Gedenken, Dank und Mahnung. Eine Kirche in Bochum
Die Heimkehrer-Dankeskirche in Bochum-Weitmar: Eine Kirche, für die sich zwei KVer besonders einsetzen: Pfarrer Theodor Schwens und sein Bruder Meinolf.
Wenn im Mai der Kartellverband im Ruhrgebiet zu seiner Vertreterversammlung zusammenkommt, lohnt auch der Besuch dieser Kirche, deren Weihe sich im vergangenen Dezember zum 62. Male gejährt hat. Denn es ist ein Erinnerungsort von nationalem Rang, in der sich die historische und religiöse Erinnerung der Kriegsteilnehmer zeigt. Sie wollten eine Stätte schaffen, mit der sie Gott für ihre glückliche Heimkehr aus Krieg und Gefangenschaft danken wollten. Nachfolgende Generationen sollen erinnert werden: Das Recht auf Freiheit und Menschenwürde ist nicht selbstverständlich. Dass dies stets ins Bewusstsein gerückt und bewahrt werden muss, wird angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine wieder schmerzhaft spürbar.
Über achtzig Jahre liegen zurück, seit am 21. Juni 1941 der ,,Fall Barbarossa" anlief und die deutsche Wehrmacht die damalige Sowjetunion überfiel. Die deutschen Soldaten wurden unterstützt von Soldaten der Slowakei, Rumäniens, Ungarns, Italiens und Finnlands. Bis August 1941 gerieten eine Million Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft. Bis zum Herbst waren es dreieinhalb Millionen. Insgesamt gerieten elf Millionen Russen in deutsche Gefangenschaft. Von deutscher Seite gerieten insgesamt drei Millionen Soldaten in russische Kriegsgefangenschaft. Eine sprachliche Kleinigkeit (?) fällt dabei auf: Das im Russischen verwendete Wort für „Lager” bedeutet „Lager” - in kyrillischer Schrift Buchstabe für Buchstabe identisch mit dem deutschen Wort.
Am 15. Januar 1955, fast zehn Jahre, nachdem die Waffen schwiegen, erklärte die Sowjetunion den Kriegszustand mit Deutschland für aufgehoben. Am 5. Juni 1955 erfolgte für Deutschland die Aufhebung des Besatzungsstatuts durch Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten, gleichenfalls die Proklamation der Souveränität der Bundesrepublik durch die westlichen Siegermächte in den Pariser Verträgen. Erst unter diesen völkerrechtlichen Voraussetzungen konnte vom 9. bis 13. September 1955 der Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer (Sx, Bsg, Arm; E d Sv, Ask, Gst) in Moskau stattfinden. Bei diesem Staatsbesuch wurden die Entlassung der nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht noch zurückgehaltenen deutschen Kriegsgefangenen sowie die Repatriierung der in die Sowjetunion verschleppten deutschen Zivilisten vereinbart. Nach internationalen Konventionen und Landkriegsordnungen gilt, dass die Freilassung aus Kriegsgefangenschaft spätestens nach Einstellung der aktiven Feindseligkeiten zu erfolgen hat, im gegebenen Fall also ab dem 8. Mai 1945. Die Zahl der 1955 und 1956 heimgekehrten Zivilisten und ehemaligen Wehrmachtsangehörigen lag bei zehntausend.
Dem sozialen und politischen Problems der Heimkehrer, meist Spätheimkehrer genannt, hatte sich der Deutsche Bundestag in Bonn seit den frühen 1950er Jahren angenommen, was am 17. August 1953 zur Verabschiedung des Heimkehrer-Gesetzes führte. Die Betroffenen waren (nach einem bestimmten Stichtag) in die Bundesrepublik oder nach West-Berlin zurückgekehrte ehemalige Kriegsgefangene. Das waren vor allem aus sowjetischer Gefangenschaft heimgekehrte Deutsche, die wegen ihrer Zugehörigkeit zur ehemaligen Deutschen Wehrmacht in der Sowjetunion kriegsgefangen gewesen waren; auch zurückgekehrte Zivil-Verschleppte fielen unter das Heimkehrer-Gesetz. Es war in Kraft bis 1992.
Einer der aus der Sowjetunion spät heimgekehrten deutschen Soldaten war August Halbe. Der UVer hatte fünf Jahre Lagerhaft im Ural hinter sich. Er wurde als Priester des Erzbistums Paderborn 1950 Pfarrer an St. Franziskus im Bochumer Stadtteil Weitmar. Es war Halbes Idee, an der Karl-Friedrich-Straße in Bochum-Weitmar eine Filialkirche von St. Franziskus zu errichten, und zwar unter dem Patrozinium „Heilige Familie”. Diesen Hinweis auf die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten im Zusammenhang mit dem bethlehemitischen Kindermord [1] und der Rückkehr nach Israel verband Halbe mit der Erinnerung an die Rückkehr in seine Heimat aus Russland im Jahr 1949. Die neue Kirche wollte er verstanden wissen als Heimkehrer-Dankeskirche und als Mahnung für Spätere [2].
Das Heimkehrer-Thema spielte eine gewichtige Rolle in der Nachkriegszeit. Die einen konnten es nicht vergessen, die anderen konnten es nicht mehr hören. Man denke nur an Wolfgang Borcherts Theaterstück „Draußen vor der Tür” von 1947. Dessen Untertitel lautet: „Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will.” In Bochum und in Paderborn fand Halbe jedoch offene Ohren für seine Idee einer Heimkehrer-Dankeskirche.
Am 9. März 1958 - das Ruhrbistum Essen war gerade gegründet worden und Bochum gehörte dazu - erfolgte der erste Spatenstich durch zwanzig Heimkehrer in russischer Winterbekleidung.
