Patria in Europa
Regionale Identität und universale Idee
Was ist des Deutschen Vaterland? So weit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt, das soll es sein!“ Die deutsche Identität wird von Ernst Moritz Arndt (1769-1860) durch die Grenzen der Sprache einer christlichen Welt definiert. Reicht das, um für die Zugehörigkeit als Landsmann festzustellen, wer man ist und wer nicht? Eine Antwort findet sich in den Institutionen der deutschen Tradition, soweit sie die Systemregulierung betreffen.
Französische Tradition: Patriotismus beruht auf der Eigenliebe, sich mit den anderen selber groß zu dünken. Man wünscht der Republik alles Gute, weil man es für sich selber wünscht. Das eigene Land möge durch Handel reich und durch Waffen mächtig werden. So weit so bekannt, aber ein Land kann nicht gewinnen, ohne dass ein anderes verliert, es kann nicht siegen, ohne andere Menschen unglücklich zu machen, wenn die Durchsetzung der Ziele in hierarchischer Regulierung erfolgt. Denn die hegemoniale Prämisse versperrt den Weg zu wechselseitigem Wohlergehen. Man kann sich wechselseitig auf ein höheres Niveau des Wohlstands hochschaukeln: Wer das Wohl des anderen respektiert, achtet auch sein eigenes.
Britische Tradition: Die Einschränkung der Macht des Königs durch Stände und Adel begründete eine Mischform der Herrschaftsausübung, teils ständisch, teils monarchisch, aber keine Verfassung. Die Eroberung von Freiheitsrechten trug dazu bei, die Kräfte des Liberalismus zu entfesseln. Die Vorzüge dieses Systems wurden Vorbedingung für die Ausdehnung von Macht zur Übermächtigung anderer in der ganzen Welt.
Die Deutschrömische Tradition lieferte in fast tausend Jahren das Vorbild für Machtaufbau, -verteilung und -kontrolle in den Staatsgründungen der Neuzeit bis zu den Verfassungsdebatten der jungen Vereinigten Staaten im 18. Jahrhundert. In die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein beruhte das „Reich der Römer“ auf selbstständigen, nur teilsouveränen Teilstaaten und Städten, gewählten Herrschern, einflussreichen Reichstagen (Parlamenten), innovativen Institutionen der Rechtlichkeit und Konfliktbeilegung. Eine primär defensive Waffenbereitschaft verweigerte das Ziel der Eroberung ebenso wie das Selbstverständnis einer „Siegernation“.
Befriedung durch Verhandlung
Unter Verzicht auf Mythen der Entstehung gründete sich das Alte Reich auf ein „Mandat“ (die ottonische translatio imperii), das es auf das römisch-christliche Erbe verpflichtete zur Sicherung des Wohlergehens seiner Bürger: Gesundheit galt ihr als oberster gesellschaftlicher Wert („Die Große Gesundheit“ F. Nietzsche, Goethe, J. B. Erhard, J. P. Franck, C. Wolff, S. Pufendorf, G.W. Leibniz).
Das Alte Reich war, anders als in England oder Frankreich, kein hierarchisch aufgebautes Staatsgebilde, es regelte seine Angelegenheiten egalitär auf dem Verhandlungswege. Die Kurfürsten gaben sich die Verfassung eines föderalen Staatsgebildes, sie wählten aus ihrer Mitte den obersten Herrscher (Goldene Bulle, 1356). Im Augsburger Religionsfrieden (1555) gaben sie sich eine moderne säkulare Verfassung. Die grundsätzliche Befriedung durch Verhandlung führte erstmals („Jüngster Reichsabschied“, 1654) zu einem „Grundgesetz“!
Der föderal organisierte „Reichsbund“ verband viele regionale Identitäten, die nach Goethe das reichlich fruchtbringende Eigentliche der Nation sind. Ohne Zentralregierung gestattete der Verbund ein Leben in Selbstbestimmung und konnte sich zugleich fremde Einflüsse erfolgreich anverwandeln. Die stabile Friedensnation in seiner Mitte wurde richtungsweisend für die Einigung Europas.
Patriotische Gesinnung
Was könnte der Mut, sich auf seine historisch gewachsene Identität zu besinnen, im Alltag bedeuten? In der deutschrömischen Tradition gesprochen: Frage dich, was du für dein Land tun kannst! (Michael Richey, in: Der Patriot, Hamburg 1724) Und wie lässt sich der Bürgersinn heranbilden?
Der Sinn für Gemeinschaft ist am besten in Freundschaftsbünden zu entwickeln, Vernunft und Regel ebenso einüben wie Flexibilität und In-Frage-stellen. Nicht gering zu schätzen sind auch einige Tugenden der Reflexion: Ironie, Scherz und Satire helfen, den lachhaften Nationalprotz in die Schranken zu weisen. Mit Grenzziehung, -einhaltung und situativer -überschreitung läßt sich Freiheit gewinnen.
Patriotismus ist das Selbstverständnis als Staatsbürger.
PD DDr. phil. habil em Paul Ridder (Mk)

