Latein auf dann „und Taberne“ in Deutsch, weil es dem Reim zu „Ferne“ entsprechen muss. Obendrein ist „Taberne“ eine Mischung aus lateinisch „taberna“ und deutsch „Taverne“. Allerdings sind diese „Schönheitsfehler“ sicher verzeihlich und tun dem Lied an Originalität keinen größeren Abbruch.
Das sei noch ergänzt: Auf eine gewisse Beeinflussung Kernstocks durch Joseph Victor von Scheffel (1825-1896) und dessen „Heimatliteratur“ wird in der germanistischen Literatur öfters hingewiesen. Erinnert sei hier zusätzlich an die Texte des auf Kommersen oft gesungenen „Frankenlieds“ und der Studentenlieder „Als die Römer frech geworden“, „Im schwarzen Walfisch zu Askalon“ sowie besonders an dessen Erfolgsepos der „Trompeter von Säckingen“ aus dem Jahr 1854. Dieser zieht auch als Wanderer durch die Lande, wird von einem Pfarrer eingeladen, trinkt zwar Bier statt Wein und zieht freilich auch bald von dort nach Säckingen, um am Fest des heiligen Fridolin teilzunehmen.
Die Melodie des „Vale universitas“
Wer sich die Mühe macht, in der Literatur nach dem Komponisten des Liedes Ausschau zu halten, wird wie eingangs erwähnt auf Hans Klöpfer (1867-1944) stoßen. Als Beleg dazu gilt das „Allgemeine deutsche Kommersbuch“ von 1914. Außerdem erfährt man bei ande-ren, 1929 habe Viktor Zack (1854-1939) einen dreistimmigen Tonsatz für „Vale universitas“ veröffentlicht. Da die beiden Genannten Mitglieder der national-liberalen Sängerschaft „Gothia“ in Graz und Kernstock ab 1913 deren Ehrenmitglied gewesen sei, spräche man auch vom „Drei-Gothen-Lied“ (Raimund Lang).
Doch wenn überhaupt, kann man es bestenfalls als „Zwei-Gothen-Lied“ bezeichnen, denn Wilhelm Nieveling (1876-1941), Mitglied der „Walhalla“ in Würzburg und Arzt für Gastroenterologie lässt sich unabweisbar als Komponist des „Vale universitas“ belegen. 1907 hatte ihn sein Bundesbruder Karl Reisert (1857-1939) mit der Komposition für das von ihm herausgegebene „Deutsche Kommersbuch“ gebeten. Dort ist es auch mit diesem Hinweis veröffentlicht worden. Deshalb gibt ihn auch das „MarkomannenWiki“ als Komponist an.
Wer auf die Idee kam, die Komposition Hans Klöpfer zuzuschreiben, lässt sich vermutlich nicht mehr klären. Mag es damit zusammenhängen, dass niemand Wilhelm Nieveling kannte, der Arzt, Schriftsteller und Verseschmied Hans Klöpfer hingegen vor dem Ersten Weltkrieg bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte? 1912 war dessen erstes Buch erschienen. Aber es hätte doch zusätzlich stutzig machen müssen, dass er sonst nicht als Komponist hervorgetreten ist. Übrigens darf man nicht verschweigen, dass er im Gegensatz zu Kernstock ein dezidierter Nationalsozialist gewesen ist, der den Einmarsch in Österreich 1938 gefeiert und im gleichen Jahr ein Loblied auf Adolf Hitler in steirischer Mundart geschrieben hat.
Ob es noch gelingen wird, die Autorenschaft der Melodie des „Vale universitas“ unseres Kartellbruders Wilhelm Nieveling wieder ins Bewusstsein zu rufen, sei dahingestellt. Vielleicht hilft in unseren Tagen ja dabei, dass er sich nicht vor den Karren der Nationalsozialisten hat spannen lassen.
Wolfgang Löhr
Liedtext
1. Vale Universitas,
Bursa und Taberne!
Blumen dringen durch das Gras
und uns lockt die Ferne.
Zwar fasst unser fahrend' Gut
leicht ein winzig' Tüchlein
doch was schad's? Was not uns tut,
schafft das Zaubersprüchlein:
|:Sumus de vagantium ordine laudando. Petimus viaticum porro
properando:|
2. Abbas illustrissimus
ist in jungen Jahren
auch als vagans clericus
durch das Land gefahren.
Drum winkt er dem Kellner gleich,
hört er drauß' uns pochen,
denkt der Zeiten säldereich,
da er selbst gesprochen:
Sumus de vagantium usw.
3. Sehn wir im Vorübergehn
eine Maid im Gärtlein
zwischen Gilg und Rosen stehn,
klopfen wir ans Pförtlein.
Neigt sie sich verschämt uns zu,
fragend, was wir gehren —
einen Kuss, Blauäuglein du!
einen Kuss in Ehren!
Sumus de vagantium usw.
4. Vor dem Pfarrhaus schreckt ein Drack oft uns arme Pilger:
„Hebt euch weg, Vagantenpack!
schnöde Weinvertilger!”
Doch es winkt des Pfarrherrn Hand
hinterm Drachen milde —
das Barett ziehn wir galant
vor der bösen Hilde:
Sumus de vagantium usw.
5. Tat ein Schloß auch nie sich auf
Feinden, die's berannten,
stürmen es im Siegeslauf
fröhliche Vaganten.
Eine Tageweise hell
bläst zum Gruß der Türmer;
Herr und Tross ergibt sich schnell,
schallt der Ruf der Stürmer:
Sumus de vagantium usw.
6. Und wenn ab das Glück sich kehrt, unsre Wangen blassen —
der die jungen Raben nährt,
tut uns nicht verlassen.
Steht sein Bild am Straßenrand,
traut im Tannenreise,
grüßen wir's mit Mund und Hand,
und dann flehn wir leise:
Sumus de vagantium usw.

