Ein elsässisches Schicksal
Pierre Burguburu (1869–1933), erster KV-Verbandssekretär von 1902 bis 1918
Als Pierre Burguburu 1869 im elsässischen Wissembourg/Weißenburg zur Welt kam, rechnete kaum jemand damit, dass seine Heimat nach Ausgang des deutsch-französischen Kriegs zusammen mit Lothringen annektiert und dem Deutschen Reich angegliedert würde. Das Reichsland Elsass-Lothringen bestand knapp fünf Dezennien, bis es wieder an Frankreich zurückfiel.
Den größten Teil dieser bewegten Zeit erlebte und gestaltete Kb Burguburu mit als Politiker, als Vorsitzender katholischer Vereinigungen, und ab 1906 als Regierungs- und Medizinalrat in Straßburg. Nach der Rückkehr des Elsass‘ an Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Pierre Burguburu in der Sozialarbeit. Aus der Tätigkeit für den KV hatte er sich schon ab Dezember 1918 zurückgezogen.
Die Familie Burguburu
Baskische Wurzeln klingen im Familiennamen Burguburu an. Denn Pierre (1753-1837), der Urgroßvater unseres Kartellbruders, stammte aus Tardets in den Pyrenäen. Während der Revolution in Paris wurde er Direktor der Waffenmanufaktur, dann Chef der Münzprägeanstalt in Straßburg und heiratete dort. Sein Enkel Henri Rodolphe (1835-1896), Vater unseres Kartellbruders, hatte bis 1857 in Straßburg Jura studiert und eine Licence en droit erworben. Zunächst fungierte er als Richter in Weißenburg, danach in Straßburg. Seine Frau Maria geb. Schroth stammte aus Deutschland.
Im Standesamtsregister ist unser Kartellbruder mit den Vornamen Henri Joseph Pierre, entsprechend der offiziellen Landessprache, eingetragen. Wenn man später gelegentlich auf Peter trifft, geschah das wohl, um ihn als deutschsprachigen Elsässer zu kennzeichnen, obgleich er zweisprachig war und als KV-Geschäftsführer nie anders als Pierre Burguburu firmierte.
Pierre Burguburus Studium, Niederlassung in Straßburg
Nach dem Gymnasium studierte Pierre Burguburu im Wintersemester 1887/88 an der Universität Straßburg Medizin. Gleichzeitig trat er der „Frankonia“ bei. Im Sommersemester 1891 war er Frankonias Ordner, wie damals der Senior hieß. Als er 1890 für ein Semester nach Bonn ging, wurde er Mitglied der „Arminia“. 1892 beendete er mit 23 Jahren sein Studium in Straßburg, promovierte zum Dr. med. mit einer in Deutsch verfassten Dissertation über ein Thema aus der Gynäkologie und Bakteriologie. Die Dissertation liegt gedruckt vor. Sie erschien in Würzburg, sodass ihm fälschlich dort ein Studienaufenthalt zugeschrieben wird. Doch in die Mainstadt kam er erst 1893, um als Unterarzt sich als Einjährig-Freiwilliger in der bayerischen Armee auszubilden. Elsässer leisteten ihren Wehrdienst außerhalb des Reichslands.
1894 führte ihn das KV-Jahrbuch als „Volontärassistent an der gynäkologischen Klinik in Straßburg“. Mit 28 Jahren ließ er sich 1897 als praktischer Arzt in Straßburg nieder, in dem Haus, das sein inzwischen verstorbener Vater 1881 auf der Ehrmannstraße im Stadtzentrum hatte erbauen lassen. 1898 heiratete Pierre in Straßburg Jeanne, Tochter des Straßburger Notars Joseph Allonas. Der hatte 1892 gegenüber Wilhelm II. die finanziellen Interessen einer Emilie Klopp vertreten, mit der der Kaiser eine uneheliche Tochter hatte, von der niemand etwas wissen durfte.
