Gaudeamus igitur – dem Wortsinne nach

Ernst und Scherz werden beide benötigt, denn sie entzünden die Glut der Sinnenfreude zu großen Gesinnungen

Ein lebensfeindliches Vorurteil ist das Wort vom Ernst des Lebens: Mit Verlaub, nicht immer muss Tragödie auf dem Spielplan stehen: Die Welt ist voller Witz, man kann ihn entdecken, wenn man nur will. Dass es ernst ist, wird nicht in Abrede gestellt; aber dass wir alles ganz ernst nehmen sollen, in jeder Situation und zu jeder Zeit, das kann nicht ernst gemeint sein. Wer nicht einsieht, dass er auch ein Narr sein kann, versteht nichts vom Leben.

Wir genießen unbeschwert das Lachen, das mit liebenswürdiger Freundlichkeit dem anderen das heilsame Beispiel des Glückes gibt. Der Ruhm der Korporation liegt in dem Glück, dem sie sich geweiht hat. Wenn das Vergnügen je einen Helden hatte, so muss man ihn hier und jetzt suchen. Gaudeamus igitur! Dem Haus entschweben Melodien über den Zauber einer entschwundenen Welt voll Zärtlichkeit und Melancholie, die sich beharrlich allen Angriffen von außen widersetzt, indem sie den Gegnern ihre Lieder ins Antlitz schleudert, denn sie ist eine Heimat der Freude geblieben. Sie versorgt die academia mit Gesang, Lachen und Heiterkeit. In den nüchternen Räumen der Gelehrsamkeit ist die Korporation dem Lächeln der Dinge treu geblieben. Niemals hat „die Stadt im Lindenkranze“ (i.e. Münster) ihre Anmut schlüssiger zum Ausdruck gebracht.

Freude blüht in Geselligkeit, bei Festen, Feierlichkeiten, Jahrestagen, Schmausereien, Gesang, Tanz und schönen Bildern! Das Leben ist ein Fest, man spricht das Wort nie ohne Verzückung aus. Eines reiht sich an das andere, im ganzen Jahre bilden sie einen prachtvollen Triumphzug. Der letzte Sinn der amicitia, das Prinzip ihrer Identität, ist die Freude, sie ist jener belebende „Götterfunken“, den F. Schiller „schön“ nennt. Schönheit und gesunde Lebensfreude hängen nach klassischer Überzeugung zusammen, weil sie auf verwandten Regelungen zum Ebenmaß beruhen.

Balancieren der drei Prinzipien

Der schöne Traum vom heiteren Leben endet mit der Einsicht: Man kann nicht immer nur lachen. Hinter der Maske des Vergnügens mag sich Ekel nahen, nach der Freude die Müdigkeit, Leiden nach dem Frohsinn ohne Ende. Die Jugend mag müde sein vom Singen, aber nicht vom Genuss, nach drei Tagen der Sause ist sie noch so kräftig und munter, dass man kaum glauben mag, sie könnte Opfer ihrer Festesfreude werden.

Der frohe Sinn der amicitia stößt unvermeidlich an die Grenzen der Unvereinbarkeit mit den anderen Prinzipien, religio oder scientia, die ebenfalls durch das Lustprinzip miteinander verbunden sein können. Infolgedessen sind sie nicht in alle Richtungen gleichzeitig zu maximieren. Man muss das eine durch das andere mäßigen, schwächen oder erhöhen bzw. die Schwerpunkte verlagern.

Man bleibt daher stets darauf angewiesen, eine Harmonie anzustreben. Diese kann immer dann entstehen, wenn man an dem Erwarteten, das von den Freunden unterstützt wird, Freude empfindet. Keinesfalls sollte man die Leidenschaften verachten, sie halten schließlich den Betrieb am Laufen. Beispiel: Die Wissbegier nach dem Unerwarteten ist zu kultivieren, um nicht der Langeweile oder Gleichgültigkeit zu erliegen. Auch Denken, Wissen und Bildung machen Spaß! Die Praxis der Vernunft bereitet uns Vergnügen: Jura ist schön, Medizin – befriedigend, Theologie – verklärend. Das haben wir insgeheim immer schon gewusst. Die lustbetonte Praxis des Geistes heißt Frohsinn (laetitia), der Genuss aus sinnlicher Lust heißt Fröhlichkeit (fidulitas).

Harmonie entsteht auch bei einem gewissen Bühnenritual, in dem die Illusion einer Einheit der drei Prinzipien beschworen wird. Ein akademischer Kommers etwa legt eine solche Möglichkeit der „polaren“ Spaltung (im Sinne von Goethe) nahe. Beispiel: Ein Widerspruch zwischen Scherz und Ernst mag im Verlauf des Festes eine Einheit bilden, ist gleichzeitig aber fähig, sich erneut zu spalten und wieder zur Einheit zurückzukehren.

Diese Art von „Polarität“ zeigt sich schon im Liederbuch. Die Welt der Kommerslieder fühlt sich durchaus den lustvollen Kräften der menschlichen Seele nahe, widersetzt sich aber auch der bloßen Vernünftigkeit. Das Kommerslied entscheidet sich aber weder für das eine noch für das andere, sondern zieht es vor, dem dionysischen Rausch ein Recht auf Verführung einzuräumen. Es vertritt die anarchischen Lebenskräfte revolutionär gegen flache Vernunft, verherrlicht das Vitale gegen das Vernünftige.

