Interview: Neuanfang kann auch eine Chance sein
Bis zu einer echten Hinwendung an die Missbrauchsopfer sind noch viele Schritte zu gehen
Er habe sich oft gewünscht, dass die Politik in Bezug auf den Missbrauchsskan-dal in der Kirche schneller und kräftiger reagiert hätte, sagte Matthias Katsch, der Vorsitzende der BetroffenenInitiative „Eckiger Tisch”, kürzlich gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Hat auch der Staat versagt - etwa, was die Aufsicht über kirchliche Heime oder Schulen angeht? Muss das Verhältnis zwischen Kirche und Staat neu überdacht werden?
Der Staat ist in mancherlei Hinsicht selbst zögerlich bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Es geht ja um eine schreckliche Realität in vielen Lebensbereichen, nicht nur in der Kirche. Wir dürfen nicht vergessen, dass das alles ein großer Lernprozess ist. Erst ganz allmählich und viel zu langsam rückt die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt. Und auch das geschieht nicht konsequent, sondern oft genug eher punktuell, bisweilen sogar in taktischer Haltung. Aus diesem Thema eine Neuordnung des Staat-Kirche-Verhältnisses abzuleiten, greift aber zu kurz. Dafür ist die genannte Frage zu komplex.
Betroffene fordern unabhängige Wahrheitskommissionen. Ist das der richtige Weg?
Ich finde das gut und richtig. Wahrheitskommissionen erfordern aber ein großes Geschick und hohe kommunikative Kompetenz bei denen, die sie steuern und leiten. Und sie sind in einem Land, das Gefühle nicht gerne offen zeigt, keineswegs einfach zu haben. „Zeige mir Deine Wunde“, hieß ein Werk des Künstlers Joseph Beuys. Das ist für niemand ein Heimspiel. Und es gibt viele Betroffene: Die Opfer selbst, die Wegschauenden, die Verstrickten. Zu diesen gehören auch die Täter: Auch sie sind Menschen und ihre Verstrickung hat Gründe.
Die Erzdiözese Köln soll an Anwälte und Berater mehr als doppelt so viel Geld gezahlt haben alsan die Opfer des Missbrauchs. Ist das ein Indiz dafür, dass man kirchlicherseits nach wie vor hauptsächlich daran interessiert ist, sich selbst zu schützen?
Die katholische Kirche geht weit über die Erzdiözese Köln hinaus. Und natürlich gibt es nach wie vor das Bemühen um Selbstschutz. Mehr und mehr wird aber auch bei Bischöfen und anderen Verantwortlichen verstanden, dass dieses System an eine Grenze der Dysfunktionalität gekommen ist. Von dieser Einsicht bis zur echten Hinwendung zu den Opfern ist es aber ein wirklich weiter Weg. Und da sind noch viele Schritte zu gehen.
Gibt es Strukturen im System Kirche, die den Missbrauch von Verantwortung begünstigen?
Es tut mir weh, vom „System Kirche“ zu sprechen. Zunächst sind wir ja alle Kirche. Wir sind eine Glaubensgemeinschaft mit großen Höhen und Tiefen. Wir sind eine Kirche der Sünder und der Heiligen. Und wir sind eine Verantwortungsgemeinschaft. Und hier ist anzusetzen: Wir waren nicht kritisch genug gegenüber einer klerikalistischen und nicht sehr pastoralen Form der Ausübung geistlicher und weltlicher Macht in der Kirche. Daher kommen Anfragen an die Führung von Gemeinden und Diözesen. Zum „System Kirche“ – wenn man den Ausdruck verwenden will – gehört dabei nicht zuletzt eine weit verbreitete Verantwortungsflucht. Zu einer Leitungsverantwortung gehört es, diese auch dann zu adressieren und zu leben, wenn es nicht um persönliche Fehler und Mängel geht. Von dieser Art der Verantwortungsübernahme ist in der Kirche bisher zu wenig zu sehen.
Der Bischof von Regensburg, Voderholzer, sieht die Ursache der Missbrauchswelle in einer notorischen Missachtung der katholischen sexualmoral. Hat er Recht?
Diese These ist aus meiner Sicht schon deshalb sehr einseitig, weil sie sich die Frage nach einer ganzheitlichen Anthropologie, also der Lehre vom Menschen, nicht hinreichend stellt. Denn zuerst ist ein Mensch eine von Gott geliebte Person. Erst sekundär kommen andere Fragen auf, etwa die nach inneren Haltungen, aber auch die nach der eigenen sexuellen Orientierung. Und im Übrigen hat sich an der Hochachtung von Liebe, Achtung und Treue in einer Partnerschaft weder in der Kirche noch in der Gesellschaft so wahnsinnig viel geändert.
Welche Reformschritte würden Sie der Kirche empfehlen?
Konkrete Reformschritte, wie sie u.a. auf dem Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland erörtert werden, sind das eine. Sie sind von großer Bedeutung. Eine Veränderung der Führungskultur, des Miteinanders und des pastoralen Angangs ist die andere Seite. Kirche besteht ja nicht nur in der Produktion kluger Texte, sondern auch im Hinsehen und Handeln, im Klagen und Feiern. Hier fehlt es mir trotz aller Tiefschläge an einer Aufbruchsstimmung, die eben auch vermittelt: Wir haben eine Frohe Botschaft, und wir leben diese auch.
Gegenüber dem Synodalen Weg äußern Kreise immer wieder den Vorwurf, im Schatten des Missbrauchskandals werde versucht, die Kirche von Grund auf zu verändern: Mit dem Missbrauch werde Missbrauch betrieben. Können Sie diese Ansicht teilen?
Überhaupt nicht. Es sind zwei miteinander verbundene und zugleich unabhängige Themen: Der Umgang mit dem Missbrauch als Verantwortungsgemeinschaft Kirche. Und die nachholende Modernisierung der Kirche im Umgang mit Frauen, mit Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung, aber auch mit Organisationsfragen wie Finanzen, mit stärker synodal geprägten Entscheidungsprozessen und vielem mehr. Aus meiner Sicht sollte der Umgang mit dem Thema Missbrauch aber noch etwas energischer betrieben werden. Wobei es nicht verwundern kann, dass Themen des Aufbruchs und der Veränderung beliebter sind als das so wichtige Thema Missbrauch.
Als Vorsitzender eines katholischen Verbandes wollen Sie in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft hineinwirken. Wie ist es möglich, im Namen einer Kirche zu sprechen, die sich in den Augen vieler Leute inzwischen ziemlich unglaubwürdig gemacht hat?
Wir alle müssen in unserem Leben immer wieder von vorne anfangen. Die Kirche auch. Und das kann auch eine Chance sein. Ich verstehe den BKU als die Stimme werteorientierter Unternehmer mit tiefen christlichen Wurzeln. Das Katholische im BKU deuten wir im umfassenden Sinn so wie das griechische katholikos. Wir sind insofern für werteorientierte Menschen aller Konfessionen offen. Auch wenn die meisten von uns einen katholischen Hintergrund haben. Wir stehen aber als Gemeinschaft zusammen, haben gute Angebote, sind jünger, weiblicher und dynamischer geworden und haben daher im Jahr 2021 sogar einen Mitgliederzuwachs verzeichnen können.
Angesichts der massiven Austrittswelle: Wie kann es mit der Kirche künftig weiter gehen? Das Evangelium muss ja weiter verkündet und gelebt werden.
So ist es. Und das ist unsere Aufgabe in Wort und Tat. Wer gute Vorbilder hat, interessiert sich für sie. Und wer das Evangelium glaubwürdig lebt, erzeugt Nachfragen, genau im Sinn von 1 Petrus 3,15: „Gebt denen Rechenschaft, die Euch danach fragen.” Da muss ich aber erst mal eine Situation erzeugen, in der Fragen überhaupt aufkommen! Daran arbeiten wir, und das gibt mir durchaus Hoffnung auch für die Zukunft von Glauben und Kirche.
Die Fragen stellte Reinhard Nixdorf, Nm-W


Zur Person
Ulrich Hemel, Jahrgang 1956, studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, katholische Theologie, Philosophie und Sprachwissenschaften in Mainz und Rom. Daran schlossen sich Lehrtätigkeiten an, hinzu kamen im Laufe der Zeit auch Aufgaben in der Wirtschaft.
Ulrich Hemel engagiert sich im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und in der Versammlung des „Synodalen Wegs” zur Reform der Katholischen Kirche in Deutschland.
Seit 2018 ist er Direktor des Weltethosinstituts in Tübingen und seit 2004 leitet er das von ihm begründete Institut für Sozialstrategie. 2017 übernahm er als Nachfolger der damaligen Bundestagsabgeordneten Marie Luise Dött den Vorsitz des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU).