COVID-19-Impfstoffe: Ethische Stellungnahme zu Fragen der Herstellung
Den folgenden leicht bearbeiteten Text veröffentlichen wir mit freundlicher Erlaubnis der Autorin. Er erschien im Internet unter der Quelle: https://www.imabe.org/imabeinfos/covid-19-impfstoffe-ethische-stellungnahme-zu-fragen-der-herstellung.
Seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie haben sich zahlreiche internationale Forscherteams darum bemüht, einen Impfstoff gegen SARS-COV-2 zu entwickeln. (...) In den 1990er Jahren wurden ethisch fragwürdige Zusammenhänge in der Entwicklung von Impfstoffen bekannt: Es stellte sich heraus, dass einige unter Verwendung menschlicher Zelllinien hergestellt wurden, die aus Feten stammen, die abgetrieben wurden (abortion-derived cell lines). Dies führte insbesondere unter Katholiken zur Frage, ob in Anbetracht der Herstellungsmethode die Verwendung dieser Impfstoffe unethisch sei. Konkret weiß man heute, dass einige Impfstoffe gegen Masern-Mumps-Röteln, Tollwut und Windpocken sowie Hepatitis A aufbereitete fetale Zellen verwendet haben. Laut einem Bericht in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Science“ vom Juni 2020 werden bei mindestens fünf der COVID-19-Impfstoffe ebenfalls entsprechende Zelllinien verwendet [1].
Für Impfstoffe, die inaktivierte Viren enthalten, benötigt man Zellen, in denen man die Erreger in großem Maßstab erzeugen kann. Verwendet werden in der Forschung Zellen von Tieren (zum Beispiel von Hamstern, Affen, Embryonen aus bebrüteten Hühnereiern) oder Zellen aus menschlichem fetalen Gewebe.
Fetale Zellen haben Eigenschaften, die das Wachstum von für die Impfung abgeschwächten[2] Viren erleichtern. Menschliche Viren vermehren sich besser in menschlichen fetalen Zellen als in Tierzellen. Daher sind die Produktionsmengen des Impfstoffes höher und sie können schneller auf den Markt gebracht werden.
Tierzellen können Verunreinigungen enthalten. Bei Hühnerzellen besteht die Gefahr einer Hühnereiweißallergie oder Überreaktion.
Was weiß man über die am häufigsten verwendeten humanen fetalen Zelllinien?
Humane fetale Zelllinien stammen nicht nur aus fetalen Zellen nach spontanen Fehlgeburten, sondern sie wurden auch aus Feten nach Abtreibungen, die zwischen 1960 und 1985 stattfanden, gewonnen. Bis heute dienen zwei humane fetale Zelllinien (WI-38 und MRC5) zur Herstellung von Impfstoffen aus lebenden, abgeschwächten Viren, also Aktiv-Impfstoffen. Eine weitere Zelllinie (HEK-293) wird häufig in bestimmten Phasen der Entwicklung von Impfstoffen verwendet.
WI-38[3], MRC5[4] und HEK-293[5] sind menschliche fetale Zelllinien, die seit Anfang der 1960er bis heute in der Entwicklung einer Vielzahl von Impfungen verwendet werden. Es handelt sich um Zellen, die aus dem fetalen Gewebe nach der Abtreibung isoliert und dann im Labor weitergezüchtet wurden.
Die WI-38-Zelllinie wurde in den USA aus den Zellen der Lunge eines drei Monate alten weiblichen Fötus hergestellt. Die Eltern hatten die Abtreibung 1961 vorgenommen, weil sie keine Kinder mehr wollten. WI-38 fand bei der Herstellung des historischen Impfstoffs RA 27/3 gegen Röteln Verwendung. WI steht für Wistar Institute.
Die MRC5-Zelllinie wurde von Zellen abgeleitet, die 1966 aus der vierzehn Wochen alten fetalen Lunge eines männlichen Fötus in England entnommen wurden. Eine 27-jährige, an sich gesunde Frau, hatte das Kind damals wegen psychischer Probleme abgetrieben. MRC steht für Medical Research Council.
Die HEK 293-Zelllinie wurde 1973 in den Niederlanden etabliert. Bis heute ist unklar, ob es sich dabei um die Nierenzellen eines Fötus nach einer spontanen Fehlgeburt oder einer Abtreibung handelt. HEK steht für Human Embryonic Kidney-Zellen.
Zur Ergänzung sei auch die PER.C6-Zelllinie genannt. Sie wurde in den Niederlanden vom Zellbiologen Alex J. van der Eb, – er hat auch die HEK 293-Zelllinie etabliert – im Jahr 1995 aus Netzhautzellen eines 1985 abgetriebenen Fötus gewonnen.
Die Abtreibungen – oder im Fall von HEK-293 möglicherweise die Fehlgeburt –, die zu diesen vier Zelllinien führten, liegen demnach 35 bis sechzig Jahre zurück.
Befindet sich also fetales Gewebe in den Impfstoffen?
Nein. Die Viren werden für den Impfstoff gereinigt und Reste der Zellkultur entfernt.[6] (...)
Für die Herstellung von Impfstoffen wird kein Gewebe von erneut abgetriebenen Föten eingesetzt. Der Begriff ‚Zelllinie‘ bedeutet, dass diese Linie einmalig angelegt wurde und seitdem kontinuierlich vermehrt wird. Es ist also nicht so, dass immer wieder neue Föten benötigt werden, um Impfstoffe produzieren zu können.[7]
In welchen COVID-19-Impfstoffen kommen fetale Zelllinien zum Einsatz?
