Debatten und Diskussionen auf der 108. Vertreterversammlung im Kreis Recklinghausen

Die 108. Vertreterversammlung in Recklinghausen war für viele Kartellbrüder nicht nur ein langersehntes Wiedersehenstreffen nach zwei Jahren Corona, sondern auch ein Anlass, um wichtige Entscheidungen über die Zukunft des KV zu treffen.

Wenn Kb Kaplan Peter Schlippe (Mk, Tir) in seiner Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt den Blick auf die Hoffnung einer Zukunft bei Gott lenkte, der Christen, Kartellbrüder im Verband, bestimmen soll, zeigte sich, dass es bei diesen Beratungen um mehr ging als um die bloße Selbsterhaltung als Verband.

Zur Debatte stand nicht nur die künftige Finanzierung des KV - konkret höhere Beiträge (siehe Seite 139 ff.), sondern auch, wie künftig Entscheidungen zwischen den Vertreterversammlungen getroffen werden können:

Bis zur letzten VV in Freiburg 2019 traf sich der KV einmal in jedem Jahr: Zwei „kleine” VVen wechselten dabei mit einer „großen”, verpflichtenden, alle drei Jahre stattfindenden VV ab, auf der Satzungsanträge usw. beschlossen werden konnten. „Von diesem System haben wir uns aus unterschiedlichsten Gründen getrennt und sind dazu gekommen, dass wir uns nur noch alle drei Jahre zu einer verpflichtenden VV treffen”, sagte der scheidende Vorsitzende des KV-Rats Kb Manuel Kirsch (Sv, Rhein, Urb, Smn, E d Nbg). Dadurch werde aber die Arbeit der KV Gremien erheblich erschwert, „weil wir nur noch alle drei Jahre für drei Jahre entscheiden können - sei es Haushalt oder was auch immer. Alle entscheidenden Dinge, die nicht mit Satzungsänderungen oder Beitragsänderungen zu tun haben, können in den Jahren dazwischen nicht behandelt werden, es können keine Voten eingeholt werden, es sei denn, wir würden eine außerordentliche VV, einen außerordentlichen Altherrentag oder ähnliches einberufen, was in diesen Fällen auch wieder extrem viel Geld kosten würde.”

Deshalb änderte die VV in Recklinghausen die Satzung dahingehend, dass für die Zeiträume zwischen den alle drei Jahre stattfindenden Vertreterversammlungen ein Hauptausschuss die nötigen Entscheidungen treffen solle - ein Gremium, das es in der Vergangenheit im KV bereits gab und dem zwölf Aktive und zwölf Altherrenvertreter aus unterschiedlichen Korporationen des KV angehören werden. Dieser Hauptausschuss wird in den Jahren, in denen keine große VV stattfindet, zusammen mit dem Aktiventag zusammenkommen. Möglich ist eine Teilnahme per Zoom.

Kartellbrüder wechseln nicht nur ihren Wohn- oder Studienort, sondern auch ihre E-Mail-Adressen. Oft wird versäumt, diese Änderung dem KV-Sekretariat mitzuteilen. Schwierig wird die Angelegenheit, wenn es sich um Kartellbrüder handelt, die eine Charge übernommen haben: Das KV-Sekretariat kann sie dann nicht mehr erreichen. Deshalb beschloss die VV die Einführung spezieller E-Mail-Adressen für Funktionsträger, Altherrenvereine, Ortszirkel und Korporationen.

Zu den AM gibt es auf VVen oft die unterschiedlichsten Anträge, denn die Wünsche an ein Verbandsmagazin ändern sich. Abgelehnt wurde der von der AM-Redaktion gestellte Antrag, die Schriftgröße zu erhöhen, sowie Anträge, die AM ab 2026 nur noch virtuell erscheinen zu lassen und darauf zu verzichten, den Verbindungshäusern künftig fünf Print-Ausgaben zuzustellen.

Viel diskutiert und unentschieden blieb die Frage der Vertretung der Ortszirkel auf den VVen, bilden sie doch neben Aktiven und Alten Herren die „dritte Säule” des KV.

Das Organisationskomitee rund um den in Recklinghausen gewählten künftigen KV-Ratsvorsitzenden Dr. Markus Wittenberg (Mk, Li, AR, Smn, E d Wk) hatte ein buntes Programm für die begleitenden Angehörigen und Freunde der Delegierten zusammengestellt, vor allem das Abendprogramm, dürfte niemanden gelangweilt haben. „Wir wollen doch versuchen, aus der VV eine Veranstaltung zu machen, wo man die ganze KV-Familie zusammenbringt”, sagte Kb Dr. Markus Wittenberg und bat um Rückmeldungen, um zu ermessen: „Wie kriegen wir das in Zukunft hin, wenn wir nicht die preisgünstigen Rahmenbedingungen einer Stadt wie Oer-Erkenschwick haben, sondern wieder einmal in München, Münster, Frankfurt oder sonstwo tagen?”

