Zur Nachfolge Jesu berufen
„ ... wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt ...”
„Als erstes müssten wir noch schauen, wer heute Abend Protokoll schreibt!“ – Ein Satz, bei dem der Blick oft schnell Richtung Fußboden wandert. Bloß jetzt nicht mich anschauen oder eine auffällige Bewegung machen, geschweige denn hochgucken. Wer sich jetzt auch nur räuspert, hat verloren. Es gibt kaum längere und vor allem kaum peinlichere Sekunden in einer Sitzung, bis sich dann endlich jemand bereiterklärt, das Protokoll zu schreiben.
Diese quälenden Sekunden in denen jeder hofft, ja nicht angeschaut, ja nicht entdeckt zu werden. Ihr kennt sie sicherlich alle. Und das gilt ja nicht nur, wenn es darum geht, einen Protokollanten zu finden. So sieht´s eigentlich immer aus, wenn Aufgaben oder irgendetwas Unangenehmes verteilt werden. Und genauso würde es wahrscheinlich auch aussehen, wenn sich Jesus Christus vor uns hinstellen würde, um Kreuze zu verteilen.
Liebe Kartellbrüder! Das ist eine Situation, in der keiner „Hier“ schreit oder sich vordrängeln würde – wie bei jeder unangenehmen Aufgabe. Doch Jesus lässt uns im Evangelium auch wissen: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein” (Lukas 14,27). Wenn Jesus damit meint, dass wir voll Freude, mit Jauchzen und Frohlocken das Kreuz auf uns nehmen und hinter ihm her marschieren müssten, dann wären die Reihen wohl sehr klein. Ganz ehrlich, da müsste ich dann auch ganz stark überlegen, wie ich mich verhalten würde. Ich liebe das Leben, genauso wie alle von Euch. Und ich sehne mich nach Glück und Zufriedenheit und freue mich über jeden schönen Tag nicht weniger als alle anderen. Und ich glaube, dass das auch gut so ist, denn ich bin davon überzeugt, dass Jesus Christus auch nichts anderes von uns will.
Wer aus solchen Stellen folgert, man müsse das Leben, wie wir es kennen, geringachten, dürfe keine Freude haben, müsse alles, was diese Welt und das Leben darin ausmacht, möglichst weit von sie weisen und nach dem Leiden, dem Kreuz und dem Martyrium regelrecht verlangen: Ich glaube, dass all diejenigen, die so denken, das Evangelium völlig falsch verstanden haben.
Wir bekamen das Leben von Gott nicht geschenkt, um es wegzuwerfen. Wir bekamen es, um es zu leben und Gott liebt auch das Leben und nicht den Tod – hat er doch Jesus von den Toten auferweckt zu neuem Leben. Dieser Jesus hat sich auch nicht nach dem Kreuz gedrängt.
Er hat darum gebetet, das Gott diesen Kelch an ihm vorübergehen lasse (vgl. Matthäus 26,39). Jesus wäre unter Umständen, wenn es einen anderen Weg gegeben hätte, einen anderen gegangen. Lebensmüde war er absolut nicht und er ist sogar sehr lebensbejahend durch seine Welt gegangen. Hat er denn etwa zu den Kranken, die ihm begegneten, gesagt: „Toll, dass ihr krank seid, das ist das Kreuz, das ihr mit Freuden tragen sollt!“? Er hat sie gesund gemacht, er hat Menschen geheilt, damit sie leben konnten, so wie Gott uns das Leben geschenkt hat.
Und deshalb dürfen und deshalb müssen wir uns auch mit allen Kräften dafür einsetzen, dass das Leben von Menschen lebenswert ist. Das ist angesichts der vielen Probleme und Herausforderungen in unserer Gesellschaft oft nicht einfach. Schnell geraten da Hilfesuchende aus dem Blick.
Jesus aber will uns nicht die Freude am Leben nehmen. Und er will auch keine Christenheit, die Trübsal bläst. Aber er macht keinen Hehl daraus, dass es für jeden von uns das Kreuz gibt. Und wenn dieser Kelch an uns nicht mehr vorüber gehen kann, dann werden auch wir ihn trinken müssen. Nicht mit Freude, schon gar nicht mit Begeisterung. Einfach im Bewusstsein, dass kein Weg daran vor-beiführt; einfach in der Erinnerung, dass auch der Herr keinen anderen Weg gefunden hat; und in der festen Zuversicht, dass auch wir wie er zu ewigem Leben berufen sind.
Lukas Hermes (Mk, Al, Smn)
