Quo vadis, Kartellverband?
Hohe Mitgliedsbeiträge, Band- bzw. Farbentragen, Frauen und die Arbeit der Verbandsspitzen: Diese Dauerthemen haben den KV seit über zehn Jahren beschäftigt (für jüngere Semester nachzulesen in „Woran krankt der KV? – Symptome, Diagnose, Therapie” (AM 124-2, Februar 2012). Das Bandtragen (nicht Farbentragen) hat das letzte Jahrzehnt fast alle politischen Ressourcen gebraucht. Die anderen strittigen Themen konnten wir bislang nicht lösen. Ändern ließe sich dies durch eine organische Entwicklung, die alle Beteiligten mitnimmt und in den Veränderungsprozess einbindet. Nur so kann gelebte Transformation gelingen.
Mein erster Schritt: die Gründung einer WhatsApp-Gruppe mit 65 Vertretern (ja, es gibt nur/tatsächlich noch 65 aktive Kartellvereine (KVKV)). Als zweiter Schritt folgte eine Umfrage zu Interessen und Ideen zur Weiterentwicklung des KVs. Auch hier nahmen alle aktiven Verbindungen teil.
Im Folgenden die in Teilen überraschenden Ergebnisse der Umfrage. Eine gute Datenbasis bildet die Basis guter Entscheidungen und aktiver Einflussnahme auf Entwicklungen. Zunächst gilt es, den Wahrheitsgehalt der Daten anzuerkennen – zumal, wenn es schmerzhaft ist. Anschließend können diese Daten bewertet und interpretiert werden. Die Auswertung hat keinen wissenschaftlichen Anspruch.
0. Grunddaten zur Umfrage
Mehr als vier aus fünf Umfrageteilnehmern waren Hochcharge zum Zeitpunkt der Beantwortung im vertretenen KVKV. Bei den bloßen Aktiven handelt es sich der Annahme nach weitgehend um altgediente Burschen. Aufgrund der Zäsur durch Corona ist auch bei den Befragten eine Wissenslücke entstanden, die Voreingenommenheit gegenüber dem KV und ursprüngliche Positionen der KVKV ist tendenziell schwächer.
Zum Ende des Artikels gibt es einen Zugang zur vollständigen Auswertung und den Rohdaten.
1. Verbandsveranstaltungen im Allgemeinen
Verbandsveranstaltungen waren in der Vergangenheit oft gekennzeichnet von einem immer gleichen Kreis von Alten Herren und wechselnden Chargenabordnungen. Ein richtiger Spirit kam aus meiner Sicht außer bei den großen VVen selten auf. Will man Veranstaltungen für junge Studenten und Aktive attraktiver gestalten, sind folgende Umfrageergebnisse zu berücksichtigen: siehe Abbildung 1 auf der rechten Seite
Der KV kann dank seiner Größe attraktive Redner für sich gewinnen. Eben diese attraktiven Redner wünschen sich die Aktiven. Hoch im Kurs steht auch ein gemeinsames Rahmenprogramm, etwa gemeinsames Bummeln oder Seminare.
Auch eine gemeinsame Unterkunft bei Verbandsveranstaltungen für die Aktiven ist einer Mehrheit wichtig. Doch eine zentrale Organisation der Unterkunft durch den KV findet seit der VV in Bochum 2014 nicht mehr statt. Der Grund: Damals kam es zu Beschädigungen an der Unterkunft, wofür der KV aufkommen musste. Wünschenswert wäre, der derzeitigen Aktivengeneration eine neue Chance zu geben und eine zentrale Organisation der Unterkunft anzustreben.
2. KV-Akademie (KVA)
Nach eigener Einschätzung hat in über siebzig Prozent der KVKV noch niemand innerhalb der Aktivitas an einer Veranstaltung der KV-Akademie teilgenommen. Der KVA-Gutschein verfällt somit meist. Dies belegen auch Teilnehmerdaten der KVA aus dem KV-Sekretariat (KVS) der vergangenen Jahre:
Jahr Teilnehmer davon Aktive
2019 275 12
2018 206 44
2017 267 48
Nimmt man an, dass eine Akademie auch so etwas wie eine Kaderschmiede für künftige KV-Generationen sein könnte, ist dieses Ergebnis fatal. Hieraus ergeben sich wichtige Fragen:
Warum erreicht die KVA die Studenten nicht? Warum engagieren sich so wenige Studenten? Warum müssen bei der Romfahrt die Beiträge für fünf Studenten komplett (neunhundert Euro je Teilnehmer) übernommen werden, um die Mindestteilnehmerzahl zu erreichen?
