Wie der russische Angriff auf die Ukraine gerechtfertigt wird
Wir leben in einer dramatischen Zeit, die sich rasch verändert. Niemand weiß, welche Wellen der russisch-ukrainische Krieg schlagen wird. Sicher ist aber: Religion spielt eine wichtige Rolle in diesem Krieg und seiner Vorgeschichte.
„Wir wissen, dass dieser Frühling von schwerwiegenden Ereignissen überschattet wird, die mit der Verschlechterung der politischen Lage im Donbas zusammenhängen. Seit acht Jahren wird versucht, das zu zerstören, was im Donbas existiert. Im Donbas gibt es eine Ablehnung, eine grundsätzliche Ablehnung der so genannten Werte, die heute von denen angeboten werden, die die Weltmacht beanspruchen. Heute gibt es einen Test der Loyalität gegenüber dieser Macht, eine Art Passierschein für diese „glückliche” Welt, eine Welt des übermäßigen Konsums, eine Welt der scheinbaren „Freiheit”. Wissen Sie, was das für ein Test ist? Der Test ist sehr einfach und gleichzeitig erschreckend - es handelt sich um eine Gay Pride Parade. …
Alles, was ich sage, hat mehr als nur eine theoretische Bedeutung und mehr als nur eine spirituelle Bedeutung. Um dieses Thema wird heute ein regelrechter Krieg geführt. Wer greift heute die Ukraine an, wo acht Jahre Unterdrückung und Vernichtung von Menschen im Donbas, acht Jahre des Leidens herrschten, und die ganze Welt schweigt - was soll das bedeuten? „Aber wir wissen, dass unsere Brüder und Schwestern wirklich leiden; mehr noch, sie leiden vielleicht wegen ihrer Treue zur Kirche.”
Das sagte Patriarch Kirill von Moskau, Oberhaupt der Russisch Orthodoxen Kirche, am 6. März in seiner Predigt zum Sonntag der Vergebung in der Orthodoxen Kirche der Vergebung, dem Beginn der vorösterlichen Fastenzeit im julianischen Kalender. Meines Erachtens ist dies ein verstörendes Zeugnis der ideologischen Verstrickung einer Kirche mit dem Krieg führenden Staat und, aufgrund des Zeitpunkts, der sprachlichen Aggression und der unverhüllten Lüge, ein Tiefpunkt christlicher Kriegsrechtfertigung.
Gemeinsame Sache mit den Mächtigen
Wie konnte es soweit kommen? Was sind Linien ideologischer Verstrickung von Kirche und Staat im Kontext Russlands und der Ukraine?
Die enge Verbindung von Russischer Orthodoxer Kirche und russischem Staat lässt sich bis zur Christianisierung der Rus zurückverfolgen. Zwei Paradigmen haben sich historisch verfestigt:
1. Gegenüber Eingriffen des Staats in kirchliche Strukturen, etwa nach den Reformen Peters des Großen oder später, im Kalten Krieg, fand die Kirchenleitung stets Wege, herrschende Verhältnisse theologisch einzuholen, um Konflikte zu vermeiden. Dass sie damit prophetisch-kritische Distanz verlor, sorgte innen und außen für Kritik. Freilich gab es daneben stets kirchliche, theologisch kreative Stimmen, die Alternativen eines Verhältnisses der Kirche zum Staat erarbeiteten.
2. Die Formierung einer Identität beruht immer auf der Wahrnehmung von Differenz, von anderem und eigenem. Die Besonderheit der gemeinsamen Identitätskonstruktion von russischem Staat und russischer Kirche ist jedoch, dass dieses andere auch immer als Gefahr, als Infragestellung des Eigenen angesehen wird. Diese Wahrnehmung wurde in der Geschichte der russischen Orthodoxie auch durch Brüche und Spaltungen geprägt: Veränderungen brachten etwa die Abspaltung der Altgläubigen oder die destruktive Erneuerer-Bewegung unter den Bolschewisten. Trotz ständiger Vernetzung mit Anderem – anderen Konfessionen und Religionen, anderen politischen und gesellschaftlichen Ideen – entwickelte sich dieses Andere zum Angstgegner - und die Kirche glaubte, dem nur durch Stärkung ihrer Beziehungen zum Staat widerstehen zu können.
