Hölderlin und Leonardo
Konsonanz von Text und Bild
Es gehört zu den kaum erklärbaren Ungereimtheiten der Literaturwissenschaft und namentlich der Hölderlin-Forschung, dass ein so groß angelegtes Gedichtvorhaben, wie dessen Hymnen an die Madonna, so gut wie unbeachtet geblieben ist. Dabei fehlt dem Text nichts, was seinen Rang einschränken könnte. Denn nach Struktur, Gedankenfülle und Bedeutung kommt kaum eines der späteren Langgedichte diesem Projekt gleich. Nur hier zeigt sich die Ausgesetztheit des Dichters und seine unumstößliche Berufung zum Sänger. Gleichwohl ist dem Text eine Fremdheit und Erratik eigen, die nicht nur von der Wahl des für einen protestantischen Dichter wie Hölderlin eher abgelegenen Madonnenstoffs herreicht, sondern die darin begründet ist, dass in dem bisher so vernachlässigten Text eine Bildhaftigkeit zum Vorschein kommt, die eigens untersucht sein will.
Literatur- und Bildforschung kommen bei näherer Untersuchung darin überein, das Hölderlin das im Louvre befindliche Bild der Felsgrottenmadonna von Leonardo - oder doch wenigstens einen ausdrucksstarken Kupferstich davon - gesehen haben muss; und dass das Bild mithin Hölderlins Hymnenentwurf dem Sinn und der Form nach ausgelöst hat.
In dieser werkgeschichtlichen Konzeption aber herrscht keineswegs der Zufall. Sondern die Konsonanz zwischen Bild und Text lässt einen Zusammenhang zwischen Hölderlins und Leonardos Weltansicht erkennen, der über den Einzelbefund, der in Hölderlins Kenntnis von der Felsgrottenmadonna greifbar ist, hinausgeht. Denn das Hymnenfragment zeigt in allen Teilen jenen Existenzaufschluss an, der bei näherer Betrachtung in vielen Gemälden Leonardos abzulesen ist.
Auf jeden Fall aber verweisen Bild und Text auf den Abgrund, der sich vor der Madonna und den weisenden Engeln auftut, aber auch auf den Gleichmut, der die Gruppe - seien sie gestrandet oder einer Rettung gewiss - in fast hybrider Schwebe zusammenhält. Von daher ist es dann auch ein zu kühner Sprung, wenn angesichts dieser Konvergenzen zwischen Bild und Gedicht nicht nur literaturwissenschaftliche Erkenntnisse eintreten, sondern deutlich wird, dass Hölderlin und Leonardo unter Visionen und Einsichten gestellt sind, die über den rein wissenschaftlichen Erkenntniswert hinausgehen.
Der Tübinger Theologe und Historiker Josef Nolte hat in der Zeit von 1983 bis 2005 den Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte und Kunstwissenschaft an der Universität Hildesheim aufgebaut. Seit seiner Emeritierung lebt und arbeitet er wieder in Tübingen. Sein besonderes Interesse gilt der Kultur der Renaissance in Italien und deren Nachwirkung um 1800. Auch forscht er zur Theologie Friedrich Hölderlins und zu dessen Bild- und Kunstkenntnissen.
Josef Nolte (Al, Stfg)
