Wer lernen will, der lese

Festschrift der Alamannia-Tübingen

Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, schreibt in seinem Grußwort zur Festschrift „Alamannia 150 plus“ von 2022: „In unserer Zeit mit all ihren Umbrüchen und Konflikten … scheint es mir lohnenswert zu sehen, wie aus dem Geist akademischer Tradition und christlicher Werteorientierung heraus eine generationen- übergreifende, lebenslange Gemeinschaft gepflegt wird, in der man das Gespräch und den fachlichen Austausch sucht, wo man neugierig ist auf die Welt und versucht, sie mit den Mitteln der Wissenschaft, über Fakultätsgrenzen hinweg, zu verstehen und zu verbessen“ (p. 10).

Damit hat Palmer, etwas verkürzt, Sinn und Zweck einer (katholischen) Studentenverbindung definiert. Auf die Basis, das Katholikon, geht er freilich nicht ein.

Exakt im selben Format wie die Festschrift von 1996, jene aber an Umfang um 144 Seiten übertreffend, erschien 2022 die Festschrift der Tübinger Alamannia zum 150jährigen Bestehen, gerechnet ab dem Wintersemester 1872/1873, dem Gründungssemester des „Tübinger katholischen Studentenvereins“ (seit Mai 1873 „Alamannia“). Sie präsentiert sich im tiefschwarzen Umschlag mit der Alamannenburg in Weiß und dem blauen Titel „Alamannia 150 plus“. Die Aufmachung erinnert deutlich an die unübertroffene Monografie Josef Forderers – „der Forderer“ – von 1962: „Katholische Studentenverbindung Alamannia Tübingen von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (322 S.).

Jost Reischmann, vormals Lehrstuhlinhaber für Andragogik (Erwachsenenbildung), nahm die Mühsal auf sich, das neue Buch mit 17 Beiträgen auf 207 Seiten zusammenzustellen. An vier Beiträgen hat der Herausgeber mitgearbeitet und drei selbst geschrieben (lt. Inhaltsverzeichnis; im Text lautet die Zählung anders). Auf vier Seiten (13-16) verfasste er die notwendige Hommage an Forderer, gefolgt von einer Inhaltsangabe zu dessen großem Buch von Daniel Couzinet auf immerhin 14 Seiten (17-30).

Wer „den Forderer“ gelesen hat, ist eindeutig informiert über die Rolle des jungen Konstantin Hank bei der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Verbände. Forderer bot 1962 quasi eine Gegendarstellung zu Hanks Apologie „Unserer Alamannia schwerste Zeit“, die dieser 1952 in den „Alamannenblättern“ (pp. 120 ff.) veröffentlicht hatte. Über das Thema Hank informiert heute bestens Wolfgang Löhr im 6. Teil des „Biographischen Lexikons des KV” aus dem Jahr 2000 und sein Artikel „Die Last der Geschichte tragen” in den AM 133, 2021, besonders S. 217f,.  

Jost Reischmann hat die Kärrnerarbeit geleistet am Zustandekommen dieser Vereinsgeschichte. Für diese Leistung gebührt ihm Dank und Anerkennung. Wir, die wir noch lernen wollen, brauchen jetzt nur noch zu lesen.

Siegfried Koß (Gro-Lu, Rh-D, Pr, JE)