In vieler Hinsicht ersetzte die enge Bindung der Russisch Orthodoxen Kirche an den Staat eine eigenständige theologische Auseinandersetzung mit der sich verändernden Welt. Der Russisch Orthodoxen Kirche mangelt es an einer Sozialethik, die sie befähigt, strukturelle Ungerechtigkeiten, Gewalt und Verantwortungen zu sehen. Es lässt ihr als einzige Antwort darauf nur sünden-theologische Konzepte oder eine politische Theologie im Sinne von Carl Schmitt.
Das Ende der Sowjetunion war für die Kirchen so befreiend wie herausfordernd. Konfessionen kehrten aus dem Untergrund zurück, in der Ukraine etwa die mit Rom unierten orthodoxen Christen: die Ukrainische griechisch-katholische Kirche. Demgegenüber hatte die Leitung der Russisch Orthodoxen Kirche im Kalten Krieg mit der politischen Führung kooperiert und dadurch Freiräume erhalten, während Gläubige bis in die letzten Jahre der Sowjetunion staatlicher Repression ausgesetzt waren.
Staatsideologie mit orthodoxem Kern
Die Religionsfreiheit der 1990er Jahre erlaubte allen Religionsgemeinschaften, in die Öffentlichkeit zurückzukehren, pastoral und missionarisch zu arbeiten.
Doch diese Freiheit verunsicherte auch und bewirkte Konkurrenz. Wenn die Russisch Orthodoxe Kirche sich als Erbin und Hüterin der geistlichen Tradition im russischen Imperium verstand, wurde dieser Anspruch 1992 durch den Wunsch nach einer unabhängigen, autokephalen Orthodoxen Kirche der Ukraine in Frage gestellt. Das Patriarchat von Moskau kam dieser Bitte nicht nach, die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats spaltete sich ab. Weitere Anfechtungen des Anspruchs Moskaus waren die Unabhängigkeit einer Orthodoxen Kirche in Estland und der Ausbau der Strukturen der römisch-katholischen Kirche in Russland.
In Russland wurde 1997 ein Religionsgesetz erlassen: Es privilegierte traditionelle Religionen, in erster Linie die Russisch Orthodoxe Kirche. Dieses Gesetz erleichterte den bereits zuvor begonnenen Prozess von Kooperationen der Kirche mit staatlichen Einrichtungen. 1993 wurde das Allrussische Volkskonzil gegründet, das seitdem eine Ideologie orthodoxer russischer Identität verbreitet. 1993 hieß es in einer Resolution:
„Die Außenpolitik der Russischen Föderation muss von den historisch aufeinander folgenden Interessen des russischen Volkes ausgehen und darauf ausgerichtet sein, die Bedingungen für seine volle Entwicklung und Einheit zu gewährleisten. Die Grundlage dieser Einheit ist das Bekenntnis zum Fundament unserer Zivilisation und Staatsidee - der Orthodoxie, die es ermöglicht hat, viele Völker in konstruktiver Interaktion zu vereinen.“
Kampf gegen „Kräfte des Bösen”
Über ihren territorialen Anspruch hinaus erhebt die Russische Orthodoxe Kirche einen normativen Anspruch: ein Konzept der „traditionellen Werte“, wonach liberale Werte – individuelle Menschenrechte, Säkularität, Fragen von sexueller Selbst-bestimmung und Gender-Gerechtigkeit – eine physische und metaphysische Gefahr darstellen, die die eschatologische Rettung der Menschen gefährden.
Die Russisch Orthodoxe Kirche versteht sich als wichtigste Kämpferin in diesem apokalyptischen Kampf gegen das Böse. Sie trifft damit die Interessen des autoritären Staates unter Wladimir Putin sowohl in seinem Bestreben, gesellschaftliche Vielfalt einzuschränken, als auch mit militärischer Kraft, unter anderen mit nuklearen Waffen, das vermeintlich Böse von den eigenen Grenzen fernzuhalten.
