Farbtupfer für die graue Lernfabrik
Lohnt es sich, zum 150. Stiftungsfest einer Studentenverbindung eine Festschrift zu verfassen und zu publizieren?
Selbstverständlich, wenn diese interessant gestaltet ist, wie im vorliegenden Fall: In einem zweihundert Seiten umfassenden Band bieten unterschiedliche Autoren in vier Kapiteln und siebzehn Beiträgen facettenreiche Blicke auf die katholische deutsche Studentenverbindung Markomannia im CV zu Würzburg und ihr universitäres Umfeld.
Nach zwei Beiträgen über „Universitäten im Wandel der Zeit” (wer weiß noch, dass in Prag die erste deutsche Universität gegründet wurde?) und der - unvermeidlichen - „Kurzen Geschichte der Markomannia“ werden unter der Überschrift „Universitäten heute und morgen – am Beispiel der vier klassischen Fakultäten” die Zünfte der Juristen, Theologen, Philosophen und Mediziner beschrieben.
Der Historiker Prof. Dr. Matthias Stickler, unter anderem Leiter des Instituts für Hochschulkunde der Universität Würzburg, geht bei der „Artistenfakultät“ der Philosophen nochmals auf die Genese der Universitäten ein, auch um die Verschränkungen zu den weltlichen und oft auch geistlichen Herrschern zu verdeutlichen. Gerade die Universität Würzburg war eng an den dortigen Fürstbischof gebunden, was sich auch bei Stellenbesetzungen im Leitungspersonal auswirkte. Nach dem Reichsdeputationshauptschluss, dem Ende der weltlichen Herrschaft des Fürstbischofs von Würzburg und der vorübergehenden Eingliederung des Bistums in das Königreich Bayern 1805/06 folgte eine erste grundlegende Reform der Universität:
Die Philosophische Fakultät wurde „zugunsten der sogenannten Hauptklasse der allgemeinen Wissenschaften“ (d.h. Mathematik und Physik, Geschichte und die Schönen Künste und dergleichen) aufgelöst, wenig später wurde diese Entscheidung durch den von Napoleons Gnaden bis 1814 regierenden Herzog von Toscana rückgängig gemacht. Eine Wiedererrichtung wurde nach der endgültigen Zuordnung Frankens zu Bayern nicht wieder versucht. Über Sinn und Unsinn solcher Reformen hätte der Rezensent gern mehr erfahren. Die Ausweitung und Auffächerung der Fakultäten insbesondere durch neu angelegte Studiengänge folgte.
Auf den „Bolognaprozess“, der nicht zuletzt dem deutschen Diplomingenieur den Garaus bereitete, geht Matthias Stickler gesondert ein:
Der Drang, europäisch harmonisierte Studienabschlüsse zu schaffen, folgte ökonomischen Interessen. Eine Vergleichbarkeit ausländischer Abschlüsse war vorher schon gegeben und damit nicht notwendig. Deutsche Besonderheiten wie die Staatsexamina für Juristen, Mediziner und Lehramtsstudierende existieren fort.
Prof. Dr. theol. Burkhard M. Zapff, Ordinarius für Altes Testament an der Katholischen Universität Eichstätt, referiert über das Studium der Theologie auch aus eigener Sicht; er nahm dies 1979 auf und konnte damals seinen Studienalltag relativ frei gestalten. (Seine kurzen Ausführungen zum damaligen Studentenleben sind daher heute nicht unbedingt eine Hilfe für Studenten.) Im Gegensatz zur damaligen Zeit ist der aktuelle Studiengang der Theologie extrem verschult und durch Schlagworte wie „Kompetenzorientierung“ nicht wirklich besser geworden. Hier, wie auch bei Sticklers Beitrag, ist die Kritik an der Massenuniversität nicht zu überhören bzw. zu überlesen. Das Qualitätsproblem scheint immer mehr durch Verschulung und Streckung des Studiums und der Studenten dominiert zu werden. Vor allem aber leidet unter der steigenden Regulierung des Studiums auch die „pädagogische Fähigkeit der Habilitanden“ (S. 83). Die einzige Möglichkeit, diesem Dilemma zu entfliehen, sieht Zapff in der Neukonsti-tuierung entsprechender Bildungseinrichtungen der Theologie in den „wenigen verbliebenen Priesterseminare“ (S. 88).
