Konjunktur wie lange nicht mehr. Seit einigen Jahren warnen die jungen Leute von Fridays for Future vor Klimakatastrophe und ökologischem Kollaps und auch die Coronapandemie heizt die Endzeitstimmung kräftig an. Und selbst wenn sich bisherige Endzeiterwartungen nicht erfüllt haben: Krisen wie Corona, der Klimawandel, der Raubbau an der Natur oder die weltweiten Flüchtlingsströme zeigen gerade zu Weihnachten drastisch, wie brüchig und ungerecht unsere Normalität ist.

Durchhalten ist angesagt. Seit langem fordert Corona von jedem Geduld und die Bereitschaft auf vieles zu verzichten, was lange selbstverständlich zu seinem persönlichen Leben gehörte.

Seit langem verunsichert diese Situation, wirkt sich gravierend im Alltag aus, gefährdet die Existenz und Lebensgestaltung vieler Menschen, ebenso wie das soziale und kulturellen Leben, das nur noch möglich zu sein scheint, wenn Distanz gewahrt wird.

Von Koexistenz, von einem Leben mit oder trotz Corona kann keine Rede sein, seit die vierte Welle eskaliert: Die Zahl der Toten steigt und steigt, die Zahl der Infizierten ebenso – Lothar Wieler, der Präsident des Robert Koch-Instituts, hat es vorgerechnet: Von fünfzigtausend Neuinfizierten werden vierhundert sterben. Das ist nicht mehr zu ändern, jeden Tag kommen neue hinzu. Ende November wurde das Ausbreiten einer neuen Variante bekannt, die wohl noch schneller infiziere als die bisherigen Virus-Typen. Lothar Wieler hat bereits davor gewarnt, dass es ein schlimmes Weihnachtsfest geben könnte.

Die Welt ist aus den Fugen

Diese verunsichernde Situation verleiht den Endzeittexten, wie sie am Ende des Kirchenjahres gelesen werden, das der Christkönigssonntag im November beschließt, einen neuen Klang. Denn dort ist schlicht und einfach vom Ende der Welt (Mk 13,24-33) die Rede. Bevor
die Coronapandemie ausbrach, mag sich mancher Gottesdienstbesucher oder Bibelleser gefragt haben, was ihm solche Texte überhaupt sagen könnten. Denn die Endzeitreden Jesu, wie sie Markus, Matthäus und Lukas vorstellen, - wohl justiert, kurz bevor die Passionsgeschichte einsetzt - führen in eine sehr fremde Welt dessen ein, was in der langen Geschichte der Gotteshoffnung Israels und der Christen geglaubt wurde.

Mk 13 24-33 zeichnet eine kosmische Katastrophe: die Sonne verfinstert sich, die Sterne fallen vom Himmel. In den Abschnitten davor (Mk 13,1-23) ist von Erdbeben und Hungersnöten die Rede. Im Denken der biblischen Zeit ist mit diesen Zeichen der Kosmos aus dem Gleichgewicht geraten. Der Kosmos fällt in jene alte Zeit zurück, bevor Gott das Chaos geordnet hatte. Die Welt ist aus den Fugen. Wer kann die Menschen jetzt noch retten?

Jesus bemerkt zu dieser kosmischen Katastrophe aber auch auch, dass dies (noch) nicht das Ende sei.(Mk 13,7) Vielleicht ist dies der wichtigste Satz biblischer Apokalypsen: Es kommt darauf an, das Ende gerade nicht mit Weltkatastrophen zu verwechseln. Zwar ist ständig von schlimmen Zeichen, von Kriegen, Katastrophen und Nöten die Rede, ebenso von Verführern, falschen Propheten und Antichristen, die sich als Endzeitmessiasse ausgeben. Aber sie stehen nicht für das Ende - auch nicht die vier apokalyptischen Reiter, von der die Offenbarung des Johannes spricht und die Krieg, Inflation und Massensterben symbolisieren.

Kein bloßer Zusammenbruch

Was sein Ende erreicht, ist unser Zeitalter: dieser „Äon”, wie es im Neuen Testament heißt. Vielleicht ließe sich hinzufügen: Das überkommene System ist an sein Ende gelangt, näherhin die Normalität des Menschen mit ihrer Halbheit und Ungerechtigkeit. Tatsächlich wurden die Endzeittexte des Markus-Evangelium unter dem Eindruck einer verfahrenen Weltsituation geschrieben, geprägt von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, von Korruption, Verbrechen und Widerwärtigkeiten aller Art, wie sie die Bewohner Palästinas unter der römischen Besatzungsmacht erdulden mussten bis hin zur Katastrophe des ersten jüdischen Krieges 70 n. Chr., als Jerusalem in Schutt und Asche gelegt und der Tempel definitiv zerstört wurde.

