Als Mitglied des Widerstands zum Tod verurteilt, wurde er bei Kriegsende aus der Todeszelle befreit
„Für nichts anderes und nichts weniger habe ich mich stets eingesetzt, als dass unserem Volke die unveräußerliche Grundlage christlicher Ethik erhalten bleiben möge und dass die in Gott gegründeten Menschenrechte der Gerechtigkeit, Freiheit, Würde und Ehre wieder als unantastbares Gut Achtung und Schutz finden mögen.”
Diese Zeilen schrieb Andreas Hermes in einem Brief an seine Familie im Wissen, dass er zum Tod verurteilt sei, und bald hingerichtet werde. Aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt, charakterisieren diese Sätze Hermes als tiefgläubigen Menschen, der in einem Inferno von Gewalt und Unmenschlichkeit seinem Gewissen folgte.
Zwei Tage nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler, hatte die Gestapo Andreas Hermes, der in Kontakt zu Widerstandskreisen gestanden hatte, verhaftet. Am 11. Januar 1944 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zum Tod. Er überlebte nur, weil es Menschen gab, die dafür sorgten, dass der Hinrichtungstermin mehrfach verschoben wurde und die Rote Armee Berlin eroberte und ihn aus dem Gefängnis befreite.
Andreas Hermes gehört zu den Politikern, die in der Weimarer Republik wie in der Bundesrepublik Spitzenfunktionen einnahmen und die sich nach dem Ersten wie dem Zweiten Weltkrieg in den Dienst des Neuaufbaus stellten. Unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft versuchte er zusammen mit anderen Politikern die Lehren aus dem Versagen der Parteien in der Weimarer Republik
zu ziehen und setzte sich für die Bildung einer überkonfessionellen christlichen Volkspartei ein. 1945 gehörte er in Berlin zu den Gründern der CDU. Als Demokrat, der das nationalsozialistische Regime überlebte, steht er mit anderen Politikern für das demokratische „andere Deutschland”, das „angesichts des übermächtigen Eindrucks vom unglücklichen Sonderweg der deutschen Geschichte allzu leicht übergangen oder vergessen wird”, wie Günter Buchstab in seinem in der Reihe „Zeitgeschichte in Lebensbildern” erschienenen biographischen Aufsatz schrieb.
Im katholischen Glauben verwurzelt
Andreas Hermes kam am 16. Juli 1878 als jüngstes von drei Kindern in Köln zur Welt. Sein Vater entstammte einer Seidenweberfamilie und arbeitete bei der Reichsbahndirektion Köln, ehe er erfolglos versuchte, sich eine selbstständige Existenz aufzubauen. 1886 verstarb er als Packmeister einer Fabrik in Mönchengladbach. Der junge Andreas Hermes war damals acht Jahre alt. Die Mutter suchte als Büglerin und Badefrau die wirtschaftliche Lage der Familie zu verbessern und brachte ihren Kindern den katholischen Glauben nahe. Ihr verdankte Hermes, „den starken Halt, den die Verankerung unseres Glaubens mir für mein ganzes Leben gegeben hat”, wie er später schrieb.
In Mönchengladbach besuchte Hermes die Höhere Bürgerschule (Realschule), verließ sie 1896 nach der Mittleren Reife und nahm eine landwirtschaftliche Ausbildung auf. Mit dem Eintritt in die Königlich Preußische Landwirtschaftliche Akademie in Bonn-Poppelsdorf, die das Maturitätsprinzip nicht kannte, erweiterte er ab 1898 diese Ausbildung. 1900 schloss er den Studiengang mit dem Diplom ab. Während seiner Studienzeit trat er der K.St.V. Rheno-Borussia in Bonn im KV bei. Drei Jahre später, nach landwirtschaftlicher Lern- und Lehrtätigkeit, absolvierte er, wiederum in Bonn, ein weiteres Examen als Tierzuchtinspektor. 1903 erhielt er ein Reisestipendium des Preußischen Landwirtschaftsministeriums, das ihn in die Schweiz und nach Frankreich führte. Seine bei dieser Reise gesammelten Erfahrungen wertete er in seiner Dissertation über den „Teilbau in Frankreich” aus, mit der er 1905 an der Universität Jena promovierte.