Haltung der Eltern nach der Annexion des Elsasses
Schon vor 1871 waren Pierre Burguburus Eltern in Straßburg hoch angesehen. Französischgesinnte waren deshalb enttäuscht, als der Vater unseres Kartellbruders Henri Rodolphe Burguburu sich nach der deutschen Annexion des Elsasses nicht wie andere Staatsbedienstete ins Innere Frankreichs zurückzog, sondern auf seinem Posten in Straßburg blieb. Die gegen die Annexion auftretende Gesellschaft La Lique d‘Alsace warf ihm vor, zur Zeit Napoleons III. die Gunst des Justizministers Pierre Jules Baroche (1802-1870) genossen zu haben, bezeichnete ihn als schlechten Juristen und schwerfällig, karikierte ihn als jemanden, der „von morgens bis abends an seiner Tabakspfeife“ zöge und in einer „Bruchbude, bestückt mit 40.000 alten Büchern“ hause. So jemanden fordere „Frankreich erst gar nicht von Preußen“ zurück.
Von seiner Frau Maria, die nach 1871 dem Vorstand des Elsässischen Frauenvereins angehörte, wurde 1888 in einer Publikation über die Straßburger Gesellschaft kolportiert, sie habe bei einem Empfang den „eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck auf sich aufmerksam gemacht. Vermutlich war dies nicht als Kompliment gedacht. Die Kritik, der seine Eltern ausgesetzt waren, wird an Kb Burguburu nicht spurlos vorübergegangen sein.
Führendes Mitglied katholischer Vereine und Organisator des Katholikentags von 1905 in Straßburg
Nach seiner Niederlassung als Arzt in Straßburg betätigte sich Pierre Burguburu bei der städtischen Caritas als Stellvertretender Vorsitzender. Ebenfalls trat er der Vinzenzkonferenz der Münsterpfarre bei, die aus christlicher Überzeugung für Arme und Notleidende eintrat. 1901 übernahm er zusätzlich den Vorsitz der Elsässischen Studentenhilfe und ab 1912 den der Vinzenzkonferenzen des Bistums Straßburg. Damit zählte er zu den führenden Köpfen der Elsässer caritativen Bewegung.
So war es kein Zufall, dass er 1905 an die Spitze des Lokalkomitees trat, das den Katholikentag in Straßburg organisierte, der einerseits die Zugehörigkeit Elsass-Lothringens zum deutschen Katholizismus sichtbar machen sollte, anderseits auf die besonderen Verhältnisse hinweisen wollte, mit der Folge, dass einige Veranstaltungen in Französisch angeboten wurden. In einem Festumzug huldigten „mehr als 35.000 Teilnehmer dreieinhalb Stunden lang dem Bischof von Straßburg“, dem KVer Adolf Fritzen (Ask, Gm, Arm, Frk), „durch Hochrufe und Hutschwenken.“ Für die Studenten hatte man sich eine Droschkenprozesssion einfallen lassen, mit über 35 Wagen, in denen voran die Chargierten der „Frankonia“ in Wichs saßen, gefolgt von denen ihrer gerade gegründeten Tochterkorporation „Merovingia“. Kb Burguburu sprach zur Eröffnung des Katholikentags. Stürmisch war der Beifall, als er erklärte, nach der Beendigung des „Akademischen Kulturkampfes“, den die Berufung Kb Spahns an die Universität Straßburg hervorgerufen hatte, sei es an der Zeit, die „heilige Kirche“ zu verteidigen, aber auch „die Überzeugungen Andersgläubiger zu achten.“
Wohl als Anerkennung für die Organisation des Katholikentags wurde Pierre Burguburu 1906 zum Ritter des Piusorden ernannt, dem dritthöchsten päpstlichen Orden, der noch vor dem Gregorius- und Silvesterorden rangiert. Im gleichen Jahr erhielt Karl Hoeber (1867-1942), Mitglied der „Frankonia“, Redakteur der AM und damals Seminardirektor im lothringischen Metz das darunter rangierende Ehrenkreuz Pro Ecclesia et Pontifice. Der Unterschied ist unverkennbar.
