Anitsemitismus, Rassismus, Holocaust, Kolonialverbrechen

Antisemitismus auf der fünfzehnten Documenta in Kassel: Die Weltausstellung der modernen Kunst bot Künstlern aus unterentwickelten Ländern ein Forum. Diese versuchten, die Gerechtigkeitslücke zwischen Nord und Süd zur Sprache zu bringen, so auch die indonesische Künstlergruppe Taring Padi mit ihrem auf dem Kasseler Friedrichsplatz aufgestellten Banner „People´s Justice”. Zum Skandal kam es aufgrund von antisemitischen Karikaturen auf diesem überdimensionalen Wimmelbild.     

Eine Bildsprache, die Juden in der Hitler-Diktatur verächtlich gemacht hatte, damit die Öffentlichkeit ihre Ausplünderung, Entrechtung und Ausrottung ignorierte - bzw. das, was davon bekannt wurde - diente hier dazu, Israel, die Überlebenden der Shoah, in die Riege der kapitalistischen Ausbeuter und Unterdrücker einzureihen. Und dadurch, dass die Opfer hier zu Tätern gemacht wurden, drohte auch das, was man ihnen angetan hatte, die Shoah, banalisiert zu werden: zu einem von vielen Massenverbrechen, an denen die Geschichte der Menschheit wahrlich nicht arm ist.

Der Skandal auf der Documenta korrespondiert mit einem Historikerstreit, den der australische Genozidforscher Dirk Moses, wie vor ihm schon der Hamburger Kolonialhistoriker Jürgen Zimmerer, ausgelöst hat und der auch von der Nord-Süd-Problematik geprägt ist: Kann man die Kolonialkriege europäischer Mächte mit dem Holocaust, dem Massenmord der Nationalsozialisten an den Juden, vergleichen? Die Fixierung auf den Holocaust lenke von Kolonialverbrechen ab. Tatsächlich sah schon der afro-karibisch-französische Dichter Aimé Cesaire den Holocaust im Kolonialismus vorweggenommen, wenn er 1950 in seinem „Discours sur le Colonialisme” schrieb, was „der christliche Bourgeois (...) Hitler nicht verzeihe, sei nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen gegen den Menschen (…), nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern das Verbrechen gegen den weißen Menschen, die Erniedrigung des weißen Menschen und dass er, Hitler, kolonialistische Methoden auf Europa angewendet hat, denen bislang nur die Araber Algeriens, die Kulis Indiens und die Neger Afrikas ausgesetzt waren”. (s. Anm.)

Die Parallelen zum Historikerstreit der 1980er-Jahre sind offensichtlich: Dort ging es um die Frage, ob sich die Verbrechen Hitlers und Stalins miteinander vergleichen ließen: Der Historiker Ernst Nolte war damals bemüht, die Vernichtung der Juden als eine vom Bolschewismus provozierte „asiatische Tat“ zu beschreiben, der Philosoph Jürgen Habermas widersprach. Der Historikerstreit der 1980er-Jahre stand vor allem im Zeichen, eine Relativierung des Holocaust abzuwehren. Und wenn damals über eine mögliche Kontinuität vom Gulag zum Holocaust gestritten wurde, steht jetzt offensichtlich zur Debatte, ob der europäische Kolonialismus nicht ein Vorläufer nationalsozialistischer Gewalt war und der Holocaust damit vielleicht „nur” ein besonders extremer Fall rassistischer Gewalt sei.

Ob Antisemitismus unter dem Begriff „Rassismus” subsummiert werden kann, damit beschäftigte sich unter dem Titel „Rottet die Bestien aus!” im deutsch-französischen Kulturkanal ARTE eine Dokumentation von Raoul Peck, die den Holocaust in die Kolonial- und Völkermordgeschichte des Westens und Europas einordnet.