Die Ukraine hat nach dem Ende der Sowjetunion einen anderen Weg eingeschlagen - auch religiös. Historisch ist die Ukraine durch große religiöse Vielfalt geprägt. Als nach dem Ende der Sowjetunion in der Ukraine die nationale Identität - wohlgemerkt kein Nationalismus - erwachte, spielten die Kirchen darin eine wichtige, doch nie die einzige Rolle. Dies wurde auch durch die zentrale Bedeutung der größten Religionsgemeinschaft, der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, und ihrer Bindung an das Patriarchat von Moskau beeinflusst.
Die religiöse Landschaft der Ukraine wird durch den Allukrainischen Rat der Kirchen und religiösen Organisationen illustriert. In diesem Gremium kommt die Mehrzahl religiöser Gemeinschaften der Ukraine regelmäßig zusammen, um gemeinsame Anliegen gegenüber dem Staat zu vermitteln. Der Vorsitz dieses Rates rotiert, seine Themen orientieren sich an den sozialpolitischen Ereignissen im Land.
Kirchlicher Kampf um die Ukraine
Gesellschaftspolitisch bewegte sich die Ukraine seit den 1990er Jahren hin zu einer vielfältigen und europäischen Gesellschaft. Diese Bewegung konnte in dem Selbstbild Russlands und der Russisch Orthodoxen Kirche nur zu Verstimmungen führen. Während die erste, die „Orangene”, Revolution 2004 durch eine relativ konservative Werte-Agenda des damaligen Präsidenten Yuschschenko nicht zu größeren Verwerfungen führte, löste die zweite Revolution 2014, die „Revolution der Würde“ eine Welle der Aggression von russischer Seite aus. Die Annexion der Krim und die gezielte Destabilisierung im Osten der Ukraine übernahmen dabei eine ähnliche Funktion wie die Einsetzung des unpolitischen, Russlandfreundlichen und konservativen Metropoliten Onufryi als Oberhaupt der größten Religionsgemeinschaft des Landes und die wiederholte Verweigerung der Russisch Orthodoxen Kirche, die ukrainische orthodoxe Kirche in die Unabhängigkeit zu entlassen.
Der kirchliche Kampf um die Ukraine eskalierte 2018, als der damalige ukrainische Präsident Poroschenko Religion als Instrument seines Kampfes gegen Russland einsetzte. Hinzu kam, dass Bartholomäus, Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel und Oberhaupt der Orthodoxie, die Unabhängigkeit der ukrainischen Orthodoxie anerkannte. Damit steht neben der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht und von Patriarch Onufry geleitet wird, als zweite große orthodoxe Kirche die Orthodoxe Kirche der Ukraine.
Dass diese Anerkennung nicht nur kanonische Relevanz hatte, zeigte sich am 2020 veröffentlichten Dokument zum Sozialethos der Orthodoxen Kirche durch das Ökumenische Patriarchat - ein Dokument, das in offensichtlicher Spannung zu russischen sozialethischen Dokumenten steht. Das Kiewer Patriarchat hatte eine sehr ähnliche konservative Werteagenda vertreten, wie Moskau und auch die römischen Kirchen in der Ukraine teilen eigentlich die moralischen Prinzipien Moskaus. Das neue Dokument und die Begeisterung dafür signalisierten darum auch den Abschied großer Teile der Ukraine aus dem von Moskau beanspruchten zivilisatorischen Raum.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie seit 2018 das vormals starke Argument der Russischen Welt durch den notwendigen Schutz verfolgter Christen ersetzt wurde. Das Moskauer Patriarchat und die ihm unterstehende Ukrainische Orthodoxe Kirche startete auch international eine wahre Kampagne, um die aus ihrer Sicht massiven Einschränkungen der Religionsfreiheit ukrainischer Orthodoxer zu dokumentieren. Dieses Engagement für verfolgte Christen appelliert einerseits an das moralische Kapital, das die Kirche aus ihrer Verfolgungssituation im Sozialismus ziehen kann. Zum anderen legitimiert dieses Argument Aktivitäten der Kirche und des russischen Staates auch in Regionen der Welt, wo die Russische Welt kaum glaubhaft gemacht werden kann, etwa in Syrien oder in Afrika.
