Der Akademische Orden des Heiligen Michael zu Brüssel - academicus ordo sancti michaelis zu Brüssel

Schlag nach im KV-Jahrbuch: Dort findet sich auf Seite 162 unter „Studententenzirkel und befreundete Korporationen” neben Siegfried-Paris, Tautito und AKS Zollfeld folgender Eintrag: „Academicus Sancti Michaelis Ordo Brüssel - Aufgenommen als befreundete Korporation bei der VV 1967 in Würzburg.” Was hat es mit dieser Vereinigung auf sich? Verblüfft über den Registereintrag wollte Kb Christian Delhey (Smn, Wh, Mk, Erm, Gm, Osg) mehr wissen. Und weil der Eintrag nichts über den Orden, seine Mitglieder und die Ursprünge dieser Freundschaft verriet, kontaktierte er den Alten Herrn (Mitglied des AH-Vorstands) Senator Dominique Trembloy, dessen Kontaktdaten er von einer Hohen Dame der königlichen Studentenvereinigung Eumavia Lovaniensis erhalten hatte. (Eumavia ist eine Studentenverbindung deutschsprachiger Belgier, die 1926 in „Alt”-Leuven gegründet wurde und nun in Louvain-la-Neuve beheimatet ist). Denn oft ist ein Wiedersehen, eine neue Begegnung, der beste Anlass, eine Freundschaft wieder aufleben zu lassen.
Senator Dominique Trembloy bezog den Alten Herrn (Veteran) Raphael Toussaint und den Aktiven Christoph Niessen, Censor Ordinis, in den Austausch über Ursprünge und Traditionen des Ordens ein. Auch konnten mehrere KVer Erinnerungen beisteuern. Danach hatte der Orden in den 1950er und 1960er Jahren gute Kontakte zu verschiedenen Studentenvereinigungen in Deutschland, vor allem auf Initiative der Alten Herren Emmanuel Noël sowie der Brüder Jacques und Jean-Pierre Speidel, die zwischen 1958 und 1961 als Seniores des Ordens amtierten. Am 14. April 1967 beantragte der Orden auf Initiative von Jacques Koot die Aufnahme in den KV als befreundete Korporation, d.h. als beigeordnetes Mitglied, das zwar kein Stimmrecht besitzt, aber freundschaftliche Beziehungen zum Verband unterhält. Die Vertreterversammlung des KV in Würzburg nahm den Antrag an und beschloss, die Freundschaftsbeziehung bei einem Treffen in Brüssel zu verkünden, zu dem auch Mitglieder aus KV-Vereinen eingeladen waren.
Auf zur Kneipe im „Manneken Pis”!
Das Einladungsschreiben an die Mitglieder des Ordens lautete - übersetzt - folgendermaßen:
Der Akademische Orden des Hl. Michael hält am Samstag, den 29. Juli 1967, um 20 Uhr im Café „Manneken Pis” eine außerordentliche Kneipe (gemäß Artikel 32) ab.
Carissime, Senior Jacques Koot hat bei seinen zahlreichen studentischen Besuchen enge Beziehungen zu den deutschen Couleur-Verbindungen geknüpft. Am 29. Juli wird eine Reihe von Fuchs-Majores des KV Brüssel besuchen und einer Konferenz über den Europäischen Gedanken und den Gemeinsamen Binnenmarkt beiwohnen.
Am Abend ist für 20 Uhr eine außerordentliche Kneipe im „Manneken Pis” auf der ersten Etage angesetzt, gegenüber der gleichnamigen Statue. Manch einer mag um die Finanzen des Ordens fürchten, aber er muss sich keine Sorgen machen: der KV stellt den Saal und seine Mitglieder zahlen ihre Getränke. Die Mitglieder des Ordens zahlen 6 Francs für ihr Glas Bier.
