Ein Zipfel kehrt heim - zu Semnonia

Wer ist der Mann auf dem Foto? Und wieso taucht ein Semnonen-Zipfel in Ostengland auf, obwohl sein Besitzer dort schwerlich gewesen sein kann? Diese Fragen beschäftigen die Semnonen gerade brennend. Dazwischen liegt eine Geschichte, die nicht nur spannend, sondern auch völkerverbindend ist:             

Am 23. November 2021 setzte in der englischsprachigen Facebookgruppe, „German Luftwaffe Losses and Claims 1936 – 1945”, der Militärforscher und Regisseur Ian McLachlan aus Lowestoft in der Grafschaft Suffolk folgenden Eintrag ab: „During WW2 my father was involved in the capture of a German from a downed bomber in the UK. This man was older than most and had served in WW1. He gave my father the attached photo plus what looks like a medal ribbon – also pictured. I'd like to learn more and hope the group can help. My father died years ago so isn't around to ask.” (Zu deutsch: „Während des Zweiten Weltkrieges war mein Vater an der Gefangennahme eines Deutschen aus einem abgeschossenen Bomber in Großbritannien beteiligt. Dieser Mann war älter als die meisten und hatte im Ersten Weltkrieg gedient. Er gab meinem Vater das angehängte Foto und etwas, das wie ein Ordensband aussieht – auch abgebildet. Ich würde gerne mehr erfahren und hoffe, dass mir dabei die Gruppe helfen kann. Mein Vater ist vor Jahren gestorben, also kann ich ihn nicht mehr fragen.”)

Über eine andere Facebookgruppe, die sich mit der Geschichte des Korporationswesens befasst, erreichte mich diese Anfrage. Umgehend wandte ich mich an Herrn McLachlan, mit dem sich ein reger Mailverkehr entspann. Denn das vermeintliche Ordensband war ein Weinzipfel - und er entpuppte sich, selbst wenn das Band ausgeblichen war und der Zirkel bei diversen anderen Korporationen vorkommt (im CV, CC etc.), anhand der eingravierten Namen als Zipfel Semnoniae! Es handelt sich um die Bundesbrüder stud. iur. Bruno Hütten (Smn) und dessen Leibburschen Joseph Wolffram (Smn, Arm, Nf). Getauscht wurde der Zipfel im Sommersemester 1930. Bb Wolffram war damals Senior Semnoniae.

Wie kommt ein Zipfel Semnoniae nach Ostengland?

Andere Dinge dagegen sind noch nicht geklärt, etwa das beigefügte Foto des Herrn in einer Uniform von ca. 1914. Wer ist der Abgebildete? Sowohl Bb Hütten als auch Bb Wolffram wurden 1910 geboren, waren also in jedem Fall zu jung für dieses Bild. Was zudem irritierend war: Laut der Dedikation gehörte der Zipfel Bb Wolffram, der aber, wie ich herausfand, Zeit seines Militärdienstes in Russland stationiert und dort bis 1952 kriegsgefangen war. Vielleicht wissen Kartellbrüder der Arminia Bonn oder Neuenfels Freiburg mehr? Wie kommt es also, dass der Zipfel mit seinem eingravierten Namen während des 2. Weltkriegs nach England gelangte? Immerhin konnte ich Ian McLachlan vieles über das Leben des Bundesbruders Wolffram mitteilen. Ein bisschen kann man im Internet zu ihm finden, etwa unter https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Wolffram.

Natürlich wollte Ian McLachlan mehr über das Foto und den abgebildeten Soldaten erfahren, also recherchierte ich – und konnte ihm zumindest sagen, wo diese Person zum Zeitpunkt der Aufnahme stationiert war. Da das Koppelschloss den Schriftzug trug „Gott mit uns!” musste er der preußischen Armee angehören. (Auf den Koppelschlössern der bayerischen Armee war dagegen „In Treue fest” zu lesen.) Später erfuhr ich, dass der Photograph des Bildes E. Neumann hieß und in Metz wohnte.

Zu dieser Zeit gab es in Metz das 16. Lothringische Pionier-Bataillon, welches auf den Schulterklappen die Zahl 16 führte. Der junge Soldat trug anscheinend den blauen Friedensrock, eigentlich Waffenrock genannt. Zum Ausmarsch gab es Feldgrau.