Ein eloquentes Feuerwerk besonderer Art bietet Kb Prof. em. Dr. jur. Franz-Ludwig Knemeyer (Mk): Sein Exkurs über den Wandel des Jurastudiums, das spätestens seit Einführung der „Freischussregelungen” ab 1990 zu einem Wandel des Studentenseins führte, macht dieses Fach heute zu einem für Verbindungsstudenten eher ungeeigneten. Gleichermaßen aber hat die ständige Rummodelei an Formen – Juristen sind die Beherrscher der Geschäftsordnungsdebatten nicht nur auf Conventen, die sich zwanglos vom Inhalt völlig lösen können – zu einem Dilemma nicht nur bei Jura geführt. Es geht immer um Formen und nicht um Inhalte. Ständige Anpassungen der Abschlüsse und Neumodellierungen interdisziplinärer Studiengänge (mit und ohne Gender) führen zu einem Mehr an Ausbildung, mit dem ein Verlust an Bildung einhergeht. Trotz allem hat sich der klassische Abschluss der Juristen, das Zweite Staatsexamen, immer noch durchgesetzt. Wer will als Diplomjurist oder Bachelor „nicht für voll genommen werden?“ (S. 95) Zu so viel berechtigtem Traditionalismus passt auch die Bebilderung: Professoren im Talar!
Der Beitrag zur Medizinischen Fakultät von Dr. med. Michael Meir und Prof. Dr. med. Thomas Meier, beide Ärzte im Klinikum Würzburg, verschließt sich nicht deutlichen Worten zu den Auswirkungen der zurückliegenden Gesundheits- und Studiengangsreformen: Landarztmangel und Gruppenunterrichte sind nur zwei Schlagwörter. Beide Autoren stellen aber heraus, dass Verbindungen für Medizinstudenten durchaus Chancen bieten: Der intergenerationelle Dialog und die Bekanntschaft zu erfahrenen Berufskollegen kann den eigenen Horizont mit Erfahrungen anderer weiten und die Berufsfindung wie auch die Wahl des richtigen Ausbildungsganges beeinflussen. – Damit wird einem Vorurteil über Verbindungen begegnet und eine grundlegende Erkenntnis aus dem Berufsleben hervorgehoben:
Ich rekrutiere, wen ich kenne und/oder von dessen Fähigkeiten und Leistungen ich überzeugt bin. Zufall wird eben nicht mit CV geschrieben.
Unisono ist festzuhalten, dass gerade die „Bolognareformen“ weder das Studium und seine Absolventen besser machten, noch die Lehre nach vorne brachten. Vielmehr hat die Vermischung von Studienfächern und Abschlüssen sowie die weitgehende Verschulung auch in kreativen Fächern die Studentenschaft weiter „harmonisiert“, wenn man es euphemistisch beschreiben will. Und nicht zuletzt: Für viele heutige Studenten ist eine Verbindung nur ein Zeitfresser, der den Abschluss gefährdet. (Für einen Nebenjob hat sowieso kaum noch jemand Zeit, auch wenn er das Geld dringend nötig hat.)
Der zweite und dritte Teil des Buches, beide deutlich kürzer, bieten Binnenperspektiven nicht allein der Markomannia an: Im 2. Teil, „Studentenverbindung in der Gesellschaft heute und morgen“, stehen Verbindungen und der Cartellverband (CV) im Fokus, deren Existenz das Dasein der – hier tatsächlich nur männlichen – Studenten über Jahrzehnte geprägt hat. Das Leben in der (jeweils eigenen) Verbindung, deren Rolle im Dachverband sowie in der örtlichen Hochschullandschaft kann durchaus als „Farbtupfer“ bezeichnet werden, dessen Bedeutung schwankend war und ist. Ob die Verbindungen Einfluss auf Hochschulpolitik nehmen konnten oder gar mehr als nur Beiwerk aus Sicht der Universität und ihrer Professoren waren, wäre einmal grundlegend zu erforschen. Der Rezensent bezweifelt, dass „die Verbindungen” tatsächlich Einfluss auf die Entwicklung einer Universitätsstadt genommen haben. Ihre (hochschul-)politische Relevanz wie auch ihre soziale Bedeutung müssen immer wieder kritisch hinterfragt werden. Die „Stimme des CV [ist] allenfalls zart zu vernehmen.“ (S. 133).
Der dritte Teil widmet sich den Prinzipien der KDStV Markomannia im CV zu Würzburg. Dies sind: Religio, Scientia, Amicitia und – abweichend vom KV - Patria. Sie werden von sechs Markomannen und der Frau eines Markomannen beschrieben.
