Der Dienst des Arztes im Spannungsfeldvon Ethos, Erwartung und Ertrag

Wird Gendern was ändern?

Obgleich gemäß mehrerer seriöser Umfragen eine überwältigende Mehrheit der Deutschen, Männer und Frauen, das, was man in Neudeutsch „gendern” nennt, als störend empfindet, sind dennoch die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten davon geprägt, und auch in vielen anderen Medien kann man diese Strömung nicht mehr übersehen oder überhören. Die Propagandisten sind der Überzeugung, dadurch zu einer „geschlechtergerechten Sprache” beizutragen und geben damit der Sache eine ethische Begründung, woraus sie einen moralischen Anspruch ableiten.

Selbst wenn sie bescheidener nur für eine gleiche und faire sprachliche Behandlung der Frauen ein-treten und manche vorsichtiger zum Wort „geschlechtssensibel“ greifen, wollen sie doch das Publikum an einen anderen und ihrer Überzeugung nach besseren Sprachgebrauch gewöhnen. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hat 2019 für diese Vorgehensweise den einprägsamen Begriff „betreutes Sprechen“ geprägt.    

Der „Gender-Schluckauf“

Als einer der Protagonisten des „Genderns“ im TV fiel eine Zeitlang der frühere Moderator des „heute-journals“ Claus Kleber auf. Er sagte etwa: „Wissenschaftler“, machte eine knappe Pause und füg-te „innen“ hinzu. Vor dem Bildschirm sitzende Witzbolde fügten dann schon einmal „und außen“ hinzu. Diese kurze Sprechpause wird als „glottaler Stopp“ und „Glottisschlag“ oder satirisch als „Knacklaut“, „Gender-Hick“ oder „Gender-Schluckauf“ bezeichnet. In den Untertiteln für Hörgeschädigte erschien infolge des „glottalen Stopps“ das sogenannte Gendersternchen oder Asterisk, welches in mancher Veröffentlichung so oft erscheint, dass man dann, wie Spaßvögel berichten, beim Lesen im Dunkeln auf elektrisches Licht verzichten kann. Angesprochen auf sein „Gendern“ erklärte Claus Kleber in einem Interview in der „Zeit“ von Anfang 2021, er habe zu dieser Sprechweise gegriffen, wenn er dachte, „dass es im konkreten Fall eine Erkenntnis“ bringe. „Mit religiösem Eifer“ sei er dabei nicht vorgegangen. Aber bei seinem letzten Auftritt als Moderator des „heute-journals“ am 30. Dezember des vergangenen Jahres ließ er es sich nicht nehmen, ein letztes Mal nach dem „Glottisschlag“ zu greifen.

Gelegentlich erlebt man Moderatoren oder Journalisten, die nur noch die weibliche Form eines Wortes nennen oder schreiben und voraussetzen, dass man sich die männliche selbst hinzufügt. Dies führt nicht selten zur Verwirrung, und es ist zu überlegen, ob in diesem oder in jenem Fall tatsächlich nur ein Mensch weiblichen Geschlechts gemeint ist. Wenn es zum Beispiel heißt, man ist auf die Hilfe einer Ärztin angewiesen, ist dann ein Arzt ausgeschlossen?

Sexualisierung der deutschen Sprache

Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden bejaht zwar das „Gendern“, hält jedoch die Einführung dieses sogenannten generischen Femininums, ein Pendant zum generischen Maskulinum – beide werden später noch erläutert – für untauglich. Das gilt auch für die Sprechpause, das „Gendersternchen“, das „Binnen-I“, den „Binnen-Doppelpunkt“, den „Binnen-Querstrich“ etc. Stattdessen werden neben dem auch nicht unumstrittenen Schrägstrich und anderen Ersatzformen insbesondere die Doppelnennungen empfohlen. Deren Gebrauch ist allerdings von Gefahren nicht frei: Obwohl im Afghanistankrieg auf deutscher Seite nur Soldaten, also Männer,gefallen sind, wurde, dem Trend folgend, von Soldaten und Soldatinnen gesprochen. Im Magazin des Humboldt-Forums von Dezember 2021 findet man ein Foto mit der Bildunterschrift „Junge Forscher*innen im Humboldt Forum“, doch sind nur junge Frauen abgebildet (S. 3), und das umstrittene Luf-Boot aus Papua-Neuguinea soll von „Bootskünstler*innen“ gefertigt worden sein (S. 17).     

