Das gesammelte Wissen der Welt
Enzyklopädismus als rationalistische Methode des Weltbegreifens
Enzyklopädismus sei „Grundsatz der (unkritischen) Anhäufung von Wissen als Ziel der Bildung.” Eine solche Wissensanhäufung sei „bereits in der Vergangenheit, vollends aber in der Gegenwart mit ihrer schnellen Wissensvermehrung als unrealistisch anzusehen.” Was hier der Paderborner Historiker Friedhelm Golücke in Band II seiner 2018 erschienenen vierbändigen Hochschul-Enzyklopädie feststellt, könnte noch um die Bemerkung erweitert werden: Das hawaiianische Wort „wiki” bedeutet bloß „schnell”, nicht aber „gründlich”.
Es ist fragwürdig, wenn jemand jemanden in feierstündlicher Rede oder am Grab, in akademischer Feierstunde oder politischer Gedenkfeier auszuzeichnen glaubt, indem er die Person eine Person „von enzyklopädischer Bildung” oder - schlimmer noch - „mit enzyklopädischem Wissen” nennt. Ein zweifelhaftes Lob für wichtigtuerische Vielschwätzerei!
„Kyklos” und das daraus gebildete neulateinische „cyclus”, so wusste jeder Enzyklopädist, ist „Kreis” oder „Kreislauf”. Die Kykladen sind jene Inseln, die kreisförmig die Insel Delos umgeben. Delos ist durch sie eingekreist, énklykos, das heißt vollständig umfasst. Um ein solch vollständiges, alles umfassendes Knabenführen oder Kindererziehen (paidéuein) ging es bei enzyklopädischen Absichten im Grunde oder im Kern. Doch die Sache entfernte sich vom Begriff gewaltig, und die Enzyklopädie hatte mit dem Schulbuch bald nichts mehr gemein. Sie sollte den Menschen nicht mehr in Welt und Leben einführen, sondern sollte die Welt ihm vorführen in ihrer Allumfassendheit, eben enzyklopädisch. Zu diesem Zweck beteiligten sich an Diderots und d´Alemberts Enzyklopädie auch andere Geister der Aufklärung, z.B. Rousseau und Voltaire. Damit kündigte sich die antagonistische Konstante an, die von der Französischen Revolution einerseits bis zu den Weltkriegen mitsamt Holocaust andererseits Denken und Tun bestimmen sollte: Es ist letztlich der Gegensatz zwischen Gott und Welt, zwischen Glaube und Vernunft.
Widerstreit zwischen Glaube und Vernunft
Rationalismus nennen wir die Denkweise der Aufklärung des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Der Rationalist glaubt an eine unbeschränkte menschliche Einsichtsfähigkeit, die sich alles Seienden geistig bemächtigen kann. Aus diesem angenommenen Zusammenhang von behaupteter Erkenntnisfähigkeit und angeblicher Erkennbarkeit entstand die neuzeitliche Wissenschaft, insbesondere die Mathematik und die Naturwissenschaft. Die Wissenschaft von der Geschichte der Menschheit stand dabei nicht völlig am Rande. Auch die Beschäftigung mit Geschichte galt als Wissenschaft, wenn sie sich mit dem rational fassbaren befasste, d.h. mit der Überlieferung d e r Geschichte und mit den Überresten a u s der Geschichte. Bei Überresten bzw. Überlieferung hat man zu denken an dingliche, meist archäo- logische Quellen bzw. an schriftliche Darstellungen von Geschehen. Als früheste Schriftquellen gelten die Darstellungen von Herodot (ca. 490-430 v. Chr.).
In diesem Licht tritt nun deutlich hervor der Gegensatz, ja der Widerstreit zwischen Glaube und Vernunft - jene zwei Mühlsteine, zwischen die gerade der fleißige und begabte Katholik leichter und schneller geraten konnte als andere. Das katholische Bildungsdefizit, die gesellschaftliche Inferiorität der deutschen Katholiken im 19. Jahrhundert und ihre daraus resultierende politische Leichtgewichtigkeit hingen damit zusammen, dass es katholisch fundierte Enzyklopädien lange nicht gab. Erst 1857 lag die erste explizit katholische Enzyklopädie vor: „Herders Conservations-Lexikon” in fünf Bänden aus dem Frankreich nahe gelegenen Freiburg. Benjamin Herder (1818-1888) verstand es als bewusst katholisch konzipiertes Gegenstück zu „Brockhaus”, „Pierer” oder „Meyer”.
Nihil est in intellectu quod non ante fuerit in sensu
Da hatte die „Aufklärung” des Verstandes durch den Rationalismus, gegensätzlich zur „Verdunkelung” der Vernunft durch die Religion, schon über zweihundert Jahre lang gewirkt. Die Aufklärung war getragen von zwei philosophischen Hauptrichtungen, dem cartesianischen Rationalismus und dem Lockeschen Empirismus. Dieser führte Erkenntnis zurück auf Sinneserfahrung und Reflexion: Nihil est in intellectu quod non ante fuerit in sensu - Nichts ist im Verstand/Geist, was nicht zuvor in den Sinnen war (Sensualismus).
Mit Kant und Montesquieu trat in die Aufklärung das Politische ein, indem Kant sie definierte als Herausführung des Menschen aus seiner Unmündigkeit und Montesquieu sie definierte als Grundlage von Gesellschaftsvertrag und Volkssouveränität. Daneben stützte sich die Aufklärung auf einen ausgeprägten Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen.
