Woran sich Leidenschaft entzündet
Ein Studentenverein ist ein beliebter Heiratsmarkt. Offenbar bilden die dort üblichen Formen der Sympathiewerbung ein System des Charmierens, das nach einer Erklärung verlangt.
Alles beginnt mit dem Schmetterlingscharme einer zarten Annäherung.
Stets vereint sich der Zauber der Gefühle mit dem Regime der Vernunft zu einem widerstrebenden Zusammenhang. Beide umkreisen die gemeinsame Mitte einer Einheit im Widerspruch. „Fühlst du nicht an meinen Liedern,/ Dass ich Eins und doppelt bin?“ (Goethe). Der Einbruch der Vernunft in das Reich der Gefühle erscheint uns unnatürlich, wenn Erwägungen vor Unwägbarkeiten versagen. Prüfen lassen sich Gefühle nicht, allenfalls empfinden. Der altgriechische Mythos von Eros als blindem Bogenschützen ergreift daher rückhaltlos Partei für das Gefühl und stellt Bedenklichkeiten wissentlich hintenan.
Der Widerspruch von Sinn und Sinnlichkeit entspricht zwar nicht den Regeln der Logik, findet aber breiten Zuspruch. Das Ringen der beiden Gegenspieler vollzieht sich in Vereinigung und gleichzeitiger Distanznahme wie beim Tango, genauer von zwei Ringern am Rande des Abgrunds.
Wenn du deinen Wissensdurst offenbarst oder nach Rilke: „... lass uns lernen von der Rose/ was du bist und was ich bin ...“, dass ich in dir nun erst mich kennenlerne, so bist du bereits ein Opfer weiblicher Reize. Huldigungen an die Schönheit sind riskant, weil sie deine Schwachstellen offenlegen. Unverzüglich zieht sie ihre Schlüsse und geht zum Gegenangriff über. „Dich hinzaubern und vergehen lassen,/ Immer spiele ich das eine Spiel“ (Lasker-Schüler). Die Folgen sind fesselnd: „Muss in ihrem Zauberkreise/ Leben nun auf ihre Weise“ (Goethe). Der römische Dichter Catull beschreibt es so: „Die Frau lockt und betrügt, versöhnt und verhöhnt, bestrickt und verrät.“ Cosi fan tutte! In diesem „Zauberkreise“ ringen Sinn und Sinnlichkeit, Vernunft und Gefühl offenbar als gleichmächtige Antriebe menschlichen Handelns miteinander, freilich ungleichgewichtig eher in England oder in Italien.
Das Spiel des Neckens geht hervor aus den Eigenschaften der Mitspieler.
Wider Erwarten dominieren in der frühen Phase der Begegnung weder Edelmut, Eleganz oder Schönheit, sondern vordergründig der Stil des Auftretens: Der Augen süßer Blitz, die offenen Pupillen, der wohlgesetzte Fuß, die zierlichen Gebärden: „Dich sah ich, und die milde Freude/ Floss von dem süßen Blick auf mich;/ Ganz war mein Herz an deiner Seite,/ Und jeder Atemzug für dich“ (Goethe).
Die Harmonie von Ausstrahlung, lebendigem Reiz und Charakter faszinieren den Mann. Die Bewunderung einer Frau, die dem ersten Blick, ob gewürdigt oder gar erwidert, als ein „Gegenstand“ der Faszination erscheint, hinterlässt eine fatale Ergriffenheit, verharmlost als Entzücken. Die „Vergegenständlichung“ schafft die Fähigkeit zu leiden, Leidenschaft zu wecken, aber auch die Phantasie anzufeuern. In der Imagination erleben wir jene Zuneigung, die alles an ihr Herz ziehen und sich vereinigen will.
Ergriffenheit wird die entscheidende Voraussetzung für ein Spiel, das sich dem verführerischen Zauber weiblicher Finessen öffnet: Eine Frau weiß immer mehr, als sie zu wissen vorgibt. Hinter der Maske vorgetäuschten Nicht-Wissens weiß sie vor allem, die Figuren ihres Spiels zu führen, zu locken und zu verweigern. Winkelzüge dieser Art üben einen süchtig machenden Reiz aus, zumal das Vergnügen zum Wortwitz reizt. Dem Wechsel der Blicke folgen die Worte. Gefühle werden Sprache, Worte wecken Gefühle einer beseelteren Welt. Elegante Rede, vollendete Manieren und scharfer Witz steigern den Genuß. Aus rhetorischen Possen entsteht ein süßer Rausch, der zu Lebensfreude begeistert, den Geist erhellt, die Seele erheitert. Woran sich Leidenschaft entzündet, läßt sich im einzelnen kaum aufzählen, doch fördert die Magie der Andersartigkeit in der Form verwirrender Vernunftlosigkeit eine verzehrende Sehnsucht.