Ein weiteres Beispiel: Das Goethe-Institut schreibt in seiner Broschüre zum 70-jährigen Bestehen im Dezember 2021, deutsche „Diplomat*innen“ seien ausgewiesen worden, nachdem Anfang 1987 in der Satiresendung „Rudis Tagesshow“ zu sehen gewesen sei, wie Iranerinnen Unterwäsche auf Ajatollah Chomeini geworfen hätten. Es wurden allerdings nur zwei Männer des Landes verwiesen.

Hinter den Doppelnennungen steckt das gutgemeinte Bemühen, beim Sprechen niemand auszunehmen, wobei man annimmt, dies geschehe bedauerlicherweise, wenn man lediglich das männliche grammatische Geschlecht (Genus) eines Worte benutze. Fügt man nun die weibliche Form hinzu, kommt, ob man will oder nicht, der biologische Unterschied zur Geltung und trägt zu einer Sexualisierung der deutschen Sprache bei. Nicht „sexualisiert“ heißt es allerdings immer noch fast ausschließlich die Straftäter und nicht Straftäter und Straftäterinnen, und auf der linken Spur einer Autobahn kommt uns nie eine Falschfahrerin entgegen. Es ist immer ein Falschfahrer.

Das Aufblähen der Texte durch Doppelnennungen

Diese immer beliebter werdenden und neben der Gesellschaft für deutsche Sprache ebenso vom Deutschen Sprachrat angeregten Doppelnennungen führen ferner zu einer Aufblähung der Texte und auf Dauer zu einem Abnutzungseffekt. Außerdem sind sie als Überschriften (zum Beispiel „Deutsche Ärztinnen und Ärzte warnen vor neuer Virusvariante“) wenig geeignet.     Der langjährige Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus hat festgestellt, dass im neuen Schulgesetz von Rheinland-Pfalz 239-mal „Schülerinnen und Schüler“ vorkommt. Um so etwas zu kürzen, hat sich bereits die Abbreviation SuS herausgebildet.    

Der Berliner Kolumnist Harald Martenstein hat dazu einmal ironisch angemerkt, wer als Verfasser von Texten nach Zeilen bezahlt würde, könne gegen die Verdoppelung nichts haben, da der zu schreibende Beitrag ohne viel Aufwand von selbst an Umfang zunähme. Ein anderes Mal bekundete Harald Martenstein, er habe nichts gegen das „Gendern“, noch habe er etwas gegen Jazz, „solange er ihn nicht hören“ müsse. Damit distanzierte er sich von der Behauptung, zu „gendern“ sei eine demokratische Pflicht. Wer „gendern“ will, der soll es eben tun, so Harald Martenstein.

Von Menschen und Mensch*innen

Unter der inzwischen umfangreichen Literatur, die vom „Gendern“ handelt, nimmt das 172-seitige Buch „Von Menschen und Mensch*innen“ des Musikers, Musikdidaktikers und Germanisten Fabian Payr eine besondere Bedeutung ein, weil es anders als der etwas reißerische Titel vermuten lässt, „20 gute Gründe, mit dem Gendern aufzuhören“, kurz und übersichtlich, ohne allzu viel Linguistik und frei von Polemik zur Diskussion stellt. Die Publikation ist 2021 im Wissenschaftsverlag Springer in Wiesbaden erschienen. Gut aufgebaut und mit vielen Literaturangaben versehen, beantwortet sie eine Vielzahl von Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem „Gendern“ ergeben. Deshalb sollte jeder, der sich schnell und ohne große sprachwissenschaftliche Vorkenntnisse über die Begründungen für das Ablehnen des „Genderns“ informieren will, zu dieser Broschüre greifen, und die „Gender-Fürsprecher*innen“ können an Hand der Veröffentlichung überprüfen, ob die dort angeführten Argumente gegen das „Gendern“ etwas für sich haben.     

Ist durch das generische Maskulinum die Frau in der deutschen Sprache unsichtbar?

Nach Fabian Payr lautet die Kernfrage beim „Gendern“, ob tatsächlich die Frau im Deutschen unsichtbar bleibt, oder anders gefragt, ob die Erzählung stimmt, unser Deutsch sei von Männern geprägt. Im Deutschen müsse man das spezifische Maskulinum (z.B.: „der Lehrer Franz Petersohn“), welches im Kontext ergäbe: ein Mann, vom generischen oder inklusiven Maskulinum (z.B.: „Alle Lehrer versammeln sich in der Aula.“) unterscheiden. Mit letzterem Satz seien alle Menschen gemeint, die den Lehrerberuf ausübten, nicht nur die männlichen. Dieses alle einschließende Maskulinum erlaube, „geschlechtsneutrale Aussagen“ zu machen und würde herangezogen, wenn es auf das Geschlecht der genannten Personen nicht ankomme. Es könnten Männer sowie Frauen sein.