Vergleiche und Analogien begleiten nicht nur die Erinnerung an den Holocaust, sondern auch die Politik des Staates Israel. Dazu gehört etwa der Vorwurf, Israel betreibe eine „Apartheid-Politik” gegenüber den Palästinensern, den zuerst der afrikanische Forscher Mbembe und zuletzt Amnesty International erhoben: Auf diese Weise wird Israel an die Seite eines rassistischen Regimes gerückt und in Misskredit gebracht. Der Vorwurf ist problematisch, da Südafrika diese Politik bis 1992 gegen alle nichtweißen Bürger durchsetzte, ohne dass seine Existenz durch deren Terrorismus bedroht wurde, während Israels Sicherheit und Existenz durch palästinensische Terroristen gefährdet ist. Bei Israels berechtigter Abwehr kommt es allerdings zu Menschenrechtsverletzungen.

Ein Dauerthema bildet die Frage, ob Kritik am Staat Israel in Bezug auf seine Palästinenserpolitik Antisemitismus sei. Eine pauschale Gleichsetzung lehnt der israelische Historiker Moshe Zimmermann ab: Wenn etwa die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel die israelische Siedlungspolitik kritisiert, ist dies anders zu werten, als wenn diese Kritik von der NPD vorgebracht wird, zu deren rechtsextremistischen rassistischen Antisemitismus die Ablehnung der Existenz des Staates Israel gehört.

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat am 20. Januar 2022 eine Resolution gegen die Leugnung des Holocaust und den Antisemitismus verabschiedet. Der Begriff Antisemitismus, der heute als Oberbegriff für jede Art von Judenfeindschaft gilt, wurde von Wilhelm Marr 1879 geprägt, ist rassistisch fundiert und ist die extremste Form des Judenhasses, die im Holocaust durch die NS-Diktatur kulminierte.

Vom rassistischen Antisemitismus zu unterscheiden ist der historische religiös- christliche Antijudaismus, der den Juden vorwarf, Jesus nicht als Sohn Gottes anzuerkennen. Auch wenn es im Mittelalter immer wieder zu mörderischen Pogromen gegen Juden kam, ging es nicht um ihre Ausrottung, sondern (wie auch Martin Luther) um ihren - zwangsweisen - Übertritt zum Christentum. Freilich stießen getaufte Juden bei Christen auf Misstrauen und bei den NS-Rassisten spielte die Taufe keine Rolle. Wahr ist auch, dass der Jahrhunderte alte Antijudaismus dem Rassenantisemitismus Vorschub leistete. Die heutigen christlichen Kirchen haben den Antisemitismus überwunden, wie die Formulierung von Papst Johannes Paul II. zeigt: Die Juden sind unsere „älteren Brüder”.

Die so genannten Achtundsechziger, Teile der Linkspartei, der verstorbene Schriftsteller Günter Grass etwa mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss” oder der Publizist Jakob Augstein vertreten eine Kritik an Israel, die nicht rassistisch-antisemitisch motiviert ist, sondern eher antiimperialistisch und einen Konflikt um Land beinhaltet. Letztlich geht es um diesen Konflikt auch bei den arabischen und palästinensischen Gegnern Israels. Gleichwohl greifen arabische und palästinensische Israel-Gegner zu längst widerlegten Propagandaparolen europäischer antisemitischer Kreise: Zu nennen wären etwa die so genannten „Protokolle der Weisen von Zion”, oder die so genannte Auschwitzlüge, die die systematische Vernichtung der europäischen Juden dreist leugnet.

Klar zurückgewiesen werden muss der Vorwurf, Israel benutze NS-Methoden bei der Behandlung der Palästinenser. Die NS-Diktatur verfolgte und ermordete aus rein rassistischen Gründen eine friedlich und integriert in Deutschland und Europa lebende jüdische Zivilbevölkerung, während sich Israel gegen eine terroristische Bedrohung durch extremistische Palästinenser wehren muss, dabei allerdings auch Menschenrechtsverletzungen begeht.

