Imaginäre „Familien” im Kartellverband
In Vorbereitung des 150. Stiftungsfestes hat die KStV Erwinia ihre Mitgliederdaten seit Gründung 1873 bis heute korrigiert und aktualisiert. Dies umfasst auch die „Leibverhältnisse” der Bundesbrüder Erwinias. Aber was ist das eigentlich - ein „Leibverhältnis”? Dazu schlagen wir im Wiki der KStV Markomannia (www.markomannenwiki.de) nach, einem umfangreichen Nachschlagewerk zu studentischen Bräuchen. (Hinweis: Das Anklicken „blau“ gefärbter Links führt zu weiteren Erläuterungen ins Internet)
Wer als Leibbursch beziehungsweise Biervater ausgewählt werden kann und in welchem Zeitraum die Auswahl vor sich gehen soll, das regeln die einzelnen Korporationen unterschiedlich. So steht in der Satzung der KStV Erwinia: „Jeder Fuchs hat sich innerhalb sechs Wochen nach dem Eintritt aus der Zahl der Burschen (Aktive oder Inaktive i. l.) einen Leibburschen (LB) zu wählen. Die Wahl des Leibburschen bedarf der Genehmigung des BC (Zweidrittel-Mehrheit). Kein Bursche darf mehr als zwei gleichsemestrige Leibfüchse haben.“
Die praktische Handhabung dürfte sich in den einzelnen Korporationen unterscheiden, auch ob und wie solche Leibverhältnisse erfasst, dokumentiert und archiviert werden.
Bei den Erwinen wurden Bierfamilien entweder durch einen Burschen in höheren Semestern, der in einer anderen Korporation einen Leibbursch ausgewählt hatte, und mit seinen Leibfuchsen eine neue Bierfamilie gründete oder durch bewusste Abtrennung von einer existierenden Bierfamilie eine neue Bierfamilie ins Leben gerufen. Da Erwinia nach dem Verbot durch den Nationalsozialismus erst 1952 „wieder gegründet“ wurde, war sie fast zwanzig Jahre ohne Aktivitas. Deshalb übernahmen Alte Herren „honoris causa“ evtl. eine zweite Leibburschenschaft, so etwa wie ein Stiefvater. Dokumentiert man diese Leibverhältnisse um- fassend, so werden weitgehend alle existierenden Mitglieder, ob ausgetreten, ausgeschlossen oder verstorben, erfasst, da diese in den Stammbäumen ausgetretene, ausgeschlossene und verstorbene Mitglieder nicht gelöscht werden, wie es etwa bei einer reinen Mitgliederverwaltung erfolgt.
Man kann aus diesen Daten manuell kalligrafisch gestaltete Grafiken erstellen.
Die Stammbäume von Bierfamilien lassen sich mit Stammbäumen vergleichen, wie sie aus der Ahnenforschung bekannt sind. Es gibt aber einige wesentliche Unterschiede: Der Abstand zwischen den Generationen beträgt bei der Ahnenforschung etwa zwanzig bis dreißig Jahre, bei Leibverhältnissen sind es dagegen ein bis drei oder vier Jahre. Deshalb umfasst ein Familienstammbaum in hundert Jahren etwa drei bis vier Generationen, der Stammbaum einer Bier-familie kann in diesem Zeitraum dreißig bis fünfzig Generationen erreichen.
Auch wird die nächste Generation ohne die Beteiligung einer „Mutter“ „gezeugt“, d.h. die Stammbäume verzweigen sich nur bei den Nachfahren und nicht bei den Vorfahren.
Dennoch lassen sich Daten der Leibverhältnisse mit den Programmen der Ahnenforschung erfassen und die Ergebnisse in Baum- und Listenform darstellen. Auf Grund der eben genannten Unterschiede können die klassischen Programme der Ahnenforschung bei Stammbäumen aus Leibverhältnissen in verschiedener Hinsicht bei der Datenerfassung „allergisch“ reagieren und umfangreiche „Fehlerberichte“ bei Prüfungen erzeugen. Ein Vorteil ist, dass diese Programme der Ahnenforschung die Daten meist in einem eigenen Format verwalten, den Export aber in einem standardisierten GEDCOM-Format gestatten. Dieses kann dann von anderen Programmen meist fehlerfrei eingelesen werden.
Da die benötigte Datenstruktur ziemlich einfach und übersichtlich ist, kann man mit Hilfe einer rationalen Datenbank ein solches Verwaltungssystem erstellen, auf Wunsch gibt der Berichtende eine Anleitung.
Es fehlen aber dann meist die vielfältigen Auswerte- und Darstellungsmöglichkeiten professioneller Programme der Ahnenverwaltung.
Außerdem stellt sich noch die Frage, welche Informationen in den Leibverhältnissen erfasst werden sollen. Mindestens sollten für Leibbursch und jeden seiner Leibfüchse Vorname, Name und der Leibbursch sowie die Bierfamilie erfasst werden. Natürlich könnten auch weitere Daten aufgenommen werden - zum Beispiel das Eintritts- und evtl. Austrittsdatum, das Datum des Leibverhältnisses und anderes mehr - sofern diese Daten vorhanden sind.
Will man die Dokumentation der Leibverhältnisse konsequent fortführen, sind insbesondere folgende Punkte zu beachten:
- Die Leibverhältnisse sind in den BC-Protokollen eindeutig und vollständig in der Form Leibbursch - Leibfuchs zu erfassen.
- Die Leibverhältnisse sind zeitnah in die Karteikarten und/oder in ein IT gestütztes Verwaltungsprogramm einzutragen.
- Die Leibverhältnisse sind zeitnah ins entsprechende Programm zur „Ahnenverwaltung“ einzutragen.
Bleibt zum Schluss die Bemerkung, dass der Autor sich dafür interessieren würde, in welcher Form und in welchem Umfang bei den einzelnen Korporationen die Erfassung und Verwaltung der Bierfamilien erfolgt. Er freut sich auf eine Nachricht an: peter.ehrensperger@gmx.de
Peter Ehrensperger (Erw)


Auszug aus der Markomannia-Wiki
Ein Fuchs, der gerade in den Verein aufgenommen worden ist, sucht sich einen älteren Bundesbruder, der ihn in alle Einzelheiten des Vereins und in den Comment einführt. Er ist zudem neben dem Fuchsmajor der Vertreter der Interessen des Fuchsen vor dem BC.
Der ältere Bundesbruder muss vollwertiges Mitglied des Vereins sein, d.h. er darf selbst nicht Fuchs, VG oder Freund des Vereins sein. Er wird damit der Leibbursch oder auch der Biervater des Fuchsen, der damit sein Leibfuchs oder Biersohn wird.
Der Leibbursch stattet den Fuchsen mit einem Bierzipfel, dem sogenannten Leibzipfel, einem Zipfelhalter, einer Markomannenadel, einer KV-Nadel und einem KV-Liederbuch aus. Auch wenn sein Leibfuchs einen Weinzipfel mit ihm tauscht, trägt er dennoch die Kosten für dessen Anschaffung.
Ein Leibverhältnis geht somit ziemlich ins Geld, ist aber eine besondere Ehre und die Basis für eine innige Freundschaft zwischen zwei Bundesbrüdern.
Durch die Leibverhältnisse ergibt sich eine Vernetzung der Bundesbrüder, die sogenannte Bierfamilie.