Seit 150 Jahren in Aachen

Auf dem Schreibtisch ein Buch: 248 Seiten hochwertiges Werkdruck-Papier; Format 26, 5 x 19 Zentimeter, Gewicht 1000 Gramm, etwa 130 farbige Abbildungen, dazu ungezählte schwarz-weiße; der Text im Satzspiegel 21 x 13 Zentimeter zweispaltig gesetzt. Dieses Opus magnum sei im Folgenden näher vorgestellt.    

Wer in Aachen Geschichte studiert hat, weiß, welche Hauptpunkte eine wissenschaftliche Rezension aufzuweisen hat: Inhalt, Quellen, Einzelkritik, Gesamturteil. Es ist klar, dass man dem in einer Zeitschrift von dreißig Seiten Umfang in diesem Fall nicht gerecht werden kann. Im Folgenden ist Beschränkung nötig.

Das Gesamturteil vorweggenommen: Mit diesem so umfangreichen wie gewichtigen Opus haben sich die Aachener Carolingen ein Denkmal gesetzt. Im Zusammenspiel von Kennen und Können zeigt sich hier, zu welchen Spitzenleistungen Verbindungen auch heute noch fähig sind. Besonders hervorzuheben sind dabei die Kartellbrüder Georg Lauer und Günter Freiberger. Unter Lauers Redaktion erschien schon 2018 im selben Verlag ein Werk zum zweihundertjährigen Bestehen des berühmten Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf. Der Band zum Einhundertfünfzigsten der Carolingia übertrifft den älteren noch ein wenig.

Letztere Feststellung gilt besonders im Hinblick auf die Mitarbeiter am Werk. Bei deren Auswahl hat der Redakteur Georg Lauer eine glückliche Hand bewiesen. So hat z.B. Kb Wolfgang Löhr einen aktualisierten Beitrag abgeliefert, den er einst für den Geschichtsverein für das Bistum Aachen und dessen Jahrbuch „Geschichte im Bistum Aachen“ schrieb: „Caroli treue Söhne sind wir ja! Die Anfänge des ersten Aachener katholischen Studentenvereins Carolingia“. – Theo Thywissen und dem verstorbenen Orthopäden an der Technischen Hochschule Aachen, Jochen Ohnsorge, verdanken wir die schon 1991 in den „Akademischen Monatsblättern“ veröffentlichten „120 Jahre Carolingia“ (hier: 45 - 54). Von dem Dombaumeister und Professor an der TH Josef Buchkremer (1864 - 1949) stammt ein Beitrag über das von Carolingia 1921 gestiftete und im Krieg zerstörte Fenster in der Nikolauskapelle des Doms, von Anette Jansen-Winkeln über die 1951 erfolgte Neustiftung, gewidmet den Gefallenen und Toten des Vereins. Der Entwurf zu diesem zweiten Carolingen-Fenster im Aachener Dom stammte von dem bekannten Glasmaler Anton Wendling. An der TH unterrichtete er bis zu seiner Emeritierung 1959 die Studenten im Freihandzeichnen.

Freiberger und Lauer dokumentieren nahezu aufregend die Restaurationsgeschichte von Teilen des Dominventars, z.B. des Proserpina-Sarkophags („Carolus – unauffindbar präsent“; 69-86). Insgesamt dreizehn Autoren haben Beiträge für diesen Pracht-Band geschrieben. Sie zu koordinieren und die Einzelbeiträge aufeinander abzustimmen, ist schon eine redaktionelle Leistung an sich.

Von höchstem Gebrauchswert ist die aus 173 Daten – zum Großteil mit Tagesangaben – bestehende Liste „Von Carolus zu Carolingia“. Sie ist sinnvollerweise dem Buch vorangestellt und verzeichnet Ereignisse aus Politik und Gesellschaft, Kirche und KV, TH Aachen und KStV Carolingia (17-24). Sie beginnt mit dem 2. April 747 (Geburt Karls d. Großen) und endet mit dem 18. Juni 2022. Sie enthält die Tragbalken für das Thema Carolingen-Geschichte und verankert es im zeitgeschichtlichen Rahmen. Viel zu oft erscheint in Veröffentlichungen zur Verbindungsgeschichte diese wie aufgehängt im luftleeren Raum.