Deshalb hält Fabian Payr es für eine Fehlinterpretation sprachlicher Strukturen und für spitzfindig zu behaupten, beim generischen Maskulinum sei allein der Mann „genannt“, die Frau jedoch lediglich „mitgemeint“. Das trifft ebenfalls umgekehrt für das nicht häufig vorkommende grammatisch geschlechtsneutrale, also generische Femininum (Geisel, Koryphäe, Person, Waise) zu, das Frauen und Männer einschließt. Auf das biologische Geschlecht (Sexus) wird also nicht verwiesen, alle sind inkludiert. Darin liegt nach Fabian Payr sogar ein praktischer Vorzug.  Oft genug würde obendrein vernachlässigt, dass schon der Kontext zeige, hier wird eine geschlechtsbezogene oder geschlechtsneutrale sprachliche Äußerung gemacht. Wenn von dem „Lehrer Norbert Lehmann“ gesprochen würde, wisse man, dass der spezifische N. L. gemeint sei „mit klarer Zuweisung des Geschlechts“. Mit dem Satz „Kein Lehrer würde so etwas… durchgehen lassen“ würde hingegen eine „allgemeine Aussage über alle Lehrer getroffen“ (S. 25).

Durch den Verzicht auf das generische Maskulinum können im Übrigen „empfindliche Lücken“ entstehen, so die Linguistin Gisela Zifonun. Wenn ich eine Autorin für „eine der wichtigsten Schriftstellerinnen“ halte, ist das viel weniger Anerkennung, als zu sagen: Sie ist „eine der wichtigsten Schriftsteller“ (=generisches Maskulinum). Bisher ist es ferner nicht gelungen, gängige Redensarten mit bloßer männlicher Form zu „reformieren“: Immer sagt man noch „Ich gehe zum Bäcker“, obwohl es sich um den Laden einer Bäckerin handelt, und auch der Satz „Ich gehe zum Arzt“ ist durchaus gängig, obwohl eine Ärztin die Praxis führt.

Was ferner gerne ausgeblendet würde, so noch einmal Fabian Payr, sei der Umstand, dass bei der grammatischen Mehrzahl die Männer sogar immer zurückstecken müssten, weil der Pluralartikel weiblich sei (die Lehrer). „Ist das Deutsche tatsächlich eine Männersprache?“, will er deshalb wissen (S. 8).

Zur Beantwortung ist vielleicht eine Beobachtung besser, die Josef Kraus gemacht hat: Das rund 88.000 Wörter umfassende Deutsche Universallexikon enthält  42,2 Prozent Feminina, 37 Prozent Maskulina und 20,8 Prozent Neutra!

Das Neutrum und das semantische Geschlecht

Keine Rolle spielt in der Diskussion eigentümlicherweise das Faktum, dass es im Deutschen zusätzlich noch ein Neutrum gibt, das mit der Biologie nicht allzu viel zu tun hat. Hinter ihm kann sich erstens eine weibliche oder männliche Person (etwa: Ekel, Genie, Kind, Mitglied, Opfer), zweitens nur eine Frau (etwa: Mannequin und herabmindernd: Weib, Flittchen, Luder) und drittens eine kleine oder nicht vollwertige Person männlichen Geschlechts (etwa: das Bübchen, das Bürschchen, das Knäblein, das Männlein) und weiblichen Geschlechts (Fräulein, Mädchen, Weiblein) „verstecken“. Hierbei wird zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht nicht unterschieden, doch durch die Wahl des Neutrums meistens, aber nicht immer eine Differenzierung vorgenommen. Anders liegt der Fall beim sogenannten semantischen Geschlecht, bei dem Genus und Sexus in direkter Beziehung zueinanderstehen. Dabei sind die weiblichen Bezeichnungen ihrer Bedeutung nach grammatisch und biologisch feminin (die Mutter, die Schwester, die Tante, die Cousine) und die männlichen maskulin (der Vater, der Bruder, der Onkel, der Vetter).

Belegen Studien die Bevorzugung der Männer bei der Wortwahl?

