Das „C": kein politischer Ballast in einer sich entchristlichenden Gesellschaft
Elisabeth Noelle-Neumann ging bei Analysen oft von persönlichen Schlüsselerlebnissen aus. Nun denn: Nach einem Vortrag in der CDU-„Zukunftskommission” im November 2o14 in Berlin wurde ich von einem aufstrebenden Stern am Parteihimmel gefragt: „Warum haben Sie das Christliche so vom Konservativen unterschieden? Ist das nicht weitgehend das gleiche?“ Ich erwiderte: „Die Wertetrias des Konservatismus ist Arbeit, Familie, Vaterland, die des Christentums Glaube, Liebe, Hoffnung.”
Christsein eignet sich nicht als „Sahnehäubchen" der so genannten ,,gutbürgerlichen" Existenz
Diese „theologischen Tugenden“ aus dem Brief des Paulus an die Korinther inspirierten die christliche Sozialethik, deren differenzierte, wohl austarierte Prinzipien unseren Rechts- und Sozialstaat mitprägten: Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit. Mit diesem „Besteck“ der Katholischen Soziallehre lässt sich politisch gut arbeiten. Dabei ergeben sich immer wieder Schnittmengen mit dem Konservatismus, aber auch Differenzen. Schon im Jahr nach der Berliner Sitzung wurden sie in der Flüchtlingskrise offenkundig. Angela Merkel agierte im Einklang mit den Kirchen, Konservative empörten sich. Christsein kann halt ungemütlich werden. Es eignet sich nicht als Sahnehäubchen der so genannten „gutbürgerlichen“ Existenz.
Lebt eine Partei mit dem „C“ deshalb gefährlich? Manche in der CDU scheinen es zunächst aus opportunistischen Gründen zu fürchten. Der Historiker Andreas Rödder, Professor in Mainz und ein „Brain“ der Partei, gab in einer Wahlanalyse zu bedenken, das „C“ könne in einer sich entchristlichenden Gesellschaft zur Barriere für Nichtchristen werden und „Exklusivität signalisieren, wo die Union eigentlich auf Integration“ ziele. Es gebe deshalb „gute Gründe für eine Flurbereinigung in der Namensfrage“ per Streichung des C oder „Namenszusatz“. Was man früher vielleicht aus dem säkular-liberalen Spektrum der Partei erwartet hätte, kam nun von einem prononciert Konservativen. Da war sie wieder, die Sollbruchstelle des einst wie selbstverständlich verkoppelten Attributs „christlich-konservativ“.
Eine Allensbach-Umfrage 2012 – leider seitdem nicht wieder gestellt – enthüllte aber, dass die Vorstellung von Positionen eines konservativen Politikers weit negativer ausfiel als die von denen eines christlichen: Vom Christen erwartete man in der Politik viel häufiger, „dass er sich für sozial Schwache einsetzt“ (75 zu 29 Prozent), „für Freiheit eintritt“ (52:34), „weltoffen, tolerant ist“ (52:17), „sich für den Umweltschutz einsetzt“ (35:18). Weniger als beim Konservativen vermutete man beim Christen, „dass er von Ausländern verlangt, sich weitgehend an die deutsche Kultur anzupassen“ (35:67) und fordert, „dass die Arbeitslosenunterstützung deutlich niedriger ist als das Einkommen eines Berufstätigen“ (15:41), „dass er patriotisch, stolz auf sein Land“ (19:57) und „gegen die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Paaren ist“ (28:58).
Offenbar identifiziert die Bevölkerung das Christliche nicht einfach mit Kirche, sondern hat eine eigene Idee davon. Und die ist recht positiv. Anders wären die niedrigen Kirchenaustrittszahlen auch nicht zu erklären.
Ein christliches Bekenntnis in der Politik muss angesichts der fortschreitenden Säkularisierung nicht schaden
Nein, Sie haben sich nicht verlesen! Gemessen an den schlechten Vertrauenswerten der Kirchen, besonders der katholischen, an Gottesdienstteilnahmequoten von unter 10 Prozent und am Schwund des Glaubens an Gott (46 Prozent), an Jesus Christus als Sohn Gottes (34), die Dreifaltigkeit (24) oder die Auferstehung der Toten (22), treten nicht viele, sondern erstaunlich wenige Deutsche aus den Kirchen aus. Die Wertschätzung des Christentums geht weit über die Gruppe der kirchennahen Bürger hinaus.
