Abschied vom Baden-Württemberg-Erklärer
Im Alter von 83 Jahren starb Kb Prof. Dr. Hans-Georg Wehling (Rbg) am 7. Oktober 2021 in Ravensburg
Abschied vom Baden-Württemberg-Erklärer war die Überschrift der „Stuttgarter Zeitung“ anlässlich des Todes von Hans-Georg Wehling. Und Ministerpräsident Kretschmann bezeichnete ihn als „Vordenker der politischen Bildungsarbeit in Deutschland“. Der am 4. Januar 1938 in Essen geborene Wissenschaftler starb am 7. Oktober 2021 in Ravensburg.
Wehling studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft. Nach Studienbeginn in Münster setzte er seine Studien an den Universitäten Freiburg (wo er der KStV Neuenfels beitrat), Heidelberg und Tübingen fort. Dort trat er auch der KStV Rechberg bei. Nach dem Staatsexamen in Tübingen erhielt er auf Anregung seines Tübinger akademischen Lehrers Theodor Eschenburg ein Promotionsstipendium von VW, das es ihm ermöglichte, seine Dissertation zum Thema „Die politische Willensbildung auf dem Gebiet der Weinwirtschaft. Dargestellt am Beispiel der Weingesetzgebung“ zügig 1968 abzuschließen. Vom Wein und seiner Kultur verstand er sehr viel. Und auch seine Frau Rosemarie, die er 1961 in Heidelberg kennenlernte und 1965 heiratete, stammte aus einer Winzerfamilie. Beide veröffentlichten übrigens eine Reihe von vielbeachteten Publikationen und hielten auch gemeinsame Seminare ab. Der von Rosemarie und Hans-Georg Wehling herausgegebene viel beachtete Band „Wegmarken südwestdeutscher Geschichte“ ist ein Beispiel hierfür.
Gelernter Schwabe aus Essen-Holsterhausen
Ravensburg und Oberschwaben, wohin Rosemarie und Hans-Georg Wehling erst 2020 gezogen waren, um in der Nähe der Tochter und ihrer Familie zu sein, war auch der Ausgangspunkt für die berufliche Orientierung von Hans-Georg Wehling. Seinerzeit war „Der Bürger im Staat“ ein Verein, getragen vor allem von Landräten und Bürgermeistern. 1968 stellte sich Wehling dort im „Waldhorn“ vor und wurde auch prompt genommen. Er fand beim „Bürger im Staat“, der späteren „Landeszentrale für politische Bildung“, die dem Landtag unterstellt ist, seine berufliche Erfüllung. Dort baute er die Reihe der Publikationen auf. Der Name „Der Bürger im Staat“ wurde als Titel für die Zeitschrift für Gemeinschaftskundelehrer beibehalten.
Bemerkenswert ist auch die Reihe „Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs“, die Wehling begründete und von der er neben weiteren Publikationen dreißig Bände zu einer Fülle von Themen federführend herausgab. Dabei kam ihm zugute, dass er es verstand, ein Netzwerk von Wissenschaftlern, Politikern, Wirtschaftsfachleuten usw. aufzubauen und zu pflegen, auf die er für Publikationen und Seminare zurückgreifen konnte.
Hiervon profitierte der KV nicht nur in den über zehn Jahren, in denen Wehling den Vorsitz der KV-Akademie innehatte. Wer außer Hans-Georg hätte z.B. einen Referenten wie Prof. Dr. Ali Dere vom türkischen Religionsministerium für die Würzburger KV-Tage gewinnen können? Aus Wehlings nicht endendem Fundus von hochqualifizierten Referentinnen und Referenten konnte der KV viele Jahre profitieren. Auch nach Abgabe des Amtes des Vorsitzes in der KV-Akademie bis jetzt blieb Wehling der KV-Akademie beratend verbunden. Legendär sind auch seine Seminare, teilweise mit seiner Frau Rosemarie durchgeführt. Sie machten die Thematik des jeweiligen Seminars erlebbar. Im schmucklosen Gebetssaal der pietistischen Siedlung Wilhelmsdorf wurde allen Teilnehmern im Vergleich zur barocken Pracht im nicht weit entfernten Weingarten der Unterschied zwischen pietistisch/protestantischer Nüchternheit und katholischem gegenreformatorischen Selbstbewusstsein mit allen Sinnen deutlich. So garantierte im KV die Ankündigung von Exkursionen, Vorträgen und Seminaren mit Hans-Georg Wehling eine große Beteiligung.