Wo stehen die Kirchen im aktuellen Krieg?
Am 21. Februar hielt Wladimir Putin seine Brandrede, die den offenen Krieg in der Ukraine eröffnete. Darin hieß es:
„Auch die Abrechnung mit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats geht weiter. Das ist keine emotionale Bewertung, davon zeugen konkrete Beschlüsse und Dokumente. Die ukrainischen Machthaber haben die Tragödie der Kirchenspaltung in zynischer Weise zu einem Instrument staatlicher Politik gemacht. Die Bitten von Bürgern der Ukraine, die Gesetze zurückzunehmen, welche die Rechte der Gläubigen verletzen, werden von der Führung des Landes ignoriert. Mehr noch, in der Verchovna Rada liegen bereits neue Gesetzesvorhaben, die sich gegen den Klerus und die Millionen von Gläubigen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats richten.”
Diese Aussagen illustrieren Putins Strategie zur Rechtfertigung seines Angriffskriegs. Zum einen gebraucht er Argumente aus dem religiösen Diskurs, um sein Handeln zu legitimieren. Diese Strategie ist nicht neu, bereits 2019 drohten Regierungssprecher, im Fall der Fälle orthodoxe Gläubige in der Ukraine beschützen zu wollen, wenn dies nötig wird. Zum anderen verschiebt Putin – gemeinsam mit der Kirche – den Menschenrechtsdiskurs, um das Eingreifen international zu rechtfertigen.
Schließlich baut Putin sein Argument auf einer Informationsstrategie auf, die Halbwahrheiten und Einzelfälle zu einer systematischen staatlichen Verfolgung formieren. Tatsächlich hatte es gewaltsame Übergriffe und fragwürdige Gesetzesinitiativen gegeben, die die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats massiv unter Druck gesetzt hatten. Dieser Druck entstand aber vor allem aufgrund der Tatsache, dass die Kirchenleitung in Moskau keine eindeutig verurteilende Position zur Annexion der Krim fand und dadurch ihre eigene Kirche in der Ukraine als nicht loyal und als Agentur russischer Interessen erscheinen ließ.
Putins „Gotteskrieger”
Doch der am 24. Februar begonnene Krieg zeigte bereits in den ersten Stunden, dass Putins Worte, die ukrainische Bevölkerung schützen zu wollen, Augenwischerei war: Das Vorgehen der Armee war und ist blind gegenüber konfessionellen oder sonstigen Besonderheiten, sie zerstört blind Kirchen, Wohnhäuser und Infrastruktur, sie tötet Menschen unabhängig von ihrer konfessionellen Zugehörigkeit.
Wie reagieren die verschiedenen und so unterschiedlichen Kirchen auf den Krieg? Alle Religionsgemeinschaften stehen in bemerkenswertem humanitären Engagement zusammen. Kirchen sind offen als Zuflucht bei Luftangriffen und für Flüchtende, Glocken läuten als Alarmsignal, Priester begleiten Menschen in den Luftschutzbunkern, sorgen für Zurückgebliebene und Menschen, die in den Kampfgebieten eingeschlossen sind. In diesem Engagement gibt es keine konfessionellen oder religiösen Unterschiede.
Für die Ukrainische Orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht, ist dieser Krieg eine Tragödie, denn neben der humanitären Katastrophe, die ihre Gläubigen und Priester, Kirchen und So-zialstrukturen genauso trifft wie alle anderen, wurde sie von ihrer eigenen Mutterkirche im Stich gelassen. Metropolit Onufryi appellierte bereits am ersten Tag an Wladimir Putin, den Krieg sofort zu beenden. Der Bischofssynod der Ukrainischen orthodoxen Kirche wandte sich an den Moskauer Patriarchen Kirill um Hilfe:
„Eure Heiligkeit! Wir bitten Sie, Ihre Gebete für das leidgeprüfte ukrainische Volk zu verstärken, Ihr hochpriesterliches Wort zu sprechen, damit das brudermörderische Blutvergießen auf ukrainischem Boden aufhört.Wir bitten Sie, die Führung der Russländischen Föderation aufzufordern, die Feindseligkeiten, die sich bereits zu einem Weltkrieg auszuweiten drohen, unverzüglich einzustellen.”