Dass ein christliches Bekenntnis in der Politik angesichts der fortschreitenden Säkularisierung nicht schaden muss, zeigt auch die Wahrnehmung von Weltreligionen und Weltanschauungen „als Bereicherung“ im Bertelsmann-Religionsmonitor 2017: Das Christentum lag mit 73 Prozent in Westdeutschland und 68 Prozent in Ostdeutschland mit dem Buddhismus (75/65) an der Spitze. Es folgten das Judentum (69/61) und der Hinduismus (66/56), weit vor dem Atheismus (43/51) und dem Islam (35/24). Fast jeder Fünfte (22/10) nahm den Atheismus sogar „als Bedrohung“ wahr, mehr als die Hälfte den Islam (51/58), das Christentum aber nur jeder Neunte (12/11). Beim generalisierten Vertrauen in Menschen wurden die Christen am positivsten eingeschätzt: 62 Prozent vertrauten ihnen „sehr“ oder „ziemlich“, 20 Prozent „wenig“ oder „gar nicht“. Beim generalisierten Vertrauen in andere Menschen wurden Christen am positiv-sten eingeschätzt: 62 Prozent vertrauten ihnen „sehr“ oder „ziemlich“, 20 Prozent „gar nicht“ oder „wenig“. Menschen ohne Religionszugehörigkeit folgten mit 59 zu 20, Juden mit 54 zu 24 Prozent; gegenüber Muslimen hielten sich Vertrauen und Misstrauen die Waage (40:41).
Wer das „Bürgerliche“ für eine Öffnung der CDU über ein engeres „Christlich“ hinaus hält, hat die Mehrdimensionalität des „C“ nicht erfasst. Neben der ökumenisch-christlichen hat es eine anti-totalitäre, sozial-integrative und wertebezogene Bedeutung. Konrad Adenauer betonte auf dem Bundesparteitag 1962, „dass wir das Wort ,christlich‘ gewählt haben nicht nur, um damit zu sagen, dass wir Antinationalsozialisten sind“. Die „dem großen Teil des Volkes gemeinsame christliche Weltanschauung“ trage die Mitglieder „hinweg über Gegensätze, die aus ihren verschiedenen Ständen,… Berufen, aus ihrer Herkunft aus verschiedenen Gegenden“ kämen. „Wo sind die Parteien geblieben, die eben nur Stände vertraten? Es hat eine Mittelstandspartei gegeben, es hat eine Bauernpartei gegeben, und die Sozialdemokratie ist doch als Arbeiterpartei gegründet worden… Nein, eine Partei muss einen weltanschaulichen Boden haben, auf dem sie steht!“
Bourgeois oder Citoyen?
Die heute von ihrem wirtschaftsnahen Flügel aus Mittelstandsvereinigung, Wirtschaftsrat und „Parlamentskreis Mittelstand“ dominierte CDU droht in die Falle sozioökonomischer Distinktionsmerkmale zurück zu tappen, wenn sie sich identitätspolitisch als „bürgerlich“ etikettiert. Das „B“ hat gegenüber dem „C“ weniger inhaltliche Substanz und ist doppeldeutig: Soll „Bürger“ in französischer Unterscheidung der Citoyen oder der Bourgeois sein, der an der Republik interessierte, engagierte Staatsbürger oder der Wohlstandsbürger, der sich im Eigeninteresse einer Partei der „Besserverdienenden“ anschließt? Die „Charta“ kann noch so beteuern, die Tradition republikanischer Bürgerschaft zu meinen – in der Wahrnehmung droht die sprachlich gebräuchlichere Bedeutung den Sieg davon zu tragen.