Vorweg: Es gibt etliche COVID-19 Impfsstoffprojekte, in denen in keiner Phase der Entwicklung, Produktion oder Labortestphase eine der fetalen Zelllinien verwendet wird. Das US-amerikanische Charlotte Lozier Institute hat eine Übersicht von in der Entwicklung fortgeschrittenen COVID-19-Impfstoffen erstellt, wobei für die verschiedenen Projektphasen ausgewiesen wird, ob und falls ja, in welcher Phase der Entwicklung humane fetale Zelllinien verwendet wurden. Die Liste berücksichtigt diejenigen Impfstoffe, die am weitesten fortgeschritten bzw. in Verwendung sind und wird laufend aktualisiert (Stand Juni 2021).
Vatikan: Corona-Impfstoffe „moralisch akzeptabel“
Die katholische Kirche hat eine klare Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen, weshalb jene Impfstoffe einer moralischen Klärung bedürfen, deren Produktion oder Entwicklung eine Verbindung dazu haben[8]. (...) Ob man in schwerwiegenden Fällen von etwas „Gutem“ profitieren darf, auch wenn es unter moralisch unerlaubten Handlungen entstanden ist, liegt eine moralische Abwägung zugrunde: ein Übel nicht billigen, aber in Kauf nehmen im Hinblick auf die Erreichung eines Gutes.
Die Glaubenskongregation hat darauf geantwortet[9]. Sie stützt sich dabei auf die Instruktion „Dignitas Personae über einige Fragen der Bioethik“ [10] (DP), die 2008 von Benedikt XVI. approbiert wurde, sowie auf zwei weitere Dokumente der Päpstlichen Akademie für das Leben (PAL), einem Beratungsorgan des Heiligen Stuhls, (2005[11] und 2017[12]). In ihrer Stellungnahme vom 21.12.2020[13] kommt die Glaubenskongregation zu dem Schluss, dass dort, wo keine „ethisch einwandfreien“ Impfstoffe zur Verfügung stünden, es „moralisch akzeptabel“ sei, sie einzusetzen, auch wenn bei deren Entwicklung und Produktion Zelllinien von Föten zum Einsatz kamen.


Fazit:
Die Leitlinie macht deutlich, dass es ethisch unverantwortlich war, von Abtreibung stammende Zelllinien herzustellen. Dennoch kann es aus schwerwiegenden Gründen erlaubt sein, Impfstoffe zu verwenden, die mit Zelllinien von abgetriebenen Feten gewonnen wurden, um die eigene Gesundheit und die anderer zu schützen, wenn keine wirksamen alternativen Impfstoffe verfügbar sind.
Über die Feststellung hinaus, was moralisch zulässig ist und was nicht, weisen die Richtlinien auf die Pflicht hin, für Alternativen einzutreten und sie zu verwenden, wann immer dies möglich ist.
[1] Wadman, M., Abortion opponents protest COVID-19 vaccines’ use of fetal cells, doi:10.1126/science.abd1905 (Jun. 5, 2020)
[2] Bei der Herstellung von Lebendimpfstoffen werden Krankheitserreger durch spezielle Verfahren abgeschwächt und verlieren dadurch – teilweise oder ganz – ihre krankmachenden Eigenschaften. Sie können jedoch weiterhin eine Abwehrreaktion des Körpers auslösen. Die abgeschwächten Erreger bleiben vermehrungsfähig und können im menschlichen Körper zu ähnlichen Reaktionen wie bei einer Erkrankung führen.
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/WI-38
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/MRC-5
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/HEK-Zellen
[6] Austriaco, Nicanor P.G., O.P., Moral Guidance on Using COVID-19 Vaccines Developed with Human Fetal Cell Lines, in: The Public Discourse, 26. Mai 2020
[7] Vgl. Paul A. Offit, MD, Childrens’s Hospital of Philadelphia, 13. Juli 2020 https://www.chop.edu/centers-programs/vaccine-education-center/vaccine-ingredients/fetal-tissues
[8] Zu bemerken ist, dass abseits der katholischen Moraltheologie ein Bewusstsein in der Gesellschaft gewachsen ist, dass in einem umfassenden Sinn die „Güte eines Produkts“ nicht losgelöst von seinen Entstehungsbedingungen bemessen werden darf (Stichwort: Fair-Trade, Ökologie, Kinderarbeit usw.).
[9] Stefan von Kempis, Vatikan: Corona-Impfstoffe „moralisch akzeptabel“, VaticanNews 21.12.2020
[10] Instruktion Dignitas Personae über einige Fragen der Bioethik, Kongregation für die Glaubenslehre, 20.6.2008
[11] Moralische Überlegungen zu Impfstoffen, für deren Produktion Zellen von abgetriebenen Feten verwendet werden. Päpstliche Akademie für das Leben (5.6. 2005) dt. übersetzt Aktion Leben e.V. 2007
[12] Note on Italian vaccine issue. Pontifical Academy for Life (31.7.2017)
[13] CONGREGATION FOR THE DOCTRINE OF THE FAITH: Note on the morality of using some anti-Covid-19 vaccines, 21.12.2020
[14] Vgl. Schlag, M., Kommentar zur Instruktion der Glaubenskongregation „Dignitas Personae – Über einige Fragen der Bioethik“, in Imago Hominis (2009), 16: 14-21
[15] Warum sich die katholische Kirche zu COVID-19 Impfstoffen äußert, in: Spiegel, 23.12.2020
[16] Vgl. Fußnote 11
[17] Vgl. Fußnote 10
[18] Vgl. Fußnote 12
Mag. Susanne Kummer
Mag. Susanne Kummer ist Journalistin und Geschäftsführerin des von der Österreichischen Bischofskonferenz geförderten Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien.