Wahrheit und Macht
Missbrauchskrise und Buße
Die Missbrauchskrise in der katholischen Kirche rüttelt an uns allen, ob wir es wollen oder nicht. Denn wenn sie eines klargemacht hat, dann, dass Macht und Wahrheit häufig miteinander verwechselt werden. Dabei denke ich nicht an eine eindeutige Relation, in dem Sinne, dass Priester immer der Versuchung erliegen, Macht mit Wahrheit zu verwechseln und Macht missbrauchen, um die Wahrheit zu verstecken. Was sich vielmehr offenbart, ist ein sehr subtiles Netz von Machtbeziehungen, in die wir alle verstrickt sind: Klerikaler Missbrauch hat systemische Ursachen, aber nicht nur Kleriker sind Teil dieses Systems. Das Bild des heiligmäßigen Priesters ist tief im Unbewussten der meisten Menschen vergraben und wie viele wollten es einfach nicht wahrhaben, wenn sie sexuellen Missbrauch vor ihrer Nase erlebten! Lieber werden die Opfer zum Schweigen gebracht. Das ist auch eine stille und subtile Form der Machtausübung, indem die Wahrheit zur Verfügungsmasse menschlichen Handelns wird. Vor Schuld, gerade der eigenen, verschließen Menschen gerne ihre Augen. Vielleicht zeigt man auch (aber nicht nur) deswegen so energisch auf Offiziale, Generalvikare, Bischöfe und sogar Päpste, um von sich wegzuweisen.
Damit kein Missverständnis aufkommt: es geht mir nicht darum, Schuld zu relativieren, etwa mit: „Missbrauch kommt überall vor, am meisten in Familien“, „keine Institution arbeitet Missbrauch so energisch auf, wie die Kirche“, „Vertuschung und Bagatellisierung waren auch dem Zeitgeist geschuldet“, „ja es gibt auch Verbrecher in der Kirche, aber das sind Einzelne“. Das ist alles gar nicht unbedingt falsch, aber es tut der Wahrheit dennoch Gewalt an. Denn die brutale Wahrheit ist immer die der Opfer. Und von denen wird mit solchen Relativierungen der Blick abgelenkt. Das ist der Punkt: wir neigen dazu, uns dem Blick der Opfer, der uns – als wir selbst, ganz intim – treffen will, auszuweichen und auf andere zu verweisen: „Die Sexualmoral der Kirche sorgt für pathologisches Verhalten“, „die Amtsträger haben es vertuscht“. Jeder von uns – Priester, Ordensleute und Laien – neigt dazu, den Blick abzuwenden. Weil wir die Wahrheit nicht ertragen, den Blick des Opfers, der am Ende jeden von uns anklagt.
Und hier rührt man an den fundamentalen Bruch, den die Missbrauchskrise darstellt, hier rührt man an den Punkt, der es unmöglich macht, nun „einfach“ nur die Verbrecher rigoros zu bestrafen, syste-mische Korrekturen vorzunehmen und dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Selbstverständlich ist es unerlässlich, dass Verbrecher verfolgt und bestraft werden, dass Intransparenzen, die Vertuschung oder Verschleierung begünstigen, beseitigt werden, dass Präventionsordnungen erlassen werden etc. Aber das alles ist weiter in der Sprache der Macht gesprochen und gedacht. „Man muss doch etwas tun“. Und man muss auch etwas tun, die Frage ist nur, mit welcher Haltung man es tut.
Christen – ganz unabhängig von ihrer Konfession und dem Grad ihrer Frömmigkeit – scheinen mir momentan überall auf der Welt den Blick dafür zu verlieren, dass die Wahrheit des Glaubens sich nicht in der Sprache der Macht sagen lässt: die Wahrheit lässt sich nicht in einen Satz gießen, den man in einem Katechismus fixieren und dann dem moralisch unter einem stehenden um die Ohren hauen kann, um sich über ihn zu erheben. Das gleiche gilt genauso in der umgekehrten Richtung: die Wahrheit lässt sich nicht so weit verflüssigen, dass alles relativ und gleichgültig ist. Dann herrscht am Ende auch immer nur das Gesetz des Stärkeren und sei es auch in der harmlos daherkommenden Form einer Mehrheitsabstimmung. Beide Formen, die der aufmerk-same Leser unschwer mit konserva tiv-fundamentalistischen einerseits und liberal-progressivistischem Denken andererseits, identifizieren kann, sind Teil des Problems und nicht der Lösung. Denn sie stehen beide für Haltungen, die die Wahrheit verfügbar, handhabbar, machbar haben wollen. Und damit sind sie beides Formen eines Weges, sich am eigenen Schopf selbst aus dem Sumpf ziehen zu wollen, sich selbst erlösen zu wollen, sich selbst dem anklagenden Blick des Anderen, der uneinlösbaren Schuld zu entziehen.
Nur die Wahrheit kann überhaupt Heilung und Erlösung bringen. Und damit sie sich uns zuschickt, gilt es zunächst den Blick des Anderen, des Opfers auszuhalten, das was man umgangssprachlich meistens leicht mit „schlechtem Gewissen“ bezeichnet und häufig nur so dahersagt. Das auszuhalten, sich dem nicht zu entziehen, sondern sich ohnmächtig der Wahrheit der eigenen Schuld auszusetzen, dazu fordert uns auf einer geistlichen Ebene die Missbrauchskrise auf. Sie fordert uns auf, den Blick umzukehren, zum Anderen hin und durch ihn auf Gott hin, der allein die Schuld am Ende lösen kann, wenn wir ehrlich uns eingestehen „durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.“
Vielleicht ist die österliche Bußzeit genau jetzt, nachdem durch das Missbrauchsgutachten in München die schwärende Wunde der Missbrauchskrise wieder frisch aufgebrochen ist, eine Chance dafür, sich selbst vom machtförmigen Blick frei zu machen, um in sich Raum zu schaffen für die erlösende Allmacht Gottes und sich von ihm in den Dienst nehmen zu lassen, in Schuldknechtschaft, um – sei es auch noch so wenig – zu Heilung und Versöhnung in der Kirche beizutragen und sich in Dienst der Opfer zu stellen – auch über die Missbrauchskrise hinaus.
Stefan Gaßmann (Mk, Smn, Lov [CV])

