"Hoch die Tassen!" in Downing Street 10
Januar 2022 in Würzburg: Bundesfest auf dem Normannenhaus an der Mergentheimerstraße. Stoisch schlägt das Präsidium den Festkommers. Eine kleine Festcorona singt, stößt an und lauscht dem Festvortrag – doppelt geimpft und geboostert, unter Beachtung der gebotenen Abstände und Hygienevorschriften. Wichtigstes Utensil ist die Kamera, die das Geschehen an die Bundesbrüder draußen im Lande überträgt. Die sitzen vor ihrem Bildschirm, singen mit und lassen sich ihr Bier schmecken. Zum Kolloquium werden sie dann in einen anderen virtuellen Raum geladen, dort plaudern sie per zoom miteinander und mit den Bundesbrüdern im Normannenhaus. Als schließlich der Salamander draußen und im Normannenhaus gerieben wird, bedauert jeder, dass man nicht physisch zusammen sein kann. Aber das lässt die Omikron-Variante mit ihren steil nach oben strebenden Inzidenzzahlen nicht zu. Sich darüber hinwegzusetzen wäre verantwortungslos.
„Hoch die Tassen!“ – ohne Rücksicht auf Verluste – scheint dagegen Parole in Downing Street 10, dem Sitz des britischen Premierministers, zu sein. Dort war auch während der Lockdowns auf der britischen Insel Party angesagt. Während den Bürgern harte Einschränkungen zugemutet wurden, Menschen zwei Meter Abstand zueinander einhalten mussten, Kinder nicht zu ihren sterbenden Eltern vorgelassen wurden und jeder, der beim Feiern ertappt wurde, hohe Bußgelder zahlen musste, pfiff man in Downing Street auf den Lockdown und ließ es krachen. Im April 2021 etwa trank und tanzte man wenige Stunden vor der Beisetzung des Prinzgemahls Philip, zu der Staatstrauer angesagt war, bis in den frühen Morgen hinein. Ein DJ legte auf. Soweit bekannt, war dies ein ganz normaler Wine-Time-Friday, geduldet vom Herrn des Hauses, der fand, seine Mitarbeiter sollten einfach einmal Dampf ablassen.
Als herauskam, was da im Lockdown vor sich gegangen war, leugnete Premierminister Johnson erst die Partys und behauptete dann, selbst nichts davon mitbekommen zu haben. Und als seine Teilnahme an wenigstens einer der Feiern zweifelsfrei belegt war, behauptete er, er habe sie für „Arbeitstreffen“ gehalten.
Wahrscheinlich ist dies nicht die schlimmste Verfehlung Boris Johnsons, wohl aber eine Verfehlung, die ihm die Britanniens Bürger nicht verzeihen werden. Denn jeder Bürger hat ganz persönliche Erinnerungen an den Lockdown – und daran, was dieser in seinem eigenen Leben angerichtet hat.
So spektakulär die Vorgänge in Downing Street 10 sein mögen, - auch in Deutschland gibt es genug Politiker, die glauben, sie seien von der Befolgung der Regeln, die sie für die Allgemeinheit in Zeiten von Corona beschlossen haben, ausgenommen: So feierte im Juni 2020 der Hamburger Innensenator Grote in der HafenCity seine Bestätigung im Amt – ungeachtet der Beschränkungen und Verbote für Feiern. CDU, Linke und AfD forderten seinen Rücktritt – Grote bestritt, gegen die Regeln verstoßen zu haben und sprach von einem „dummen Fehler“. Die zuständige Bußgeldstelle bestand dessen ungeachtet auf tausend Euro Bußgeld. Der Senator musste zahlen. Wenig glaubwürdig nahm sich im Oktober 2020 auch die Teilnahme des damaligen Bundesgesundheitsministers Spahn an einem offenbar als Spenden-Aquise gedachten Abendessen in Leipzig aus. Kurz zuvor hatte Spahn das „Geselligsein“ als Hauptinfektionstreiber in Deutschland beklagt. Und ziemlich absurd wirkte der Auftritt der damaligen Bundesverteidigungsministerin Kamp-Karrenbauer, die im April 2020 am Flughafen Leipzig/Halle eine Lieferung von Schutzmasken aus China entgegennahm. Auf eigenen Mundschutz verzichtete die Ministerin, als sie von Dutzenden Journalisten zum Teil auch ohne Einhaltung des Mindestabstands interviewt wurde.
Ungewiss war im Januar, welche Wellen das Party-Gate an der Themse noch schlagen werde. Eines ist klar: Politiker sollten sich gerade in einer Pandemie an den Comment halten, dass in einer Demokratie keiner gleicher ist als andere. Es lohnt sich nämlich nicht, sich Vorrechte herauszunehmen, Bürger zu brüskieren und damit Impfgegner und Coronaleugner in der Ansicht zu bestärken, Corona könne doch gar nicht so bedrohlich sein, wenn die Regierenden nicht einmal die Regeln befolgten, die sie selbst beschlossen hätten – nicht in England, nicht in Deutschland und auch nicht anderswo.
R.N.
