Ein Buch, das als Vorbild Schule machen sollte
Lebensrückschau
Ein Buch, das als Vorbild Schule machen sollte
2019 hat Kb Engelbert Plassmann (Bv, Arm, JE) im Selbstverlag ein mehr als fünfhundertseitiges Buch in Lexikon-Oktav mit dem Titel „Erinnerungen an Kriegs- und Nachkriegszeiten“ veröffentlicht. Es gibt in eindrucksvoller Weise seine Lebensgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus und des beginnenden Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Geschichte seiner beiden Hochschulstudien wieder. Gemäß dem Vorwort wollte er damit „einen bescheidenen Beitrag zu der Nacharbeit leisten, die allen Generationen von Neuem aufgegeben ist.“
Ergebnis eines hervorragenden Gedächtnisses
Das Buch ist weitgehend aus dem Gedächtnis geschrieben und über viele Jahre entstanden. Gelegentlich sind allerdings, um dem Leser die Zusammenhänge besser verständlich zu machen, externe Quellen benutzt worden. Auch wurden Geschwister, Freunde und Bekannte befragt. Dennoch muss Kb Plassmann eine große Menge an genauen Erinnerungen gespeichert haben, die es ihm ermöglichten, ein so präzises Bild der von ihm erlebten Vergangenheit in verständlicher Sprache wiederzugeben. Eine Augenfreude ist die gute Bebilderung aus den 1940er- und 1950er-Jahren, die der Verfasser zurecht „als integrale Bestandteile des Textes“ ansieht. Besonders hervorzuheben sind außerdem die teilweise ganzseitigen Farbfotos aus jüngster Zeit von Christoph Seelbach. Damit wird die Vergangenheit mit der Gegenwart eindrucksvoll verknüpft. Hier und da geht Kb Plassmann über die Erinnerungen an vergangene Zeiten hinaus und fügt „Reflexionen aus heutiger Sicht“ bei. In einem Anhang erfährt man abschließend das Wichtige über seinen weiteren Lebensweg, nachdem er seine Studien abgeschlossen hatte.
Kindheit in Oberbayern 1941-1950
Die Eltern Kb Plassmanns stammten aus Westfalen. Sein Vater war durch die Einberufung zum Kriegsdienst im Sommer 1914 in Münster aus seinem 1912 begonnenen Jurastudium gerissen worden. Nach schlimmen Jahren in französischer Gefangenschaft beendete er sein Studium, da er ohnehin nicht in den öffentlichen Dienst strebte, sondern Kaufmann werden wollte, nicht mit dem Staatsexamen, sondern mit der Promotion. Zunächst Bankkaufmann in verschiedenen Städten in Westfalen und im Rheinland, wurde er 1932 zu Karstadt, 1940 zur Deutschen Bank in Berlin berufen. So kam Kb Plassmann, der zweitjüngste von vier Geschwistern, am 29. März 1935 in der deutschen Hauptstadt zur Welt. Kriegsbedingt zog seine Mutter mit den drei jüngsten Kindern und einer Kinderschwester 1940 aus Berlin weg und fand 1941 eine dauernde Bleibe im oberbayerischen Ettal, dessen Geschichte in der NS-Zeit Kb Plassmann ausführlich darstellt. Das Dorf wurde zwar nicht von Luftangriffen heimgesucht, doch blieb auch hier der Krieg immer gegenwärtig. In Ettal besuchte Kb Plassmann die Volksschule, wie man damals sagte. Im November 1945 wurde er in das Gymnasium aufgenommen, das die Ettaler Benediktiner nun wieder führen durften. Einen Monat zuvor musste er erleben, dass sein ältester Bruder Clemens, Student der Physik und Mathematik, mit dem Fahrrad von einem amerikanischen Militärfahrzeug erfasst wurde und zu Tode kam. Die ganze Familie hatte den Krieg unbeschadet überstanden und dann geschah dieses schreckliche Unglück. Den Unterricht in Ettal und das Wirken der Benediktiner behielt Kb Plassmann in dankerfüllter Erinnerung. Er schreibt nicht nur über den Unterricht im Allgemeinen, sondern widmet zudem in seinem Buch einigen seiner Lehrer kurze Biografien. Etwas ausführlicher berichtet er über den Benediktiner Josef Mayr (1889-1951), der eine außergewöhnliche Rolle in seinem Leben gespielt hat. Ettal ist für Kb Plassmann „ein tragfähiger, heimatlicher Grund für alle späteren Jahre und alle Abschnitte (seines) Lebens“ geblieben.
Abitur am Görres-Gymnasium in Düsseldorf 1954, Beginn des Studiums in Berlin
1950 fand Kb Plassmanns Familie nach einer Trennung von fast zehn Jahren ein neues Zuhause in Düsseldorf, wo sein Vater dem Vorstand der Deutschen Bank angehörte. Hier besuchte er das Görres-Gymnasium, an dem er nach knapp dreieinhalb Jahren das Abitur mit 19 Jahren ablegte, für damalige Zeiten sehr jung. An der Schule erlebte er gute Schulleiter, die das Ansehen des Gymnasiums „zu halten und zu mehren wussten“, soweit sich das heute aus der Sicht eines ehemaligen Schülers noch sagen lässt, schränkte er ein. Beide Direktoren des Gymnasiums hatten während der NS-Zeit wegen ihrer aufrechten Haltung berufliche Nachteile erdulden müssen.
Im Laufe der Zeit in der Oberprima, wie damals die Abschlussklasse vor dem Abitur hieß, trat bei Kb Plassmann die Absicht in den Vordergrund, Theologie zu studieren und Priester zu werden. Sein Vater riet ihm, zunächst eine zusätzliche Zeit des Nachdenkens bis zu einer endgültigen Entscheidung über seinen Lebensweg zu wählen. Deshalb begann er mit einem Studium der Philosophie an der Freien Universität in Berlin, wo er im April 1954 an der öffentlichen Immatrikulationsfeier teilnahm. Damit erhielt er, wie aus der abgebildeten Urkunde hervorgeht, das „akademische Bürgerrecht“. Durch Handschlag gelobte er, „die von ihm eingegangenen Verpflichtungen einzuhalten.“ Heute, wo man sich im „Studierenden(!)sekretariat“ einschreibt, mutet so etwas wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht an. Kb Plassmann hörte an der FU neben anderen den Philosophen Wilhelm Weischedel, der, wie er schreibt, „auch weite Kreise interessierter Laien anzusprechen wusste.“ Das gilt bis heute. Weischedels Buch „Die philosophische Hintertreppe“ ist immer noch lieferbar.
Studium der Theologie in Bonn und Freiburg i.Br. ab Herbst 1954
Zum Wintersemester 1954/55 ging Kb Plassmann nach Bonn, um Theologie zu studieren. Als Priesteramtsanwärter des Erzbistums Köln bezog er das Collegium Albertinum. Das Leben in diesem Theologenkonvikt verlief ganz anders als das der anderen Bonner Studenten. Seine Bewohner hatten sich strikt an die der klösterlichen Lebensform ähnliche Hausordnung zu halten, über deren Einhaltung der Konviktsdirektor wachte. Nicht umsonst wurde das Albertinum Kasten genannt. Seinen Leiter empfand Kb Plassmann als „Vorgesetzten, nicht als Vorbild, wenngleich er sicherlich ein pflichtbewusster und integrer Priester“ gewesen sei. Der vorbestimmte Tagesablauf im Konvikt und das Studium an der Universität waren verschiedene Welten. Kb Plassmann hatte den Eindruck: „Hier in der akademischen Universitas ist mein eigentlicher Platz als Theologe, mehr als in der Enge des Konvikts.“ Dort konnte „geistiger Austausch stattfinden“ und „die christliche Religion von denen wahrgenommen werden, die sie intellektuell wahrnehmen sollen.“ An der Qualität der Vorlesungen hatte Kb Plassmann nichts auszusetzen. Am stärksten beeindruckt haben ihn die Vorlesungen der Kirchenhistoriker Theodor Klauser und Hubert Jedin, beide international bekannte Gelehrte.