1905 ging Andreas Hermes als Beamter der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft nach Berlin. Hier arbeitete er nach den Richtlinien ihres Gründers, Max von Eyth, sechs Jahre als Sachverständiger für Tierzuchtfragen. Da seine Aufgabe die Auslandsbeobachtung war, führten ihn längere Studienaufenthalte in fast alle europäischen Länder. 1910 reiste er für die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft und im Auftrag des Reichsamts des Inneren, also für die deutsche Reichsregierung nach Argentinien: Dort vertrat er als Repräsentant deutscher Interessen sein Land anlässlich der Hundert-Jahr-Feier der argentinischen Unabhängigkeit.
Im folgenden Jahr war er Delegierter beim großen internationalen Agrarkongress in Spanien. Inzwischen war Hermes in internationalen Fachkreisen bekannt: Erst 32 Jahre alt, wurde er zum Direktor der technischen Abteilung des internationalen Agrarinstituts in Rom berufen. Dieses Institut sah ihn bis zum Ersten Weltkrieg in fruchtbarer Zusammenarbeit mit dreißig Mitarbeitern aus zehn Ländern.
Als Minister heftig kritisiert
Während des Ersten Weltkriegs arbeitete er zeitweise in Berlin im Kriegsausschuss für Ersatzfutter, zu dessen Beschaffung er 1917/18 in Bulgarien und Rumänien eingesetzt war. Nach dem Ende des Krieges wurde er Abteilungsleiter im Reichswirtschaftsministerium und, politisch der Zentrumspartei nahestehend, 1920 Minister des neu gegründeten „Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft”. In diesem Jahr heiratete er auch die sechzehn Jahre jüngere in Köln geborene Anna Schaller. Fünf Kinder entsprossen dieser Ehe, darunter der spätere Diplomat Peter Hermes. Neben dem Landwirtschaftsministerium leitete Hermes zeitweise gleichzeitig das Reichsfinanzministerium (von 1921 bis Anfang 1923). Unruhen, die französische Besetzung des Ruhrgebiets und eine Hyperinflation, gefährdeten die junge Republik und blockierten alle Versuche einer erfolgreichen Finanz- und Steuerpolitik. So war Andreas Hermes, so Günter Buchstab, „neben Erzberger der wohl” von rechts wie von links „am schärfsten kritisierte Politiker der Weimarer Aufbaujahre”.
Der Sturz des Kabinetts Cuno am 12. August 1923 beendete die Ministertätigkeit von Andreas Hermes, der nun vor der Frage einer neuen Betätigung stand. Abstand von den bisherigen Ereignissen und neue Erfahrungen brachte eine Reise in die Vereinigten Staaten, wo er den damaligen Präsidenten Calvin Coolidge, Handelsminister Hoover (den späteren Präsidenten) und weitere amerikanische Politiker und Persönlichkeiten kennenlernte.
Im Herbst 1924 wurde er in den Preußischen Landtag, 1928 in den Reichstag gewählt. Parallel dazu gelangte Hermes in Führungsämter landwirtschaftlicher Organisationen: 1926 wurde er in den Aufsichtsrat der Deutschen Raiffeisenbank gewählt, 1928 wurde er Präsident der Vereinigung der deutschen Bauernvereine, der Zusammenfassung der katholischen Bauernvereine vor allem aus Bayern, Württemberg, dem Rheinland und Westfalen. Hermes suchte dieser Vereinigung eine stärkere ethische Ausrichtung zu geben. Im Zusammenhang mit der von ihm betriebenen Neuformulierung ihres Programms, das die christlichen und nationalen Grundgedanken stärker als bisher betonte, wurde sie 1931/32 umbenannt in „Vereinigung der deutschen katholischen Bauernvereine”.
Die Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre traf die Landwirtschaft schwer und besonders früh: Im März 1929 einigten sich die Führer der drei landwirtschaftlichen Spitzenorganisationen auf ein Zusammenwirken und die Zusammenfassung aller Kräfte in der „Grünen Front”. Präsident dieses lockeren Dachverbandes wurde Andreas Hermes, obwohl er nicht den mitgliederstärksten Verband führte.
Mehrere Monate eingesperrt
Wie manch ein anderer prominenter Zentrumspolitiker unterschätzte auch Hermes die Gefahr, die von Hitler und seinen Anhängern ausging. Auch nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung” glaubte er noch, er könne mit seinen Verbänden gegenüber der Regierung Hitler eine ähnlich sachliche Linie einnehmen, wie gegenüber den Regierungen zuvor. Ein Irrtum: Wie andere missliebige Repräsentanten der Weimarer Republik wurde er am 21. März 1933, dem „Tag von Potsdam” verhaftet, er stimmte über das Ermächtigungsgesetz (23. März 1933) also nicht mehr ab. Nach einer mehrmonatigen Untersuchungshaft wurde er wegen angeblicher Veruntreuung von Genossenschaftsgeldern zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.