Besonderes Augenmerk legte Wehling auf gute und verdeutlichende Abbildungen und Fotos. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der in vielfachem Sinne gewichtige Band „Baden-Württemberg. Vielfalt und Stärke der Regionen“, der anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens des Landes federführend von Wehling herausgegeben wurde. Vor dem Hintergrund höchst kontroverser und polarisierender Diskussionen ist auch der Verweis auf den von Wehling 1976 federführend formulierten „Beutelsbacher Konsens“ zu den Grundsätzen politischer Bildungsarbeit wichtig. Die Grundsätze für die politische Bildungsar-beit, die hier formuliert wurden, sind auch heute noch unverändert gültig und fanden weltweit Beachtung.
Vater des „Beutelsbacher Konsenses”
Das Wirken von Kb Hans-Georg Wehling wäre ohne Hinweise auf seine akademische Lehrtätigkeit an der Universität Tübingen höchst unvollständig. Bereits mit vierzig Jahren, am 23. Juni 1978, wurde Wehling zum Honorarprofessor berufen. Er nahm seither bis vor etwa vier Jahren einen Lehrauftrag in Gebieten wahr, die außer ihm niemand lehrte. Dies waren die Bereiche Landespolitik, Kommunalpolitik, Konfessionsfragen und regionale politische Kultur.
Regelmäßig wurde seine Meinung von den regionalen und überregionalen Medien zu aktuellen und grundsätzlichen Fragen eingeholt und auch mancher Bürgermeister verdankt Wehlings fundierten Hinweisen seine Wahl. Aus eigenem Erleben hat der Unterzeichnete den großen Erfolg der Wehlingschen wissenschaftlichen Tätigkeit an der Uni Tübingen verfolgen dürfen. Seine Seminare waren sehr gut nachgefragt, zumal sie häufig mit Exkursionen verbunden waren. Er hat eine Fülle von Magisterarbeiten betreut und eine Zahl von vielen Dutzenden von Promotionen angeregt und erfolgreich betreut.
Hans-Georg Wehling erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, von denen drei genannt seien:
- 2003 den von Carl Herzog von Württemberg gestifteten Ludwig-Uhland-Preis, weil er „in herausragender Weise die Entwicklung der Regionen des Landes Baden-Württemberg in zahlreichen Publikationen beschrieben und sich auch tiefgründig mit anderen Aspekten der Politik, vor allem der Kommunalpolitik beschäftigt“ habe;
- 2011 den Friedrich-Schiedel-Wissenschaftspreis zur Geschichte Oberschwabens „in Ansehung und Würdigung seiner Verdienste für die Erforschung der Geschichte Oberschwabens“;
- 2009 das Bundesverdienstkreuz.
Im Ruhestand nahm Kb Wehling gern eine Reihe von ehrenamtlichen Aufgaben wahr. Er war ein gefragter Experte zu landesgeschichtlichen und kommunalpolitischen Themen in Baden-Württemberg und darüber hinaus. Im KV hielt er bis vor kurzem eine Reihe von spannend vorgetragenen und tiefgehenden Vorträgen und Seminaren – bei letzteren häufig von seiner Frau Rosemarie unterstützt. Lange Jahre war er Vorsitzender des Kuratoriums der Akademie der Diözese Rottenburg und der KV-Akademie. Beide Einrichtungen profitierten von seinen vieljährigen Kontakten.
Der KV hat ein herausragendes Mitglied verloren. Wir werden sein Andenken in Ehren halten. Unser tief empfundenes Mitgefühl gilt seiner Frau, seiner Tochter und Familie.
R.i.P.
Günter Georg Kinzel (Rbg, Al)

