Ein unvollendetes Opus magnum

Auf dem Weg zu einer neuen Sexualethik

Wie ein erratischer Block aus ferner Zeit ragt die katholische Sexualmoral in die liberalen Gesellschaften. Sie erscheint vielen kaum mehr lebensrelevant und ist auch in der Kirche hoch umstritten. An den Versuch, sie im Dialog mit moderner Biologie, Psychoanalyse, Sexual- und Sozialwissenschaft sowie Kulturanthropologie zu erneuern, machte sich im Jahr 2019 der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff - 2001 bis 2016 Mitglied des Deutschen Ethikrats -,  nach einem Referat vor den katholischen deutschen Bischöfen. Sein Entwurf einer „Kunst zu lieben“, der mit dem Untertitel „Unterwegs zu einer neuen Sexualethik“ 2021 erschien, blieb unvollendet: Der Autor, Tübinger Alamanne und vielen Kartellbrüdern als Redner des Festvortrags der Vertreterversammlung 2019 in Freiburg in bester Erinnerung, starb im Juli 2020 an den Folgen eines Unfalls. Den fast fünfhundert  Seiten des schon erstellten Textkorpus fehlen aber nur Teile des letzten Kapitels zu speziellen Problemfeldern.

Der weite Bogen der Grundlegung beginnt mit der Analyse einer „Entdramatisierung“ und eines „Strukturwandels der Sexualität“, der die selbstbewusstere Rolle der Frauen, eine größere Vielfalt sexuellen Begehrens, Self-Sex-Praktiken, Cyber-, Telefon- und Robotersex sowie Pornographie umfasst. Hier diskutiert Schockenhoff Theorien etwa von Herbert Marcuse, Wilhelm Reich, Margaret Mead, Ruth Benedict, Helmut Schelsky, Bertrand Russell, Ulrich Beck, Volkmar Sigusch und Martin Dannecker.

Es folgen „genealogische Tiefenbohrungen“ zur Entstehung kirchlicher Sexualmoral in der Patristik – bei besonderem Augenmerk für „das zwiespältige Erbe des Augustinus“ –, zur Rezeption aristotelischer Naturphilosophie im Hochmittelalter sowie zu „Verschärfungen in der frühen Neuzeit“.

Teil III erörtert theologische Aufbrüche vor und während des Zweiten Vatikanischen Konzils mit der Abkehr von der traditionellen „Ehezwecklehre“ und Kontroversen um die „verantwortete Elternschaft“. Es folgte ein „Schritt zurück“ durch die Enzyklika „Humanae Vitae“, eine „personalistische Vertiefung“ durch Johannes Paul II. und die „größere Wertschätzung gegenüber der Eigenständigkeit des Gewissens“ bei Verzicht auf bisherige Verurteilungen unter Papst Franziskus („Amoris Laetitia“, 2016). Katholische Lehrkorrekturen erfolgen mit Rücksicht auf den Wahrheitsanspruch eben meist implizit per „Kompostierung“ (Josef Isensee): Veraltete Lehren werden nicht widerrufen, sondern durch Beschweigen abgelegt und allmählich von einer neuen Schicht an Nuancierungen, Neuakzentuierungen und Umdeutungen überlagert und aufgelöst.

In die systematischen Teile zu Bedeutungsdimensionen menschlicher Sexualität, biblischen Perspektiven und ethischen Prinzipien sowie „Lebenskreisen und Lebensräumen der Liebe“ arbeitet Schockenhoff empirische Befunde ein, etwa zur Familiengründung oder gewollter Kinderlosigkeit. Interdisziplinär fächert er Sinndimensionen von Sexualität, Ehe und Familie auf. So kommt der Eindruck von „Abgehobenheit“ und mangelnder „Anschlussfähigkeit“ der Theologie erst gar nicht auf. Lernbereite Offenheit und souveräne Verknüpfungskompetenz machen dem Anspruch des Konzils alle Ehre, die „iusta autonomia“ der Kultursachbereiche anzuerkennen: „Durch ihr Geschaffensein“ haben „alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit sowie ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigenen Ordnungen, die der Mensch unter Anerkennung der den einzelnen Wissenschaften und Techniken eigenen Methode achten muss“ (Gaudium et spes 36).

So bedauerlich es ist, dass das Werk im Kapitel zu Spezialfragen schon im ersten Abschnitt „Voreheliche Lebensgemeinschaften“ abbricht, so erschließt doch schon das Sachregister, dass Themen, die hier zu behandeln wären, bereits vorher angesprochen wurden. Zum Zankapfel Homosexualität etwa findet man dreizehn zum Teil mehrseitige Abschnitte in den ersten sechs Kapiteln. Nicht nur auf dieses unvollendete opus magnum bezogen, bleibt Eberhard Schockenhoffs früher Tod ein herber Verlust für Theologie und Kirche in einer Gesellschaft, die dringend auf der Höhe ihrer Zeit „sprechfähiger“ christlicher Gelehrter bedarf.    

Dr. Andreas Püttmann