Den Nachweis, „die Menschen“ dächten seltener an Frauen und „vorrangig an Männer, wenn sie Formulierungen im generischen Maskulinum“ hörten oder läsen, hält Fabian Payr nicht für erbracht (S. 23). Studien, die dies belegen sollen, verzichteten auf „sprachwissenschaftliche Expertise“ (S. 31). Viele Fragen seien außerdem suggestiv oder beeinflussten unterschwellig die Interviewten, und vielen Untersuchungen mangele es an der nötigen Repräsentativität der Stichproben. Eine von Julia Misersky u.a. 2019 vorgelegte Studie (Discource Processes 56, Ausg. 8, S. 643-654) beruht zum Beispiel auf einem Sample von 20 Probanden, davon 13 Frauen im Alter von 19 bis 29 Jahren. Ob das reicht?

Das in-Suffix

Für eine Person weiblichen Geschlechts besitzt das Deutsche zudem das erwähnte „in-Suffix“. Es ist schon im Althochdeutschen nachweisbar (Königin, Äbtissin u.a.) und wird heute etwa bei Wörtern wie Bundeskanzlerin oder Ministerin selbstverständlich benutzt. Es kommt allerdings gelegentlich an seine sprachlichen Grenzen. Neuschöpfungen, die sich seiner bedienen wie Bösewichtin, Gästin – zwei Beispiele von Duden-online –, oder Guidin, von Englisch guide (= Fremdenführer) sind eher misslungen als überzeugend. Mitgliederin hält auch die Dudenredaktion für kurios und die Gesellschaft für deutsche Sprache für „überspitzt“, ebenso wie Menschin und Personin. Das Korrekturprogramm des Computers unterlegt solche Wörter mit der Farbe Rot. Diese Neologismen haben offensichtlich keine Chance.

Sonderfälle

Am Rande noch einige Sonderfälle, denen eine englische Vokabel zugrunde liegt: der Fan sowie der (Opern-)Star, der eine Frau oder einen Mann bezeichnet, und der Vamp, der allein eine Frau sein kann und zu dem eine männliche Entsprechung außer Betracht bleibt (Vamper?). So ist es ebenfalls bei den Wörtern Hebamme und Politesse. Wird der Beruf der Hebamme von einem Mann ausgeübt, so heißt er seit 2019 in Deutschland ebenfalls so, nachdem er zunächst noch als Entbindungspfleger bezeichnet wurde. Anders liegt der Fall beim männlichen Pendant zur Politesse. Hier wählte die Bundesanstalt für Arbeit Hilfspolizist. Duden-online schlug (ohne Scherz) Politeur vor.   

Neutralisierung und das verborgene generische Maskulinum

Um die von manchen für lästig gehaltene Doppelung und die Sexualisierung der Sprache zu vermeiden, empfiehlt die Dudenredaktion bei der Anrede auf Konstruktionen wie „Guten Tag Silke Segler“ (ohne Erwähnung von „Frau“), „Liebe Lehrkräfte“ und „Sehr geehrte Anwesende“ auszuweichen, dies wohl auch, um „Trans*, Inter* und non-binäre Personen“ zu berücksichtigen, ein ungelöstes Problem, wie der „genderbejahende“ Henning Lobin vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim einräumt. Besonders beliebt sind zudem die Partizipialformen im Plural (Benutzende statt Benutzer, Demonstrierende statt Demonstranten, Studierende statt Studenten, Teilnehmende statt Teilnehmer). Aber sogar diese Neutralisierung ist nicht ohne Tücken. Es wird ein ausübendes Tun vorausgesetzt (Nomina Agentis). Deshalb sind verhinderte Teilnehmende ein Unding. Auch Studierende müssen nach bisher üblichem Sprachverständnis Personen sein, die im Augenblick oder eine Zeit lang etwas aktiv tun. Dann kann es schlafende oder tote Studierende nicht geben. Der Potsdamer Linguist Peter Eisenberg hat einmal dazu ein schönes Beispiel gebracht: „Studierender ist einer, der studiert, aber wenn er in Auerbachs Keller sitzt, ist er ein Student.“ Weitere Versuche der Neutralisierung wie etwa Auditorium statt Zuhörer, Politik statt Politiker oder Gehweg statt Bürgersteig, Presse statt Journalisten seien nur noch kurz erwähnt. Schwierig beim „Gendern“ wird es, wenn man auf Komposita stößt, die auf dem generischen Maskulinum beruhen. Wie ersetzt man etwa „gendersensibel“ Wörter wie Bürgerbegehren, Bürgermeisterwahlen, Führerschein oder Fußgängerampel? Generische Maskulina sind obendrein Pronomina wie jemand, niemand, wer und man, und wenn letzteres Wort gelegentlich durch frau ersetzt wird, empfindet dies die Mehrheit immer noch als Kuriosität. Deshalb empfiehlt der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, schlichtweg das Wort „man“ zu vermeiden. Ein weiterer Rat, zum Ausweichen auf substantivierte Adjektive zu greifen, bei denen Femininum und Maskulinum identisch sind (Betroffene, Schuldige etc.), ist ebenso eher eine Verlegenheitslösung.