Kain und Abel
Metropolit Onufry warf am 27. Februar Russland Brudermord vor:
„Wir verteidigen die Souveränität und Integrität der Ukraine und appellieren an den Präsidenten Russlands, den Bruderkrieg sofort zu beenden.
Das ukrainische und das russische Volk sind aus dem Taufbecken des Dnjepr hervorgegangen, und der Krieg zwischen diesen Völkern ist eine Wiederholung der Sünde Kains, der seinen eigenen Bruder aus Neid erschlug. Ein solcher Krieg hat weder vor Gott noch vor den Menschen eine Rechtfertigung.“
Mittlerweile gibt es eine Bewegung, dass Priester, aber auch Bistümer in ihrer Liturgie den Patriarchen Kirill nicht mehr kommemorieren - eine bemerkenswerte Form kirchlichen Widerstands, die keinen Bruch mit der gesamten Kirche konstitutiert, sondern sehr symbolisch die Verlassenheit durch den Hirten ausdrückt.
Zugleich sieht sich die Ukrainische Orthodoxe Kirche mit einem massiven Misstrauen unter der Bevölkerung konfrontiert. Nicht zuletzt die durch die ukrainische Kirche des Moskauer Patriarchats unterstützte Kampagne der „verfolgten Kirche“ gilt als Brandbeschleuniger des Krieges. Dieses verlorene Vertrauen ist schwer mitten in dramatischen Kampfangriffen zurück zu gewinnen. Grundsätzlich lässt sich jedoch sagen, dass sich die orthodoxen Gläubigen der Ukraine in den vergangenen dreißig Jahren nie so nah waren wie aktuell.
Die Leitung der Russisch Orthodoxen Kirche fiel bereits in den Wochen vor Kriegsbeginn dadurch auf, dass sie die anwachsenden Kriegsrhetorik ignorierte. Am 29. Januar wurde Metropolit Hilarion, der Leiter des kirchlichen Außenamtes, in seiner wöchentlichen Interviewserie auf die aktuelle Lage angesprochen und erklärte:
„Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass ein Krieg keine Methode ist, um die angestauten politischen Probleme zu lösen. Deshalb müssen die Politiker und wir alle alles in unserer Macht Stehende tun, um die Eskalation des Konflikts und die Entwicklung der Ereignisse, von denen die Amerikaner heute sprechen, zu verhindern.“
Dem Westen wird die Schuld am Krieg untergeschoben
Diese Aussage ging in einigen Darstellungen als klare Positionierung der Russisch Orthodoxen Kirche gegen den Krieg ein. Dem ist insofern zu widersprechen, dass Hilarion seine Erklärung ganz offensichtlich im Kontext einer Beschuldigung des Westens für die „angestauten politischen Probleme“ formulierte. In einer Sendung am 19. Februar zeigt sich Hilarion erleichtert, dass der von Präsident Biden angekündigte Termin des 16. Februars als Kriegsbeginn nicht eingetroffen war, und betonte die Verantwortung der russischen Führung für die bedrängten sogenannten Volksrepubliken des Donbass.
Während die Welt auf ein Wort der so mächtigen Kirche in Russland in der Eskalation wartete, gratulierte Patriarch Kirill am 23. Februar der politischen Führung und den Soldaten des Landes zum Tag der Vaterlandsverteidiger, sprach von den friedlichen Zeiten, in denen Russland auch dank der russischen Armee lebe, und versicherte den Soldaten, auf der richtigen Seite der anstehenden Konflikte zu stehen. Das war ein Tag vor der Invasion der russischen Armee in die Ukraine.
Am 24.2. folgte eine äußerst vage Erklärung des Patriarchen.
„Mit tiefem Schmerz nehme ich das Leid der Menschen wahr, das durch die Ereignisse verursacht wurde. Als Patriarch von ganz Russland und Primas der Kirche, deren Herde sich in Russland, der Ukraine und anderen Ländern befindet, habe ich tiefes Mitgefühl mit allen, die von der Katastrophe betroffen sind.
Ich fordere alle Konfliktparteien auf, alles zu tun, um Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden.