So mancher Politiker der Weimarer Republik emigrierte. Der ehemalige Vizekanzler, Innen- und Justizminister Erich Koch-Weser emigrierte nach Brasilien und unterstützte Oswald Nixdorf beim Aufbau der Stadt Rolandia, einer Gründung deutscher Exilanten in Parana. Ernst Reuter fand eine Anstellung in der Türkei und arbeitete dort später als Professor. Und Andreas Hermes ging 1936 als Wirtschaftsberater der kolumbianischen Regierung nach Bogota. Ganz in der Linie der Genossenschaftsidee suchte er die Lage der abhängigen Kleinbauern durch Gründung von Genossenschaften, Schulung von Genossenschaftsleitern und den Aufbau einer Agrarbibliothek zu bessern. Aber Hermes´ Aufbauwerk blieb im Ansatz stecken: Als er seine Familie 1939 von Deutschland nach Kolumbien holen wollte, brach der Zweite Weltkrieg aus.
Die Rückkehr nach Kolumbien war versperrt, Hermes musste in Deutschland bleiben. 1943 verlor die Familie, inzwischen in Bad Godesberg, das frühere Haus in Berlin-Lichterfelde durch Bomben. Fast gleichzeitig kam die Nachricht, dass zwei Söhne gefallen waren, vom dritten Sohn gab es kein Lebenszeichen. In dieser Zeit bekam Hermes Kontakt zu Widerstandskreisen. Über den sogenannten Kölner Kreis des Kettelerhauses um Bernhard Letterhaus, Nikolaus Groß, Prälat Otto Müller, Heinrich Körner und Jakob Kaiser lernte er Wilhelm Leuschner, Joseph Wirmer und Carl Goerdeler kennen, dieser notierte ihn in einer seiner Ministerlisten als möglichen Landwirtschaftsminister. Diese Listen wurden vielen zum Verhängnis, als sie nach dem gescheiterten Attentat des 20. Juli der Gestapo in die Hände fielen: Andreas Hermes wurde am 22. Juli verhaftet und nach Auffinden der Listen am 11. Januar 1945 vom Volksgerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler wegen Hoch- und Landesverrats zum Tode verurteilt.
Volksgerichtshof: Ein Instrument des Terrors
In der Verhandlung verfolgte Hermes seine eigene Taktik. Er leugnete seine Beteiligung am Widerstand nicht und erklärte, dass seine Vorstellungen nur für den Fall gegolten hätten, dass das Deutsche Reich unter Adolf Hitler den Krieg verlieren und die Notwendigkeit einer neuen Regierung eintreten würde. Er äußerte dies in vollem Bewusstsein der bisherigen Urteilsfindung des Volksgerichtshofs, die jeden mit dem Tod bedrohte, der für den Fall der militärischen Niederlage seine Bereitschaft zur Übernahme eines hohen Amtes erklärte.
Aufgrund der Bemühungen seiner Frau und wahrscheinlich einiger Beamter im Reichsjustizministeriums, die seine Akten in ihren Schubladen vergruben, wurde der Hinrichtungstermin mehrfach verschoben. Aber erst der Einmarsch der Russen im April 1945 in Berlin befreite Hermes aus dem Kerker.
Als die Waffen schwiegen, berief die sowjetische Besatzungsmacht den unbelasteten Andreas Hermes an die Spitze der Ernährungsverwaltung in Berlin und zu einem der stellvertretenden Oberbürgermeister. Sein Plan, von Berlin aus 1945 ein neues Reichsernährungsministerium aufzubauen und diese für ganz Deutschland zentrale Verwaltung als Keimzelle anderer Zentralbehörden zu etablieren, scheiterte indes. Zusammen mit den Franzosen lösten die russischen Sieger die über Berlin hinausreichenden Referate kurzerhand wieder auf.