Als Bestätigung seiner caritativen Tätigkeit muss die 1907 erfolgte Berufung Kb Buguburus in den Vorstand des deutschen Caritasverbandes in Freiburg i.Br. angesehen werden, dem er bis 1917 angehörte. Er war einer der wenigen nicht ortsansässigen Vorstandsmitglieder. Für sein inzwischen erworbenes hohes lokales Ansehen spricht seine Übernahme der Präsidentschaft der katholischen Casino-Gesellschaft 1908. Bereits vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte er zeitweise die Verantwortung für den Straßburger KV-Ortszirkel „Meiselocker“ übernommen.
Beginn des politischen Engagements
Durch seinen Eintritt in die „Frankonia“ setzte Pierre Burguburu ein politisches Zeichen, denn „bei den… in Straßburg herrschenden politischen und sozialen Verhältnissen“ war die Korporation ein Jahrzehnt lang „ohne Rückhalt bei den grundsätzlich interessierten Kreisen“ im Elsass geblieben, wie wir von Kb Hoeber, selbst Frankone, erfahren. Kb Burguburu stand mit seinem Entschluss, der als „reichsdeutsch“ geltenden „Frankonia“ beizutreten und ein Semester an der Bonner Universität, statt an einer Hochschule in Innerfrankreich zu studieren, ganz in der Nachfolge seines von den Frankophilen abgelehnten Vaters Henri Rodolphe, der mit den Vornamen Heinrich Rudolf als Ehrenmitglied der „Frankonia“ geführt wurde. Er bekannte sich zur Eingliederung des Elsass‘ ins deutsche Kaiserreich. 1901, mit 32 Jahren, wurde Kb Burguburu in den Straßburger Gemeinderat gewählt. Bis 1913 gehörte er dem Rat an, dort erwarb er sich den Ruf eines der besten Kenner der Stadtfinanzen.
In der elsass-lothringischen Landespolitik
Pierre Burguburu zählte zu jenen elsässisch-lothringischen katholischen Politikern, die einen Anschluss an die Zentrumspartei im Reich suchten. 1903 übernahm er den Vorsitz der Elsass-Lothringischen Landespartei, aus der das Elsass-Lothringische Zentrum hervorging. 1907 kandidierte er für diese Partei bei der Reichstagswahl. Er kam zwar nur auf den dritten Platz, aber durch seine offen zu Tage getretene Überzeugung, es sei klüger, in der Stichwahl den zweitplatzierten Sozialisten zu wählen, verhinderte er den Erfolg des liberalen Kandidaten, dem zum Sieg nur 163 Stimmen fehlten.
Eine Niederlage musste Kb Burguburu, der zum „deutschen Flügel“ seiner Partei gehörte und die Entwicklung des Reichslands in einen Bundesstaat befürwortete, bei der Wahl zum Elsässisch-Lothringischen Landtag 1911 hinnehmen. Dafür machte er die innere Zerrissenheit des Zentrums im Reichsland verantwortlich. Wegen der „Disziplinlosigkeit“ innerhalb der Zentrumspartei, wie es in der vom Alsatia-Verlag 1936 herausgebrachten Untersuchung über das Elsass hieß, war er schon ein Jahr zuvor vom Vorsitz zurückgetreten. Als Spalter der Partei empfand er neben anderen den Reichstagsabgeordneten Emile Wetterlé (1861-1931) mit seinem anti-deutschen Kurs.
