Synodaler Weg und andere Schritte in die Zukunft

Stets gibt es verschiedene, meist legitime Sichtweisen zu Glaube, Religion, Kirche und deren Relevanz für uns. Das gilt auch für die Reformagenda, die mit dem Synodalen Weg verfolgt wird. Ohne meine Sichtweise anderen aufzunötigen, möchte ich die Leser an meinen Überlegungen teilhaben lassen - als Mitglied im Pfarrgemeinderat, Delegierter im Katholikenrat der Diözese Mainz, in der Diözesanversammlung sowie im neu formierten Sachausschuss „Kommunikation“ des Bistums Mainz, wo ich mich einbringe – alles im Ehrenamt, weil es mir wichtig ist, aber natürlich auch nur als kleines Rad im großen Getriebe.
Engagierte Katholiken, aber auch jene, die sich, egal wie fest oder lose, unserer Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen, haben es gerade schwer. Es weht ein Sturm, immer heftiger, mit immer stärkeren Böen - über, unter und teilweise auch zwischen uns.
Die Kirche ist in ihrem Image angeschlagen. „Wie kannst Du noch in dieser Kirche sein?“, schmettert es einem entgegen. Und wenn selbst manche Religionslehrer ihre Kinder nicht mehr taufen lassen wollen, dann ist es wirklich bedenklich.
Vielleicht passt das Bild aus der Wettermetaphorik nicht, denn auf Wetterereignisse haben wir bekanntlich keinen direkten Einfluss. Die Glaubwürdigkeitskrise der Kirche aber ist menschengemacht und unterliegt daher unserem Einfluss. Dennoch empfinde ich sie wie einen Sturm, denn für die Dinge, die diese Böen verursacht haben, trage ich keine Verantwortung und viele Dinge habe ich mir stets anders gewünscht.
Der Kirche braust ein Sturm entgegen
Wenn wir das Bild vom Sturm einmal verlassen – wir alle wissen, was im Argen liegt oder lag, was lange Zeit vertuscht und im letzten Jahrzehnt hochgekommen ist. Es wird hoffentlich niemanden geben, der hier offenkundig gewordenes pastorales Versagen verteidigt.
Das Missbrauchsthema sei hier nicht tiefer erörtert. In der medialen Darstellung kommt für mich jedenfalls zu kurz, dass dies nicht allein ein Thema der katholischen Kirche ist. Feststeht: Jeder Fall, in dem Menschen und ihrer Würde Gewalt angetan wurde, ist für die Kirche einer zuviel .
Was mich stört, ist die landläufige Wahrnehmung „Die Kirche macht nichts“. Leider dürfte sich diese Ansicht wohl aus dem für mich völlig unverständlichen und, kommunikativ verheerenden Agieren einiger weniger ranghoher Kleriker (meines Erachtens im Erzbistum Köln) nähren. Aber die Wahrnehmung, die Kirche mache nichts, ist vielfach unzutreffend. Präventionsseminare – wie sie im Bistum Mainz für alle, die mit kirchlicher Jugendarbeit zu tun haben, verpflichtend sind – kenne ich von keinem Sportverein. Die Haltungen vieler Bischöfe – etwa die Stellungnahmen des Bischofs von Mainz, Kohlgraf – zeugen von verantwortungsvollem Umgang mit der Aufarbeitung aller Fehler und Verwerfungen.
Wie kann man, wenn man an einem gerechten Urteil interessiert ist, behaupten, die Kirche unternehme hier nichts? Wollen viele Urteile wirklich objektiv und gerecht über eine „Kirchenangelegenheit” befinden oder sind sie mehr oder weniger daran interessiert, Kirche zu zerstören?
Ort des Glaubens
„Da bewegt sich was“: Der Synodale Weg ist aus meiner Sicht das, was die Kirche hierzulande ein Stück weit heilen kann. Denn er dient der Stärkung der christlichen Botschaft. Gemeinsam wird aufgezeigt, dass Kirche ein guter Ort ist, um den Glauben zu leben und in unsere Gesellschaft zu tragen. Gemeinsam – zwischen Klerus und den sogenannten Laien – wird die Unbeweglichkeit kirchlicher Entscheidungsträger gegenüber gesellschaftspolitisch und humanwissenschaftlich berechtigten und begründeten Weiterentwicklungen auf den Tisch gebracht. Theologie muss gesellschaftlich relevant sein und verständlich reden, den Finger am Puls der Zeit haben, ohne sich den Plausibilitäten der herrschenden Kultur zu unterwerfen. Auf der 3. Synodalversammlung ist man hier gut vorangekommen.
„Da bewegt sich was“: Ein weiteres Thema sei angesprochen, das mit dem Synodalen Weg zusammenhängt: Es ist die Aktion Outinchurch (https://outinchurch.de). Kaum jemanden dürfte die am 24. Januar ausgestrahlte Dokumentation „Wie Gott uns schuf” nicht stark berührt haben. 125 Menschen aus ganz Deutschland mit nichtheterosexueller Orientierung, die alle im Kirchendienst tätig sind (oder waren), haben in einer Gemeinschaftsaktion auf ihr Leiden in der Kirche und auf die damit verbundenen Sorgen, Ängste, Nöte und Zwickmühlen aufmerksam gemacht und sich damit ein Stück weit befreit. Wie tief das Leid sitzt und ausgehalten wird, hat diese Dokumentation noch einmal verdeutlicht. In einigen Gesprächen danach erfuhr ich von Menschen, die gerne Religionslehrer geworden wären, den Schritt aber nicht gewagt hatten aus Sorge, keine missio canonica zu bekommen.