Das russische und das ukrainische Volk verbindet eine jahrhundertealte Geschichte, die auf die Taufe Russlands durch den heiligen Fürsten Wladimir, der den Aposteln gleichgestellt ist, zurückgeht. Ich glaube, dass diese gottgegebene Gemeinsamkeit dazu beitragen wird, die Spaltungen und Widersprüche zu überwinden, die zu dem derzeitigen Konflikt geführt haben.“
Mehrere Tage Schweigen folgten. Die Ukraine verschwand aus Nachrichten und Homepages der Kirche, von Priestern und Gläubigen verfasste offene Briefe gegen den Krieg wurden von kirchlichen Medien ignoriert.
Zugleich verstärkten sich Meldungen über das Engagement der Kirche in Russland für Flüchtlinge aus dem Donbas. Gewiss, das Engagement war wichtig und nötig. Aber es wurde gezielt eingebunden in die staatliche Propaganda, dass die Militäroperation nur den Donbas im Osten der Ukraine betreffe und dort Menschen befreie, die von ukrainischem Nationalismus und gezieltem Genozid bedroht seien. Zudem gab es viele Meldungen über die Bedrohung oder Zerstörung von Kirchen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, allerdings ohne klare Darstellungen der Umstände dieser Zerstörung, und angebliche geplante Provokationen von ukrainischen Nationalisten gegen religiöse Gebäude und Personen.
Russland ist nicht Putin, die russische Orthodoxie nicht Kirill
Viele Beobachter neigten in der ersten Kriegswoche dazu, das Schweigen der Moskauer Kirchenführung zum Krieg in der Ukraine als Zeichen für die Zwickmühle der Kirche zwischen politischem Druck und ukrainischen Gläubigen zu deuten. Die Äußerungen von Patriarch Kirill ab dem 27. Februar machten aber klar, dass es sich um gezielte Unterstützung und Zustimmung zur politischen Agenda handelte.
Am 3. März verschickte das Patriarchat ein „Gebet über die Wiederherstellung des Friedens“, das Gott bittet, die „fremden Zungen, die nach Streit trachten und die Heilige Rus anzugreifen wünschen“ aufzuhalten. Den bis zum 4. März bereits dreizehn Bistümern der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die die Nennung des Patriarchen in der Liturgie ausgesetzt hatten, warf ein Sprecher des Patriarchats vor, „aus politischen Gründen“ die Einheit anzuzweifeln, was mit einem Schisma gleichbedeutend sei.
Am 3. März traf sich Kirill mit Kardinal Giovanni D’Angello, dem Nuntius der katholischen Kirche, in Moskau. In der Pressemeldung hieß es:
„Es ist sehr wichtig, dass die christlichen Kirchen, insbesondere unsere Kirchen, nicht willentlich oder unwillentlich, manchmal auch ohne jeden Willen, an den komplexen, widersprüchlichen und konkurrierenden Trends teilnehmen, die heute auf der Tagesordnung der Welt stehen. Wir bemühen uns, eine friedensstiftende Haltung einzunehmen, auch angesichts bestehender Konflikte. Denn die Kirche kann nicht Partei in einem Konflikt sein - sie kann nur eine friedensstiftende Kraft sein.“
Es bleibt unklar, ob der Nuntius mehr als eine Grußbotschaft des Vatikans ausrichtete.
Am 6. März folgte die oben erwähnte Predigt von Patriarch Kirill zum Sonntag der Vergebung. Ganz offensichtlich rechtfertigte die Kirchenleitung, Patriarch Kirill selbst, darin einen Angriffskrieg der russischen Armee mit den Argumenten des Kulturkriegs, ohne die Opfer, die Zerstörung dieses Krieges mit einer Silbe zu erwähnen, geschweige denn den Aggressor. Er ignorierte die Hilferufe seiner eigenen Gläubigen und Bischöfe in der Ukraine. Er machte sich zum Komplizen eines politischen Systems, das systematisch Menschenrechte im eigenen Land und im Ausland unterdrückt. Das ist zynisch, und es ist auch fraglos unchristlich.