Unerwähnt bleibt in der Liste wie auch später ein hochschulpolitisches Ereignis ausgerechnet zum 100jährigen Bestehen der TH: Auf S. 127 wird „massiver studentischer Protest, der sich insbesondere gegen die überholten, hierarchischen Strukturen der TH wandte“, mit dem Slogan belegt: „Unter den Talaren, Muff von tausend Jahren“. Der Bezug „von tausend Jahren“ allein auf die „hierarchischen Strukturen“ greift m. E. zu kurz. Hier gilt es an folgenden konkreten Fall zu erinnern; im selben Jubiläumsjahr 1970 bekam „von tausend Jahren“ eine spezifisch Aachener Bedeutung:  

Der Germanist Hans Schwerte, einer der Gründungsväter der Philosophischen Fakultät, hatte es 1970 bis zum Rektor der Technischen Hochschule gebracht. Zuvor aber, 1945, hatte er von Hans SCHNEIDER zu Hans SCHWERTE seine Identität gewechselt. SCHNEIDER hatte u. a. Germanistik studiert, war seit 1932 Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds, seit 1933 der SA, seit 1937 der SS und der NSDAP. SCHNEIDER stieg auf bis zum SS-Hauptsturmführer. In dieser Eigenschaft soll er an Universitäten im Ausland medizinisches Gerät für Menschenversuche in Konzentrationslagern requiriert haben. Um den moralischen und strafrechtlichen Preis nicht zahlen zu müssen, den ihn ein Bekenntnis zur Mitschuld an den Verbrechen des NS-Regimes und ein wirklicher Neubeginn wohl gekostet hätte, ließ er sich kurz vor Kriegsende für tot erklären, nahm eine neue Identität als Hans Schwerte an, promovierte nochmals, heiratete seine vermeintliche Witwe zum zweiten Mal und stieg zum Hochschullehrer auf. 1995 entlarvte ein niederländisches Fernsehteam die gefälschte Biographie. Der 85 Jahre alte ,,Schwerte" gestand  in einer Selbstanzeige, Hans Schneider zu sein (s. Anm.) und löste einen Skandal aus, der die RWTH Aachen mitten in den Vorbereitungen zu ihrem 125. Hochschuljubiläum erschütterte. ,,Unter den Talaren..."

Die Vergangenheit einer Person, eines Vereins, einer Gemeinde, eines Staates ist immer nur so lebendig, wie wir die Stimme der Vergangenheit durch die Archivalien hindurchklingen lassen, wie es der Historiker gelernt hat. So sind z. B. der KStV Pruthenia-Danzig und der KStV Alania-Breslau nicht 1906 in Breslau gegründet worden, sondern 1906 in Breslau in den KV aufgenommen worden (vgl. 115). Die Gründung Pruthenias geschah am 21. 9. 1904, die Alanias am 14. 12. 1905. Doch ist solche Kritik schon quisquilisch. Insgesamt ist der Beitrag Lauers „150 Jahre RWTH Aachen […], aus dem Archiv der RWTH Aachen zusammengestellt und ergänzt“ (115-131) eine meisterhafte, kurze Geschichte der TH. Als ehemalige Studentische Hilfskraft im Hochschul-Archiv (1969) hätte sich Rezensent damals nicht vorstellen können, dass jemand mit den dortigen Quellen das Lauersche Ergebnis hervorbringt.

Von besonderem Gebrauchswert erscheinen mir die Listen am Schluss des Buches. Es handelt sich um Verzeichnisse aller Ehrenmitglieder und -philister, um die Chargen der Aktivitas, um die Vorstände in Altherrenverein und Hausbauverein und schließlich sämtlicher Mitglieder der Carolingia; derer gab es seit 1871 genau neunhundertsiebenundvierzig. Auch wenn hier von Josef Oppenhoff (1931) und Franz Willems (1951) schon wertvolle Vorarbeiten geleistet wurden – der Gebrauchs- und Erkenntniswert dieser Verzeichnisse ist unermeßlich. – Ein Buch, an dem man seine Freude hat.

Siegfried Koß (Gm-Lu, Rh-O, Pr, JE)