Was nun die Einordnung des Holocaust in die Kolonialkriege angeht, ist dies aus politisch-historischer Sicht falsch. Kolonialkriege reagierten auf Aufstände der Kolonisierten, weiße Siedler und Soldaten dezimierten die Ureinwohner in Amerika und behandelten die von ihnen etwa in Afrika Versklavten fürchterlich; aber - analog zur Wannseekonferenz - einen Plan, alle Schwarzen dieser Erde zu töten, gab es nicht. Die Judenvernichtung durch die NS-Diktatur richtete sich hingegen systematisch, aus rein rassistisch-ideologischen Gründen gegen eine friedlich und integriert in Deutschland und Europa lebende jüdische Zivilbevölkerung. Der Holocaust war einzigartig - auch angesichts großer Kolonialverbrechen von genozidalem Ausmaß. Der weiße Mann wurde zum Unterdrücker aus Gier nach unbekannten Reichtümern, aus Neugier auf andere, unbekannte, „exotische“ Welten, aus Hybris und Größenwahn. Aber niemals ging es darum, die neu entdeckten Völker und Stämme auszurotten und zu vernichten, bloß weil sie fremd waren. Juden aber, so der Historiker Götz Aly gegenüber dem Deutschlandradio Kultur, „sollten als Juden, weil sie Juden waren, ausgerottet werden.“

Nicht koloniale Gewaltbereitschaft trieb die Nationalsozialisten an, sondern der Antisemitismus selbst: Juden galten Hitler und seinen Spießgesellen als Agenten einer Weltverschwörung, als rassisch Minderwertige, die sich als Kapitalisten, Marxisten, oder überzüchtete Intellektuelle in den gesunden deutschen „Volkskörper“ eingeschlichen hatten, um ihn zu zerstören. Antisemitismus war für die Nationalsozialsten nicht bloßer Ausfluss von Verachtung und Überlegenheitsdünkel, er lieferte eine Welterklärung. Der Historiker Saul Friedländer hat dies mit dem Begriff „Erlösungsantisemitismus“ auf den Punkt gebracht. Deshalb wurde - einmalig in der Geschichte der Menschheit - der Plan gefasst und zu großen Teilen ausgeführt, eine Menschengruppe einschließlich aller Alten, Frauen, Kinder und Neugeborenen zu vernichten und diesen Plan mit allen nur möglichen staatlichen Machtmitteln in die Tat umzusetzen. Selbst die Verwandtschaft der Betroffenen war von deren Vernichtung betroffen: Man denke nur an die grotesken Unterscheidungen der Nürnberger Gesetze in Halb-, Dreiviertel-, oder Geltungsjuden. Dies war mehr als eine Mordwelle, dies war der Versuch der systematischen, industriell betriebenen Ausrottung eines ganzen Volkes. Hierin liegt die monströse Einzigartigkeit der Shoah, die sich jedem Vergleich entzieht und keine Relativierung zulässt.

Jeder Völkermord ist ein Verbrechen an der Menschheit. Die Gerechtigkeitslücke zwischen Süd und Nord muss eingeklagt werden. Auch die Politik des Staates Israel unterliegt keinem Tabu und ist zu kritisieren. Wer dazu aber antisemitische Polemik benutzt, schadet seinen Anliegen: Er relativiert die Shoah zu einem Genozid unter vielen, beleidigt die Opfer und begünstigt alles, was an neuem Antisemitismus, an Gewalt und Terror aufbricht - auch in armen, unterentwickelten Ländern.

Fazit: Der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Antisemitismus” behindert den notwendigen Kampf gegen den eigentlichen rechtsextrem-rassistischen Antisemitismus wie der inflationäre Gebrauch von „Holocaust" die historische Singularität der Judenvernichtung durch das NS-Regime relativiert.

Anmerkung: Aimé Césaire, Über den Kolonialismus, Berlin 2017 (1950) S. 28 f.

Dr. Wolfram Ender (Bsg)