Für die sogenannten Freisemester schrieb sich Kb Plassmann für das Wintersemester 1956/57 und das Sommersemester 1957 an der Universität Freiburg i.Br. ein. Eine herausragende Gestalt an der dortigen Theologischen Fakultät war Bernhard Welte, „dessen Ausstrahlung weit über die wissenschaftliche Theologie und die Grenzen der Hochschule hinaus reichte.“ Ihn hörte Kb Plassmann und bemerkte schon als Student, „dass Welte nicht aus einem vorgefertigten Gedankensystem heraus sprach, dass seine Gedanken vielmehr frei und originell waren.“ Oft dachte er: „Das hast du noch nie so gehört.“
In Freiburg fand er 1956 in den „Freisemestern“ Anschluss an die „Bavaria“. Gekeilt hatte ihn Norbert Windhaeuser, der im Sommersemester 1954 in Bonn das Theologiestudium aufgenommen und im „Albertinum“ gewohnt hatte. Im Sommersemester 1957 stand Kb Plassmann der Aktivitas der „Bavaria“ als Senior vor. Zehn Seiten lang schildert er, was für ihn seine Korporation immer noch bedeutet: einen Freundschaftsbund fürs Leben. Bemerkenswert für die KV-Geschichte ist der Bericht über einen rheinischen Bavarentag, an dem das Bavaren-Mitglied, der Aachener Bischof Klaus Hemmerle in seiner Predigt auf das Thema „Aufnahme von Studentinnen in die KV-Korporationen“ einging. Das hatte die „Bavaria“ beschlossen und versuchte, dass die KV-Satzung entsprechend geändert würde. Bischof Hemmerle „ließ erkennen“, so erfahren wir, „dass er mit der Freiburger Entscheidung gerne einverstanden war. Er tat dies zwar in zurückhaltender Form, wollte den Verantwortlichen des Gesamt-KV gegenüber nicht sein Bischofsamt in die Waagschale werfen, und nicht mit allzu deutlicher Stellungnahme zitiert werden.“ Das sei für die Anwesenden aber deutlich genug gewesen und als „Genugtuung“ empfunden worden. Klaus Hemmerle habe wohl die drastische Schrumpfung des KV damals schon vorausgesehen.
Abschluss des Theologiestudiums in Bonn und Eintritt ins Kölner Priester-seminar im November 1958
Nach seiner Rückkehr ins „Albertinum“ nahm Kb Plassmann dort das Amt des Seniors der Hausverbindung „Der Ring“ wahr. Außerdem wurde er Mitglied der „Arminia“. Doch die Teilnahme am Leben eines Studentenvereins war für die Theologen im Konvikt problematisch. Wie in Freiburg, während der Freisemester „ungezwungen mit den Juristen und Medizinern, den Philosophen und Naturwissenschaftlern zusammen zu sein“, war wegen der abendlichen „Sperrstunde“ um 9 Uhr im „Albertinum“ fast nicht möglich.
An die Bonner Theologische Fakultät waren inzwischen neue Professoren berufen worden, darunter der Dogmatiker Johann Auer, dessen „jugendliche Frische“ Kb Plassmann besonders zusagte. Bei dem Moraltheologen Werner Schöllgen bewunderte er dessen „Berufs- und Lebenserfahrung“. Die Bonner Studienzeit schloss Kb Plassmann mit dem sogenannten „Introitus“ im Alter von 23 Jahren ab, organisierte aber noch, bevor er in das Priesterseminar in Köln wechselte, mit anderen Mitgliedern des „Rings“ ein internationales Theologentreffen.
Als Kb Plassmann das Priesterseminar in Köln im Herbst 1958 bezog, war der Neubau in der heutigen Kardinal-Frings-Straße in der Kölner Innenstadt und in unmittelbarer Nähe zum „Erzbischöflichen Haus“ gerade fertiggestellt worden. Trotz dieser Nachbarschaft blieb der Kb Erzbischof Kardinal Josef Frings (Bv, E d Arm), der die Alumnen bald weihen sollte und sie dann in die Gemeinden entsenden wollte, eine „abgehobene Amtsperson“, die man persönlich nicht kennenlernte. Ebenfalls wurde die Chance nicht genutzt, dass die Seminaristen in näheren Kontakt zu den Stadtgemeinden traten. Auch eine kunsthistorische Erschließung des Kölner Doms oder anderer bedeutender kirchlicher Bauwerke unterblieb. Kb Plassmanns zweites Semester im Priesterseminar war zunehmend von der Frage „überschattet“, ob er es verantworten könnte „die Verpflichtungen zu übernehmen, die mit dem Amt des katholischen Priesters verbunden sind.“ Die Unsicherheit hielt an und er beschloss, an der für Juni 1959 vorgesehenen Subdiakonatsweihe nicht teilzunehmen. Nach einer längeren Bedenkzeit, die er intensiv nutzte, stand für ihn fest, einen anderen Weg gehen zu wollen.