Problematisch wird es bei sogenannten Suffigierungen (gärtner/isch, maler/isch,  student/isch etc.). Die Ersetzung des generischen Maskulinums in diesem Fall durch ein Femininum würde verquere Wortgebilde hervorrufen wie gärterinnenisch. Nicht einmal eine Partizipialform hilft da weiter. Wer sagt schon: studierendenisch. In solchen Fällen lässt man deshalb das generische Maskulinum gewähren.

Der „Global gender-gap Report“

Um zu bekräftigen, dass kein direkter Bezug zwischen der Benachteiligung der Frau durch die deutsche Grammatik vorliegt, wird gerne der „Global gendergap Report“ aus dem Jahr 2020 herangezogen.

Der „Global gender gap Report” ist ein vom Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) seit 2006 jährlich erstellter umfangreicher wissenschaftlicher Bericht, der in mittlerweile 153 Ländern den Gendergap, also die Lücke, die Kluft in der Gleichstellung der Geschlechter analysiert.

Daraus ergibt sich: Obschon die Turksprachen nicht wie das Deutsche grammatische Geschlechter kennen, steht die Türkei auf Platz 130 von 153 Ländern, Deutschland auf Platz 10 und Österreich auf Platz 34. Nicht auszuschließen ist freilich, dass die von uns abweichenden historischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Türkei bei der Überwindung der Kluft zwischen Männern und Frauen berücksichtigt werden müssen. Aber auch das uns nahestehende Ungarn – die finno-ugrischen Sprachen haben ebenfalls keine Genera – erreicht nur Platz 105, Finnland hingegen Platz 3 und Estland Platz 26.

Da muss man doch zweifeln, ob die Grammatik einer Sprache einen entscheidenden Einfluss auf die Herstellung der Gleichberechtigung besitzt. Da ist schon viel ausschlaggebender, wie im Report von 2020 ausdrücklich erwähnt, dass damals Deutschland schon 14 Jahre von einer Frau, Angela Merkel, regiert wurde. Die Bundeskanzlerin ist mittlerweile nach zwei weiteren Jahren aus dem Amt geschieden und hat wahrscheinlich entschieden mehr zur Akzeptanz und Sichtbarwerdung der Frauen in der Öffentlichkeit beigetragen als das „Gendern“, wenn es das überhaupt kann. Selbst die sich als Feministin verstehende Komödiantin Carolin Kebekus, die Mitte vergangenen Jahres mit dem Video „Gibt mir den Glottisschlag“ in Erscheinung trat, räumte ein, dass „nicht alle Probleme, die wir mit der Gleichberechtigung haben“, mit dem „Gendern“ zu lösen seien. Eine Pflicht dazu will sie nicht, und die Diskussion darüber sei ein „Nebenschauplatz“. Da ist ihr ebenso wenig zu widersprechen wie bei dem Hinweis auf den unserer Sprache nicht fremden „Glottisschlag“, der etwa bei Zusammensetzungen (Schweinelendchen, Spiegelei u.a.m.) und anderen sprachlichen Gegebenheiten (beachten, naiv etc.) auftaucht. Nur trifft uns der „Glottisschlag“ vor den Endsilben „innen“ völlig unerwartet. Und da wir schon bei der Satire sind: Der Berliner Karikaturist Freimut Wössner hat für das „Gendern“ ein eigenes Ministerium entdeckt: das *Innenministerium.

„Gendern“ im Alltag

Alltäglich hört und liest man in den Medien und gleichfalls in den Kirchen Doppelnennungen (Bürgerinnen und Bürger, Christinnen und Christen), dann folgt jedoch oft ein generisches inkludierendes Maskulinum, und gelegentlich auch noch ein bloßes generisches inkludierendes Femininum (Wählerinnen) oder umgekehrt ein generisches Femininum, gefolgt von einem generischen Maskulinum. So gedachte der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache 2021 der Ärztinnen und Pfleger. Die jeweilige „geschlechtliche“ Ergänzung mussten die Hörer selbst vornehmen.     Dieses sprachliche „Gebräu“ ist weit verbreitet, und der Zweifel scheint wohl berechtigt, ob das der Prosa guttut, von der Poesie ganz zu schweigen. Aber immerhin flaut die Benutzung der Sonderzeichen wie dem „Gendersternchen“ anscheinend etwas ab, begegnet uns aber in den Verlautbarungen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, und die Katholische Jugend (KSJ) wird zukünftig „Gott*“ schreiben.

