Ein Gründungswagnis ohne „wenn und aber“

Am 27. März 2022 gedachte der KV-Zirkels Bergisch Hüs’chen in einer eindrucksvollen Matinee, zu welcher der Vorsitzende Reinhard Elzer (Rhein) eingeladen hatte, seiner hundertjährigen Geschichte. Gegründet wurde der Zirkel in einer Umbruchszeit. Das Wilhelminische Kaiserreich war untergegangen und ein politischer Neuanfang begonnen worden. Wie kam es zur Gründung? Welche Gründe gab es dafür? Wer waren die Gründer?
Das Krisenjahr 1922
1922 wurde jedem politisch denkenden Deutschen deutlich, wie stark die neue Demokratie von links wie von rechts gefährdet war. Denn Ende Juni 1922 wurde der deutsche Außenminister Walther Rathenau von Mitgliedern der „Organisation Consul“ ermordet. Neben den politischen Verwerfungen im Jahr der Gründung des Zirkels gab es obendrein wirtschaftliche Probleme. Die Inflation nahm ihren unaufhaltsamen Lauf und erreichte ein Jahr darauf ihren Höhepunkt.
Auf der Tagesordnung des Verbandes standen 1922 eine Neuordnung des sog. Philisterausschusses, der für die Belange der Alten Herren und der Zirkel geschaffen worden war, und die Zukunft der Akademischen Monatsblätter wurde wieder einmal erörtert. 1922 erschienen sie in einer kümmerlichen Sparausgabe mit kleinerem Format und mit insgesamt nur zwei Ausgaben. Ob über die Verbandszeitschrift im Zirkel diskutiert worden ist, wissen wir nicht, dürfen es allerdings annehmen, denn sie bildete einen Gesprächsgegenstand eigentlich seit 1888, als die AM zum ersten Mal vorgelegen hatten.
Ob 1922 im Zirkel obendrein über die ein Jahr zuvor „nach vielen Irrungen und Wirrungen“, so wörtlich die AM, ins Leben gerufene „Arbeitsgemeinschaft der katholischen deutschen Studentenvereine“, wahrgenommen worden ist, lässt sich nicht mehr entscheiden. Das damals genannte Ziel, „der Zersplitterung der deutschen Studentenschaft“ vorzubeugen „und alle … vorhandenen Kräfte“ zu sammeln sowie „Stellungnahmen auf den verschiedensten Gebieten“ abzugeben, hat sich bis in unsere Tage nicht erübrigt, nur dass dies inzwischen unstrittig ist, und die dafür geschaffene „AGV“ dies für den studentischen Sektor wahrnimmt sowie die „KAD“ für die gesamte katholische Akademikerschaft.
Ein weiteres Faktum aus der Zeit, als der Zirkel in Bergisch Gladbach entstand, darf nicht unerwähnt bleiben: Die Verbandsführung des KV warb unter den Zirkeln für eine stärkere Mitarbeit besonders in den Verbänden der katholischen Jugend und regte an, für sie Redner aus den Kreisen der KVer zu stellen. Außerdem wurde die Mitarbeit in der jeweiligen katholischen Pfarrgemeinde postuliert, insbesondere im Kirchenvorstand. In den Zirkeln sollte über die „im Beruf anfallenden Kultur- und Wirtschaftsfragen“ gesprochen werden, und ausdrücklich wird vermerkt, dass die „Form der lockeren Stammtischabende“ dafür kaum geeignet sei. Die bis in unsere Tage wichtige Funktion der Zirkel für die Keilarbeit wurde bemerkenswerterweise nicht genannt, wahrscheinlich, weil sie für völlig selbstverständlich gehalten wurde.
Die Gründung des Zirkels 1922 und die Namensfindung
Welche Überlegungen bei der Gründung des Zirkels vor hundert Jahren eine Rolle gespielt haben, ist nicht im Detail zu beantworten. Eines steht allerdings fest: Im Krisenjahr 1922 einen KV-Zirkel ins Leben zu rufen, war ein Wagnis und erforderte die sprichwörtliche Portion Mut, ohne „Wenn und Aber“ ans Werk zu gehen. Von Anbeginn an wollten die Gründer sich nicht auf Bergisch Gladbach beschränken, sondern alle im heute nicht mehr bestehenden Kreis Mülheim am Rhein woh-nenden KVer ansprechen. Dies geht aus dem KV-Jahrbuch von 1931 hervor.