Am 12. Dezember 1959 konsekrierte der Bischof von Essen, Franz Hengsbach, die Heimkehrer-Kirche. Am selben Tag sendete Radio Vatikan einen Bericht über die Weihe der Kirche in zwölf Sprachen.
Zum sechzigsten Jahrestag ihrer Weihe, am 15. Dezember 2019, hob Jean-Claude Perisset, ehedem Apostolischer Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland, die Bedeutung dieser Kirche hervor: „Diese Heimkehrer-Kirche ist ... zu einem Denkmal geworden, zu einem Memorial, zu einem Mahnmal. Ihr Stand mitten in der Stadt Bochum wirkt wie eine ständige Erinnerung an das Schicksal der Heimgekehrten, und deshalb ist sie eine ständige Einladung an uns, das wir, Friedensstifter' (vgl. Mt 5,9) werden.” [4]
Die Kirche hat eine ganz ungewöhnliche Struktur - jenseits aller gewohnten Kirchbaustrukturen. Zunächst: Sie hat keinen Turm. Türme symbolisierten in der Profan- wie der Sakral-Architektur Jahrhunderte lang einen Herrschaftsanspruch. Sie hat stattdessen nur einen nadelförmigen Dachreiter, der noch nicht einmal von jedem Standpunkt aus zu sehen ist. Er ruht mittig auf dem Dach, das so weit abgeflacht ist, dass der Baukörper fast kistenförmig wirkt. Tatsächlich - so ist es auch bezeugt - wollte der Architekt Kurt Hubert Vieth mit dem extrem flach gehaltenen Satteldach bewusst an eine Lagerbaracke erinnern.
Wilhelm de Graaff schuf 1959, vergleichbar den Obergaden, Fensterbänder zu beiden Seiten des Kirchenschiffs. Er nannte sie „Kriegsstraße”. Die Fensterbänder zeigen in dramatischer Farbgebung Explosionen, brennende Häuserdächer und Granatenflug. Am Ende dieser „Kriegsstraße” befindet sich auf der gesamten Höhe der Wand das Chorfenster mit den „drei Jünglingen im Feuerofen”, die nicht verbrannten, weil sie auf Gott vertrauten. [5]
Das Westfenster der Kirche, gestaltet von Nikolaus Bette, ist eine Darstellung der fünfzehn Rosenkranzgeheimnisse, es gehört nicht zum ursprünglichen Fensterprogramm und wurde erst 1974 eingebaut.
In der Unterkirche befinden sich ein Messaltar und ein Museum. Letzteres zeigt Artefakte unterschiedlichster Art und Provenienz aus der Hand von Kriegsgefangenen. Es dokumentiert einen schier unglaublichen Gestaltungswillen von Gefangenen in russischen Lagern und teils Erstaunliches oberhalb des Niveaus von Kunsthandwerk. Seit 2016/17 wurde der museale Gesamtbestand einer Begutachtung unterzogen, zum größeren Teil fachmännisch magaziniert und zum geringeren präsentiert. Das Auge des Besuchers kann sich so satt sehen ohne Übersättigung. Am 12. März 2017 wurde die Neugestaltung präsentiert. [6]
Bischof Clemens Pickel aus dem russischen Saratow feierte das Ereignis mit einem Hochamt in Konzelebration mit Pfarrer Thomas Köster, Pater Pirmin Holzschuh OCist vom nahen Zisterzienserkloster Stiepel und mit Pfarrer in besonderem Dienst Theo Schwens. [7]
Es waren und sind zwei KVer, die maßgeblich an der Entwicklung der Bochumer Heimkehrer-Dankeskirche beteiligt sind: Pfarrer in besonderem Dienst Theo Schwens (Ttb, Rh-I) und sein jüngerer Bruder Meinolf (Rh-Mv). Kb Theo Schwens, 1941 geboren, wirkte an verschiedenen Pfarreien im Ruhrbistum, so, bis 1982, als Kaplan in der heute nicht mehr bestehenden Pfarrgemeinde St. Stephanus in Essen-Holsterhausen. Von 1992 bis zu seiner Pensionierung 2002 wirkte er als Pfarrer an der Heimkehrer-Dankeskirche. Bis heute stellt er sich mit Führungen gern zur Verfügung. Sehr rührig ist auch sein Bruder Meinolf (geb. 1953). Er bestimmt über das Wohl und Wehe der Heimkehrer-Kirche als Schriftführer und Schatzmeister im Verein „Kriegsheimkehrer mahnen! e.V.” Viel Erfolg!
Siegfried Koss (Gro-Lu, Rh-D, Pr, JE)
Anmerkungen
[1] Vgl. Mt 2, 13-18
[2] Vgl. August Halbe, Fünf Jahre kriegsgefangener Priester im Ural, Bochum 1957. Der Verkaufserlös der Broschüre von 83 Seiten Umfang floss der Dankeskirche zu.
[3] Auf dem Foto ist auf der Armbinde des ersten Heimkehrers (links) der kyrillische Buchstabe für L erkennbar. Der Aufdruck lautet vollständig WL für „wojennoplennji lager”.
[4] Mt 5,9: „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden” (Jean-Claude Perisset, Predigt „Sechzig Jahre Weihe der Heimkehrer-Dankeskirche”, Bochum, 15.12.2019).
[5] Vgl. Dan,3,51-90
[6] Vgl. Ralf J. Günther, Mahnung der Heimgekehrten, in: Magazin der NRW-Stiftung 1/2020.
[7] Vgl. Neues Ruhr-Wort 10 v. 11.3. 2017, p.3.
Zur Person
Siegfried Koss studierte Geschichte, Anglistik, Literatur, Pädagogik und Philosophie in Aachen, seit 1969 KVer, seit 1987 Mitarbeit an den AM, heute Oberstudienrat i. R.