Auch wenn die Widersprüche als Bitterkeiten erlebt werden, verdienen sie Bewunderung, weil sie das, woran Romantiker tragisch zugrunde gehen, in rückhaltlose Freude verwandeln.
Ohne Metaphysik empfinden unsere Sinne den Widerspruch von Leib und Seele als Einheit. Nur ein blinder Dogmatismus vermag an der Trennung von Leib und Seele festzuhalten.
Sie galt in Europa nicht vor dem siebzehnten Jahrhundert (René Descartes), die galante Welt des achtzehnten Jahrhunderts (Giacomo Casanova) hat sie geleugnet, andere Kulturen kannten sie erst gar nicht.
Die Bejahung des Widerspruchs gelingt am leichtesten durch die verschönernde Verkleidung, weil Schönheit die Zuneigung erleichtert. Wer kann all die Intrigen von Kosmetik und Toilette durchschauen? Versprechen die Augen, aus denen Blitze schiessen, wirklich Temperament oder soll ihr Feuer nur blenden? Der schöne Schein begünstigt zahlreiche Mißverständnisse des „Quiproquo“. Bekanntlich weiß das neckische Kammerkätzchen der Rokoko-Operette die Maske der schönen Verkleidung raffiniert zu nutzen, verwandelt Identitäten, entlarvt Überraschungen, verbirgt die eigenen Gefühle.
Wer wird in dem heranrollenden Wanken und Zittern der Wahrnehmung nicht aus sich heraustreten, entrückt ein anderer werden, im stillen lieben, leiden und lernen? Das Spiel ist jedoch weder Liebe noch Abenteuer, es ist nichts als eine Situation nach den Regeln des Theaters. Auf dieser Bühne kann die Rolle der „wahren Frau“ nicht nur „die Eine“ besetzen, für die man besinnungslos darauflos empfinden würde. Das Erkenntnisstreben zielt auf über - individuelle Merkmale, auf das Wissen über die weibliche „Natur an sich“.
Die Sehnsucht wird ein ganz bestimmtes Wesen erst dann begehren, wenn das Bild mit der Wirklichkeit übereinstimmt: Du bist so schön, du bist so blond, du hast so lange Beine ...
Male sie ganz nach deinem Sinn, der Verehrten so ähnlich wie möglich, der Angetrauten so unähnlich als dein Gewissen es erlauben mag. Genieße die Wonnen der Träumerei!
Weiter als dein Auge reicht die Phantasie, sie ist das stärkste Aphrodisiakum. Das heimliche Bild einer Frau, ohne Grund und ohne Folgen, bleibt einsam nur dem inneren Auge vorbehalten. Da sie ein Phantom ist, weiß man zugleich, dass man ihr weder in Gedanken noch in Taten näherrückt: Das Besitzstreben, das nur eine Richtung kennt, wird die ferne Figur nicht einmal berühren. Das ohnmächtige Nichtstun – Können quält dich stattdessen mit Erregung.
Aus dem Erlebnis des Schönen erreichst du als Ziel deines Handelns nicht mehr als eine wechselnde Befindlichkeit. Alle denkbaren Rauschmittel, Tänze mit hypnotischer Rhythmik oder bacchantischer Taumel enden wie dein jetziges Befinden in außeralltäglichen Entrückungen. Doch dein Begehren würde dich zum Wahnsinn treiben, wenn nicht eine Theaterbühne für den Halt eines Rahmens sorgte. Genau darauf ist das Werben angewiesen, auf eine „gute Gelegenheit“. Rasch erscheint sie dem kühn Verwegenen, er wird sie ergreifen, festhalten und auskosten. Man findet sie in präzisen Arrangements - oder in einem Studentenverein.
Jene „Schaukel“ im Park von Antoine Watteau ist so wohlbedacht wie die „Einschiffung nach Cythera“. Jede Chance zu Mythos, Poesie, Glücksgefühl oder Rausch bedient sich der Inszenierung kunstvoller Spontaneität, um Worte über die Lippen zu bringen wie: „Wo kann ich dich wiedersehen?“ Die Gunst des Augenblicks wird der Günstling des Geschicks: Meine gute Gelegenheit ist die der Frau, die sich mir nähert und der Abstraktion ein Ende setzt.
DDr. phil.habil Paul Ridder PD emer. (Mk)