Wer gutbürgerlich essen geht, zahlt drauf. Der bürgerliche Typus wohnt in weißen Häusern an der Beethovenstraße, nicht im Wohnblock zur Miete. Noch wichtiger ist, dass der Citoyen zu Recht auch mit anderen demokratischen Parteien verbunden wird. Eine betont „bürgerliche“ CDU drohte also - erst recht unter dem aktuellen Vorsitzenden - als Partei der „gehobenen Mittelschicht“ gesehen zu werden. Wohl auch deshalb folgte etwa ein Drittel der Parteitagsdelegierten von Hannover nicht dem Vorschlag der Parteiführung und wollte statt „bürgerlich“ lieber weiter nur „christdemokratisch“ sein.
Sollte weniger die Säkularisierung als der fordernde Anspruch des „C“ die Identitätsbastler inspirieren, so wären sie ebenso schlecht informiert. In der Allensbach-Umfrage 2012 schätzte die Bevölkerung die Möglichkeit „eines Politikers oder einer Partei, sich bei politischen Entscheidungen konsequent an christlichen Wertvorstellungen zu orientieren“, skeptisch ein: „Ist kaum möglich“ meinten 54 Prozent, es sei möglich 22 Prozent. Geraten C-Parteien in Widersprüche zwischen Ideal und Wirklichkeit, können sie also mit Nachsicht rechnen, zumindest bis zu einer gewissen Grenze allzu evidenter Unvereinbarkeit mit christlichen Normen und Tugenden. Der hohe Zuspruch zur Union über Jahrzehnte – 2013 noch 41 Prozent – zeigt, dass eine weite Auslegung des „C“, mehr als Leitstern denn als Korsett, genug Spielraum für pragmatische, kompromissbereite Politik lässt.
Es ist demnach weder im Westen noch im Osten Deutschlands inopportun, als Partei an dem weltanschaulichen Ankergrund festzuhalten, den die Gründer der Union in der erfahrungsverdichteten Zeit nach der NS-Diktatur wählten. Der Kreisauer Kreis sah „im Christentum wertvollste Kräfte für die religiös-sittliche Erneuerung des Volkes, für die Überwindung von Hass und Lüge, für den Neuaufbau des Abendlandes, für das friedliche Zusammenarbeiten der Völker“ – was im Zeitalter von Hatespeech, Fakenews und dauerlügenden Demagogen sowie angesichts der Rückkehr eines kriegerischen Imperialismus nach Europa hochaktuell ist. Adenauer plädierte 1962 dafür, zum C „aus klaren Gründen prinzipieller Entschiedenheit zu stehen und die Frage der Opportunität in diesem Punkte überhaupt nicht zuzulassen“. Man wolle „keine kirchliche Partei sein“, aber „einem großen Teil des Volkes“ sei die Tradition und der Geist des Christentums „noch dasjenige, was ihn auch im täglichen Leben erfüllt – selbst wenn er sich nicht immer darüber klar wird, was er fühlt und wonach er handelt“.
Dass die CDU/CSU-Anhänger laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung von 2020 etwa zur Hälfte keine Kirchgänger mehr sind, stellt die Partei nicht vor eine grundstürzend neue Lage. Denn schon zur besten Kohl/Strauß-Zeit mit Wahlergebnissen von 48 bzw. 44 Prozent galt dies für 30 Prozent der Unionswähler. Ein Vorzug christlicher Soziallehre besteht darin, dass sie Werte und Normen nicht nur Christgläubigen vermitteln kann, sondern bündnisfähig ist. Ihre Erkenntnistheorie gründet nicht nur auf die christliche Offenbarung, sondern auch auf ein sozialphilosophisches Denken, durch das man sich prinzipiell mit jedem Menschen verständigen kann. Laut dem Römerbrief haben Nichtgläubige teil an der göttlichen Ordnungsvernunft, da ihnen als Geschöpfe „von Natur aus...die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab“ (Röm 2, 14f). Ein recht verstandenes Christentum hat deshalb eine universelle Botschaft. Es ist, wie der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises und kirchenpolitische Sprecher der Unionsfraktion Thomas Rachel in der FAZ (4.2.22) betonte, gerade „nicht exklusiv, sondern plural anschlussfähig, inklusiv und integrativ“.