Was diese heillose, unlösbare Weltsituation ablöst, ist schon im Buch Daniel, der frühesten biblischen Apokalyptik, gesagt: Es ist das Reich Gottes. „Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.“ (Dan 7,14) Einerseits steht dieser neue Äon als Utopie jenseits der menschlichen Normalität, auch jenseits der Katastrophen, die aus der menschlichen Normalität erwachsen. Andererseits ist das Reich Gottes in der biblischen Apokalyptik keineswegs so gezeichnet, dass es „unirdisch” oder „unweltlich” wäre. Am Ende ist bei den Endzeittexten im Buch Jesaja (Jes 54 und 66) wie in der Johannesoffenbarung (Offb21) von einem neuen Himmel, einer neuen Erde und einer neuen Stadt Jerusalem die Rede. Statt unterzugehen, wird die Welt erlöst. Und im Markus-Evangelium wird diese Entstehung einer neuen, erlösten und gerechten Welt beschrieben mit dem fast mythologisch anmutenden Bild vom Kommen des Menschensohns in den Wolken.

Zwar ist zurzeit kein Ende der Corona-Pandemie absehbar, doch liest man viel davon, was nach dieser Krise möglicherweise nicht mehr so sein wird wie bisher: Ändern werde sich der Umgang des Men-schen mit körperlicher Nähe, aber auch der Ferntourismus, wird etwa prophezeit. Auch werde es Wandlungen beim Gesundheitssystem geben, genau wie bei der  weltweiten wirtschaftlichen Vernetzung, der Globalisierung. Manche Veränderung wird erhofft, manche befürchtet, manchmal richten sich Hoffnungen und Befürchtungen auf ein und dieselbe Sache.

„We will not return to normality, because normality was the problem.”

Ob es wirklich zu Veränderungen kommt, falls die Coronapandemie ihr Ende erreicht, steht dahin. Denn die Beharrungskräfte menschlicher Systeme haben sich in vergleichbaren Krisen stets als außerordentlich solide und überlebensfähig erwiesen: So manche „Stunde Null” hat sich im Nachhinein als Mythos entpuppt. Zumal gerade in Krisen die Sehnsucht nach der Rückkehr zur Normalität übergroß ist. Doch eigentlich können sich nur jene Menschen nach der Normalität zurücksehnen, deren Normalität von Wohlstand und Sicherheit, Gerechtigkeit und Freiheit bestimmt ist. Angst vor der Apokalypse im Sinne eines großen göttlichen Bruchs der Normalität zu haben, ist im Grunde ein großes Vorrecht.

Dass Unterprivilegierte die Apokalypse ´das Ende der bestehenden Verhältnisse` dagegen eher ersehen müssten, als dies zu befürchten, hat der Theologe Gregor Taxacher, bekannt für seine Veröffentlichungen zur biblischen Apokalyptik, am Beispiel chilenischer Oppositioneller illustriert, die für mehr soziale und Bildungsgerechtigkeit in ihrem Land eintreten. „We will not return to nor-mality, because normality was the problem.” (Wir werden nicht zur Norma-lität zurückkehren, weil die Normalität das Problem ist) projizierten sie an ein Gebäude, weil sie an anderen Protestformen durch den Coronalockdown gehindert waren. „Ich meine, dass dies nicht nur für Chile gilt.” schrieb Taxacher in seinem Aufsatz „Das ist nicht das Ende - Apokalyptisches in der Corona-Krise”. „Die soziale Spaltung der Welt in nie dagewesenen Reichtum und unermessliches Elend, die ökologische Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, die Bedrohung unserer Zivilisation durch den Klimawandel: All das kennzeichnet unsere Normalität selbst als katastrophisch, als apokalyptisch.”

So gesehen, folgert Taxacher, entscheide die Haltung zur „Normalität”, wie das Wort „Apokalypse” übersetzt und gewertet werden kann. Für diejenigen, die sich an den status quo klammern, weil sie viel zu verlieren haben, wenn die Normalität verschwindet, ist er gleichbedeutend mit Katastrophe und Weltuntergang. Diejenigen, denen die Normalität dieser Welt zu schaffen macht und für die sie ein Problem ist, dürften sich bei der tatsächlichen griechischen Bedeutung des Wortes wiederfinden: Apokalypse bedeutet Offenbarung. Apokalypse macht offenbar, wie es um den Menschen steht. Apokalypse konfrontiert ihn mit den Konsequenzen seines Handelns. Und sie bedeutet für Glaubende den Auftakt der Revolution Gottes gegen die Beherrscher einer schlechten, ungerechten Normalität.

