Der ukrainische Holodomor

Geplante Katastrophe

Bei Kiew, auf den Höhenzügen über dem Dnjepr, erhebt sich die Bronzestatue eines kleinen Mädchens, das ernst und traurig in die Ferne blickt. Das Mädchen ist abgemagert, tief liegen die Augen in den Höhlen. Ängstlich hält es in seinem dünnen Kleidchen ein Bündel Weizenähren an die Brust. Das ausgemergelte Mädchen erinnert an eines der dunkelsten Kapitel der ukrainischen Geschichte Anfang der 1930er Jahre: die Hungerkatastrophe des Holodomor - zu deutsch Tötung durch Hunger. Und die Ähren stehen symbolisch für ein damals gültiges Gesetz, wonach jede Person, die fünf Ähren von einem Feld pflückte, zu über zehn Jahren Haft oder zum Tode verurteilt werden konnte. Kinder waren davon nicht ausgenommen.

Es war eine von Menschen gemachte Hungersnot, um ein ganzes Volk zu brechen. Zwischen 1932 und 33, also vor neunzig Jahren, verhungerten nach neuesten Schätzungen vier Millionen Ukrainer, vor allem Bauern. Sie starben, weil die Sowjetmacht unter dem Diktator Stalin sie zur Aufgabe ihrer Höfe zwang und ihnen die Lebensmittel wegnahm. Tief hat sich diese Katastrophe ins Bewusstsein der Ukrainer eingebrannt - während der Kreml und seine Apologeten bis zum Ende der Sowjetunion 1991 leugneten, dass es damals überhaupt eine Hungersnot gegeben habe und wenn, dass dahinter eine politische Absicht stand: Um das Verbrechen zu vertuschen, wurden Dokumente gefälscht, Todesursachen geändert und Archivmaterial zerstört.

Als die Archive in den 1990er Jahren zugänglich wurden, begannen ukrainische Historiker zu forschen und trugen eine verblüffende Anzahl Dokumente zusammen. Dazu gehören auch Tagebücher, lokale Aufzeichnungen, Briefe, die die Menschen an Stalin schrieben und in denen sie die Hungersnot schilderten.

Die amerikanische Historikerin und Journalistin Anne Applebaum ist eine ausgewiesene Kennerin der sowjetischen Geschichte. Ihr 2017 unter dem Titel „Red Famine. Stalin’s War on Ukraine“, das 2019 in deutscher Übersetzung unter dem Titel, „Roter Hunger“ erschien, nimmt die ukrainische Revolution 1917, die frühen Jahre der Sowjetukraine, die massenhafte Unterdrückung der ukrainischen Elite und die traumatische Erinnerung an die Hungersnot der Jahre 1932/33 mit ihren Millionen Toten in den Blick. All dies bildet nach Applebaums Urteil die Vorgeschichte für den Lauf der Ereignisse in der heutigen Ukraine. Als ihr Buch herauskam, hatte Russland die Krim annektiert und den Donbas besetzt, der russische Überfall auf die ganze Ukraine, erst kürzlich erfolgt, stand damals noch aus. Aber die Angst, dass Putin Stalin folgen und die Ukraine zur Kolonie Moskaus machen wolle, war sehr präsent.

Nachdem in Teilen der heutigen Ukraine für kurze Zeit infolge der Oktoberrevolution 1917 eine eigene Ukrainische Volksrepublik errichtet worden war, wurde diese 1920 als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik in das von den Bolschewiken regierte Sowjetrussland eingegliedert.

Dabei kam es auch in den 1920ern zu Hungerkrisen, aber diese konnten mit internationaler Hilfe gelöst werden. In den folgenden Jahren erholte sich die Ukraine, denn die Sowjetregierung unter Wladimir Iljitsch Lenin hatte mit der sogenannten Neuen Ökonomischen Politik ab 1921 neben sozialistischen Wirtschaftsformen auch privatwirtschaftliches Engagement erlaubt. Die Bereitschaft zur Kollektivierung der Landwirtschaft war infolgedessen gering.  

Als sich nach Lenins Tod Stalin als sein Nachfolger durchsetzte, verschlechterte sich die Lage. Denn der Diktator setzte auf Kontrolle, Druck und Gewalt. Im Herbst 1928 trat der erste Fünfjahresplan in Kraft, der die Industrialisierung der Sowjetunion vorantreiben und die Privatwirtschaft zurückdrängen sollte. Der Landwirtschaft kam dabei eine entscheidende Rolle zu: Mit dem Export von Getreide, gerade aus der „Kornkammer Ukraine”, sollten die notwendigen Devisen beschafft werden, um im Westen Industrieausrüstungen zu kaufen. In diesem Kontext sah Stalin zu geringe Getreideablieferungen als Sabotage an.