Wetterlé wiederum, der für den Rhein als französische Ostgrenze eintrat, warf Kb Burguburu 1915 vor, Gefolgsmann des „reichsdeutschen“ Martin Spahn (1875–1945), Mitglied der „Askania“ und „Arminia“, zu sein. Der war 1901 auf Veranlassung Wilhelms II. unter anderem gegen den Widerstand des Althistorikers Theodor Mommsen (1817–1903), der die Freiheit der Wissenschaft durch einen Katholiken tangiert glaubte, an die Universität Straßburg berufen worden. In der Weimarer Republik wurde Martin Spahn zum katholischen Deutschnationalen, zum Zentrumsgegner und Widersacher des KV-Verbandsgeschäftsführers Johannes Henry (1876–1958). Schon 1909 hatte Martin Spahn festgehalten, dass die „deutschen Katholiken nur rechts… Stellung nehmen könnten.“ Dass Kb Burguburu diese Meinung teilte, ist unwahrscheinlich, wenn man seinen weiteren Weg betrachtet, denn er ließ sich 1913 zum Regierungs- und Medizinalrat berufen. Dadurch sah er sich zu politischer Neutralität verpflichtet und musste Spahns Kurs nicht mittragen. Im neuen Amt ließ er besonderes Interesse für die problematischen Arbeitsbedingungen seiner Zeit erkennen. Auf ihn geht etwa eine Analyse der Lärmbelästigungen in den Webereien zurück.
KV-Verbandssekretär von 1902 bis 1918
Ab der Entstehung des Kartellverbandes im Wintersemester 1865/66 führten die jeweiligen Vororte die Verbandsgeschäfte. Bei der kleinen Schar der Aktiven machte das nicht übermäßig viel Arbeit, ging es doch hauptsächlich um die Organisation der jährlichen Generalversammlung, die Führung der aus den Verbandsbeiträgen gespeisten Verbandskasse und die Betreuung des Korrespondenzblattes. Als immer mehr Korporationen entstanden, wuchs die Arbeitsbelastung. Finanzielle Verpflichtungen ging der Verband außerdem mit dem Druck der seit 1888 erscheinenden „Akademischen Monatsblätter“ und dem seit 1894 publizierten „Jahrbuch“ ein. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert umfasste der KV bereits 35 Vereine mit etwa 1.700 Aktiven und fast 5.000 Alten Herren. Deshalb entschloss sich die Generalversammlung von 1902, die Stelle des Verbandssekretärs zu schaffen. Kb Burguburu wurde mit der Führung der Geschäfte beauftragt.
Angesichts wechselnder Vororte bildete der Verbandssekretär, der später in Verbandsgeschäftsführer umbenannt wurde, den Ruhepol des KV. Kb Burguburu führte nicht nur die Finanzen des Verbandes, sondern beaufsichtigte auch die Verbandsstatistik, beriet den Vorort, wachte über die Einhaltung der Satzung, stand Rede und Antwort bei den Generalversammlungen und achtete auf die Beachtung ihrer Beschlüsse. Die Aktiven waren ihm zwar für seine Sorge um das Wohlergehen des Verbandes dankbar, gingen mit ihm auf den Generalversammlungen gelegentlich aber auch recht barsch um.
Als er etwa 1905 monierte, dass „Carolingia“ und „Wiking“ nicht an der Fronleichnamsprozession in Aachen teilgenommen hätten, warfen ihm zwei Carolingen vor, „die Sachlage“ nicht zu kennen. Ein Jahr später musste er erleben, dass die Mehrheit für eine von ihm für unnötig gehaltene Resolution stimmte. Vorausgegangen war die Zurückweisung eines Artikels durch den Redakteur der AM Karl Hoeber, weil sich der Autor des Beitrags kritisch über den sog. Syllabus äußerte, jene unter Pius IX. zusammengestellte Liste mit 80 Zeitirrtümern. Die Generalversammlung war anderer Meinung als Kb Hoeber und beschloss trotz der Bedenken des Verbandssekretärs, künftig in den AM „unter Wahrung der Selbständigkeit der Schriftleitung“ auch liberale „Meinungsäußerungen“ zuzulassen, die „nicht direkt im Widerspruch zur kath. Lehre“ ständen. Sie sollten aber „Interesse für die Kartellangehörigen besitzen und in formeller Hinsicht den notwendigen Anforderungen entsprechen.“
Bemerkenswert bleibt, dass bei der damaligen Diskussion an den eine Woche zuvor verstorbenen Theologen Herman Schell (1850–1906), Mitglied der „Walhalla“, erinnert wurde. Seine Schrift „Katholizismus als Prinzip des Fortschritts“ von 1898 war auf den Index der verbotenen Bücher geraten. Die Aktiven wollten offensichtlich in der Nachfolge dieses Reformkatholiken stehen.