Was für eine verpasste Chance für die Kirche, wenn Menschen, die für den Glauben brennen, sich anders entscheiden müssen! Aber mit dem Blick nach vorne ist zu sagen: Da bewegt sich etwas! Eine Neubewertung von Homosexualität auf der Basis humanwissenschaftlicher Erkenntnisse wird in Angriff genommen – ein Signal sind die entsprechenden, mit großer Mehrheit angenommenen Erklärungen auf dem Synodalen Weg.
Ungebrochener Einsatz
Faszinierend war auch mitzuverfolgen, dass die Menschen, die sich in dieser Dokumentation vorstellten, nicht nur Zeugen von Leid in der Kirche sind, sondern weiterhin engagierte und bekennende Katholikinnen und Katholiken in unserer Kirche! Es gibt eben auch immer die Variante, Ambivalenzen auszuhalten. Warum also ist es nicht attraktiv, Mitglied einer Kirche zu sein, in der sich viel bewegt? Warum steht der Fokus so sehr auf den Negativbeispielen eines, meines Erachtens, schwindenden, längst nicht mehr einflussreichen Klerikalismus?
Engagierte werden bestraft
Oft wird die Welle an Kirchenaustritten mit dem Ausdruck „Abstimmen mit den Füßen” kommentiert. Doch wer soll mit dem Austritt aus der Kirche bestraft werden? Etwa diejenigen, die auf einen „heiligen Rest” setzen, was im übrigen absolut nicht im Sinne Jesu sein kann? Diese Gruppe wird die Welle an Kirchenaustritten kalt lassen. Aber alle Engagierten – in Haupt- und Ehrenamt und Millionen von Gemeindemitgliedern, egal ob mit enger oder loserer Kirchenbindung – werden es merken und werden somit bestraft. Wenn zu wenig Geld für Jugendarbeit, Kinderfreizeiten, Hospiz und Seelsorge zur Verfügung steht, kann die Kirche ihrem Sendungsauftrag in der Fläche nicht mehr nachkommen. Und wer soll die Gehälter der im Kirchendienst Beschäftigten bezahlen: das der engagierten Gemeindereferentin, deren Arbeit jeder schätzt, bis hin zum aufgeschlossenen Pfarrer, der sogar richtig cool ist und auch die Großmutter würdevoll beerdigt hat?
Hier geht es auch um Haltung. Natürlich darf, soll und muss jeder frei entscheiden, wo er Mitglied sein will und was er finanziell unterstützt. Aber unschlüssige Argumentationen sollten in Frage gestellt werden. Hauptamtliche mit Seelsorgsauftrag sollten vielleicht vorsichtig sein. Zumal es dann schnell heißt: „Die wollen nur unser Geld!” Aber wenn man nicht auf der Payroll der Glaubensgemeinschaft steht, und „nur” Kirchensteuer entrichtet, darf man schon Einwand erheben, wenn Argumente nicht zu Ende gedacht sind.
Frisch Ausgetretene mögen sich freuen, dass die katholische Einrichtung, die Kita oder die Schule, ihre Kinder doch aufnimmt und hier „ganz locker“ ist, aber das funktioniert nur so lange, wie genug Menschen da sind, die Kirchensteuer bezahlen und die Einrichtung mitfinanzieren. Diese Kirchenmitglieder wiederum wollen dann aber nicht gefragt werden: „Wie kannst Du noch in der Kirche sein?“…
Die Flucht in diffuse Konfessionslosigkeit ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt. Wer soll den Schatz „Glauben“ weitergeben, wenn sich die Institution Kirche auflöst? Oder soll dieser Schatz nach jahrhundertelanger Weitergabe durch Eltern und Vorfahren mir nichts dir nichts auf dem Müll landen? Es mutet jedenfalls irrwitzig an, wenn konfessionslose Politiker – aktuell Bundeskanzler Scholz - Kirchen als wichtige, tragende Säulen in der Gesellschaft, die nicht fehlen dürften, bezeichnen, diese aber mit keinem Cent mitfinanzieren, obwohl die Mitgliedschaft zweifellos keine Gewissensfrage ist.
Kein Platz für Nostalgie
Es bedrückt, dass immer weniger Menschen hierzulande noch zur Kirche gehören wollen. Lasst uns deshalb auch beim Bekenntnis etwas bewegen! Lasst uns wegkommen von einer „Insolvenzrhetorik, die jede Frage mit „noch“ einleitet und so klingt, als gebe sie die Kirche für verloren und müsse nur noch den Nachlass abwickeln.
Ecclesia semper reformanda – die Kirche wird sich immer wandeln und hat es immer getan. Lasst uns dranbleiben, mit dabei sein – entweder aktiv, aber gern auch kritisch am Rand, aber dabei – und Kirche der Zukunft sein! Nostalgie ist jedenfalls fehl am Platz. Denn auf den Mythos der „guten alten Zeit”, von der so mancher schwärmt, pflegt der Mainzer Bischof Kohlgraf zu entgegnen, dass es die
vermeintlich gute alte Zeit ist, die in Problemen und Skandalen bei ihm und in allen anderen Bistümern auf dem Schreibtisch liegt.