Nach den Erinnerungen, die Hedwig Schnepper, Ehefrau eines Kartellbruders, vor 20 Jahren zur Geschichte des Zirkels niedergeschrieben hat, soll er seinen Namen nach der Gastwirtschaft erhalten haben, die als „et Bergisch Hüsjen“ bekannt war. Dafür spricht vieles. Diese ehemalige Poststa-tion lässt sich schon kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts unter dieser Bezeichnung nachweisen, und dort tagten um neun Uhr am Abend die KVer ab der Gründung alle vierzehn Tage donnerstags im Wechsel mit einer anderen Gaststätte. Mit der Übernahme des Namens der alten Poststation konnten die Gründer zudem die gemeinsame Geschichte der Gemeinden im Kreis Mülheim herausstellen, dem Bergisch Gladbach als größter Ort angehörte. Alle Orte hatten einst im ehemaligen mittelalterlich-frühneuzeitlichen Herzogtum Berg gelegen, wodurch ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden war.
Etwas Zusätzliches passte gut in die KV-Tradition: Bergisch „Hüs’chen“ klang an das damals bereits fast ein halbes Jahrhundert bestehende Kölner „Häus’chen“ an. Dies konnte zwar als Vorbild gelten, aber man hatte etwas Eigenes geschaffen und grenzte sich damit auch ein wenig von den Kölner Kartellbrüdern ab. Dass man es nicht mit der nüchtern klingenden Bezeichnung „KV-Altherrenzirkel im Kreis Mülheim“ bewenden ließ, war ebenfalls dem KV-Gebrauch geschuldet, sich einen eigenen Namen zu geben. Manche sind an Kuriosität kaum zu übertreffen: „Seufzertal“ in Arnsberg, „Bärenhaut“ in Euskirchen, „Pumpernickel“ in Hagen, „Mehlsack“ in Ravensburg oder „Rußhütte“ in Saarbrücken.
Kein rechtsfähiger Verein
Außerdem wurde ein anderes KV-Herkommen fortgesetzt: Der Zirkel blieb unter der Schwelle des rechtsfähigen Vereins. Dies hing mit der Entstehung der ersten Ortszirkel während des „Kulturkampfs“ in den 70/80er Jahre des 19. Jahrhunderts zusammen, der besonders in Preußen gegen die katholische Minderheit geführt wurde. Ihr warf man eine Abhängigkeit vom Papst vor und hielt deren Mitglieder nicht für zuverlässige Deutsche. Schwierigkeiten machte man ihnen u. a. dadurch, dass man ihre Zusammenschlüsse überwachte, ob sie sich nicht verbotenerweise politisch betätigten. Deshalb ließ man es bei den KV-Zirkeln bei einer lockeren Zusammenkunft, verfasste keine genauen Statuten und formulierte keinen verbindlichen Vereinszweck. Anlass zu ihrer Gründung war, die Möglichkeit zu schaffen, dass sich im Glauben und im sozialen Verhalten Gleichgesinnte zum Gedankenaustausch, aber ebenso zum fröhlichen Beisammensein trafen.
Dort ließ man die Alltagssorgen hinter sich, trank das eine oder andere Glas Bier miteinander und erinnerte sich an das Studentenleben mit seinen „blühenden Veilchen“ und der „alten Burschenherrlichkeit“. Die Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Korporation war dabei völlig belanglos, Rang und Namen blieben Nebensache. Hier wurde Lebensfreundschaft Wirklichkeit. Hier lebte und lebt der KV in Reinkultur, was oft vergessen wird.
Der Mitgründer August Düttmann
Wie wir aus einer später niedergeschriebenen Notiz wissen, bestand der Zirkel zunächst aus 10 Personen, darunter drei Geistlichen. Fast alle Gründer kann man zur städtischen katholischen Führungsschicht zählen. Eine interessante Persönlichkeit unter den Gründern hieß August Düttmann. Er war vermutlich als Pensionär 1922 nach Bergisch Gladbach übergesiedelt und suchte die Nähe zu seinen Kartellbrüdern, um einen dauernden Kontakt zu etablieren. Nachdem er ihn gefunden hatte, übernahm er den Vorsitz des Zirkels.
Kb Düttmann gehört zu den Initiatoren des deutschen Sozialstaats. Im KV ist er zu Unrecht vergessen. Sollte einmal ein achter Band der KV-Biografien das Licht der Welt erblicken, dann hätte er unbedingt einen Artikel verdient. Er stammte aus Vechta, wo er 1857 als Sohn eines Gymnasiallehrers zur Welt kam. Nach einem Jurastudium in Göttingen, München und Tübingen, wo er jeweils Winfridia, Ottonia und Alamannia beitrat, machte er Karriere im Großherzogtum Oldenburg und erreichte dort schließlich 1915 die Position eines Geheimen Ober-Regierungsrats. Besondere Verdienste erwarb er sich durch die Mitbegründung der deutschen Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung. Seit 1891 stand er der Landesversicherungsanstalt Oldenburg vor. Bei einigen internationalen Kongressen, die sich mit der Sozial- und Gesundheitspolitik beschäftigten, trat er außerdem in Erscheinung. Obendrein galt er als einer der Repräsentanten der katholischen Minderheit im Großherzogtum, die etwa ein Viertel der Bevölkerung ausmachte und sich auf die heutigen Kreise Cloppenburg und Vechta konzentrierte. Einen besonderen Namen machte er sich als Mitherausgeber eines Kommentars zur Arbeiter- und Invalidenversicherung. 1934 ist er in Bergisch Gladbach im Alter von 75 Jahren gestorben.
