Gedanken zum Tod von Hans Küng

Von Prof. Dr. Georg Wieland (Wf-K)

Als Hans Küng vor etwas mehr als einem halben Jahr in der Osteroktav starb, nahm ein Theologe Abschied, dessen Denken auch Ambitionen wie mögliche Begrenzungen der gegenwärtigen Reformdiskussion in der katholischen Kirche widerspiegelt.

Hans Küng - das war und ist ein großer Name. Kein Theologe (und vermutlich auch kaum ein anderer Wissenschaftler) der jüngeren Zeit verfügte über einen höheren Bekanntheitsgrad als er, und dies im In- und Ausland, bei Akademikern und Nicht-Akademikern, bei Katholiken und Nicht-Katholiken. Fragt man sich, woran das liege, so gibt es natürlich mehrere Antworten, zugleich aber auch etliche Fragen, zum Beispiel diese: Wie konnte ein Theologe, dazu ein katholischer, angesichts des wachsenden Bedeutungsverlustes der Theologie im kulturellen Kontext und der zunehmenden Kritik an der (katholischen) Kirche sein Ansehen, mindestens aber sein Image bis heute gegen den Trend ziemlich unangefochten bewahren und zur Geltung bringen? Ohne Zweifel war Hans Küng ein Meister der Selbstdarstellung, der Selbstvermarktung und - wenn er wollte - auch ein Charmeur.

Doch solche Eigenschaften und Fertigkeiten allein können nicht seine so lange anhaltende Wirkung und Präsenz in der Öffentlichkeit erklären. Hans Küng muss auch ein verbreitetes Bedürfnis nach religiöser und spiritueller Existenz unter modernen Bedingungen bedient und gespeist haben. Und dazu war er durch seine Begabung, seinen Werdegang und seinen unerschöpflichen Publikationsreichtum in hohem Maße prädestiniert.

Er kannte die traditionelle katholische Theologie durch sein Studium an der römischen Gregoriana, der jesuitischen Eliteuniversität. Traditionell meint hier nicht den großen Reichtum der katholischen Überlieferung, sondern die neu-scholastische Engführung des theologischen Denkens. Die Neuscholastik räumt der logischen Durchdringung des Glaubens zwar einen hohen Rang ein und macht die Theologie so zu einem möglichen Gesprächspartner anderer Wissenschaften, hat aber keinen Sinn für geschichtliche Entwicklungen.

Hans Küng hat diese Engführung früh durchschaut und seinen Blick auf die anderen christlichen Konfessionen und später auch auf die großen Weltreligionen gerichtet. Ihm ging es darum, deren Reichtümer für seine Kirche, dann aber mehr auch für die Christenheit und schließlich für die ganze Welt fruchtbar zu machen. Damit hat er viele Menschen innerhalb und auch außerhalb des Katholizismus angesprochen; die Betonung lag (und liegt) nicht auf der Wahrheit und Wertigkeit der eigenen Konfession, der eigenen Nation oder des eigenen politischen Systems, sondern auf deren Verbindungen und Gemeinsamkeiten. Der Umgang miteinander sollte dann nicht mehr selbstbehauptend und konfrontativ, sondern verständnisvoll und dialogisch verlaufen. Kein vernünftiger Mensch kann sich dieser Überlegung verschließen.

Küngs bekannte Formel: „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen” und die damit verbundene Aufforderung zum Dialog als der maßgeblichen Umgangsform religiöser Kommunikation tragen dieser modernen Selbstverständlichkeit zwar mit Nachdruck Rechnung, bleiben aber doch einfache Handlungsanweisungen, deren Gültigkeit jedermann aus persönlichen Auseinandersetzungen leicht erfahren und erproben kann.     

Ein Gedanke innerhalb der Küngschen Formel ist jedoch keineswegs trivial. Wenn nämlich der Weltfrieden wirklich vom Religionsfrieden abhängt, dann wird der Religion beziehungsweise denReligionen - auch unter modernen Bedingungen - weiterhin eine wesentliche Rolle zukommen. Religion ist kein Phänomen der Vergangenheit, sondern bleibt ein substanzieller Faktor der Gegenwart und Zukunft. Davon war Hans Küng in der Tat überzeugt, und darin dürfte er wohl Recht behalten. Denn die Summe des Unverfügbaren (zum Beispiel unser individuelles Leben und Sterben) lässt sich auch durch die modernen Wissenschaften nicht wirklich verringern.

Mir scheint, dass Küngs Problem mit seiner, der katholischen Kirche, vom Dialog-Gedanken her erschlossen werden kann. Er war katholisch und wollte dies bis zum Schluss bleiben. Deshalb hat ihn der Entzug der Lehrerlaubnis durch Rom tief getroffen und aufgewühlt. Sicher, als „Opfer der Inquisition” konnte man sich gut verkaufen. Und im Übrigen hat die Entfernung aus der Tübinger katholisch-theologischen Fakultät Möglichkeiten freigesetzt, die der Universität selbst und schließlich seinem Weltethosinstitut zugute kamen. (Nur am Rande sei erwähnt, dass das musterhafte Studium generale der Universität Tübingen nicht zuletzt auf Küngs Anregungen und Initiativen zurückgeht.)