Dank und Beifall gab es für Kb Manuel Kirsch (Sv, Rhein, Urb, Smn, E d Nbg). Nach drei Jahren engagierter Amtszeit gab der bisherige Vorsitzende des KV-Rats das Staffelholz weiter an den Recklinghäuser Arzt Dr. Markus Wittenberg, den bisherigen Vorsitzenden des Altherrenbundvorstands. Der neue Mann an der Spitze kennt den KV aus dem „ff” und ist gut vernetzt.

Dass es in der künftigen Legislatur neben Organisatorischem und der finanziellen Sicherung des Verbands darum geht, Korporationen in ihrer weiteren Entwicklung zu begleiten und dabei die Einheit des KV zu bewahren, machte Markus Wittenberg deutlich, wenn er sagte: „Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, wie gehen wir mit den Vereinen um, die strukturelle Satzungsänderungen anstreben - Stichwort Mitgliedschaft von Studentinnen”. Dazu gäbe es bei den einzelnen Kartellvereinen „ganz unterschiedliche Hintergründe”, die im direkten Gespräch ausgelotet werden müssten, „um zu schauen: Ja, da ist noch eine Basis der Gemeinsamkeit, der Kooperation, oder da ist ein Kartellverein, der sich einfach anders entwickelt hat, und ist nicht mehr gängigerweise das, was man als KV-Verein versteht”. Denn: „Wir sollen und wollen gerne unterschiedlich sein, die Frage ist nur: Wie unterschiedlich hält noch irgendwie zusammen, dass das ganze auf einer Ebene steht? Das wären die Dinge, die ich mir vorstellen und angehen möchte in den nächsten drei Jahren und hoffe, dass dies gute Früchte tragen wird.”

Zum neuen Vorsitzenden des Altherrenbundsvorstands wurde Kb Harald Stollmeier (Gm) gewählt. Der Pressesprecher einer Krankenkasse in Duisburg hatte dieses Amt schon einmal vor einigen Jahren inne und weiß damit, was auf ihn zukommt. Sein Stellvertreter wird Kb Dr Philipp Fondermann (Mk, Ebt, Smn) sein.

Den Vorsitz des neuen Vororts wird Kb Vinzenz Frey (Rh-F) übernehmen. der im zweiten Semester in Würzburg Geschichte und Politikwissenschaften studiert. Zusammen mit dem KStV Walhalla wird der KStV Rheno-Franconia Würzburg den Vorort im WS 2022/23 und im SS 2023 stellen. Der Aktiventag im Herbst wird in Würzburg stattfinden. Ort der nächsten VV 2025 wird Dresden sein.

Reinhard Nixdorf (Nm-W)

Ausgelassener Festkommers mit wissenschaftlichem Tiefgang

Mit gutem Gewissen und Ausgelassenheit konnte und durfte man in den Samstagnachmittag der 108. VV im Kreis Recklinghausen starten. Die vorbildliche Tagungsdisziplin der Delegierten und das an Zielstrebigkeit nichts vermissen lassende Fingerspitzengefühl des Tagungspräsidiums führten dazu, dass vor Beginn des festlichen Höhepunktes der VV bereits alle Wahlen durchgeführt, alle Anträge abschließend beschlossen und auch alle sonstigen Tagesordnungspunkt erledigt waren.
Kartellbrüder und Gäste fanden sich um 17:30 Uhr in der zweiten Hauptkirche Recklinghausen, der Pauluskirche, ein, wo Zelebrant Kaplan Johannes Kutter (Arm, Rh-I) aus dem neu formierten Seelsorgeteam des Kartellverbandes eine eigene Heilige Messe mit den Anwesenden feierte. Der Gottesdient wurde von zahlreichen Chargen begleitet, die den Altarraum bunt ausschmückten.
Anschließend ging es zurück zum Tagungshotel Stimbergpark, wo der große Festkommers der 108. VV steigen sollte. Die mehr als siebzig anwesenden Chargen zahlreicher KV-Bünde aus der ganzen Bundesrepublik gaben ein großartiges und festliches Bild ab. Souverän leitete der hohe VOP Kb Cedric Bohnet durch den Festkommers.