Nicht frei von Kuriosität war ein Antrag auf der Generalversammlung von 1905, dessen Annahme Kb Burguburu nicht hatte verhindern können. Die Vorgeschichte: In den AM war eine Heiratsannonce erschienen. Die Mehrheit sprach sich dafür aus, so etwas künftig zu unterlassen. Das Argument, Heiratsanzeigen seien nichts „Fremdes“ und der Hinweis, für einen Alten Herren „in ganz protestantischer Gegend“ könnten sie „nicht so unpraktisch“ sein, zog nicht. Hinter der Annonce steckte wahrscheinlich ein Scherz einiger Ottonen gegenüber einem Bundesbruder.
Niederlegung des Amtes des Verbandssekretärs
Bis zum Ende des Krieges ging Kb Burguburu, was auch vom Vorort Staufia 1918 anerkannt wurde, seinen Pflichten als Verbandsgeschäftsführer vorbildlich nach. 1915 äußerte er sich dazu und sprach von der „schweren Zeit, schwer für unser Vaterland, schwer auch für unser Verbandsleben“. Jetzt bedürfe es „der angespannten Kräfte aller Verbandsorgane, um das Schifflein richtig zu steuern und durch die wogenden Brandungen des Weltkriegs hindurchzuführen.“ An eine mögliche Niederlage Deutschlands, zu dem er sich bekannte, dachte er wohl nicht. Doch dann sandte er eine Woche nach dem deutsch-französischen Waffenstillstand am 19. November 1918 dem Vorort einen Brief und teilte mit, er lege zum 1. Dezember sein Amt nieder. Er begründete dies damit, dass nach einem zukünftigen Friedensschluss Frankreich „das Land … endgültig … behalten“ werde. „Als eingeborener Elsaß-Lothringer“ könne er sich „den Sympathiekundgebungen, welche den einziehenden Franzosen dargebracht“ würden, „nicht entziehen.“ Er halte es für unvereinbar „mit seinem Gewissen, weiterhin die Stelle des Geschäftsführers (des KV) zu bekleiden.“ Die praktische Erwägung, sein Amt niederlegen zu müssen, weil er einen deutschen Verband nicht vom Ausland aus und mit einer künftig fremden Währung führen könne, spielte bei ihm anscheinend keine Rolle. Stattdessen begründete er seine Entscheidung ethisch.
Der „Abschied“ fiel ihm nicht leicht. „Es tröstet mich der Gedanke,“ schrieb er weiter in der für ihn charakteristischen Bescheidenheit, „daß ich stets für meine Person in meiner Tätigkeit volle Befriedigung fand und daß es mir vielleicht gelungen ist, dem Verbande einige Dienste zu leisten.“ Er schloss mit der unerfüllt gebliebenen Bitte, ihm „trotz der politischen Ereignisse ein gutes Andenken bewahren zu wollen.“ Sein Rücktritt erfolgte, noch ehe sich der Elsässisch-Lothringische Landtag am 6. Dezember 1918 für den Anschluss an Frankreich ausgesprochen hatte.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs uneingeschränkt sozial aktiv
Wie Pierre Burguburu mit dem Scheitern seiner politischen Vorstellungen umgegangen ist, lässt sich schwer beantworten. Die Kontakte zum KV muss er nach 1922 abgebrochen haben, denn danach erscheint er nicht mehr im KV-Jahrbuch. In ein Schneckenhaus hat er sich allerdings nicht zurückgezogen: In einigen Organisationen blieb er aktiv: so in den Vinzenzkonferenzen, in der Caritas und in der Studentenhilfe. 1921 übernahm er sogar neue Verantwortung, etwa durch das Präsidentenamt der katholischen Sektion des Ferienkolonienvereins. Bei seinem Tod 1933 war er obendrein Mitglied des Armenschiedsamtes, der interkonfessionellen Kommission für verborgene Armut (commission des Misères cachées) und der Katholischen Jugendfürsorge. Ferner saß er im Vorstand des Katholikenbunds (Lique des catholiques alsaciennes), des kirchlichen Werks für Arbeitslose, des katholischen Gesellenhauses und des Straßburger Kindergartens Stenger-Bachmann. An Präsidentschaften kamen hinzu: die Union Sociale (der religiösen Genossenschaften), die für den Bau, den Unterhalt und dessen Finanzierung zuständige Kirchenfabrik der im neoromanischen Stil 1893 neuerrichteten Pfarrkirche Jung-Sankt-Peter in Straßburg sowie die Gemeinschaft der nächtlichen Anbetung.
