„Remember, remember! The fifth of November!”
Guy Fawkes und die englische Pulververschwörung
Der 5. November 1605 ist ein Dienstag. Über dem Parlament in London scheint die Sonne. Läden und Werkstätten öffnen, die Bürger gehen ihren Geschäften nach - und nichts geschieht. Dabei hat für diesen Tag ein Verschwörerkreis im Geheimen geplant, das Parlament in die Luft zu sprengen: mitsamt der königlichen Familie, der Regierung, dem Ober- und Unterhaus und allen Bischöfen der Kirche von England. Doch der Attentatsplan ist am Abend vorher aufgeflogen.
Sechsunddreißig Fässer mit Schwarzpulver haben die Verschwörer unter dem Sitzungssaal des Parlaments versteckt - genug, um nicht nur Westminster, sondern gleich das ganze Viertel in Schutt und Asche zu legen.
Die Verschwörer werden verhaftet und auf grausamste Weise hingerichtet. Am schlimmsten ergeht es dem Mann, der als Kopf der Bande gilt, weil man ihn bei der Lunte erwischte: Guy Fawkes. Ehe er hingerichtet wird, hat man ihn so übel gefoltert, dass er kaum das Blutgerüst hochsteigen kann und sich das Genick bricht: am 31. Januar 1606, vor über 415 Jahren. Neuerdings indes feiert Guy Fawkes Auferstehung - als Symbol von Protestbewegungen. Demonstranten tragen seine Gesichtszüge in stilisierter Form als Maske.
Bis heute wird jedes Jahr bei der Eröffnung des englischen Parlaments der
Keller auf Sprengstoff überprüft - mittlerweile ist das wohl eher eine Zeremonie. Außerdem werden in Großbritan- nien alljährlich zum 5. November im Gedenken an den damals gerade noch unterbliebenen Anschlag Feuer entzündet, Böller in die Luft gejagt und Strohpuppen, die Guy Fawkes ähneln sollen, verbrannt. Das Geschehen wird „Guy Fawkes Day” genannt - nach dem vermeintlichen Kopf der Terrorzelle.
Gunpowder Plot
Aber wieso kam es zu dieser Pulververschwörung? Guy Fawkes und seine Mitverschwörer folgten keiner Verschwörungstheorie und verrückt waren sie auch nicht. Wohl aber waren sie sich sicher, Gott auf ihrer Seite zu haben, hatte sie doch der Papst darin bestärkt, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Denn sie waren Katholiken. Und das war im England des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts ein Grund, um Verfolgungen ausgesetzt zu sein.
1535 hatte sich der Papst geweigert, die Ehe des englischen Königs Heinrich VIII. mit Katharina von Aragon zu annullieren und damit den Heiratsplan des Königs mit Anna Boleyn durchkreuzt. Daraufhin riss Heinrich VIII. die englische Kirche von Rom los und ernannte sich selbst zu ihrem religiösen Oberhaupt. Als Heinrichs Tochter Elisabeth ihrer Halbschwester Maria der Katholischen auf den Thron gefolgt war, organisierte sie die Verfolgung der Katholiken. Papst Pius V. verschlimmerte die Situation noch dadurch, dass er die Königin exkommunizierte und dazu aufrief, Elisabeth von ihrem Thron zu vertreiben. Katholiken standen damit unter dem Generalverdacht, Landesverräter zu sein. Als Elisabeth starb, war gerade noch ein knappes Prozent der Engländer katholisch.
Seit 1580 versuchten Jesuiten England insgeheim zu rekatholisieren. Wurden sie entdeckt, drohte ihnen der Tod als Staatsfeinde. Teilnehmer der von Jesuiten zelebrierten Gottesdienste mussten mit Strafen bis zum Verlust von Eigentum und Leben rechnen. Guy Fawkes kam aus dem katholischen Milieu, das nach außen kooperierte und nach innen versuchte, den Glauben zu leben. Sich zu radikalisieren, war in diesem geschlossenen Milieu schnell möglich.
Immerhin hofften die englischen Katholiken nach dem Tod Königin Elisabeths 1603 auf eine Wende. Denn ein Stuart war Elisabeths Nachfolger: James, das Kind von Mary Stuart, die von Elisabeth hingerichtet worden war. Als Jakob I. König von England, betonte er oft, wie sehr er, obwohl selber Calvinist, seine katholische Mutter Maria verehre. Und an den Papst wandte er sich mit der Anrede „Allerheiligster Vater”.
Kein Toleranzedikt auf der Insel
In England wuchs die Hoffnung, unter Jakob werde es für die Katholiken ein Toleranzedikt geben, wie zuvor in Frankreich unter Heinrich IV. für die Protestanten. Doch sobald Jakob fest auf dem englischen Thron saß, kündigte er statt eines Toleranzedikts eine Verschärfung der „antipapistischen” Gesetze an. Die katholische Minderheit war bestürzt. Was tun? Aus Rom brachten die Jesuiten die Anweisung Papst Clemens` VIII. stillzuhalten, bis vielleicht ein erneuter dynastischer Wechsel die Unterdrückung beendete.