Doch das waren nur Nebenfolgen eines grundlegenden Konflikts. Küng erlebte seine Kirche - trotz des Zweiten Vatikanischen Konzils, an dem er als Berater mitgewirkt hatte - weiterhin als klerikal, unflexibel, reformunwillig, nicht zeitgemäß und nicht zukunftsfähig. Er drängte sie deshalb zu Reformen, die auch heute noch in aller Munde sind und sich unter Stichworten zusammenfassen lassen wie Entklerikalisierung, Mitbestimmung der Laien, Zulassung von Frauen zu den Weihe- und Leitungsämtern, Aufhebung des Pflichtzölibats usw. Und er nahm an, dass die Kirche erst dann zu einem wirklichen Dialogpartner auf Weltniveau werden könne, wenn sie diese Reformen verwirklicht habe.

Man kann sich sicher diese oder mindestens einen erheblichen Teil dieser Forderungen zu eigen machen, ohne die Substanz der Kirche im mindesten zu beeinträchtigen; dies gilt nach meinem Verständnis auch für die Frauenordination. Doch man sollte sich dabei vor Augen halten, dass all diese Reformanliegen in den protestantischen Kirchen des Westens schon lange realisiert sind, ohne dass deren spirituelles Erscheinungsbild überzeugender ausfiele als das der katholischen Kirche. Sie erregen zwar weniger Anstoß als diese, weil sie - in den Augen der Öffentlichkeit - zeitgemäßer sind; aber ihre spirituelle Attraktivität hält sich in erkennbaren Grenzen.

Dieser Umstand muss dem Betrachter und auch dem, der Hans Küng und seinen Anliegen im Prinzip wohlwollend gegenübersteht, zu denken geben. Könnte es sein, dass dessen Reformagenda und auch dessen Kirchenverständnis zu kurz greift? Genau dies scheint mir der Fall zu sein.

Kirche: institutionelle Gestalt von Gottes Heilszusage

Was mir dabei vor Augen steht, möchte ich an einer konkreten Erfahrung verdeutlichen. Vor etlichen Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem theologischen Kollegen aus Tübingen (nicht Hans Küng) über Probleme und Nöte der katholischen Kirche. Dabei brachte ich die „Hymnen an die Kirche” von Gertrud von le Fort zur Sprache.

Diese Dichtung, 1924 erschienen, versteht Kirche nicht als „Amtskirche” mit allen Erscheinungsformen einer soziologisch beschreibbaren Institution (rechtliche Verfasstheit, Organisation, finanzielle Ausstattung, Machtverhältnisse, Mitgliederbindung usw.), sondern als mystischen Leib Christi, also - etwas pathetisch formuliert - als das durch die Zeiten geltende Heils- und Heiligungsgeschenk Gottes an die Welt.

Ein solches Kirchenverständnis wies mein Gesprächspartner energisch zurück, unter anderem mit dem Bedenken, dass die Kirche und ihre Vertreter sich damit gegen jede Kritik und jeden Reformanspruch leicht zur Wehr setzen können: Kirche als göttliches Heilsversprechen ist menschlich unantastbar. Auf diese Weise haben sich Vertreter immer wieder gegen kritische Einwürfe zu verteidigen gesucht. Doch mit einer derartigen Argumentation kann ein aufgeklärter, mit den geschichtlichen Abläufen vertrauter Zeitgenosse nur noch wenig oder gar nichts mehr anfangen.

Aber genau darin liegt - so scheint mir - das Problem der Küngschen und der aktuellen Reformagenden. Sie wollen mit Nachdruck (und im übrigen auch mit guten Gründen) eine Kirche reformieren und auf die Höhe der Zeit bringen, die sie lediglich als Amtskirche verstehen, also als eine Anstalt, die vor allem den modernen Ansprüchen an Teilhabe und Gerechtigkeit entsprechen soll. So weit, so gut. Allein hier gilt es, sich an das Beispiel der protestantischen Kirchen zu erinnern. Auch wenn sie all das schon lange realisiert haben, was auf der katholischen Reformagenda steht, fehlt ihnen doch die spirituelle Überzeugungskraft, die dem Christentum von seinem Stifter her an sich innewohnt.

Deshalb will mir scheinen, dass die Erneuerungsanstrengungen der Reformer, auch die von Hans Küng, nur gelingen können, wenn Kirche nicht nur als Anstalt, als Körperschaft des öffentlichen Rechts oder als beliebige soziale Institution begriffen wird, sondern zugleich auch als mystischer Leib Christi, wie sie Gertrud von Le Fort in ihren Hymnen besingt.

Man wird deren Stilmittel heute kaum noch verstehen und mag auch auf das Bild des mystischen Leibes zum Verständnis der Kirche verzichten. Aber nicht verzichten kann man bei allem Reformeifer auf den Gedanken, dass die Kirche - trotz aller Fehler und Gebrechen - im Glaubensbekenntnis (das alle großen christlichen Konfessionen sprechen und anerkennen) als heilig gilt. Damit ist in Kurzform gesagt, dass die Kirche sich als institutionelle Gestalt der göttlichen Heilszusage versteht. Zu diesem theologischen Anspruch und Gedanken kann man bei Joseph Ratzinger mehr erfahren als bei Hans Küng.

Der Text erschien erstmals in den Winfridenblättern. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Erlaubnis des KStV Winfridia Köln.