Dies erfährt man aus dem Schwarzen Brett der Akademischen Monatsblätter aufgrund einer Mitteilung seiner A-Korporation Winfridia-Göttingen, die damals mit einer Austrittswelle zu tun hatte wegen der Aufgabe des Konfessionsprinzips im Verband. Ein Nachruf auf diesen bekennenden Katholiken und großen KVer braucht man in der NS-Zeit gar nicht erst zu suchen. Das hat sicher mit dazu beigetragen, dass ihn inzwischen niemand mehr kennt.
Die Zeit bis zum Verbot des Verbandes 1938
Bis der Zirkel Bergisch Hüs’chen das erste Mal in den „Akademischen Monatsblättern“ auftauchte, brauchte es zehn Jahre nach der Gründung. 1932 war es dann so weit, und wir erfahren, dass Dr. Franz Brock (Wf-K) den Vorsitz innehatte, der später als Amtsgerichtsrat in Bergisch Gladbach fungierte. Das war ein wichtiges Zeichen: ein junger Mann übernahm die Verantwortung. 1931 umfasste der Zirkel, wie wir aus dem KV-Jahrbuch erfahren, 13 Mitglieder. Zu diesem Zeitpunkt gaben acht Aktive Bergisch Gladbach oder Bensberg, für das der Zirkel gleichfalls zuständig war, als ihre Heimatadresse an. Ob sie von den Alten Herren des Zirkels angeworben worden waren, ist nicht gesagt, weil keine Unterlagen über sein Wirken aus dieser Zeit vorliegen.
Mit dem Verbot des KV 1938 erlosch der Zirkel nur offiziell, denn private Zusammenkünfte der KVer blieben bestehen. Die Kartellbrüder verloren sich, wie Hedwig Schnepper schreibt, „nicht aus den Augen.“ Im Haus des Chefs des Maria-Hilf-Krankenhauses und Gynäkologen Dr. Ignaz Tenckhoff (Bsg) versammelten sie sich, sprachen über die Politik und lokale Gegebenheiten, spielten Skat „und tranken einen guten Tropfen.“
Wiederbegründung 1948 und die Mitarbeit der Damen
Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstand der Zirkel Bergisch Hüs’chen 1948 neu. Die Idee, für die ortsansässigen KVer eine Gelegenheit zu bieten, sich mit Verwandten im Geiste und in religiöser Überzeugung regelmäßig zu treffen, hatte sich augenscheinlich nicht überholt und war ja insgeheim fortgeführt worden. Abermals fanden sich Kartellbrüder bereit, dafür zu sorgen, dass der Zirkel weiterbestand. Zu den Wiederbegründern gehörten Franz Brock, der wie vor dem Krieg den Vorsitz übernahm, und Ignaz Tenckhoff, der 1950 zum Bürgermeister von Bergisch Gladbach gewählt wurde. Vieles von dem, was 1922 bei der Gründung von Belang war, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg nichts an Aktualität eingebüßt. Wiederum zeigte sich, dass viele in und über Bergisch Gladbach hinaus bekannte Persönlichkeiten sich im Zirkel wie zuvor die Gründer gut aufgehoben fühlten.
Eins trat jedoch stärker in den Vordergrund: Die Hinwendung zum KV-Prinzip „Wissenschaft“, die ja bereits Anfang der 30er Jahre bei der KV-Führung angeklungen war. „Die Wende zum Geist“, der wissenschaftliche Vortrag wurde jetzt zur Selbstverständlichkeit und machte die Zirkel neben dem Gedankenausstauch nun zu einem Ort des intellektuellen Transfers, so ebenfalls in Bergisch Gladbach bis zum heutigen Tag. Eine wichtige Rolle spielten dabei außerdem gemeinsame Besichtigungen und Fahrten. Der frühere Altherrenzirkel „Bergisch Hüs’chen, der wegen seiner spätabendlichen Zusammenkunft vor dem Krieg eher als Tagesausklang nach getaner Arbeit fungierte, wandelte sich obendrein immer mehr zum Familienkreis, bei dem die Damen, je länger je mehr, zu einer obligaten Stütze wurden. Damit macht Bergisch Gladbach keine Ausnahme. Seit 1948 waren die Damen in das Leben des Zirkels einbezogen und trugen entscheidend zu dessen Leben bei. Der Verband kann sich glücklich schätzen, dass auf diese Weise die KV-Idee auf lokaler Ebene verwirklicht wird.