Mit dem selben Elan, wie er an seine Aufgabe als Ernährungskommissar gegangen war, begann Andreas Hermes mit dem Aufbau einer Partei, die Politik und Wiederaufbau in Deutschland aus christlicher Verantwortung gestalte. Der sowjetische Marschall Schukow legte Hermes nahe, die Zentrumspartei wieder erstehen zu lassen. Hermes dagegen favorisierte eine Partei, die über die Konfessionsgrenzen hinweg alle christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte der Mitte umfasste - auch jene, die sich nicht explizit zum Christentum bekannten, wohl aber die Grundsätze des Christentums im öffentlichen Leben akzeptierten. Nach zahlreichen Vorbesprechungen, an denen unter anderem Theodor Steltzer, Jakob Kaiser, Ernst Lemmer, Hans Lukaschek, Otto Lenz und Ferdinand Friedensburg teilnahmen, wurde am 26. Juni die Christlich Demokratische Union Deutschlands ins Leben gerufen. Ihr Gründungsaufruf enthielt teilweise wörtliche Anklänge an Formulierungen der Briefe, die Hermes in der Gefängniszelle geschrieben hatte. Doch auch in anderen Teilen Deutschlands, zumal im Rheinland, hatten sich Gruppen gebildet, die aus christlicher Verantwortung über alle Konfessionsgrenzen hinweg, politische Verantwortung übernehmen wollten.
Dass Berlin den Vorrang beanspruchte, versteht sich von selbst: Die Berliner Parteigründer betrachteten die Christlich Demokratische Union als Ausgangspunkt einer ganz Deutschland umfassenden Partei, worauf auch der Aufbau einer „Reichsgeschäftsstelle” in der Berliner Jägerstraße hindeutete. Dabei hoffte Andreas Hermes, als Reichsvorsitzender dieser Partei im übrigen Deutschland Anerkennung - und damit eine Basis zu finden, von der aus er mit den Sowjets Politik machen konnte.
Sein Ziel war, so das Nachrichtenmagazin Spiegel im Jahr 1970, „den Russen die ideologische und politische Neutralität Deutschlands zu offerieren und dafür den russischen Verzicht auf die gesellschaftliche Revolutionierung Mitteldeutschlands zu erlangen, die - das erkannte er deutlich - das Ende der deutschen Einheit nach sich ziehen musste.” Indes hatten die Russen schon zwei Monate nach der deutschen Kapitulation mit dem gesellschaftlichen Umbau in ihrer Zone begonnen.
Bedenkenlos wurde Hermes beiseite gestoßen
„Im September”, so der Spiegel, „verlangten sie von Hermes, er solle in einer Resolution der von ihnen schon im Juli verordneten Enteignung des „Feudaljunker-Bodens’zustimmen. Sie stellten ihm die Entlassung seines Sohnes aus russischer Kriegsgefangenschaft in Aussicht, wenn er zustimme.” Andreas Hermes, der sich wie Anfang der 1920er Jahre auf die strikte Wahrung des Rechts und des Privateigentums festlegte, beugte sich dem Druck nicht: Sein Sohn Peter Hermes verblieb bis 1950 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.
Auch die Teilnahme an dem im Dezember 1945 in Bad Godesberg stattfindenden „Reichstreffen” der christlichen Demokraten wurde Hermes verwehrt. Die Sowjets verweigerten ihm die Ausreise aus Berlin. Damit verlor Hermes in einem entscheidenden Moment die Möglichkeit, die weitere Entwicklung der entstehenden Partei zu beeinflussen. „Unmittelbar nach der Reichstagung”, so der „Spiegel”, „konnten die Russen bedenkenlos den lästig gewordenen Hermes beiseite stoßen. Ohne den Rückhalt im Westen bedeutete er nichts. Sie erzwangen seinen Rücktritt. Anstelle der von Hermes erstrebten Berliner Zentrale legte Adenauer in Godesberg das Fundament seiner Führerstellung im Westen. Im Januar 1946 wurde er in Herford zum CDU-Vorsitzenden der Britischen Zone gewählt.”
Man mag darin eine frühe Entscheidung für den weiteren politischen Weg sehen. Hermes, der der Bismarckschen These anhing, dass es Deutschland gut gehe, solange es in freundschaftlicher Beziehung zu Russland stehe, musste gegenüber Adenauers Konzept der Westintegration zurückstecken.
Ehrenvoll gescheitert, kehrte Andreas Hermes daraufhin ein zweites Mal zur Bauernpolitik und zum Raiffeisenverband zurück. Als dessen Ehrenpräsident starb er 1964. Sein Vermächtnis bleibt die in der Gefängniszelle, in Todesgefahr, gereifte Erkenntnis, dass ein Land nicht durch bloße Machtentfaltung gedeihen kann, sondern dadurch, dass es sich an den Prinzipien der Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde orientiert. Und dies bleibt Auftrag der christdemokratischen Bewegung, die Andreas Hermes mit initiiert hat.
Reinhard Nixdorf (Nm-W)