Obwohl diese Sitzung für niemanden obligatorisch ist, wird jedes Mitglied, dem es möglich ist, angehalten, der Kneipe beizuwohnen, um die Lebendigkeit unseres Ordens unter Beweis zu stellen. Claude Billiet (Chancellier)
Von der Freundschaft diesseits und jenseits der deutsch-belgischen Grenze konnten gerade Mitglieder der Grotenburg-Lusatia manches erzählen: Mitglieder des Ordens des Heiligen Michael reisten zu Kneipen der Grotenburg-Lusatia nach Aachen - und Grotenburg-Lusaten nach Brüssel, berichtete etwa Karl Stuffrein (Gro-Lu):
„Ich habe zwei Zipfel getauscht. 1970 mit Michel, sogar mit deren runder Medaille und im Sommer-Semester 1971 mit Francis. Die Nachnamen weiß ich leider nicht mehr. […] Gut in Erinnerung habe ich die Fahrt nach Brüssel 1971. Aufgenommen wurden wir von Francis. In einem Haus, das voll war mit Artefakten aus dem Kongo, afrikanische Kunst, Jagdtrophäen, Elfenbein, herrlich! Gefeiert wurde der Semesterbeginn mit einem Umzug durch Brüssel. Auf der Treppe des Rathauses von den Chargen und auf dem Rathausplatz wurde gesungen. Auf Niederländisch: ‚Ich bin am Abend mit einem Mädchen ausgegangen‘. Ein etwas schlüpfri- ges Lied. Das war nicht das Einzige. Die hervorragende Bewirtung in Belgien braucht nicht eigens erwähnt werden. Ich würde mich freuen, wenn der Kontakt zum Ordo wiederbelebt werden könnte.“
Sein Bundesbruder Dr. Wolfgang Löhr ergänzt:
„Die befreundete Korporation Academicus Ordo Sancti Michaelis in Brüssel ist mir aus mehreren Besuchen eines ihrer Vertreter in den 1990er Jahren durchaus noch ein Begriff. Einer trug einen weiten Mantel in Form einer Pelerine und, wenn ich mich recht entsinne, einen besonderen Hut. Der junge Mann sprach Französisch als Muttersprache und konnte auch etwas Deutsch. Er erzählte mir, dass sein Verein etwa 400 Alte Herren habe. Mein Versuch über diese kurze Unterhaltung hinaus, mit ihm in Kontakt zu bleiben, ist irgendwie gescheitert. Warum weiß ich nicht mehr. Es wäre sicher nicht schlecht, wenn der KV wieder eine Verbindung zu diesem akademischen Bund herstellen würde. Seine Mitglieder, auch dies ist mir noch in Erinnerung, bekennen sich bewusst zu Belgien und lehnen den flämischen Separatismus ab.“
Champagner zwischen Dinosauriern
Und Andreas Fassl, ebenfalls Grotenburg-Lusate, schrieb:
„Unsere Besuche in Brüssel waren immer außergewöhnlich. Wir waren einmal zu einem Ball in einem prähistorischen Museum mit Dinosaurierskeletten eingeladen. Wir hatten hundert Flaschen Champagner geleert... und es war nur Champagner!”
Die beiden Kommilitonen, die Karl Stuffrein erwähnt, sind Françis de Hondt (Senior in den Jahren 1970-1971) und höchstwahrscheinlich Michel Alloo (Quaestor in den Jahren 1970-1971 und 1971-1972, und später Ehrenberater des Senats). Und so wie die Korporationen des KV verlieh auch der Orden zeitweise ,,Ehrenbierzipfel", etwa an Erwin Delanuit von der Alania Aachen.
Nicht minder begeistert klingen die Erinnerungen aus den Reihen des Akademischen Ordens des Heiligen Michael:
„Der Empfang durch die deutschen Verbindungen war immer außergewöhnlich”, schrieb etwa Senator Françis de Hondt (Senior anno 1970-1971). „Als ich als Senior dorthin ging, wurde ich gebeten, im Präsidium Platz zu nehmen. Einmal wollte ich mich auf Deutsch für den Empfang bedanken und sagen: ,Vielen Dank für Ihre herzliche Einladung'. Aber ich hatte einen Fehler gemacht und sagte stattdessen: ,Herzlichen Dank für Ihre ärztliche Ausladung'. Du kannst dir vorstellen, wie sie gelacht haben. […] Ich habe viele schöne Erinnerungen und tauschte Zipfel mit Hans-Dieter Thiel von der Saxo-Lusatia [jetzt fusioniert mit der bereits erwähnten Grotenburg-Lusatia] und mit jemandem von der Rheno-Borussia, dessen Namen ich leider nicht mehr weiß. […] Du musst auch daran denken, dass wir gerade aus der 1968-Generation herauskamen und dass wir im europäischen Geist Kontakte zu anderen Nachbarländern herstellen wollten. Mehr als einmal weinten die Deutschen, als sie uns sahen, weil sie sich schämten und um Vergebung bitten wollten für das, was ihre Eltern während des Krieges getan hatten. Es war eine ungewöhnliche Atmosphäre, wie du dir vorstellen kannst. Aber wir haben außergewöhnliche Momente mit ihnen erlebt.”