Ein frommer Christ
64-jährig starb Pierre Burguburu am 8. Juni 1933 in Straßburg. Er hinterließ seine Frau und fünf Kinder, wie man der in französischer Sprache abgefassten Todesanzeige in der Tageszeitung „Der Elsässer“ vom 10. Juni entnehmen kann. Das Requiem fand im Straßburger Münster statt. Im Nachruf des „Elsässers“ wird er als frommer Mann geschildert. „Ein Menschenleben lang“ habe er „mit Glaubensmut für die gute Sache unermüdlich gearbeitet, ohne dabei andern Lohn zu beanspruchen als die Anerkennung des Himmels“, heißt es da. Er wird als „Charaktermensch“ bezeichnet, „der sich nicht beeinflussen ließ.“ Außerdem sei er „von dem Glauben an die Menschheit beseelt“ und „von der Liebe zu den Menschen, deren Not und Leid ihm ans Herz“ gegriffen hätten, „durchdrungen“ gewesen. Und das „Echo de Sélestat“ rühmte seine „unschätzbaren“ Verdienste in der Armen- und Krankenpflege und sprach von der „großen Lücke“, die er „in der elsässischen Caritasbewegung und in der Bewegung der Vinzenzkonferenzen“ hinterlasse.
Über seine politische Tätigkeit vor dem Ende des Ersten Weltkriegs erfährt man in beiden Nachrufen nur etwas über sein Wirken im Straßburger Gemeinderat. Seine Arbeit als KV-Verbandssekretär und Organisator des Straßburger Katholikentags und seine Verdienste um die deutsche Caritasbewegung bleiben unerwähnt. Ganz allgemein heißt es im „Elsässer“ lediglich, er habe „schon als Student und später erst recht … Anteil an den Kämpfen des katholischen Volks-teils im Elsass“ genommen. Im KV ist sein erster Verbandssekretär zu Unrecht vergessen.
Dr. Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, Un, Gro-Lu, Car, Urb)



Zur Biografie vgl. L. Braun, Burguburu, Peter (Pierre), in: Biographisches Lexikon des KV, t. 3, Schernfeld 1994, S. 22-24 und im Internet die Angaben der Fédération des Sociétés d’Histoire et d’Archéologie d’Alsace (Zugriff 4.11.21).Vgl. ferner: H. Hiery, Reichstagswahlen im Reichsland, Düsseldorf 1985; C. Baechler, Le parti catholique alsacien, 1890-1930, Straßburg 1982; M. Geyer, La vie musicale à Strasbourg sous l’Empire allemand, 1871-1918, Paris 1999, S. 111 (dort wird P.B. für einen Rumänen gehalten). Über den Katholikentag in Straßburg vgl. H. Arning/H. Wolf, Hundert Katholikentage, Darmstadt 2016, S. 124f. Die aus Briefen zitierten Passagen stammen aus Akten im KV-Archiv in Marl (KV 1/ 149, 162, 363); über die Verträge mit P. Burguburu s. ebd. KV 1/43, 123, 878.
Pierre Burguburu, der erste Verbandssekretär des KV.