Die Ursache mag zum einen der mangelnde Kontakt zu den Aktiven sein, zum anderen aber auch die Attraktivität des Programms und die aus meiner Sicht nicht gegebene Konkurrenzfähigkeit gegenüber privaten oder Verbindungsveranstaltungen. Eine Analyse der Umfrageergebnisse zur Bewertung der künftigen Veranstaltungen zeigt folgendes Bild: siehe Abbildung 2 auf der rechten Seite
Zunächst fällt auf, dass die von der KVA geplanten Veranstaltungen zum Thema ,,Auseinandersetzung mit dem Glauben" als wenig attraktiv bewertet werden. Als KV mit Prinzip religio ist es unsere Pflicht, attraktivere Veranstaltungsformate zu finden, die auch junge Kartellbrüder zur Auseinandersetzung mit dem Glauben begeistern. Das Seminar „Atheismus in einem religiösen Verband?“ hätte wohl regen Zulauf. Kartellübergreifende Aktivenfahrten rangieren im Bereich attraktiv.
Die Begeisterung und die Beurteilung der Veranstaltung als sehr attraktiv sticht erst beim couleurstudentischen/wissenschaftlichen Austausch heraus. Aus meiner Sicht sollte man hier die finanziellen Ressourcen bündeln. Also dort, wo junge Füxe und Burschen einen persönlichen Vorteil sehen: für ihre Verbindungskarriere, ihr Studium und ihre Berufsplanung. Genau hier hat der KV auch ein Alumni-Netzwerk, was in anderen studentischen Vereinen und Initiativen seinesgleichen sucht. Diese Stärke müssen wir endlich ausspielen!
3. Monatsblätter
Über zwei Drittel der KVKV wollen die Anzahl der Monatsblätter, welche adH gesendet werden, von 5 auf 1 reduzieren. Die Bewertung der Monatsblätter auf einer Skala von 1-10 beträgt 3,1. In Schulnoten wäre das ein „mangelhaft“. Aktive werden mit den AM nicht mehr erreicht, beteiligen sich nicht mit Artikeln und dieses Format ist in unserer Generation nicht mehr zukunftsfähig. Die Tradition der Monatsblätter sollte fortgeführt werden, aber zeitgemäß. Daher müssen Lösungen wie eine Verbands-App, ein Online-Blog oder Newsletter per Mail gefunden werden, welche die Verbandskommunikation zeitgemäß gestalten und die Print-Exemplare mittel- bis langfristig ablösen. Nebenbei spart man Kosten, schützt die Umwelt und dynamisiert die Kommunikation (Likes, Kommentare, Anzahl der Aufrufe).
Ähnlich wie in der Politik beim Thema Kohlestrom, sollte ein langfristiger Ausstiegsplan aus den Printmedien entwickelt werden.
4. Beiträge
Der KV-Beitrag ist ein hoch umstrittenes Thema. Erstes Problem mit den Verbandsbeiträgen: Ihr Verhältnis zum Budget, das Aktiven für ihr Semesterprogramm zur Verfügung gestellt wird.
- Das Budget des Aktivenbetriebs weicht stark voneinander ab: es gibt Modelle, bei denen der AHV die Aktivitas weitgehend finanziert, in anderen Modellen ist die Aktivitas fast ausschließlich selbstfinanziert.
- Etwa der Hälfte der Verbindungen wird weniger als 1500 Euro pro Semester zur Verfügung gestellt. Hochgerechnet aufs Jahr ergeben sich für die Hälfte der Aktivitates ein Budget on ca. 100.000 Euro im Jahr, ein Sechstel des gesamten Verbandsbudgets.
Daher sollte nachvollziehbar sein, dass Aktive verärgert gen Verband sehen, wenn die eigene Aktivitas mit weniger als 1500 Euro abgespeist wird, während dem Verband ein Vielfaches jährlich überwiesen wird.