Der Ende November 2021 abgeschlossene Koalitionsvertrag zwischen SPD, den Grünen und FDP, dessen politischer Inhalt jetzt nicht interessiert, sondern nur sein Deutsch, vermeidet dankenswerterweise das Asterisk. Andererseits ist die Vereinbarung ein Vorzeigebeispiel für die

Probleme der „geschlechtergerechten“ Schreibweise. Zunächst einmal: Selbst-verständlich stößt man auf Bürgerinnen und Bürger, Bäuerinnen und Bauern, Einwohnerinnen und Einwohner, jede und jeder, Patientinnen und Patienten, Vertreterinnen und Vertretern, Whistleblowerinnen und Whistleblower etc., und stets werden wohl aus Courtoisie die Damen als Erste genannt. Unübersehbar ist allerdings die fehlende Konsequenz beim „Gendern“, die vermutlich der Eile, die bei der Formulierung der Vereinbarung herrschte, zuzuschreiben ist: Es fallen die Akteure, Anbieter, Arbeitgeber, Betreiber, Dolmetscher, Enkel, Partner, Schädiger, Senioren, Straftäter etc. auf, die alle ohne die weibliche Entsprechung bleiben. Es gibt auch nur ein Täter-Programm.  Der mittlerweile typische Mischmasch, man sehe sich nur die täglichen Verlaut-barungen der Presseagenturen an, ist ebenfalls deutlich vorhanden: Da begegnet man „Journalistinnen, Aktivisten, Wissenschaftlerinnen und anderen Menschenrechtsverteidigern“ in einer Reihenfolge (S. 146). Eine Frage beiläufig: An einer Stelle (S. 38) heißt es, man wolle „durch eine Überarbeitung der Monitoringstandards die Anzahl der in Deutschland lebenden Wölfe [= generisches Maskulinum] realitätsgetreu abbilden“. Muss man nicht nach der angestrebten Tilgung des generischen Maskulinums aus dem üblichen Sprachgebrauch zukünftig konsequenter zusätzlich von Wölfinnen sprechen?

Gibt es einen Rechtsanspruch auf das „Gendern“?

Durch die Instanzen klagte sich vor einigen Jahren eine Kundin der Sparkasse Saarbrücken, weil in deren Geschäftsverkehr nur Formulare und Vordrucke im generischen Maskulinum verwendet wurden. Die Klägerin wollte erreichen, dass zusätzlich die weibliche oder aber eine neutrale Form benutzt würde. Mit ihrer Klage ging sie bis zum Bundesgerichtshof und blieb dort 2018 erfolglos. Demnach besteht kein Rechtsanspruch auf das „Gendern“. Eine daraufhin eingereichte Verfassungsbeschwerde nahm das Bundesverfassungsgericht 2020 nicht zur Entscheidung an. Bemerkenswert ist bei seiner Begründung der Hinweis, der Bundesgerichtshof habe in seiner Entscheidung als „selbstständig tragendes Argument“ genannt, „dass das Grundgesetz selbst das von der Beschwerdeführerin bemängelte generische Maskulinum“ enthalte. Ein anderer denkwürdiger Satz aus dem Urteil des BGH sei zusätzlich erwähnt: „Ein solcher Sprachgebrauch bringt keine Geringschätzung gegenüber Personen zum Ausdruck, deren natürliches Geschlecht nicht männlich ist.“ Die Klägerin ist inzwischen an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weitergezogen. Ergänzt sei noch, dass das Bundesverfassungsgerichtsgesetz in seiner jetzigen Fassung nur „Richter“ kennt, obschon dem Gericht schon beim Beginn vor siebzig Jahren eine Richterin angehörte.