Wenn sich also Gegensätze zwischen ernst- oder scherzhaft auftun, so können sie sich doch auf einer „höheren“ Stufe der festlich angeheizten Stimmung vereinen. Das Präsidium eines Kommerses wird daher versuchen, eine Balance zwischen den Gegensätzen durch die Formen des akademischen Rituals einzuhegen, so dass ein Überschwang der Gefühle nicht bedrohlich werden kann.

Ernst und Scherz werden beide benötigt

Gebändigt in der Disziplin dürfen die alten Kontrahenten hingegen einträchtig miteinander tanzen. Ernst und Scherz werden, wie bekannt, beide benötigt, denn sie entzünden die aufblühende Glut der Sinnenfreude zu großen Gesinnungen. Der sich einstellende Genuss geordneter Schönheit schenkt den Anwesenden ein Gefühl von Wert und Würde: Seligkeit überfällt uns, wenn wir unseren Lebensbund in heller Heiterkeit erleben.

Wenn wir hingegen eine der Tätigkeiten aus den drei Prinzipien über das rechte Maß steigern, so provoziert das Übermaß eine Hemmung, die eine Rückkehr zur Harmonie erzwingt. Die Kontrahenten Ernst und Scherz balancieren demnach einander im Widerspruch der Gegensätze. Diese Maß- regulierung begünstigt die Entstehung einer heiteren Gesinnung.

Aus dem angenehmen Umgang der Bundesbrüder untereinander entsteht jenes Streben, das die Zuneigung nicht nur begleitet, sondern zusätzlich belebt. Denn Glück hat man nicht als dauernden Besitz, man muss es ständig neu erwerben, um es immer wieder preiszugeben. „Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur; Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr“
(F. Schiller). Sie ist der erregende Antrieb zu anhaltend gelinder, selig-froher, „heiterer Wohlgestimmtheit“ (Demokrit).

Die Bedingungen der Lebensfreude muss man selber herstellen, vermitteln und gestalten. Unternehmungslustig wollen wir etwas erleben. Wer aus jeder Begebenheit zusätzliches Vergnügen zu schöpfen vermag, jeden Schmerz in der Vollkommenheit des Universums aufzulösen weiß, gewinnt den Willen zu allen Kraftakten des geistigen Lebens. Unentschlossenheit endet in Lähmung, übler Laune und Verdrießlichkeit. Kränkliche Gefühle meistert froher Entschluss. Der wahre Feind heißt Langeweile.
Aus seinem Wissen über das gesunde Leben rät der römische Philosoph Seneca „Du musst vor allen Dingen eines tun: Lerne, Dich zu freuen!“ - und den Genuss auch anerkennen. Die hohe Kunst der Freundschaft wird so, wie sonst nur noch die Familie, die höchste Form sittlicher Förderung der Persönlichkeit. In jenem heiter grundierten Vereinsleben verbirgt sich eine Wertschätzung, die es für uns besonders anziehend macht:
Wir mögen den Umgang mit Bundesbrüdern von gleicher Gesinnung. „Vollkommene Freundschaft ist die der trefflichen Charaktere,“ wusste bereits Aristoteles. Freunde wünschen einer dem anderen das Gute, weil jeder des anderen Wesensart mag, sie sind im Umgang füreinander angenehm. Wir genießen diese Sympathie; auf diesem Boden gedeihen Freundschaften, können Freunde sich „im Umgang miteinander immer weiter verfeinern“ (Montaigne), erschließen sie sich neue Sinn-Welten und erweitern ihren Horizont.

Gerade in einer modernen, hochdifferenzierten Gesellschaft, die nur mittelbar über viele Zwischenglieder erlebbar wird, entfaltet sich der Wert der Freundschaft, die wir unmittelbar, wechselseitig und persönlich genießen. Nur so entstehen Vertrautheit und Anteilnahme, wie sie anonym nicht denkbar wären.

Die Kunst, Freunde zu finden, versteht sich aber nicht von selbst, sie muß gepflegt werden, ebenso wie die dauerhafte Kultur der Freundschaft; sie bleibt im Grundsatz eine Leistung jener Institutionen, in denen sie beheimatet ist. Der institutionelle Rahmen ermöglicht ein Verstehen aus Verständigung, Beistand aus Treue, Vertrauen aus Verlässlichkeit sowie „Männerstolz vor Königsthronen“ (Schiller)

Aktives Vereinsleben

Verwachsen mit der bewährten Ordnung der Dinge, konservativ im Charakter, mit strenger Disziplin und Mäßigkeit, aber auch der energischen Handhabung seiner Interessen, liefert der Verein Maßstäbe der Orientierung. Kontaktfreudig sind sie alle, die zu uns kommen, die Besonderheit gerade dieses Vereins liegt wohl eher im Umgangston: Die freundschaftliche Sprache erwärmt und stimmt sanft für Sympathie, Liebenswürdigkeit, milde Ironie und guten Humor. Die martialische Folklore hingegen wurde, nach ihrer missbräuchlichen Verwendung in zwei Weltkriegen, auf ein Minimum reduziert.

Aus der Vorliebe für die erhabene Ordnung des heiteren Lebens erklärt sich wohl auch der ruhmvolle Ehrgeiz, dem Verein zu dienen, ihn zur Blüte zu bringen, keinen anderen Lohn zu erwarten, als zugleich mit ihm zu wachsen. Wir genießen die Wonne, im Kreise edler Menschen ganz Mensch zu sein. In dieser Familie sind wir mit heiterem Stolz zuhause.

Paul Ridder (Mk) PD DDr.phil.habil.