Zweites Problem mit den Beiträgen: Eine erwartete Gegenleistung wird von den Aktivitates nicht wahrgenommen. Die Beitragsdiskussion findet nur dann ein Ende, wenn die Beiträge für den KV spürbare Verbesserungen bei den Aktiven bewirken. Meiner Meinung nach sollte es Möglichkeiten geben, selbstorganisierte, im Interesse des KVs liegende Aktivitäten von Aktivitates direkt mit Geldmitteln zu fördern.
5. Der Verband muss die Kartellvereine dort unterstützen, wo sie die Hilfe auch wollen.
Ein aktuelles Synergieangebot des KV-Sekretariats ist die Versendung der Semesterprogramme für die KVKV: Doch zwei Drittel greifen nicht auf dieses Angebot zurück. Synergieangebote des KV-Sekretariats werden nicht von allen gewollt (setzen vielleicht auch an der falschen Stelle an) und werden auch nicht konsequent umgesetzt (Economies-of-Scale). Wir sollten daher verstärkt in die Vereine hineinhorchen und das Dienstleistungsangebot daran ausrichten, was wirklich gebraucht wird. Zwei Fragen sind dabei wesentlich: Machen wir die richtigen Dinge? Und: Machen wir die richtigen Dinge richtig?
Wie kann der KV Euch aus Eurer Sicht unterstützen?
Der Fokus muss klar auf der Vernetzung von KVKV und Individuen liegen. Das können verbandsübergreifende Veranstaltungen ermöglichen, gerne auch online, in ungezwungenem Rahmen und nicht immer nur als Kommerse. Ein Online-Kalender, der regional die Veranstaltungen der Verbindungen anzeigt, kann zur kurzfristigen Teilnahme einladen.
Ein weiterer Punkt ist die Außendarstellung: Couleurstudentum hat ein schlechtes Image. Es ist unsere Aufgabe, dieses Image zu verbessern und uns von „schwarzen Schafen” abzugrenzen. Hier-zu sollten wir verstärkt eine Zusammenarbeit mit CV und UV anstreben. Medial wäre vielleicht auch ein Schulterschluss mit moderaten, nicht-christlichen Korporationen wünschenswert.
Ein gewagter Vorschlag: Mehr Förderung des Netzwerks in der Breite und nicht nur der Spitze. Sprich: Weniger Ressourcen für den Vorort, der sich verstärkt auf die tatsächliche Führung des Verbandes und nicht nur auf seine Repräsentation fokussiert.
6. Nachhaltige Verbesserungen im KV
Wie können wir den Verband Schritt für Schritt verbessern? Ich habe eine kleine Auswahl an Instrumenten zur Bewertung abgefragt, die nachhaltige Verbesserungen im KV etablieren könnten: siehe Abbildung 3 auf der rechten Seite
Mit einem Maßnahmepaket, dessen Erfolg mit festen Kennzahlen gemessen wird, könnte man die Investitionen an langfristigen Zielen ausrichten und den Fortschritt zu diesen Zielen reflektieren.
Mit Abstand am besten schneidet eine jährliche Evaluation der KVKV-Führung zur Verbandsführung ab: durch dieses Instrument ließen sich Verbandsaktivitäten stärker an Vereinsinteressen koppeln. Sobald die KVKV auch messbar vom Verband profitieren, erledigen sich auch die immanenten Diskussionen zu den Verbandsbeiträgen.
Fest steht, dass nachhaltige Verbesserungen nicht allein mit einer VV oder Anträgen gelingen werden. Auch nicht durch stetig verhallende Forderungen. Gelebte Veränderung kann nur aus der Mitte der KVKV kommen und sollte dabei ganzheitlich gedacht werden.
Wir brauchen ehrgeiziges und fähiges Engagement gepaart mit dem Durchhaltewillen, den Status quo nicht weiter hinzunehmen. Dazu fordere ich jeden Einzelnen auf! „Halten Sie den KV hoch!“
Fazit
Jeder Veränderungsprozess beginnt da- mit, Probleme offen anzusprechen. Schwieriger wird das Festlegen auf einen gemeinsamen Weg sein, der den KV als Netzwerk und Dienstleister für die KVKV verbessern wird. Gelingen kann das nur durch die Begeisterung und Miteinbindung der KVKV.
Michael Putz, Lu! (Aktivenvertreter, michael.putz@kartellverband.de)



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