Hinzu kommt: Über den Erfolg der Union entscheidet nicht nur ihre Resonanz unter den Wählern, sondern auch die Motivation ihrer Mitglieder, einer halben Million Menschen, von denen sich laut CDU-Mitgliederstudie 42 Prozent der Kirche „stark“ und 46 Prozent „etwas verbunden“ erklärten. Die Aussage: „Religion ist für mich der tragende Grund meines Lebens“ machten sich 49 Prozent der CDU-Wähler und 64 Prozent der Mitglieder zu eigen. Nur 19 Prozent der Christdemokraten sahen im „C“ ein „Relikt aus alten Zeiten“, auf das die Partei verzichten könne. Ihre christliche Identität anzutasten oder zu relativieren, wäre insofern nicht nur geschichtsvergessen und nutzlos, sondern auch politisch riskant.
Christliche Soziallehre richtet sich an alle Menschen guten Willens
Angesichts von Totalitarismus, Krieg, Polarisierung, sozialen Konflikten, Interessenegoismus und ethischem Nihilismus vor allem des neuen Faschismus haben die vier Dimensionen des „C“ an Relevanz nicht verloren, sondern teilweise wieder gewonnen. Nicht zuletzt im Dialog mit Migranten aus vitalen religiösen Kulturen, die blanker Säkularismus eher abstößt. Und in der zugespitzten ökologischen Krise ist die „Bewahrung der Schöpfung“ keine Kirchentagslyrik mehr, sondern Überlebensimperativ und Anknüpfungspunkt besonders an die junge Generation.
Für die breite Palette nationaler wie internationaler Probleme hält das Christentum bessere Orientierungskategorien bereit als sozialistische, rein liberale, ökopazifistische oder bloß technokratische Politikkonzepte. Man müsste als Partei allerdings bereit sein, sich im Instrumentenkasten christlicher Sozialethik kundiger und seine Positionen auf ihre Werte hin transparent zu machen. Das diffuse Pathos der „Bürgerlichkeit“ wird dagegen keine Attraktivität bei Wählern und engagierten Idealisten entfalten, die von einer Partei nicht nur Lösungsvorschläge, Geldverteilung und Machtkompetenz erwarten, sondern auch etwas ebenso Wichtiges: dass sie eine „Seele“ hat.
Zwar mag es bei christlichen Stammwählern der Union – darunter viele Ältere – ein gewisses Grundvertrauen unabhängig vom aktuellen Politikangebot der Partei geben und eine Art „Gnade des weniger genauen Hinschauens“. Doch sich wiederholende moralische Enttäuschungen dürften inzwischen eher eine Wechselwahl auslösen als früher. Das heißt allerdings nicht, dass die Zukunft des Konzepts „Christliche Demokratie“ allein im Sinne einer Bringschuld der sich so nennenden Parteien zu diskutieren wäre. Die Kirchen sind gefragt, neben eigenen Initiativen in die Politik hinein auch ihre Mitglieder zum politischen Mandat und Amt zu ermuntern. Nach einem Wort des zweiten Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers lebt der säkulare Staat „nicht nach den Weisungen der Kirchen, aber von den Früchten ihrer geistlichen Existenz“.
Angesichts einer Tendenz konservativer Kirchenkreise, sich in eine vermeintlich heile Gegenwelt liturgischer Ästhetik oder in eine Wagenburg ideologischer Selbstreferenzialität gegenüber der bösen „Welt“ zurückzuziehen, kann ein Appell Konrad Adenauers nicht oft genug unterstrichen werden: Der 2019 verstorbene Zeitzeuge und Publizist Jürgen Wahl berichtete, im März 1961 habe eine Gruppe führender Katholiken das angeblich schon damals „verblassende C“ im Parteinamen beim Kanzler eingeklagt. Der habe mit drei einfachen Sätzen gekontert: „Die Christen müssen sich engagieren. Viele andere müssen uns wählen. Vor allem müssen Christen führen“.
Dr. Andreas Püttmann