Leute wie Guy Fawkes. Er hatte in den spanischen Niederlanden als Soldat gedient und hatte ein katholisches Selbstbewusstsein, das nicht bereit war, sich zu ducken. Am 20. Mai 1604 trafen sich fünf Männer im Pub „Duck and Drake“ im Strand-Distrikt von London. Alle fünf waren Anhänger der Römischen Kirche und überzeugt, dass nur ein entscheidender Schlag gegen Hof und Parlament die Diskriminierung ihrer Glaubensbrüder in England beenden könne.
Daher schworen sich Robert Catesby, Thomas Wintour, Jack Wright, Thomas Percy und Guy Fawkes, das Parlament mit dem König, seiner Familie und Ober- und Unterhaus bei der nächsten feierlichen Parlamentseröffnung in die Luft zu jagen. In den folgenden Monaten stießen acht weitere Männer hinzu. Damals befand sich unter dem großen Saal des Parlamentsgebäudes von Westminster ein Gewölbe, das als privates Lager diente, einer geschäftstüchtigen Witwe gehörte und zu vermieten war. Ob die neuen Mieter zu König oder Papst hielten, interessierte sie nicht und so gelang es den Verschwörern, 36 Pulverfässer unbemerkt in dieses Gewölbe zu schmuggeln.
Bei den Pulverfässern erwischt
Doch mehrmals wurde die Eröffnung des Parlaments wegen der grassierenden Pest verschoben, zunächst auf den Februar, dann auf den Oktober und noch einmal auf den 5. November 1605. Zehn Tage vor dem 5. November erhielt der prominente Katholik Lord Monteagle einen Brief. Der anonyme Absender riet dem Lord „dringend, die Teilnahme an der Parlamentseröffnung mit einer Entschuldigung abzusagen. Die Anwesenden werden einen gewaltigen Schlag (blow) erhalten. Niemand wird wissen, wer sie verletzt hat.“ Umgehend reichte Monteagle das Schreiben an Lord Salisbury, den Secretary of State, weiter. Salisburys Spione legten sich vor dem Parlament auf die Lauer, entdeckten offenbar, dass Guy Fawkes wiederholt das Lager besuchte, um das Pulver zu inspizieren. Als er am Vorabend der Parlamentseröffnung nochmals erschien, schlugen Salisburys Männer zu.
Fawkes wurde im Tower eingekerkert. Der königliche Befehl lautete: „Wenn er nicht gesteht, wendet die milde Folter an. Danach die härtere.“ Einige Verschwörer konnten fliehen, wurden aber bald darauf gestellt. Einige überlebten die Jagd und wurden gefangen genommen. Am 27. Januar 1606 begann in London der Prozess. Von einem versteckten Raum aus verfolgte König Jakob die Gerichtsverhandlung, die bald mit dem Todesurteil endete. Das Scheußlichste stand den Verschwörern noch bevor: die öffentliche Hinrichtung vor gaffendem Volk mit Hängen, Ausweiden und Vierteilen.
Der 5. November, der Tag des gescheiterten Papistischen Attentats, wurde zum Nationalfeiertag erklärt, in ganz England gefeiert mit Freudenfeuern, in denen Guy Fawkes verbrannt wurde - als Strohpuppe, mit einer Gesichtsmaske, die spanisch anmutet - als Landesverräter eben. Die katholische Minderheit in England wurde noch über zwei Jahrhunderte diskriminiert - bis 1829 das Parlament in Westminster mit dem Roman Catholic Relief Act die Unterdrückung beendete - nicht dem Papst zuliebe, sondern im Sinne der Aufklärung und ihrer Forderung nach religiöser Freiheit.
Der antikatholische Nationalfeiertag aber geriet in Vergessenheit. Nur Kinder laufen noch, als Guy Fawkes maskiert, bettelnd mit dem Ruf „Remember, remember the fifth of November” von Tür zu Tür - im Glauben, der 5. November sei der Abschluss von Halloween.
Linken Aktivisten jedoch fiel die närrische Kindermaske auf. So etwas benötigten sie, um die Polizei anonymisiert zum Narren zu halten; als Activsts anonymous in London, später bei Occupy wallstreet in New York. Maskiert als Guy Fawkes in Paris riefen sie nach dem Attentat auf Charly Hebdo auf zum Krieg gegen die religiösen Extremisten. Ob sie wussten, wer Guy Fawkes war? Die katholische Kirche weiß es jedenfalls. Viele Märtyrer der englischen Katholikenverfolgung hat sie heilig gesprochen, angefangen mit Thomas Morus. Guy Fawkes, alles andere als ein friedfertiger Mensch, gehört nicht dazu.
Reinhard Nixdorf


In Fesseln wurde Guy Fawkes dem englischen Kronrat vorgeführt. Zu keinem Geständnis war er bereit, nicht einmal seinen wahren Namen wollte er verraten. Er bereue nur eines, sagte er König Jakob ins Gesicht: „Dass es mir nicht gelungen ist, dich über alle Berge nach Schottland zurück zu sprengen.”