Gehadert hat er mit der Kirche nicht, sich aber wohl kritisch mit der Unfähigkeit der Kirche beschäftigt, den Priestermangel nicht wenigstens durch die Weihe von Viri probati zu lindern, ganz zu schweigen von den weiterführenden Reformen.
Neubeginn in Würzburg und Jurastudium
Sein Neubeginn in Würzburg und der Wechsel zum Jurastudium ist Kb Plassmann nicht leichtgefallen. Er war mit 25 Jahren plötzlich wieder Studienanfänger. Doch nahm er alle Klippen und wurde in der Stadt seines Zweitstudiums heimisch. Er trat bei „Julius Echter“ ein und übernahm bei dieser KV-Korporation für das Wintersemester 1962/63 das Amt des Fuchsmajors. Als Wahlspruch hatte sich der Verein „Nec laudibus, nec timore“ in Erinnerung an „einen unerschrockenen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus“, den Bischof von Münster Clemens August Graf Galen (1878-1946), gewählt. „Angesichts nicht weniger Professoren mit brauner Vergangenheit im damaligen Würzburg ein durchaus aktuelles Unterfangen“, wie Kb Plassmann selbst schreibt. Vor der Festlegung auf diesen Wahlspruch seien „lebendige Diskussionen“ über die „Stellung zur NS-Vergangenheit und die aus den Erfahrungen der Zeitgeschichte zu ziehenden Folgerungen voran gegangen.“ Die Benennung des Vereins nach dem Fürstbischof von Würzburg, Julius Echter von Mespelbrunn (1545-1617), war ein Bekenntnis zur Würzburger Universität, die dieser 1582 zur Zeit der Gegenreformation gegründet hatte und die abgekürzt auch Alma Julia genannt wird.
1964 legte Kb Plassmann das Erste juristische Staatsexamen ab und begann eine Dissertation mit einem rechtsgeschichtlichen Thema bei Paul Mikat, dem er vieles verdankt und dem er in seinem Buch ein eigenes Denkmal setzt. 1962 wurde Paul Mikat Kultusminister in Nordrhein-Westfalen und wechselte 1965 an die gerade gegründete Universität Bochum. Deshalb kam Kb Plassmann 1966 mit ihm dorthin, um seine Doktorarbeit (Staatskirchenrechtliche Grundgedanken der deutschen Kanonisten an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert) fertig zu stellen. Ein Jahr später legte er in Bochum „auf der Baustelle“, wie er selbst formuliert, sein Rigorosum ab.
Danach begann er eine Ausbildung für den Höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken, eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Nach der Vereinigung Deutschlands verließ er die Fachhochschule Köln und baute als Gründungsdekan für den geisteswissenschaftlichen Fachbereich an der neu gegründeten Fachhochschule Leipzig u.a. den dortigen Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft auf. Zuguterletzt lehrte er von 1995 bis 2000 Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin.
Zur Nachahmung empfohlen
Immer wieder wird die ältere Generation von den Jüngeren gebeten, Ereignisse aus ihrem Leben zu Papier zu bringen. Dazu gibt es eine gewaltige Auswahl an Handreichungen. Die niederländische Autorin Elma van Vliet hat sogar einen Verlag gegründet, der sich dieses Anliegens annimmt. Wie man so etwas macht, zeigte auch Kb Plassmann vorbildlich. Es wäre gut, wenn seine Erinnerungen in unseren Reihen viele Nachahmer fänden. Auch für die spätere Geschichtsschreibung einzelner Korporationen können solche Gedenkschriften eine wertvolle Quelle sein. Wer schon einmal versucht hat, über die Vergangenheit seines Studentenvereins zu schreiben, wird oft genug feststellen, dass es wenig Material gibt, mit dem man über das Innenleben seiner Korporation oder über die Bedeutung einzelner Mitglieder für deren Entwicklung zu berichten vermag.
Wolfgang Löhr