Nutznießer und Opfer der Krise

Gregor Taxacher wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass ausgerechnet populistisch und autokratisch bestimmte Machthaber bestrebt waren, die Krise durch das Coronavirus zu bagatellisieren und kleinzureden: anfangs etwa der britische Premier Boris Johnson, dann Donald Trump, aber auch Diktatoren in Nikaragua oder Weißrussland. „Offenbar sind es gerade solche Machthaber, welche nichts so sehr fürchten wie die Unterbrechung der von ihnen scheinbar beherrschten Normalität”, folgerte Taxacher. „Was sie nicht beherrschen können, darf einfach nicht wahr sein, und koste diese Verdrängung auch tausende Menschenleben.”

Als „Wanderer zwischen den Welten” dürften sich dagegen die Satten und Arrivierten, die Bürger der wohlhabenden westlichen Welt fühlen: Sind sie doch Täter und Opfer zugleich, Nutznießer und Bedrohte der Krise. Viele dürften hin und hergerissen sein zwischen ihrer Sehnsucht nach Normalität und ihrem Wissen, dass sich etwas ändern muss. Viele sorgen sich einerseits, dass der eigenen Familie hoffentlich nichts zustößt  - um andererseits Verschwörungstheorien auf den Leim zu gehen. Viele engagieren sich einerseits für „Fridays for Future” - und fürchten andererseits, dass die krisenreiche Weltlage die Börsenkurse stürzen lässt und ihren Wohlstand schmälert.

So gesehen hat Corona apokalyptische Züge. Denn wie ein Prisma offenbart die Pandemie Ungerechtigkeit und Ungleichheit unserer Normalität. Drastisch wird an Corona erkennbar, wer privilegiert ist - und wer im Schatten steht: Die einen können sich leicht schützen mit Staatshilfe im Homeoffice. Die anderen sind Corona mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert: Menschen in Flüchtlingslagern beispielsweise oder in Asylantenheimen. Sicher: Zu allen Zeiten haben Seuchen und Pandemien grassiert, aber Corona zeigt auch exemplarisch, dass Pandemien keineswegs mehr wie eine neutrale „höhere Gewalt” wirken, hier hat auch der Mensch mit der bedenkenlosen Steigerung des westlichen Lebensstandards seine Finger mit im Spiel: Bekannt ist etwa, dass Viren aus dem Tierreich sich auch aufgrund der ökologischen Zerstörung und der Tierindustrie, also der industriell ausgestalteten Massentierhaltung und Massenschlachtung, vermehren. So wie es auch früher Extremwetterlagen - Wirbelstürme oder Hitzetage -, gegeben hat, diese aber aufgrund des durch den Menschen verursachten Klimawandels immer häufiger werden.  

Nein, Corona ist keine Strafe Gottes, wie religiöse Fanatiker behaupten, und auch kein Instrument in den Händen angeblich finsterer Mächte, wie dies Verschwörungstheoretiker unterstellen. Aber Corona offenbart viel über die Ungerechtigkeit dieser Weltlage und die Unfähigkeit des Menschen, wider besseres Wissen für eine Wende zu sorgen.

Gott erhebt Einspruch

Im Kind in der Krippe von Bethlehem ist der Einspruch Gottes gegen eine heillose Weltsituation Mensch geworden. Deshalb darf der Mensch nicht Apokalyptiker im schlechten Sinne sein und sich mit einer heillosen Welt abfinden. Vielmehr gilt es, das Bestmögliche zu tun, um das Gute, das Gott dieser Schöpfung mitgegeben hat, hier und jetzt erfahrbar zu machen. Denn nur so wird der Mensch zum Menschen, zum Türöffner einer freiheitlichen, solidarisch erneuerten gottesfürchtigen und gottesfreudigen Zukunft. 

„Seien wir doch Türöffner für diese Zukunft!”, sagte der Dogmatiker und Fundamentaltheologe Prof. Dr. Oliver Wintzek kürzlich in einer Predigt:  „dass man in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren nicht von uns sagen wird, wir hätten versagt, weil wir verzagt wären und jenen Gott unendlicher Möglichkeiten nicht in unsere Welt, in unsere Gesellschaft, in unsere Zeit, aber bitte auf der Höhe unserer Zeit, eingespeist hätten!”  Denn in Christus, schrieb Karl Rahner, hat Gott „sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt. Und dieses Wort heißt: ich liebe dich, du Welt und du Mensch.” Auch das ist ein Impuls zum Weihnachtsfest.    

Reinhard Nixdorf (Nm-W)

Vom Kommen des Menschensohnes Mk 13,24 - 27

24 Aber in jenen Tagen, nach der großen
     Not, wird sich die Sonne verfinstern
     und der Mond wird nicht mehr
     scheinen;     
25 die Sterne werden vom Himmel fallen
     und die Kräfte des Himmels werden
     erschüttert werden.,
26 Dann wird man den Menschensohn mit
     großer Macht und Herrlichkeit auf den
     Wolken kommen sehen.     
27 Und er wird die Engel aussenden und
    die von ihm Auserwählten aus allen
     vier Windrichtungen zusammenführen,
     vom Ende der Erde bis zum Ende des
     Himmels.