Eine VV - Konstruktiv und Kartellbrüderlich
Die VV 2022 in Oer-Erkenschwick war fast harmonisch, ohne Streitereien oder gar persönliche Auseinandersetzungen. Sicherlich mit teils längeren Debatten, das ist gut und hilft, die eigene Meinung zu überdenken, das kann auch eine Bestätigung sein. Die Regelungen zur Geschäftsordnung scheinen, zumindest auf der VV und dem AHT bekannt zu sein und angewandt zu werden. Marc Lenzke führte souverän durch die VV und den AHT: locker und witzig, wenn möglich, mit straffen Zügeln, wenn nötig. Chapeau!
Beginn mit einer Hiobsbotschaft
Dabei hatte die Veranstaltung mit der Hiobsbotschaft über Herrn Schmöller aus dem KV-Sekretariat begonnen, dem IT- und Datenschutzbeauftragen des KV. Überraschend verstarb er drei Wochen vor der VV, seine Aufgaben mussten in Sekretariat und Tagungsbüro von anderen übernommen werden. Es hat bestens funktioniert. Jedoch möchte ich nicht wissen, welche Mühen und Ideen das Team des KV-Sekretariats auf sich nahm, um die anstehenden Aufgaben zu lösen. Völlig zu Recht wurden die vier namentlich am Ende geehrt und mit minutenlangem Applaus bedacht. Mir ist seit langem klar, dass der KV ohne das Team im Sekretariat nicht einmal die Hälfte wert ist.
Die Berichte wurden am Donnerstag zügig abgehandelt, es ging noch in die ersten Anträge, die zustimmend behandelt wurden. Die strittigen Fragen der (Satzungs-)Anträge wurden am Samstag behandelt und sachlich diskutiert. Meine schlimmsten Befürchtungen wurden nicht erfüllt; stattdessen gab es sachliche, aber schon lebhafte Diskussionen, klare Abstimmungsergebnisse, die ich mir erhofft, aber in der Klarheit nicht erträumt hatte. Mancher Antrag, der den KV in den Grundfesten erschüttert, wenn nicht sogar zerstört hätte, haben schon die Aktiven abgelehnt. Ich sollte mehr Vertrauen zur (Schwarm-)Intelligenz unserer Aktiven haben.
Es gibt eine neue KV-Führung: Manuel Kirsch hat die Option einer zweiten Amtszeit ausgeschlagen, so konnte Markus Wittenberg gewählt werden. Gemessen an seinem bisherigen Engagement für den KV spricht viel dafür, dass er dieses Amt gut ausfüllen wird - wie schon Karl Kautzsch.
Nach seiner „Elternzeit“ (sozusagen Vaterschaftsurlaub vom KV) ist Harald Stollmeier als AHB-Senior wieder da, kaum dass er fünfzehn Jahre weg war.
Der neue Vorortspräsident wird bei seinem Amtsantritt in seinem dritten KV-Semester sein, das ist mutig; andererseits gab es das „in früherer Zeit“ regelmäßig und gute Leute schaffen das.
Die leidige Beitragsfrage
Was den Antrag zum Beitrag angeht, war ich zunächst ungehalten, später, offen gestanden, entsetzt. Dass die Erhöhung beantragt werden würde, war mir klar, die 67,00 Euro waren schon bei der Beschlussfassung knapp bemessen. Aber wo waren die Rabatte für diejenigen, die ihre Hausaufgaben in der Verbindung oder Ortszirkel ordentlich erledigen und die technischen Hilfen nutzen, um das Sekretariat zu entlasten?
Nach dem sehr guten Bericht des Haushaltsausschusses durch Kb Heineke war mir klar: selbst mit den beantragten 75,00 Euro€ wird das unmöglich sein. In zehn Jahren sind wir weniger als sechstausend Alte Herren. Das sind nochmals dreitausend weniger als heute. Dreitausend mal 67,00 Euro sind zweihunderttausend € jedes Jahr. Von den kolportierten und bei einigen immer noch im Kopf schwirrenden 12.000 Alten Herren sind wir schon lange weg, also fehlen nochmals zweihunderttausend € jedes Jahr. Es war logisch: Es kann keine Rabatte geben und auch die jetzt beschlossenen 75,00 Euro (bis 2025), 85,00 Euro (bis 2028) und dann 100,00 Euro € sind – gelinde gesagt – ambitioniert. Das gelingt günstigstenfalls dann, wenn die angenommenen Prämissen eintreten, z. B. eine Inflation von drei Prozent UND alle Karteller bei der Verwaltung mithelfen und ordnungsgemäß ihre Datenveränderungen melden - und das ausgerechnet im individualistischen KV.