Unbekanntes Grundrecht Sprachenfreiheit

Höhepunkt des Abends war die im Rahmen des Kommerses stattfindende Verleihung des Carl Sonnenschein-Preises. Der mit 4.000 Euro dotierte Förderpreis für junge Nachwuchswissenschaftler des Verbandes ging an Dr. iur. Nico Schmidt (Urb, Als, Sv) für seine Dissertation mit dem Titel „Das Grundrecht der Sprachenfreiheit“. In einer kurzweiligen Laudatio vollzog sein Doktorvater Prof. Dr. Burkhard Schöbener einerseits den Werdegang von Kb Schmidt vom Seminar bis zum ausgezeichneten Doktor der Rechte nach und gab andererseits Interesse weckende Einblicke in die Genese seiner Doktorarbeit.
Zunächst sei ihm als Doktorvater der Themenvorschlag nicht ganz einleuchtend gewesen, denn für einen Rechtswissenschaftler sei die menschliche Sprache eine Selbstverständlichkeit. Im Grundgesetz ist von Sprachenfreiheit nichts zu lesen und Forschungen rund um die freiheitsrechtlichen Aspekte von Sprache im Bereich der Grundrechtsdogmatik fehlten bis dato. Doch genau dieser blinde Fleck machte Nico Schmidts Untersuchungen nur noch interessanter. Er klassifizierte Sprachfreiheit als ein unbenanntes Grundrecht, zeigte seine Beschränkungen durch staatliche Vorschriften auf und machte es dadurch im rechtswissenschaftlichen Diskurs erstmals sichtbar.
Sein persönliches Sprachentalent und die interdisziplinären Erfahrungen aus dem Studiengang der Rechtslinguistik waren Nico Schmidt hierbei sicherlich sehr hilfreich. In seiner anschließenden Dankesrede bedachte er seine Eltern, seinen Doktorvater, Freundin und Freunde und auch Kartellbrüder, die ihn bei seinem Werdegang unterstützend zur Seite standen.
Die Verleihung des Carl-Sonnenschein-Preises findet traditionell im Rahmen der KV-Tage statt und wurde auf Grund der Corona-Pandemie dieses Mal auf der VV nachgeholt. Von vielen Kommersgästen war im Nachgang zu hören, dass sie Interesse haben, die Dissertation von Kb Schmidt einmal selbst zu lesen, erwies sich das Thema doch als vergleichsweise lebensnah und untypisch für rechtswissenschaftliche Untersuchungen.
In den anschließenden Grußworten richtete der designierte Vorortspräsident Vinzenz Frey (Rh-F) einige Worte an die versammelten Chargen und die Corona, außerdem lud die K.St.V. Abraxas-Rheinpreußen zur 109. VV nach Dresden im Jahr 2025.

Recklinghausens Zukunft liegt auf dem Wasser

Das wohl unterhaltsamste Grußwort des Abends hielt der Fraktionsvorsitzende der FDP im Rat der Stadt Recklinghausen, Udo Schmidt. Mit lokalpatriotischem Charme lobte er den Kartellverband dafür, seine Vertreterversammlung im Kreis Recklinghausen durchzuführen und dankte dem Ortskomitee für die Planungen des Rahmenprogramms. Gleichzeitig offenbarte er den Anwesenden einige unbekannte Höhepunkte seiner Heimatstadt wie zum Beispiel den Hafen. Auf den, so Schmidt, seien die Recklinghäuser besonders stolz, denn immerhin sei es der kleinste Hafen in ganz Europa. Neben Herrn Schmidt vertrat die lokale Politik noch die erste stellvertretende Landrätin Martina Eißing (CDU).
Die Lust der versammelten Festcorona und der Chargen am stimmgewaltigen Singen couleurstudentischer Lieder und dem einen oder anderen kühlen Bier nach einer langen pandemiebedingten Abstinenz war spürbar. Die Freude und Erleichterung, endlich wieder in so feierlichem Rahmen zusammenkommen zu können belebte den ohnehin schon stimmungsvollen Kommers zusätzlich. Während einige den Abend in der Lobby des Tagungshotels ausklingen ließen, ging es vor allem für die Aktiven mit dem Shuttle wieder nach Recklinghausen, wo sie dank des von den KbKb Nicolas Oex (Wk) und Simon Wildermann (Wk) gestalteten Kneipen-Guides eine feuchtfröhliche Nacht verlebten.

David Kockerols (Alb, Ale, Smn,AR)