Diener dreier Herren
Diego von Bergen, der erste Deutsche Botschafter im Vatikan
Als deutscher Botschafter beim Heiligen Stuhl war Diego von Bergen prominent. Kein anderer deutscher Botschafter hat je 24 Jahre lang auf einem Posten amtiert - weder im Kaiserreich, noch in der Weimarer Republik, im Dritten Reich, in der Bundesrepublik oder in der DDR. Im Kaiserreich angetreten, diente Diego von Bergen der Weimarer Republik und dann dem Dritten Reich - mit all den Verstrickungen, die sich aus dem Dienst für ein verbrecherisches Regime ergaben. Er war ,,Diener dreier Herren". Dies ist auch Titel der Biographie von Kb Gerd Westdickenberg (Gm-Ho), von 2002 bis 2006 deutscher Vatikan-Botschafter, über seinen Vor-Vorgänger.
Das Kaiserreich unterhielt keine diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl. Nur Bayern und Preußen hatten Gesandtschaften beim Vatikan. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg: Am 27. September 1919, so ein Bericht des Nachrichtenmagazins ,,Spiegel", sagte Außenminister Müller vor dem Auswärtigen Ausschuss des Reichstags, ,,dass wir gute Beziehungen zum Vatikan bräuchten, besonders auch im Hinblick auf eine Reihe schwebender Fragen, zum Beispiel die bevorstehende Errichtung eines Bistums im Saargebiet, wo wir Interesse daran hätten, dass kein Franzose auf die Stelle kommt".
Müller schien seine Zuhörer überzeugt zu haben: Am 30. April 1920 überreichte Diego von Bergen, bis dahin preußischer Gesandter beim Vatikan, dem Papst sein Beglaubigungsschreiben als Botschafter des Deutschen Reiches. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der Vatikan einen Nuntius nach Berlin entsandte.
Indes drängte die Zeit. Die Alliierten wollten offenbar, dass der Vertreter Frankreichs künftig Doyen des Berliner Diplomatischen Korps sein sollte. Am 1. Juli 1920 sollte er in Berlin ankommen. Um dem zuvorzukommen, fragte die Reichsregierung beim Heiligen Stuhl an, ob der Nuntius nicht vor dem Franzosen sein Beglaubigungsschreiben überreichen könne. Der Nuntius - es war Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. - sagte zu, reiste mit dem Nachtzug an und einen Tag, ehe Frankreichs Vertreter eintraf, überreichte er Reichspräsident Ebert sein Beglaubigungsschreiben. Pacelli war damit nach diplomatischem Brauch Doyen des Diplomatischen Korps.
Mehr als ein politisches Manöver gegenüber den Siegermächten war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum Heiligen Stuhl aber schon. Ebert wie Pacelli versicherten, ,,dass es fortan die wichtigste Aufgabe sei, die Beziehung zwischen Staat und katholischer Kirche so zu regeln, ,,wie es der neuen Lage und den neuen Verhältnissen" entspreche - ein Signal, dass die Weimarer Republik offensichtlich Schluss mit der konfessionellen Zweiklassengesellschaft des Kaiserreichs machen wollte, in der Katholiken als ,,Reichsfeinde" verfemt wurden.
Diese neue Politik verkörperte auch ,,Berlins Mann beim Heiligen Stuhl": Botschafter Diego von Bergen. Zwar evangelisch getauft, war der am 30. Oktober 1872 in Bangkok geborene Diplomatensohn gut vertraut mit der katholischen Kirche - auch durch seine Mutter, die dem spanischen Landadel Sevillas entstammte. Nach dem Jurastudium in Berlin und Leipzig war Diego von Bergen im März 1895 in den Auswärtigen Dienst als Attaché an der kaiserlichen Gesandtschaft für die zentralamerikanischen Republiken eingetreten. Weitere Stationen waren Peking, Brüssel und Madrid. Im Dezember 1906 wechselte er an die preußische Gesandtschaft am Heiligen Stuhl. 1911 kehrte er nach Berlin zurück und arbeitete bis 1919 im Auswärtigen Amt - um dann die Wiedereinrichtung der Preußischen Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl einzuleiten, die dann zur Deutschen Botschaft aufstieg.
Vierundzwanzig Jahre, bis 1943, vertrat Diego von Bergen die deutschen Anliegen beim Heiligen Stuhl, erlebte mit Benedikt XV., Pius XI. und Pius XII. drei Päpste, war in der Kurie anerkannt - gerade von Eugenio Pacelli. Herausforderungen seiner Dienstzeit waren die Reparationsfrage nach dem Ersten Weltkrieg und die Besetzung des Ruhrgebiets, die frühen, dann lange Zeit ruhenden Verhandlungen in den 1920er Jahre über Konkordate mit Preußen und dem Reich, schließlich deren Zustandekommen im Preußenkonkordat von 1929 und im Reichskonkordat von 1933, an dem er allerdings nicht beteiligt war. Auf Hitlers Machtergreifung folgten aufgrund der Behandlung der Kirche in Deutschland ausgelöste Spannungen mit dem Heiligen Stuhl, die 1937 in der Enzyklika ,,Mit brennender Sorge" von Pius XI. gipfelten und nicht aufhörten
Damit ist auch der moralische Riss in Bergens Amtszeit markiert. Bergen war weder Hitler-Anhänger noch Regime-Gegner. Aber er war loyaler Staatsdiener und stützte so ein verbrecherisches Regime. Dass sein Einfluss nach 1933 schrumpfte, zeigte sich wohl schon daran, dass Hitlers Emissär Franz von Papen die Verhandlungen zum Reichskonkordat führte. Wie Bergen es fertigbrachte, Hitler länger zu dienen als Ebert und Hindenburg, dazu gibt es verschiedene Einschätzungen: Ernst von Weizsäcker, sein Nachfolger als Botschafter beim Heiligen Stuhl, urteilte 1950 in seinen Erinnerungen, Diego von Bergen habe es verstanden, ,,in vielen schwierigen Jahren der Ära Hitler durch taktvolles Stillsitzen seine Position zu halten.“
Gerd Westdickenberg, der Autor des Buches, weist auf Bergens diplomatische Geschicklichkeit und seinen Mangel an Skrupeln hin: ,,Die Technik des Verhandelns, den großen Auftritt, die Arbeitsweise der Diplomatie beherrschte er. Allerdings zeigte er keine Skrupel, für welche Regierung, für welche weltanschaulichen Werte er seine diplomatischen Fähigkeiten einsetzte. So konnte er erfolgreich und mit großen Engagement den demokratischen Politikern der Weimarer Republik dienen, aber auch dem verbrecherischen Regime der Nationalsozialisten. Dessen Verfolgung der Kirche und ihrer Gläubigen waren ihm als Ansprechpartner des Heiligen Stuhls nur zu gut bekannt." Das, ergänzt der Autor, ,,dürfte vermutlich auch gegolten haben für die Verfolgung der Juden - wenn auch durch größere Sachferne bedingt, in geringerem Maße. Zeuge der großen Deportationen der Juden aus Rom im Oktober 1943 wurde nicht er, sondern sein Nachfolger. Auch die Vernichtung von Menschenleben im Rahmen der Euthanasie war ihm bekannt, wobei er sich weniger um die Opfer, als um die negativen Auswirkungen für Deutschland in der Öffentlichkeit sorgte."
Das Urteil über den ersten deutschen Botschafter am Heiligen Stuhl fällt deshalb beklemmend aus.
Reinhard Nixdorf (Nm-W)