Dazu ein paar Anmerkungen: Tatsächlich ist Verbindungsleben auch so etwas wie Leben in der Gemeinschaft und Basisdemokratie (S. 144). Damit heben sich Korporationen vom universitären Individualismus ab und fördern den interdisziplinären Dialog zwischen unterschiedlichen Studiengängen und ihren Vertretern, wenn man nicht in einer reinen Juristenverbindung Mitglied wäre (wenn es diese denn gibt). Die Prinzipien stellen das Gerüst dar, an dem sich Markomannia (wie auch andere Verbindungen) ausrichtet, obwohl der Gottesfrage in unserer Gesellschaft zunehmend ausgewichen wird. (Hinweis des Rezensenten: der m. E. unerträglich hinhaltende Umgang der Kirchen mit den Missbrauchsfällen wie auch das Verhalten der katholischen Amtskirche gegenüber Geschiedenen und Homosexuellen usw. macht es für einen mit der Zeit gehenden Menschen und Familienvater selten leicht, der katholischen Kirche zu folgen!
Im Übrigen hat diese Kirche hier in der Diaspora Brandenburgs wenig Charme zur Menschenfischerei.) „Glaube schafft [dennoch!] Gemeinschaft”, die in diesen Zeiten fraglos Halt geben kann.
Über „Scientia“ zu reden, hieße an dieser Stelle Eulen nach Athen zu tragen: Wissenschaft hat in Zeiten alternativer Fakten und um sich greifender Verschwörungstheorien eine in sich liegende Existenzberechtigung, die freilich im heutigen Medienmix einen schweren Stand hat. „Amicitia“ scheint insgesamt das stärkste Band zu sein, das Verbindungen heute zusammenhält (wie die Kameradschaft in der Bundeswehr auch). – Seien wir ehrlich: Wieso wurde jeder einzelne KVer eben KVer? Weil er, neudeutsch gesprochen, „eine coole Truppe” kennenlernte, in deren Umgebung er sich wohlfühlte, oder nicht? Und weil eben diese besonderen Vereine Geborgenheit, Freundschaften und lebenslange Zusammengehörigkeit bieten! Oder gibt es wirklich den überzeugten Katholiken, der nur in einen Kartellverein eintrat, weil der eben katholisch war? Ich denke, darüber kann, aber muss man nicht streiten.
„Patria“, die Vaterlandsliebe, ist heute vielleicht anders zu verstehen als anno 1871. Der KV kennt kein Patria-Prinzip, weshalb hier vielleicht die deutlichsten Unterschiede zum CV auftreten.
Aber hier könnte man nun einen Diskurs zum mangelnden Selbstbewusstsein der Deutschen gegenüber Franzosen oder Engländern beginnen … das sei nun wirklich dem Leser überlassen.
Festzuhalten ist: Hier liegt ein spannendes Buch zum Verbindungsdasein in der heutigen Zeit vor, dessen Aus-sagen weit über Würzburg hinaus Gültigkeit besitzen. Vor allem bietet es vielfältige Ansätze, sich mit dem Dasein einer Verbindung und den Menschen darin zu befassen, was für das Fortbestehen der Verbindungen wichtig ist. Fraglos erwirbt so mancher Student erst in dieser Gemeinschaft das, was die Vereinzelung der Gesellschaft zunehmend verhindert: Social Skills – soziale Kompetenzen. (Als 1965 geborener stelle ich fest: auch der Wehr- oder Zivildienst hat vielen nicht geschadet, aber den Horizont zur Bestimmung des eigenen Ichs gefördert, wie ich in zahlreichen Gesprächen mit Bundes- und Kartell- und Farbenbrüdern immer wieder herausgehört habe.)
Anhänge mit Angaben zu den Aktivenchargen seit 1996 und den Altherrenchargen seit 1971 runden den Band für Insider ab.
Der Band ist zu beziehen über den Altherrenverband der KDStV Markomannia im CV
c/o Dr. Walter Konrad
Am Hölzlein 68
97076 Würzburg
E-Mail: w.konrad.wue@t-online.de


Dr. Heiner Möllers (Bsg, Gm-Ho)
Dr. Heiner Möllers (Bsg, Gm-Ho) Oberstleutnant und Historiker, Bereichsleiter Medien im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Kb Dr. Möllers forscht u.a. zur Geschichte der Bundeswehr. 2019 erschien von ihm „Die Affäre Kießling. Der größte Skandal der Bundeswehr.“ Berlin: Ch. Links Verlag 2019.