Stalin ging davon aus, dass die reicheren ukrainischen Bauern, die sogenannten Kulaken, das Getreide ganz bewusst zurückhielten als Form eines politischen Kampfes gegen die Sowjetmacht. Doch die Situation war komplexer: 1927 hatte die Ukraine, wie andere Gebiete in der Sowjetunion auch, mit Dürre zu kämpfen. Die Getreide-Ernte fiel schlechter aus als erwartet. Staatliche Planungsstellen hatten aber mit höheren Erträgen gerechnet und die staatlichen Aufkaufpreise zu niedrig angesetzt. Die Bauern verkauften ihr knappes Getreide privat, um genug Geld für eine Weiterführung ihrer Höfe zu erwirtschaften. Der staatliche Getreideaufkauf geriet ins Stocken. Die Versorgung der Städte und die geplanten Exporte für die Devisenbeschaffung konnten nicht mehr gewährleistet werden.

In dieser Situation setzte Stalin die Zwangskollektivierung der ukrainischenLandwirtschaft durch: Bauern wurden zur Aufgabe ihres Landes und zur Arbeit auf Kolchosen gezwungen, wohlhabendere Bauern, die sogenannten Kulaken, aus ihren Häusern vertrieben, die Abgabe der Erträge gewaltsam durchgesetzt - mit der Folge, dass die Erträge noch weiter zurückgingen und die Hungersnot noch mehr grassierte:

Moskau hätte um internationale Hilfe bitten können wie bei der Hungersnot 1921, es hätte die Getreideexporte oder die zu hohen Getreideabgaben stoppen können. Nichts davon geschah - im Gegenteil: Mit Hilfe von Propaganda und Schuldzuweisungen schürte das Sowjetregime den Hass auf die ukrainische Landbevölkerung: „Dir geht es nicht gut, Deine Familie leidet, weil diese ungebildeten Bauern Dein Korn nehmen”, wurde da etwa argumentiert. „Dein sozialistisches Paradies, das Dir versprochen ist, ist nicht möglich, weil diese ukrainischen Nationalisten es unterminieren. Sie sind Saboteure, sie zerstören Deinen Staat.”

Zudem boten die Sowjets Leuten persönliche Vorteile, wenn sie einwilligten, den Bauern die Nahrung zu nehmen. Die Mittäter waren aber auch von Furcht getrieben: Dass sie oder ihre Kinder sterben würden, wenn sie nicht mitmachten. Denn hinter der von Stalin forcierten Hungersnot stand eine größere Kampagne. Stalin hatte Angst vor dem revolutionären Potenzial der ukrainischen Bevölkerung, er fürchtete, die Ukraine werde die Sowjetunion stabilisieren. Während auf dem Land die Bauern starben, attackierte die Geheimpolizei die geistigen und politischen Eliten der Ukraine. Jeder, der mit der Ukrainischen Volksrepublik verbunden gewesen war, die vom Juni 1917 an einige Monate lang existiert hatte, jeder, der für ukrainische Sprache, Geschichte, Kunst, kurz für eine ukrainische Identität eingetreten war, stand in Gefahr, diffamiert, verhaftet, ins Arbeitslager geschickt oder hingerichtet zu werden. Das Ergebnis war die Sowjetisierung der Ukraine, die Zerstörung des ukrainischen Nationalbewusstseins, die Zerschlagung jeder ukrainischen Infragestellung der sowjetischen Einheit – und damit die Vorgeschichte der Geschichte des heutigen Kampfes um die Ukraine.

Natürlich ist das heutige Russland mit der damaligen Sowjetunion nicht mehr zu vergleichen. Die Parallelen aber sind evident: Auch die heutige russische Führung behauptet, die Ukraine habe keine eigene Identität, sei Teil Russlands und ukrainische Politiker seien allesamt Faschisten. Denn der Mann der heute Russland regiert, ist ein ehemaliger KGB-Offizier, der im alten Sowjetsystem ausgebildet wurde. Da ist es nicht ganz unnatürlich, wenn er in ähnlichen Kategorien denkt. Wladimir Putin spricht der Ukraine die Eigenständigkeit ab. Er hält sie für einen Teil Russlands. Wohl, weil er sich vor einer demokratischen, pro-europäischen Ukraine fürchtet, die die Menschen in Russland inspirieren könnte. Denn wenn die Ukraine eine europäische Demokratie sein kann, warum nicht auch Russland? Stalin hatte ebenso Angst davor, dass antisowjetische Gefühle in der Ukraine Menschen in anderen Teilen der Sowjetunion inspirieren könnten. Für beide war und ist die Ukraine eine Quelle der Instabilität für Russland und eine Bedrohung ihrer Macht. Und deshalb fühlen sie diese Notwendigkeit, die Ukraine zu kontrollieren.

Reinhard Nixdorf

Zur Person

Anne Applebaum: 1964 geboren, Journalistin und Pulitzer-Preisträgerin, wurde als Expertin der Sowjetgeschichte bekannt