Auf obiges Urteil des Bundesgerichtshofs geht ein Ende des Jahres 2021 veröffentlichtes 123 Seiten starkes Gutachten der Berliner Jura-Professorin Ulrike Lembke ein, welches unerwartet die Geschichte des Frauenwahlrechts seit der Frankfurter Nationalversammlung vor über 170 Jahren behandelt sowie die Ergebnisse überwiegend von „genderbefürwortenden“ linguistischen Publikationen referiert (insgesamt etwa 50 Seiten). Die Verfasserin hält das Urteil des BGH „für erstaunlich…, da die Sparkassen als Anstalten des öffentlichen Rechts unmittelbar an die Grundrechte gebunden“ seien, „und ihre Achtungspflicht eben nicht auf die korrekte Anrede und in persönlichen Gesprächen und individuellen Schreiben beschränkt“ sei (S. 64). Das generische Maskulinum bezeichnet sie kurzerhand als „pseudogenerisch“ und sieht in ihm „keine Option, da es nach derzeitigem Sprachgebrauch und Sprachverständnis nicht zur Grundrechtsverwirklichung“ beitrage (S. 111). Den Rat für deutsche Rechtschreibung kritisiert sie heftig, weil er in einer Erklärung von März 2021, den von ihr verwandten „Genderstern“, den ebenso etwa die von ihr in anderem Zusammenhang herangezogene feministische Linguistin Luise F. Pusch ablehnt, nicht empfohlen hat. Der Rat betreibe „unter Missachtung seiner Rolle und einschlägiger Grundrechte (destruktive) Rechtspolitik“ (S. 108). Für sie ist „aus rechtlicher Sicht … die Verwendung geschlechtergerechter Amtssprache inklusive des Gendersterns keine Irregularität, sondern für hoheitliches Sprachhandeln und damit die Verwaltung insgesamt im demokratischen Rechtsstaat unverzichtbar“ (S. 6).

Der bemerkenswerte Vorschlag der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim

Die bekannte Wissenschaftsjournalistin und promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim machte in einem kleinen YouTube-Film 2020 einen bemerkenswerten Vorschlag: Wir sollten „einfach“ versuchen, einen Plural wie Wissenschaftler „in unseren Köpfen“ wieder geschlechtsneutral zu machen. In einem anderen Beitrag aus dem gleichen Jahr erwähnte sie, im Englischen gäbe es nur das Wort „scientist“, und jeder wisse, dass damit sowohl ein Mann und eine Frau gemeint sein könnte. Für viel wichtiger hielt sie es, junge Frauen für die MINT-Fächer zu begeistern. 2019 schrieb sie in der „Zeit“, es wäre schön, wenn sie sich zukünftig „auf Inhalte konzentrieren“ könne. „Wissenschaft“, so ihr Fazit, „ist meine Stärke, nicht mein Geschlecht.“

Eine Paradoxie

Der Journalist und Linguist Wolfgang Krischke meinte dazu in einer Rezension des Buchs von Fabian Payr in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im Juni 2021, „der Geschlechterunterschied, dessen gesellschaftspolitische Bedeutung doch gerade nivelliert werden“ sollte, würde „durch die explizite Nennung der Geschlechter stärker ins Bewusstsein gehoben als zuvor und dadurch zementiert.“ Diese „Paradoxie“ nähmen „die Sprachaktivisten und ihre behördlichen Richtlinienverfasser in Kauf.“ Die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich, nach eigenem Bekunden eine Verfechterin der „totalen Gleichberechtigung“ und nicht in die rechte Ecke gehörend, hat sich in einem Interview mit der „Welt“ Ende Oktober 2021 ähnlich geäußert. Das „Gendern“ reduziere nach ihrer Ansicht „das Denken auf männlich und weiblich.“ Das sei „nicht fortschrittlich, sondern reaktionär.“ Frage ist, ob eine solche Äußerung noch etwas ausrichtet oder nur zu einer Verhärtung der Fronten führt.        

Man kann sich außerdem nur wünschen, dass viele die Abhandlung über das generische Maskulinum lesen, die der Schriftsteller, habilitierter Orientalist und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels Navid Kermani in der Neujahrsnummer der „Zeit“ 2022 vorgetragen hat. Er stellt heraus, wieviel sprachliche Differenzierung damit möglich wird und bemerkt unmissverständlich, dass „seine Abschaffung die Gleichberechtigung keinen Schritt voranbringen“ wird. Er fürchtet, es sei schon zu spät, um sich der Geschlechtsneutralität des generischen Maskulinums wieder stärker bewusst zu werden.         

Der Zug zu den Doppelnennungen im politischen Gebrauch scheint in der Tat wohl längst abgefahren. Kaum ein Politiker, der nicht fast parteiübergreifend von Bürgerinnen und Bürgern spricht.