Einige KbKb wollten jetzt schon auf 100,00 Euro bzw. 120,00 Euro, um nach Art des legendären Vorsitzenden des Verbandskassenausschusses Raimund Kassner über Ansparungen den Beitrag voraussichtlich zehn Jahre stabil zu halten. Ich weiß nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein soll. Ein Kb wollte den Betrag auf 67,00 Euro € halten; dann hätte ab Januar 2023 der KV seine Leistungen praktisch einstellen und eventuell sogar abgewickelt werden müssen. Das kann ja wohl niemand wollen.
Schlicht entsetzt bin ich auch darüber, dass wir jedes Jahr ein Drittel der ins Arbeitsleben wechselnden Aktiven verlieren, rund hundert KbKb. Offenbar „verdunsten” sie einfach. Wie kann das zugehen? Betrachten Studenten das Verbindungsleben nur als (zeitliches) Projekt? Billiges Wohnen?
„Verdunstende” Kartellbrüder
Das JA-Sagen bei der Promotion auf Lebenszeit ist für einen 20-Jährigen schon ein bedeutendes Momentum, bei mir damals mit heftigem Schluckreflex (dafür war das JA-Sagen bei der Hochzeit dann fast schon Routine). Aber als irgendetwas Zeitliches habe ich den Eintritt nicht gesehen. Oder verbleiben Jungphilister noch bei den Aktiven verbucht, um den Philisterbeitrag zu sparen? Das gibt es wohl regelmäßig; ich glaube das nicht, oder besser, ich will es nicht glauben.
Bei den Philistern sieht es nicht besser aus: in (zu) vielen Verbindungen treten mehr Alte Herren aus als versterben. Die Gründe mögen für jeden individuell sein, aber im Grunde haben sie die (Ver-)Bindung zu ihrer Verbindung verloren. Das gilt auch für Berufseinsteiger: Keine Möglichkeit mehr, zu ihrer geliebten Aktivitas zu gehen, somit Kontaktverlust.
Ich wiederhole es immer wieder: die Ortszirkel sind der Ort, um Gemeinschaft des KV weiterhin zu erleben. Also geht alle hin und macht die Zirkel wieder lebendig! Ich bin auch erst 1993 im OZ Gloriosa KVer geworden. Wir verlieren zu viele in den Philisterien, das sind pro Jahr rund zwanzigtausend Euro (in Zahlen bis zu 20.000 Euro), das ist viel Geld und in der Tendenz stark steigend.
Auf die nächste VV 2025 in Dresden bin ich gespannt. In Recklinghausen war das Rahmenprogramm sehr umfangreich. Die Organisatoren hatten sich viel Mühe gegeben und ein abwechslungsreiches Programm initiiert. Die Abendveranstaltungen bei Boente und im Dolce Vita waren wunderbar für das Kennenlernen, das Wiedersehen und die Gespräche.
Mein Fazit zur VV: Wir haben intensiv gearbeitet, teils intensiv gerungen, sind aber kartellbrüderlich miteinander umgegangen. Ob es daran lag, dass Oer-Erkenschwick etwas abseits liegt? Oer-Erkenschwick und Recklinghausen sind keine Studentenorte, es waren keine Couleurbummel bei anderen Verbänden möglich. Es verlief sich nichts, auch nicht bei den Alten Herren; dafür waren wir zusammen und haben miteinander gesprochen. Nichts gegen Aachen, Freiburg oder Dresden, vielleicht sollten wir öfters in Orten wie Oer-Erkenschwick oder Recklinghausen tagen.
August Peter Gräff (Lu, Li, Smn, Erm, Urb)