Außergewöhnliche Herzlichkeit
„Gegenseitige Einladungen in unseren Archiven bezeugen zudem”, ergänzt Ge-orges Carle (Rector Senatus, Senior anno 1961-1962, 1964-1965) „dass die Beziehungen damals mehr als bilateral waren, da verschiedene Verbindungen erwähnt werden.” So hieß es 1970 in einer Einladung: „Vor zwei Jahren hat die Alania Aachen eine ‚Dreiländer-Kneipe‘ organisiert (Aachen, Holland, Belgien). Damals hatten wir der Alania einen ‚Manneken-Pis‘ mit Toga, Band und Bierpet geschenkt; mehr als zwanzig von uns hatten teilgenommen, darunter der Decanus Ordinis, Senatoren, Alte Herren und Aktive. In diesem Jahr lädt die Alania uns am 13. November 1970 erneut ein; wie beim letzten Mal kümmere ich mich um die Organisation der Reise. […]
Nach dieser gemeinsamen Erkundung der Kontakte wurde der Akademische Orden des Heiligen Michael von Christian Delhey eingeladen, sich bei einem Stammtisch der Semnonia-Berlin zu Osnabrück vorzustellen. Dieses Treffen fand per Zoom statt. Etwa dreißig Mitglieder verschiedener KV-Verbindungen und auch aus anderen Verbänden waren mit dabei. Auf die zwanzigminütige Präsentation des Ordens durch Censor Christoph Niessen, der von Senator Dominique Trembloy begleitet wurde, folgte eine mehr als einstündige Frage- und Antwortrunde. Nach dem offiziellen Teil des Abends folgte ein Austausch in kleineren Gruppen mit entspannten und angenehmen Gesprächen.
Senator Trembloy brachte zum Besten, was er als Student in Deutschland erlebt hatte: von der Narbe, die er bei seinem ersten Schwertkampf erhielt (oder vielmehr beim ungeschickten Sturz, der darauf folgte), bis zu seiner ersten Begegnung mit dem Pabst - jenem Becken, das in vielen deutschen Korporationshäusern neben dem Kneipsaal auf halber Höhe installiert ist, und das dazu dient, sich der Menge Bier zu entledigen, die man mitunter zu viel getrunken hat. Zum Glück war dieses Utensil diesmal nicht nötig, auch wenn der Abend spät und mit vielen schönen Unterhaltungen endete. Wir stellten zudem fest, dass trotz kleiner Unterschiede zwischen Couleur-Traditionen eine nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeit bei den studentischen Trinkgewohnten auf beiden Seiten der deutsch-belgischen Grenze besteht.
Eine Freundschaft wiederbeleben
Als Dankeschön für die Präsentation und den Austausch schickte Semnonia dem Orden ein Buch über die 150-jährige Geschichte des KV sowie zwei Humpen mit dem Wappen der Verbindung. Ein sehr geschätztes Geschenk, auf das das Komitee gebührend antworten wird. Vor, während und nach dem Treffen wurde der Orden zudem von verschiedenen deutschen katholischen Korporationen eingeladen, sie in Münster, Osnabrück und Hannover zu besuchen. Das Ordens-Komitee wiederum lud Kartellbruder Delhey und Mitglieder der Semnonia auf unbestimmte Zeit zur nächsten Veranstaltung ein, wenn es die gesundheitliche Situation wieder erlaubt, solche Delegation zu empfangen. Ich hoffe, dass dieser Moment bald kommt und dass wir dann die guten Beziehungen wiederbeleben können, die Ordensmitglieder in der Vergangenheit mit dem KV aufgebaut haben.