Die Predigt lässt sich auch als Antwort auf Aufrufe westlicher Kirchenführer an Patriarch Kirill als dem Leiter einer der einflussreichsten russischen Institutionen lesen, sich klar zum Krieg zu verhalten. Jede Hoffnung auf eine friedensstiftende Rolle des Patriarchen, den westliche Akteure, auch in Deutschland, im Weltrat der Kirchen, unter den Vatikanischen Diplomaten, in der Bischofskonferenz und der EKD gehegt haben, dürfte mit dieser Brandpredigt erloschen sein.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Die Position der Kirchenleitung lässt sich wohl nur begrenzt auf die ganze Russisch Orthodoxe Kirche übertragen. Mehr als in anderen Fällen muss zwischen Kirchenleitung und Gläubigen unterschieden werden, besonders, wo die Propaganda auf eine Vereinheitlichung aller Kategorien abzielt.
Der Krieg in der Ukraine wird – egal wie und wann er endet – massive Folgen für die religiöse Landschaft der Region haben. Stimmen sagen ein Ende der Russischen Orthodoxie als Institution voraus und erwarten Massenaustritte. Zugleich gibt es Prozesse, wie sich die orthodoxen Gläubigen in der Ukraine annähern und eine neue Form ukrainischer Orthodoxie finden werden, die sich von vielen Prinzipien löst, für die die russische Orthodoxie steht – in erster Linie die Nähe zu einer starken Macht. Mir scheint, dass diesen theologischen und pastoralen Ansätzen in der Ukraine unsere Aufmerksamkeit gelten sollte, unabhängig von der institutionellen Zugehörigkeit dieser Gläubigen. Wir haben uns theologisch und ökumenisch vielleicht zu lange mit den Strukturen der institutionellen Kirche, der Hierarchie, auseinandergesetzt. In vielen Fällen und nun auch in der Ukraine ist es aber nicht die Kirchenleitung, die Leid und Unheil verhindern kann und wird.
In den vergangenen Jahrzehnten ließ sich beobachten, wie religiöse Argumente genutzt werden, um ein autoritäres, repressives politisches System zu stützen. Im Westen neigte man lange dazu, ein solch destruktives Potential eher in anderen Religionen zu sehen und eventuelle Probleme den gesellschaftlichen Transformationsprozessen in Osteuropa zuzuschreiben. Das war ein Irrtum. Wir waren uns sicher, dass das friedensethische Potential des Christentums nach dem langen 20. Jahrhundert der Kriege eine solche Entwicklung, wie wir sie nun in der russischen Kirche sehen, verhindern würde. Aber wie konnte es passieren, dass über Jahrzehnte auf allen ökumenischen Ebenen gute Verhältnisse zu der größten orthodoxen Kirche der Welt gepflegt wurden, ohne dieses mörderische Potential zu erkennen und ihm zu widersprechen?
Aktuell benötigen die Menschen in der Ukraine und in Russland unsere humani-täre Unterstützung. Perspektivisch müssen wir aber grundsätzlich die Prinzipien ökumenischer Dialoge hinterfragen, auch, um Gläubige in anderen, krisengeschüttelten Regionen der Welt mit der Eindeutigkeit der christlichen Botschaft unterstützen zu können.





Zur Person: Regina Elsner
Regina Elsner ist Theologin und seit September 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa und internationale Studien in Berlin. Von 1998 bis 2005 studierte sie katholische Theologie in Berlin und Münster. Danach arbeitete sie bis 2010 als Projektkoordinatorin für die Caritas Russland in St. Petersburg. Von 2010 bis 2013 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ökumenischen Institut der Universität Münster im „Kompetenznetz Institutionen und institutioneller Wandel im Postsozialismus“ tätig. In diesem Rahmen befasste sie sich mit den historischen und theologischen Aspekten der Auseinandersetzung der Russisch Orthodoxen Kirche mit der Moderne und schloss 2016 ihre Promotion zu diesem Thema ab. Am Zentrum für Osteuropa und internationale Studien untersucht Regina Elsner die sozialethische Haltung der Orthodoxen Kirchen in Osteuropa seit dem Ende der Sowjetunion mit einem besonderen Schwerpunkt auf Friedens- und Konfliktethik.