Aufzeichnungen eines kirchlichen Zeitzeugen

Die Tagebucheintragungen von Kardinal Michael von Faulhaber (Nm-W) sind online nachzulesen

„Heute Nacht die Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße niedergebrannt und die Fenster in den Auslagen der Judengeschäfte eingeschlagen”. So lautet die Tagebuch-Eintragung des Erzbischof von München-Freising, Kardinal Michael von Faulhaber (Nm-W) am 9./10. November 1938, dem Tag der so genannten Reichskristallnacht mit ihren Pogromen nationalsozialistischer Gewalttäter gegen jüdische Bürger. Doch auch die Kirche und sich selbst sah der Kardinal bedroht. „Wir stehen am Anfang, nicht am Ende. Es wird wie heute gegen Juden, so gegen Katholiken gehen”, notierte Faulhaber im Dezember 1938.

In Gabelsberger Kurzschrift hielt Kardinal Faulhaber (1869-1952) in seinen Tagebüchern Begegnungen, Gedanken zu politischen und kirchlichen Ereignissen oder persönliche Empfindungen und Gefühle fest - über vierzig Jahre, von 1911, als Bischof von Speyer im damals linksrheinischen Teil des Königreichs Bayern, bis zu seinem Tod als Münchner Kardinal 1952. Damit spannen sich die Aufzeichnungen des Kardinals über fünf verschiedene politische Systeme: von der Wittelsbacher-Monarchie über die Weimarer Republik, die Hitler-Diktatur und die Besatzungszeit bis in die frühe Bundesrepublik. So bilden sie eine wichtige Quelle für kirchenpolitische und historische Fragen. Kardinal Faulhaber war prominentes Mitglied des KV als AH der KStV Normannia-Würzburg, die ihm zu Ehren einen Gedenkstein auf dem Kardinal-Faulhaber-Platz in Würzburg stiftete.

Seit geraumer Zeit werden die Tagebücher Faulhabers Jahrgang für Jahrgang als kommentierte Leseversion im Internet zugänglich gemacht. Dabei kooperieren in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt das Institut für Zeitgeschichte München/Berlin, das Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster und das Archiv des Erzbistums München und Freising. Früh war die Katholische Akademie in Bayern mit eingebunden: Im Juni 2012 fand die vorbereitende interne Konferenz für das Editions-Projekt der Faulhaber-Tagebücher in der Katholischen Akademie statt, 2015 wurden dort die Teile der Jahrgänge 1918, 1919 und 1933 vorgestellt, die online gingen, 2019 die Tagebücher von 1945. Und im Oktober 2020 standen die Tagebücher des Jahres 1938 im Fokus.

Wichtige Quelle für kirchenpolitische und historische Fragen

1938 wurde das Hitler-Regime immer brutaler gegenüber den Juden, aber auch gegenüber der katholischen Kirche. Prof. Wirsching, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, beschrieb bei der Vorstellung der Tagebücher von 1938 Möglichkeiten und Grenzen katholischer Kritik an der NS-Diktatur, doch schien er, so der Eindruck des Berichtenden,  diese wohl eher aus der heutigen Sicht eines demokratischen Staates zu beurteilen, in dem kirchliche Stellungnahmen zur Politik, anders als im NS-Regime, nicht existenzgefährdend sind. Man kann durchaus der Meinung sein, dass die Kirche damals zu wenig Einspruch gegen die Nationalsozialisten erhob - während heute, je nach eigenem politischen Standort, der Eindruck entstehen könnte, die Kirche mische sich zu sehr in die Tagespolitik (partei-)politisch ein.

Mit Recht stellte Wirsching fest, dass Faulhabers Parallelisierung der Verfolgung von Juden und Katholiken nur „aus heutiger Sicht” angesichts des Holocaust „zynisch wirkt”. 1938 war zwar die Verfolgung der Juden offensichtlich, nicht aber der Holocaust, der erst nach 1945 aller Welt zweifelsfrei bekannt wurde. Historiker sollten die Perspektive der damals Lebenden ergründen und nicht mit dem Wissen und den Maßstäben von heute vergangenen Zeiten be-, bzw. verurteilen.

Wirsching belegte klar, dass Faulhaber von 1933 kein (rassistischer) Judenfeind war und die Nationalsozialisten ablehnte.