Der Bundeskanzler Olaf Scholz hatte seine Neujahrsansprache voll mit Doppelnennungen bestückt. Ein weiteres, über den Gebrauch der Doppelnennungen hinausgehende Beobachtung sollte am Ende nicht verschwiegen werden: Durch die moralische Aufladung des „Genderns“ besteht „die Gefahr“, dass „sich neue gesellschaftliche Gräben auftun, etwa dann, wenn sich beispielweise an Universitäten und in der Politik verstärkt

Formulierungen etablieren, die von einem Großteil der Bevölkerung nicht mitgetragen werden.“ Darauf machte Dana Kim Hansen-Strosche in der November-Ausgabe 2021 der „Herder-Korrespondenz“ aufmerksam. Auch Navid Kermani weist daraufhin, dass sich unter Umständen „das Sternchen im Verwaltungsdeutsch und der Glottisschlag als Distinktionsmerkmal der höher gebildeten, sozial besser-gestellten Schichten behaupten“ wird.

Ist ein solches elitäres Verhalten erstrebenswert? 

Dr. phil. Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, E d Un, E d Gro-Lu, E d Car, Urb)

Gründe für das Gendern

Sprachwandel, unbekannte Wörter, strengen das Gehirn an – zunächst. Je öfter wir unbekannte Wörter verwenden, desto mehr neuronale Verknüpfungen bilden sich und umso leichter fallen uns die Wörter.

Sprache lenkt Wahrnehmung. Grammatisch gilt generisches Maskulinum für alle. Doch Studien zufolge stellen sich dabei die meisten Menschen Männer vor. Somit stellt es die Welt nicht so divers dar, wie sie heute ist.

Neutralere Sprachen könnten dafür sorgen, dass Menschen offener über Geschlechterrollen denken.

Sprache prägt kindliche Wahrnehmung. Werden Berufe in männlicher und weiblicher Form genannt, trauen sich Mädchen typisch männliche Berufe eher zu.

Sprache schafft Wirklichkeit. Wer sprachlich unterrepräsentiert ist, verliert an Bedeutung. Zudem wissen viele nicht, dass es neben Mann und Frau intersexuelle Menschen gibt.

Viele Gendertechniken erlauben, geschlechtersensibel zu schreiben und zu sprechen, ohne das dies als bewusstes Gendern erkannt wird.

Sprache ändert sich. Im aktuellen Duden sind 3000 neue Wörter, darunter „gendergerecht“ und „transgender“. Wir passen die Sprache an die Welt an, in der wir leben.

Genderzeichen zu verwenden, bedeutet Solidarität mit jenen, die eine emanzipative Geschlechterordnung leben.

Gründe gegen das Gendern

Das generische Maskulinum ist eine grammatisch männliche Bezeichnung, hat mit dem biologischen Geschlecht aber nichts zu tun. „Die Erzieher“ bezieht sich auf  Menschen, die diesen Beruf ausüben – über das Geschlecht sagt der Begriff nichts aus.

Gendern führt nicht zu besserer Bezahlung von Frauen: Gerechtere Sprache schafft noch keine gerechtere Welt.

Bei manchen Menschen erweckt Gendern den Eindruck, ein Sprachkorsett auferlegt zu bekommen. Gendern könnte Reaktanz, eine Rückkehr zu konservativen Wertvorstellungen in Bezug auf Geschlechtergleichheit bewirken.

Es ist nicht nachzuweisen, ob ein Mädchen beispielsweise Mechatronikerin werden will, weil der Begriff gegendert wird, oder der Einfluss von Bezugspersonen stärker ist, wenn etwa Mutter oder Tante Mechatronikerin sind.

Gendern bläht Sätze und Sprache auf. Genderzeichen irritieren, die Sprachästhetik leidet, die gesprochene Pause klingt unnatürlich.

Ob und wie Gendern in Leichter Sprache funktioniert, ist umstritten. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband rät von Sonderzeichen beim Gendern ab. Die meisten Screenreader (Bildschirmleseprogramme) erkennen diese nicht.

Gendern lädt Sprache politisch auf und polarisiert.    

Quelle: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Dr. phil. Wolfgang Löhr

Jahrgang 1938, studierte in Bonn und Fribourg Geschichte, Romanistik und Philosophie. 34 Jahre leitete er das Stadtarchiv in Mönchengladbach. Im KV ist er seit vierzig Jahren aktiv, u.a. als Vorsitzender des KV-Rats und Chefredakteur dieser Zeitschrift. Heute leitet er die Historische Kommission des KV.