Wir denken zum Beispiel an Fenelons „Traité de l´éducation des filles” von 1687 und an dessen ,,Aventures de Télémaque” von 1699. Erziehung sollte zum Gebrauch der Vernunft anleiten. - Wie oft sagen Leute heute noch floskelhaft im Unterricht: „Denk doch mal nach!”?
Vor allem diesen Zielen diente die von Diderot und dann von d'Alembert herausgegebene Enzyklopädie als eine Sammlung des - wie man glaubte - gesamten menschlichen Wissens der Zeit (1751-72; Encyclopédie ou Dictionaire Raisonné [nach den Regeln der Vernunft] des Sciences, des Arts et des Métiers). Seit 1674 waren schon mindestens neun Enzyklopädien entstanden. Es war jedoch Diderots und d´Alemberts Werk, das auf Jahrzehnte das Menschen- und das Weltbild bestimmen sollte. Das Opus maximum wurde zur Bibel des Bildungsbürgertums, das dort akkumulierte kognitive Kapital zum Herrschaftsinstrument einer ganzen Gesellschaftsschicht. Philipp Blom nannte noch 2005 den 35-gliedrigen Band-Wurm „das vernünftige [!] Ungeheuer.”
Die Enzyklopädien verdankten Akzeptanz und Ansehen ihrer Sprachpräzision - der sprichwörtlich gewordenen „lexikalischen“ Kürze - und ihrer Meinungsneutralität und Sachkompetenz der Verfasser, die zum großen Teil für die Korrektheit der Artikel mit vollem Namen bürgten. Die 11. Auflage der seit 1901 amerikanischen „Encyclopaedia Britannica” erhielt das Epitheton ornans „Cambridge Issue”, weil sie am Olymp der britischen Geistesswissenschaft, im englischen Cambridge, erstellt wurde.
Objektivität galt als weiteres Qualitätskriterium - jedenfalls bei bürgerlichen Enzyklopädisten. Als Lenin meinte: „Das Lexikon gehört in die Hand jeder Magd”, dachte er wohl weniger an Objektivität der Darstellung als an Parteilichkeit vom proletarischen Klassenstandpunkt aus. Älteren ist vielleicht noch erinnerlich, dass 1953 der sowjetische Minister für Staatssicherheit, Lawrenti Berija, zum Tode verurteilt und liquidiert wurde. In der „Großen Sowjet-Enyzklopädie” erschien fortan statt des Lemmas „Berija” das Stichwort „Beringov proliv” (Bering-Straße). In der römischen Antike nannte man so etwas Damnatio memoriae.
Wissen einerseits - Kritikfähigkeit andererseits
Nach der Einführung der allgemeinen Unterrichts- bzw. Schulpflicht in Preußen 1763 durch das Generalschul-Reglement Friedrichs des Großen wurde Enzyklopädismus grundlegend für die Schuldidaktik in Deutschland (wie es in Frankreich und Russland bis heute ist). Wissen einerseits und Kritikfähigkeit andererseits gerieten in ein Ungleichgewicht zugunsten der Faktizität. „Lernen, lernen, nochmals lernen” (W. I. Lenin) stand 1960 auch an der Stirnwand meines Klassenraums der Zehnklassigen Polytechnischen Oberschule in der sozialistischen DDR. Kognitives Lernen, Pauken, stand im Vordergrund. Kinder lernten auswendig und leierten es herunter, weil sie das Gelernte nicht verstanden. Noch 1968 hatte ich auf dem Neusprachlichen Gymnasium im Westen das althochdeutsche Hildebrandslied auswendig zu können:
Ih gihorta daz sagen,
daz sih urheizzun einon muozin,
Hiltibrant enti Hadubrant untar
heriun zueim.
sunufatarungos iro saro rihtun.1
Wir alle haben miterlebt, wie nach 1968 das Pendel umschlug. Von der Versachlichung der Inhalte zur Vergefühlung, von der Paukschule zur Gefühlspädagogik. Sind wir uns des neuesten Standes ausreichend bewusst, dass nämlich das Pendel mit der Digitalisierung des Unterrichts erneut zurückschlägt - vom gefühlten Wissen zum Faktenfetischismus von Google und Wikipedia? Und was heißt „wiki”? Nicht „gründlich”.
Wie der damalige Präfekt der römischen Kongregation für die Glaubenslehre, Kb Joseph Ratzinger (z.B. 2004 in der Katholischen Akademie Bayern), hat 2019, im hohen Alter, auch Jürgen Habermas auf 1700 Seiten in einem fundamentalen Werk das Verhältnis von Glaube und Wissen zu seinem Thema gemacht (Bd. I: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen; Bd II: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen).
Leicht vergängliches „Volatilwissen”
Ich aber fürchte: Die angesagten Flüchtigphrasen-Drescher, Popularphilosophen und televisionären Welt-Erklärer von Lütz und Lesch bis Precht sind die Enzyklopädisten unseres rasant vergänglichen, digitalisierten Volatilwissens. Nicht aber die Menge des Wissens zählt, auch nicht seine überschallschnelle Verfügbarkeit, sondern was wir aus Wissen machen. Aus dem Übermaß an Infos muss Wissen erst destilliert werden. Erst Verarbeitung von Wissen bringt Zivilisation und Kultur hervor. Fast-Food-Konsum von Wissen wirkt wie Futter fürs Vergessen. „Wiki” heißt „schnell”. Mehr nicht!
Siegfried Koss (Gro-Lu, Rh-D, Pr, JE)