Nach 1933 musste er sich mit der von ihm nicht gewollten kirchenfeindlichen nationalsozialistischen Diktatur arran-    gieren, um die Existenz der Kirche nicht zu gefährden. Kann man ihm einen Vorwurf machen, dass er sich in erster Linie für die Katholiken und die getauften Juden verantwortlich fühlte - zumal das Regime jeden Schritt der Kirche, der ihm als Überschreitung der Zuständigkeiten erschien, als unerlaubte Einmischung in die Politik bekämpfte? Spielt hier nicht auch der Konflikt zwischen Max Webers Gesinnungs- und Verantwortungsethik eine Rolle?

Da die Nationalsozialisten die Juden als angebliche „Rasse” ansahen, aber nicht als Religion, war es durchaus mutig, wenn sich die Kirche für die getauften Juden als Christen einsetzte. Dies gilt auch für Dietrich Bonhoeffers Schrift von 1933  „Die Kirche vor der Judenfrage”.

NS-Versuche, Jesus Christus zu „arisieren”

Mit seinen Adventspredigten des Jahres 1933 sprach sich Faulhaber für das Alte Testament und die dort niedergelegten jüdischen Glaubensüberzeugungen aus. In ihnen wandte er sich gegen damalige, ideologisch motivierte Bestrebungen, das Alte Testament aus der Bibel herauszulösen und, wie es in einem Bericht der Katholischen Nachrichtenagentur KNA hieß, „Jesus gleichsam zu arisieren”.

Faulhabers Adventspredigten aus dem Jahr 1933 hinterließen im In- und Ausland großen Eindruck. Noch nach Ende des Krieges erhielt der Kardinal viele Dankesbriefe. Aber: Indem Faulhaber das Alte Testament als nicht jüdische, sondern Gottes Schrift gegen nationalsozialistische Vorwürfe verteidigte, machte er durchaus Zugeständnisse an den Judenhass der Nationalsozialisten.

In den Wirren um die Münchner Räterepublik von 1918/19 spielten tatsächlich kirchenfeindliche „jüdische Revolutionäre” eine Rolle. Wenn Faulhaber diese 1923 verurteilte, muss dies nicht notwendigerweise auf rassistischem Antisemitismus beruhen.

Sehr problematisch erschien dem Berichtenden die begriffliche Unklarheit Wirschings in Bezug auf die Trennung von rassistischem Antisemitismus seit dem 19. Jahrhundert und theologisch-religiösem Antijudaismus mit Begriffen wie „der ganze klassische, religiös begründete Antisemitismus bzw. Antijudaismus”. Damit soll nicht in Zweifel gezogen werden, dass der traditionelle Antijudaismus dem Antisemitismus der Nationalsozialisten Vorschub geleistet hat.

Ebenfalls problematisch die Behauptung, die nationalsozialistischen Antisemiten hätten Juden aufgrund ihrer Religion definiert. Wirsching bezeugte ja selber, dass die Nationalsozialisten keinen Unterschied machten zwischen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde und Juden, die sich taufen ließen bzw. Personen, unter deren Vorfahren Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren. Übrigens definieren sich orthodoxe Juden selbst nach ihrer Abstammung: Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat. Diese Fragen werden auch aktuell unter deutschen Juden diskutiert.

Und: Wenn Faulhaber 1943 notierte, die holländischen Bischöfe hätten in einem Hirtenbrief „gegen die Ermordung der Juden” protestiert, trifft dies so nicht zu: Sie beklagten deren Deportation. Hintergrund: Die öffentliche Verlesung des Protesttelegramms an den Reichsstatthalter Seyss-Inquart von den Kanzeln der katholischen Kirchen in den Niederlanden hatte die gezielte Deportation von getauften Juden in KZs zur Folge. Darunter waren auch die Karmelitin Edith Stein und ihre Schwester, die in den Niederlanden vor der Hitlerdiktatur Schutz gesucht hatten.  

Dies wiederum veranlasste Papst Pius XII. in seiner weltweit verbreiteten Weihnachtsansprache 1942, die Vernichtung der Juden nur indirekt zu kritisieren, ohne Hitler beim Namen zu nennen.

Der Vortrag von Prof. Wirsching steht als Audio im YouTube-Audiokanal der Katholischen Akademie Bayern sowie als Text im Dokumentationsteil der Akademie zur Verfügung.

Faulhabers Tagebücher sind nachzulesen unter www.faulhaber-edition.de

Dr. Wolfram Ender (Bsg)