Die Kirchen stehen vor ganz neuen Herausforderungen
Viele Politiker wissen, was die Kirchen an sozialen Diensten leisten. Allerdings werden die Glaubwürdigkeit und der Status der Kirchen stärker hinterfragt. Das macht uns mehr und mehr zu schaffen”, sagte Kb Prälat Dr. Karl Jüsten (Rh-I, Arm, E d Wf-K), Vertreter der katholischen Bischöfe in Berlin, kürzlich in einem Interview mit der Katholischen Nachrichten Agentur KNA. Kb Jüsten sieht die Kirchen vor ganz neuen Herausforderungen. Die allgemeine Säkularisierung sei spürbar. Durch Fehler und Versäumnisse bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs haben sich die Menschen weiter von der Kirche entfernt. „Für die Politik möchte ich dies aber nicht einfach verallgemeinern”.
Zur Ära Merkel zog der Vertreter der katholischen Bischöfe in Berlin eine gemischte Bilanz. Angela Merkel habe Deutschland mehr als sechzehn Jahre in wechselnden Kostellationen sehr gut regiert und das Land mit ihrem sachlichen Politikstil geprägt, sagte Jüsten. Durch die Art und Weise, wie sie in schwierigen Phasen und Krisen ihrer Regierungszeit agiert habe, habe sie sich in der Bevölkerung großes Vertrauen und hohes Ansehen erworben. Angesichts solcher umfassender Herausforderungen wie Klimaschutz, Digitalisierung oder demografischer Entwicklung sei die Ära Merkel aber auch mit gesellschaftlichen Veränderungen und Wandlungen verbunden, die Unsicherheit und Fragen auslösten.
Er habe Angela Merkel als Mensch kennengelernt, „der gerne andere Meinungen hört, humorvoll, warmherzig und sehr neugierig sein kann, auch bei theologischen Fragen. In ihrer Zeit als Bundeskanzlerin durfte ich ihr in zahlreichen Fachgesprächen und Konferenzen begegnen. Wir haben ein sehr gutes, konstruktives persönliches Verhältnis, das auch Kontroversen aushält.” Doch habe es nicht immer nur Übereinstimmungen gegeben. „Bei der Corona-Politik mussten die Religionsgemeinschaften mehrmals darauf pochen, dass die Religionsfreiheit für Gottesdienste respektiert wird.”
Mittlerweile gebe es ein viel stärkeres gesellschaftliches Bewusstsein für Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes, der Globalisierung, Digitalisierung und Entwicklungszusammenarbeit. Auch habe sich das gesellschaftliche Verständnis traditioneller Institutionen verändert, die Zivilehe sei für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet worden. „Wir wollten das nicht. Inzwischen gibt es aber auch in der Kirche Diskussionen über eine Neubewertung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.”
Insbesondere bei Reproduktionsmedizin und Gentechnik sehe man von Seiten der Kirche die Entwicklung ethisch eher kritisch. Doch zeige sich, dass die Kirchen in bioethischen Debatten weiter gefragt und um Einschätzung gebeten werden. „Bei der Diskussion über die Neuregelung der Organspende sowie beim assistierten Suizid konnten wir mit unserer Position politisch überzeugen. Nach dem Urteil des Bundesverfassungs-gerichts zum Verbot geschäftsmäßiger Suizidbeihilfe werden wir diese Diskussion in der kommenden Legislaturperiode weiterführen.”
Zu wechselnden Regierungskonstellationen sagte Kb Jüsten: „Wenn wir eine gute Expertise haben und das, was wir sagen, dem Gemeinwohl dient, dann werden wir gehört. Dann besteht auch eine gute Chance, dass unsere Vorschläge aufgegriffen werden. Das ist Demokratie.”