Das Bild dürfte also vor 1914 gemacht worden sein. Das Bataillon unterstand dem Kommandeur der Pioniere beim XVI. Armeekorps bzw. der 3. Pionier-Inspektion. Friedensstandort war die damalige Festungsstadt Metz. Das Bataillon rekrutierte sich überwiegend im lothringischen Teil der Reichslande Elsass-Lothringen. Leider kamen die Väter beider Bundesbrüder nicht aus dieser Region.

Kartellverband in „merry old England“

Ich bin nun seit einiger Zeit auf der Suche nach möglichen Mitgliederlisten dieser Einheit, aber auch dann dürfte es schwierig werden, den Mann auf dem Foto zu identifizieren. Immerhin konnte ich Ian McLachlan bezüglich des Zipfels helfen. Und so wurde aus Ian McLachlan, der nichts über Zipfel oder studentische Korporationen wusste, nun der britische „Kartellverbands-experte” schlechthin,  der weiß, welche Bewandtnis es mit einem Zipfel auf sich hat und der über Studentenverbindungen, den Kartellverband und Semnonia-Berlin zu Osnabrück umfassend im Bilde ist.

Gern hätte ich mehr über das Schicksal des Bundesbruders Bruno Hütten erfahren, ist er doch ein recht unbeschriebenes Blatt Papier bei Semnonia. Bekannt ist, dass er 1934 als Alter Herr ausgetreten ist. Ob das im Zusammenhang mit der freiwilligen Vertagung Semnoniae bereits im Sommersemester 1934 stand, oder weil er womöglich wegen seiner politischen Ansichten den Bund verlassen hat, lässt sich wohl leider nicht mehr herausfinden. Womöglich ist er im Krieg gefallen. Er stammte aus Aachen, studierte vor seinem Eintritt in die Semnonia im WS 1929/30 Jura in Bonn und war im Sommersemester 1930 Vorortsschriftführer Semnoniae. Und: Wie und mit wem der seltene Couleurgegenstand nach Ostengland gekommen ist, ist noch nicht geklärt; aber vielleicht hilft uns demnächst, eventuell schon durch diesen Artikel, der Zufall ein weiteres Mal weiter?

Zeichen der Völkerfreundschaft

Jedenfalls war es für Ian McLachlan völlig selbstverständlich, unserer lb. Semnonia den Weinzipfel zur Verfügung zu stellen: Was für eine großmütige, völkerverbindende Geste! Halten wir uns vor Augen, dass er von der Besatzung eines abgeschossenen deutschen Bombers stammte! Wir hoffen, Ian McLachlan bleibt uns gewogen und interessiert an uns; vielleicht können wir ihn einmal in Osnabrück auf unserer Etage begrüßen?

In jedem Falle ist es nun möglich, mit Ian McLachlan via ZOOM einen gemeinsamen und geziemenden Streifen aus den Gemäßen zu reißen – ist er doch nun stolzer Besitzer eines Semnonen-Kruges! Fast achtzig Jahren lang war unsere Semnonia vertagt. Am Anfang stand 2011 die Rekonstituierung des Altherrenvereins. Seinerzeit gab es nur noch ein einziges lebendes Mitglied der Vorkriegs-Semnonia, Bundesbruder Justus Wels (Sdt, Smn, Tt, Arm) – Jahrgang 1912! Er erteilte damals per Briefwechsel noch seinen „Segen“ zur Reaktivierung – kurz bevor er hochbetagt starb.

Es liegt auf der Hand, dass aufgrund der Zeitläufte, die über Semnonia hinweggegangen sind, keinerlei Couleurgegenstände mehr aus der Vorkriegszeit vorhanden sind. Mit diesem Weinzipfel haben wir nun endlich den ersten alten Couleurgegenstand, der selbstverständlich einen Ehrenplatz bei uns in Osnabrück erhalten wird. Daher ist er für uns, einschließlich dieser so unwahrscheinlichen Geschichte einer Reise mit einem deutschen Bomber nach England und seiner Rückkehr zu Semnonia acht Jahrzehnte später, und zwar dank eines historisch interessierten Briten, der sich als überdies großherzig erwies, schlicht unbezahlbar!

Zipfel has been coming home!

Christian Delhey (E d Smn, Wh, Mk, Erm, Gm, Osg)

Fund in Ost-England

Dank Ian Macachlan kam die reaktivierte Semnonia in Besitz ihres ersten alten Couleurgegenstands aus der Vorkriegszeit.