Der Weg der Hoffnung - Gedanken vor Weihnachten

(Die nachfolgenden Gedanken sind angeregt durch die beiden Schrifttexte, die sich der verstorbene Bbr. Dr. Anton Brimer für seinen Trauergottesdienst gewünscht hat.)

Der großartige, nicht gerade leicht verständliche Prolog des Johannes-Evangeliums ist seit alters der zentrale Text, den die Kirchen zu Weihnachten präsentieren. Er lehnt sich an ein vorchristliches, jüdisches Lied an, das der Verfasser des Evangeliums in Jesus Christus, dem Mann aus Nazareth, erfüllt sieht. Mancher braucht Jahre - ich jedenfalls -, bis er erkennt, dass er wirklich das christliche Credo ausspricht, kein Text zum Auf-sagen, sondern ein Lebenstext, der zu Herzen geht - ein Lichtwort. Dieser Logos, das „Wort“, das Wort des eben nicht stummen Gottes, ist Fleisch, ist Mensch geworden. In einem von uns, in Jesus von Nazareth, hat sich der geheimnisvolle, unfassbare Gott ausgesprochen.
Das Evangelium, das dieser Text einleitet, ist gegen Ende des ersten Jahrhunderts für Christen geschrieben worden, die dies schon in der zweiten Generation waren und sich wohlfühlten, als Christen in einer sympathischen Verbundenheit miteinander zu leben. Ihnen war aber anscheinend das eigentliche Fundament und Zentrum des Christseins gerade im Gegenüber zu einer erdrückenden und zugleich interessanten Mehrheit anders denkender oder anders gläubiger Menschen etwas in den Hintergrund getreten, zu selbstverständlich geworden.

Darum widmet das Johannes-Evangelium dem einzelnen Menschen und seiner Suche nach der Wahrheit des Lebens besondere Aufmerksamkeit und will darauf Antwort geben. Es will eine ver-tiefte Erkenntnis Jesu und eine persön-liche Beziehung zu ihm vermitteln. Dies geht einem auf, wenn man etwa auf Jesu Gespräch mit Nikodemus oder der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen schaut.

Da stellt sich schon die Frage: Leben wir nicht auch heute in einer Gesellschaft sehr unterschiedlicher, oft oberflächlich denkender, aber auch sehr existenziell fragender und suchender Menschen? Sollten wir nicht auf die Antwort dieses alten Evangeliums aufmerksam werden und uns mit dessen Hilfe zu einer Stellungnahme ermutigen lassen? Der so genannte 2. Petrusbrief ist die jüngste Schrift des Neuen Testaments, achtzig bis hundert Jahre nach dem Tod des Petrus entstanden. Der unbekannte Verfasser hat die Maske des Petrus aufgesetzt und seinen Brief Petrus wie dessen eigenes Testament in den Mund gelegt - wohl auch um unter diesem hochgeschätzten Namen mehr Beachtung für seine Schrift zu finden - eine im antiken Schrifttum geläufige Übung.

In den Gemeinden, vermutlich in Kleinasien, denen jener anonyme Verfasser so um die Mitte des 2. Jh. schreibt, hatten sich Irrlehrer eingenistet, die die bislang nicht erfolgte Wiederkunft Christi ihrem Spott unterzogen und eine Lebensweise nach dem Motto propagierten „Jeder kann machen, was er will“. Diese kritisiert der Verfasser des Briefes massiv und hält die jüdisch-prophetische und urchristliche Hoffnung auf „einen neuen Himmel und eine neue Erde“ aufrecht…

Wenn man die heutige Gesellschaft betrachtet und ein wenig analysiert, liegen da schon Ähnlichkeiten im Lebensentwurf so mancher Menschen, in einem „in den Tag hinein leben“, in einem verantwortungsfernen Sozialverhalten, ja sogar in einem immerhin „christentümlichen“ Verhalten nahe.

Darf, kann man hinter diesem Text aus dem 2. Petrusbrief auch unsere Welt von heute sehen? Lässt sie sich gar mit jenem „finsteren Ort“ vergleichen, an dem allerdings ein Licht am Brennen ist, das auf jenem „heiligen“ Berg schon aufgeleuchtet ist: Jesus und dessen Schein in den Christen von heute aufleuchten sollte? Diesen Jesus habe schließlich „eine Himmelsstimme von erhabener Herrlichkeit“ als den Sohn Gottes ausgewiesen, jene Stimme, die die Gruppe auf dem heiligen Berg vernommen hat - eine alte Tradition, die der Schreiber aufgreift. Oder soll damit sogar ausgesagt werden, dass die Zukunft längst aufgeleuchtet ist in jener Verklärungsszene vom Berg? Jedenfalls wollte der Verfasser dieses Briefes darauf aufmerksam machen, dass wir längst einen „Weg der Hoffnung“ beschreiten über den Tod hinaus!

Ein Würzburger Bundesbruder hat einmal ein Essay verfasst, das den Titel trägt „Lazarus oder die Auferweckung“. Dort lässt er den aus dem Tod wiedererweckten Lazarus sagen: „So haben wir Heimweh nach dem Land, wo wir zuhause sind, und das Heimweh erfüllt unser ganzes Sein, und das Land ist fern und doch in unserem Heimweh in uns selber. Meine Brüder, es gibt nur eine Weise, Gott und das Land jenseits zu schauen: Wir müssen glauben und hoffen und lieben. Aber eines will ich euch verkünden: es ist unendlich schön. Mehr sage ich nicht.“

Dr. theol. Heinz Geist (Nm-W), Domkapitular em.

Joh 1, 1-5, 14, 18

1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. 4 In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst… 14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt...18 Niemand hat Gott je gesehen, der Einzige, der Gott ist und im Schoß des Vaters ruht, hat ihn ausgelegt.“

2 Petr 1, 16-19

16 Denn wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundtaten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. 17 Denn er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen, als eine Stimme von erhabener Herrlichkeit an ihn erging: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefun-den habe. 18 Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. 19 Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten, wie ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen