Nachhaltigkeit
Zeit zum Umdenken
Nachhaltigkeit ist in aller munde. Es ist „in” und „schick” von Nachhaltigkeit zu sprechen und darauf hinzuweisen. Danach zu handeln ist schon etwas schwieriger. Was ist unter Nachhaltigkeit zu verstehen?
Mancher sagt: Nachhaltigkeit bedeutet Leben von den Zinsen und nicht vom Kapital. Doch Zinsen sind gerade „out” - zumindest, wenn man der Europäischen Zentralbank und ihrer Präsidentin folgt. Viele der Sparer leiden darunter, die Banken haben auch ihre Probleme.
Ist das dann unter Nachhaltigkeit zu verstehen? Taugt das Kapital nichts, wenn es keine Zinsen bringt?
Indes gibt es einen Zusammenhang zwischen Kapital und Ertrag. Dieser Zusammenhang zeigt sich weltweit. Das „globale Kapital”, näherhin unsere Mutter Erde, wird in ungeheurem Maße ständig und rücksichtslos in Anspruch genommen. Die Weltbevölkerung hat sich von ehedem ca. zwei Milliarden Menschen auf 7,97 Milliarden gesteigert Alle wollen ausreichend ernährt werden. Die Erde ist aber die gleiche geblieben. Das stimmt nachdenklich. Nötig ist daher ein Paradigmenwechsel hin zu einem vorausschauenden Lebensstil, der Menschheit, Tiere, Pflanzen und deren Lebensräume mit einbezieht, ein Paradigmenwechsel zu einem Lebensstil, der die unterschiedlichsten Kulturen weit mehr als bisher wertschätzt.
Schattenseiten der Wachstumsideologie
Es war ein Fehler, immer nur die eine Seite der Medaille präsentiert zu haben und zwar die der Heilslehre des ständigen Wachstums. Der oft zitierte Vater des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, der kürzlich, am 4. Februar, 125 Jahre alt geworden wäre, bemerkte dazu: „Mir war nicht klar, dass ich zwar die Kassen gefüllt, aber die Altäre geleert habe“. Ja – „Altäre“ wurden geleert. Allein in Bayern wurden etwas mehr als neunzig Prozent der Hochmoore entwässert - und derzeit täglich 11,6 Hektar Fläche für Siedlungen, Gewerbe und Industriegebiete sowie für Straßen umgewandelt. Weltweit beträgt das Artensterben täglich 130 Tier- und Pflanzenarten pro Tag.
Wir müssen einsehen, dass wir nicht länger auf Kosten der Substanz leben dürfen, sondern nur von den Erträgen: von dem, was nachwächst, nachwachsen darf und kann.
Nötig ist eine Debatte über Lebensstil und Werte. Darin hat Nachhaltigkeit eine Schlüsselrolle. „Denn, sagte Gro Harlem Brundtland, die Präsidentin der UN-Welt Kommission, „Nachhaltigkeit ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generationen erfüllt, ohne den künftigen die Möglichkeit zu nehmen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen und ihren Lebensstil zu wählen.” Und Mahatma Gandhi sagte: „Die Erde hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier!”
Nachhaltige Entwicklung und die Verpflichtung zur Nachhaltigkeit muss folglich in alle Politikbereiche hineinwirken und neue Maßstäbe setzen. Die Welt der Zukunft sollte im Einklang mit der Natur stehen, Perspektiven aufweisen, Ressourcen und Wohlstand gerechter verteilen, Frieden weltweit garantieren, eine Welt der Bescheidenheit und des Glücks sein.
Entscheidend wird sein, wie am Ende des Tages die Realität aussehen wird: Wird sie von Gerechtigkeit und Menschenrechten, von Markt, Wohlstand für alle und Frieden auf Erden geprägt sein? Das sind Ziele, die wohl jeder begrüßen wird. Doch sind diese Ziele trotz alle Bemühungen und Absichten bislang weltweit noch nicht erreicht worden.
Statt einer Kultur des Machens eine Kultur des Lassens
Man kann nicht mit derselben Strategie aus der Krise herauskommen, wenn diese Strategie die Krise hervorgerufen hat. Im Chinesischen setzt sich der Begriff Krise aus zwei Wörtern zusammen: Gefahr und Gelegenheit. Es kommt also darauf an, die Gelegenheit wahrzunehmen und gestärkt aus der Krise hervorgehen. Das gilt für alle Arten von Krisen, seien es die Krisen von Umwelt, Energie oder Klima. Die Kultur des reinen Machens sollte der Kultur des Lassens weichen:
Des Weglassens: zum Beispiel von überholten Vorschriften.
Des Loslassens: zum Beispiel von bisher nicht zielgerichteten Vorgaben.
Des Einlassens: zum Beispiel auf neueste Erkenntnisse der Wissenschaft und auf Visionen und Ideen.
Des Belassens: zum Beispiel von Gutem und Bewährtem.
Des Zulassens: zum Beispiel von Einwendungen und Einsprüchen.
Nachhaltigkeit beinhaltet Sorge, Fürsorge, Vorsorge und Verantwortung für nachfolgende Generationen, also für Enkel und Urenkel, auch für deren Lebensräume und die von Pflanzen, Tieren sowie der unbelebten Aspekte wie Boden, Wasser und Luft.
Wichtige Parameter für das Handeln im Sinne der Nachhaltigkeit sind somit bei Entscheidungen jeweils
- über den Tellerrand hinauszuschauen,
- lebensbejahende Tendenzen zu suchen und, soweit möglich, auch umzusetzen,
- positive Energiequellen zu nutzen,
- Empathie für die Mitmenschen und ihr jeweiliges Umfeld zu entwickeln,
- mehr wissenschaftlichen Sachverstand als politisches Kalkül in Betracht zu ziehen,
- Grundvertrauen in die Güter der Schöpfung zu haben,
- mit dem „zuhause sein“ auch das „in der Welt sein“ im Auge zu behalten.
Fürwahr anspruchsvoll, aber nicht aussichtslos. Jeder ist aufgerufen zu handeln.
Christoph Goppel (Erw)

